Aktuell

Kein Entkommen

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Kein Entkommen

Obwohl längst bekannt ist, dass Menschenaffen in Gefangenschaft leiden und zudem immer wieder bei Unglücken sterben, nutzen wir unsere nahen Verwandten nach wie vor für unser Freizeitvergnügen und stellen sie in Zoos zur Schau.

  • Autor: Verena Jungbluth, Chefredakteurin DU UND DAS TIER

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Das Jahr 2020 hat mit einer Tragödie begonnen, die die Freude auf alles Neue bereits am Morgen erstickte. Im Krefelder Zoo sind in der Silvesternacht mehr als 50 Tiere bei lebendigem Leibe verbrannt – darunter ein Schimpanse, fünf Orang-Utans und zwei Gorillas. Ein weiterer Gorilla wurde sogar erst am nächsten Morgen von einem Polizisten mit mehreren Schüssen aus einer Maschinenpistole getötet, weil es einer Tierärztin nicht gelang, das schwer verletzte Tier einzuschläfern. Die Ursache dieses Dramas: Himmelslaternen. Nach Angaben der Feuerwehr stand das Affenhaus schon kurz nach Mitternacht in Flammen – und die Affen, Flughunde und Vögel starben, eingesperrt in ihren Käfigen, einen höllischen Tod.

„Auch wenn in diesem Fall verbotene Himmelslaternen die Ursache waren, so ist der Brand ein schrecklicher Beleg dafür, welche dramatischen Folgen das unkontrollierte Abbrennen von Feuerwerk haben kann. Zumindest rund um Bereiche, in denen viele Tiere leben – und dazu zählen auch Zoos –, braucht es dringend Schutzzonen, in denen private Silvesterfeuerwerke untersagt sind“, sagt James Brückner, Leiter der Abteilung Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund. Im Krefelder Affenhaus waren zudem offenbar keine Brandmelder installiert, da diese für solche Altbauten laut Zoo nicht vorgeschrieben sind. „Wenn Tiere schon in Gefangenschaft gehalten werden, müssen die Einrichtungen zumindest die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen treffen, um jegliche Verletzungsgefahr auszuschließen – das gilt auch für den Brandschutz.“ Der Deutsche Tierschutzbund fordert alle Zoos dazu auf, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, damit sich das Risiko, dass sich ein solch tragisches Unglück wiederholt, zumindest minimiert.

IM KREFELDER ZOO SIND IN DER
SILVESTERNACHT MEHR ALS 50 TIERE
BEI LEBENDIGEM LEIBE VERBRANNT.

Bisher ist der Vorfall in Krefeld der einzige dieser Art. Affen, die in deutschen Zoos bei Unfällen sterben, gehören aber fast schon zur Normalität. So sind allein in den Jahren 2007 bis 2012 drei Menschenaffen in den Wassergräben ihrer Gehege ertrunken. 2008 brach ein Orang-Utan seinem Baby, als er es aus einem Deckennetz befreien wollte, versehentlich das Genick und 2015 wurde ein Orang-Utan erschossen, weil er aus seinem Gehege ausgebrochen war. „All diese Todesfälle basieren auf fehlerhaft geplanten und eingerichteten Gehegen“, kritisiert Brückner. Eigentlich sollten sie schon Grund genug sein, um die Haltung von Menschenaffen in Zoos zu hinterfragen. Doch es gibt noch mehr Argumente.

Orang Utan im Zoo

Manche Menschenaffen verarmen in Zoos geistig …

Gelangweilt und unterfordert

Wer in die Augen eines Menschenaffen sieht, spürt sofort eine Verbindung. Ob Gorillas, Orang-Utans oder Schimpansen – wie diese Tiere uns anschauen, wie sie sich bewegen, miteinander umgehen und Werkzeuge benutzen: Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass wir uns nah sind. Auch die Wissenschaft hat längst bestätigt: Wir teilen mit Orang-Utans fast 97 Prozent unseres Erbgutes, mit Gorillas etwa 98 und mit Schimpansen sogar 99 Prozent. Sie sind unsere nächsten Verwandten. „Menschenaffen sind sozial und kognitiv derart hoch entwickelt, dass wir ihnen in Gefangenschaft einfach nicht gerecht werden können“, sagt Brückner. Denn während die frei lebenden Tiere sich vor allem in Wäldern aufhalten – Schimpansen und Gorillas in den tropischen Regionen des zentralen Afrikas und Orang-Utans auf den südostasiatischen Inseln Sumatra und Borneo –, ist das Dasein ihrer Artgenossen im Zoo vor allem durch Eintönigkeit und ein karges Umfeld geprägt.

Grundsätzlich würden sehr große und vielfältig strukturierte Gehege benötigt, um das natürliche Verhalten der Tiere ausreichend berücksichtigen zu können. Als rechtliche Grundlage gilt für die Haltung von Menschenaffen neben dem Tierschutzgesetz jedoch lediglich das Gutachten des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft mit Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren aus dem Jahr 2014. „Dieses löst das bisherige Gutachten von 1996 ab, allerdings werden den Zoos Übergangsfristen eingeräumt, um die neuen Vorgaben zu erfüllen”, so Brückner. Die neuen Vorgaben gehen zwar über die Vorstellungen der Zoovertreter hinaus, liegen aber noch immer hinter den Anforderungen anderer Länder wie zum Beispiel Österreich und werden den Bedürfnissen der Tiere nach wie vor nicht ausreichend gerecht.

Bonobo im Zoo

… wenn man sie Langeweile und Reizarmut aussetzt.

„Ein Riesenproblem besteht auch darin, dass Menschenaffen aus sehr warmen Klimazonen stammen und entsprechend nur zu bestimmten Zeiten die Außengehege nutzen und mit entsprechenden Außenreizen in Kontakt kommen können – seien es Pflanzen, Insekten, Sonne, Wind oder Regen“, so Brückner. Einen Großteil ihrer Lebenszeit verbringen die Tiere also in den beengten Innenbereichen. Und dort gibt es nur wenig Elemente, die die Neugierde und den Spieltrieb der Tiere fördern. Dass aber genau das überaus wichtig ist, zeigt die Verhaltensforschung. „Studien zeigen, dass Affen nicht nur besonders kognitiv leistungsfähig, sondern auch entsprechend leidensfähig sind, wenn man sie Langeweile und Reizarmut aussetzt“, sagt Brückner. Es wäre also das Mindeste, die intelligenten Tiere regelmäßig zu beschäftigen. „Zum Beispiel hat man bei Gorillas und Schimpansen gute Erfahrungen mit künstlichen Termitenhügeln oder anderen Verstecken gemacht, in denen Leckereien versteckt waren, an die die Tiere nur mithilfe herumliegender Stöcke herankamen.“

Darüber hinaus fehlen den Tieren in ihren Gehegen Rückzugsorte, an denen sie sich vor der ständigen Nähe der Zoobesucher schützen können. Aus der Sicht der Zoos macht das natürlich Sinn, weil die Besucher die Affen schließlich jederzeit zu Gesicht bekommen sollen. „Für Gorillas bedeutet dieser ständige direkte Blickkontakt aber zum Beispiel Provokation und somit akuten und chronischen Stress“, kritisiert Brückner. Auch die sozialen Bedürfnisse der Affen werden regelmäßig vernachlässigt. So leben die Tiere in Zoos aus Mangel an Platz oder finanziellen Möglichkeiten teilweise in zu kleinen oder falsch zusammengestellten Gruppen oder sogar allein. „Manche Menschenaffen verarmen in Zoos geistig, vereinsamen und entwickeln physische und psychische Störungen.“ Zudem kommt es heute immer noch häufig vor, dass Jungtiere kurz nach der Geburt oder im Alter von wenigen Monaten sterben – trotz jahrzehntelanger Haltungserfahrung und veterinärmedizinischer Versorgung.

Mehr Hilfe für bedrohte Menschenaffen

„Es stellt sich zunehmend die Frage, ob wir es ethisch überhaupt vertreten können, unsere nahen Verwandten zum Zweck der Zurschaustellung zu instrumentalisieren“, so Brückner. Aus Tierschutzsicht ist eine Haltung von Menschenaffen in Zoos nur dann zu rechtfertigen, wenn Haltung, Fütterung, Sozialstruktur und Beschäftigung optimal auf die Bedürfnisse der Tiere angepasst sind und die Haltung nachweislich einen pädagogischen Mehrwert mit sich bringt sowie zum Erhalt der vom Aussterben bedrohten Arten beiträgt. „Da all diese Vorgaben in der Praxis derzeit jedoch nicht umgesetzt werden können, lehnen wir die Haltung von Menschenaffen im Zoo grundsätzlich ab“, sagt Brückner.

Denn auch das Argument, dass Zoos einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leisten, hält nicht stand. „Bis heute gibt es dort nur einen kleinen Anteil bedrohter Tierarten, nur wenige, die in Zuchtprogramme eingebunden oder gar für eine Wiederauswilderung vorgesehen sind. Menschenaffen zählen ohnehin nicht dazu.“ Selbst wenn – aus Tierschutzsicht muss immer das Wohl des einzelnen Tieres an erster Stelle stehen. In der Natur verlieren die Orang-Utans, die es noch gibt, jeden Tag durch Palmöl-Plantagen ein weiteres Stück ihres Lebensraums, und Schimpansen und Gorillas werden wegen ihres Fleisches gefangen und illegal getötet. „Das ist, wo wir ansetzen müssen. Menschenaffen, die im Zoo leben, helfen dort nicht.“