Tierschutz leben

Wir müssen leider draußen bleiben

Tierschutz leben

Wir müssen leider draußen bleiben

Wenn Wildtiere unerwünscht im Haus oder Garten auftauchen, können sie noch so intelligent, sozial oder süß sein. Sobald sie Schäden oder Dreck verursachen, führt dies meist zu Konflikten. Doch Gift und tödliche Fallen sind keine nachhaltige Lösung, um Ratten, Marder und Co. zu vertreiben.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Für ihre klimpernden Augen ist sie berühmt. Die große orange Maus, die seit Jahrzehnten ihre eigene, nach ihr benannte Sendung hat, gehört zu den bekanntesten Sympathieträgern des Kinderfernsehens. Auch der kleine Maulwurf erweicht das Herz der Zuschauer ebenso wie Micky Maus oder Rémy, die kochende Ratte aus dem Animationsfilm „Ratatouille“. Was haben alle diese tierischen Helden gemeinsam? Obwohl sie T-Shirts, Tassen und Spielzeug zieren, lösen ihre realen Artgenossen bei den meisten Menschen alles andere als Glücksgefühle aus. Im Gegenteil: Sobald sie uns trippelnd, huschend, nagend und buddelnd heimsuchen, werden sie oft abgestempelt: als „Schädlinge, die es zu bekämpfen gilt“. Selbst ansonsten tierliebe Menschen zögern nicht, Gift oder tödliche Fallen einzusetzen, um Haus, Wohnung, Garten oder Auto gegen Ratten, Mäuse, Marder, Maulwürfe, Schnecken und Co. zu verteidigen. „Der Begriff ‚Schädlinge‘ vorverurteilt kollektiv bestimmte Tierarten, die uns Menschen wirtschaftlich negativ beeinflussen. Dabei haben alle heimischen Tiere ihre Funktion im Ökosystem“, erklärt Leonie Weltgen, Referentin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund. „Streng genommen schafft der Mensch die sogenannten ‚Schädlinge‘ sogar selbst.“ Wir dringen immer stärker in die Lebensräume der Tiere ein und tragen mit Monokulturen dazu bei, dass viele Arten aussterben. Dann fehlen in der freien Natur pflanzliche Nahrung, die Fressfeinde oder die gewohnte Beute. „Dadurch fördern und locken wir bestimmte Arten an, die sich unter den guten Bedingungen in unserer Nähe besonders erfolgreich vermehren“, merkt Weltgen an.

Ratte

Ratten und Schnecken gehören zu den Tieren, gegen die Haus- und Gartenbesitzer schnell mit Gift und Schneckenkorn vorgehen – statt Schlupflöcher zu schließen oder sie abzulesen …

Gift ist keine Option gegen „Schädlinge“

Zu diesen Spezialisten, die sich in unseren Städten pudelwohl fühlen, gehören Ratten und Mäuse. Hier gelangen sie leicht an Futter sowie Wasser, und Garagen, Keller oder Schuppen bieten ihnen zudem komfortablen Schutz vor Kälte und Fressfeinden – wenn sie leicht zugänglich sind. „Genau an diesem Punkt sollten Hausbesitzer und Mieter ansetzen, denn wie bei allen ungebetenen tierischen Gästen können sie dem Konflikt vorbeugen, statt sie zu jagen, wenn sie bereits im Haus sind“, sagt Weltgen. Die kleinen, sehr sozialen Nager sind Allesfresser, die sich nur zu gerne über jegliche Abfälle und Vorräte hermachen. Durch Kot und Urin können sie Lebensmittel verunreinigen und so Krankheiten übertragen. „Es ist verständlich, sie nicht im Haus haben zu wollen, doch trotzdem kann Gift keine Option sein“, sagt die Expertin. Denn dieses wirkt in der Regel blutgerinnungshemmend. Die Tiere verbluten teils über mehrere Tage innerlich oder sterben in einem schmerzvollen Kampf an Organversagen. Zudem ist damit nichts gewonnen, denn oft rücken neue Tiere an ihre Stelle nach. Darüber hinaus können sich auch andere Wild- und Heimtiere, also auch Hunde und Katzen, direkt durch nicht fachgerecht ausgebrachte Giftköder vergiften (was bei Vergiftungen zu tun ist)  – ebenso wie Greifvögel, Füchse, Wiesel und andere Jäger, wenn sie die sterbenden Tiere fressen. „Darum braucht es ein Gesamtkonzept“, weiß Weltgen. Die Referentin empfiehlt vor allem, die Nahrungsquellen zu finden, sie zu beseitigen und alle potenziellen Einstiegslöcher zu schließen – mit Draht oder Beton, da leichtere Materialien selten lange Bestand haben.

Blinde Passagiere

Schnecke

… die Tiere verenden qualvoll, zuwandernde Exemplare können nachrücken und das Gift gefährdet auch andere Tierarten.

Jedes geflickte Schlupfloch verhindert gleichzeitig auch den Einzug eines Marders. Für die Kletterkünstler müssen auch die oberen Stockwerke und das Dach dicht sein. Schwieriger wird dies beim Auto, dessen Motorraum Marder bekanntermaßen gern als Unterschlupf nutzen. Die flinken Tiere sind bei Autobesitzern gefürchtet. „Dabei bleiben die meisten Besuche von Mardern ohne Schäden“, beruhigt Weltgen. Auch wenn viele Menschen die Steinmarder „Automarder“ nennen, haben es die Verwandten von Ottern und Dachsen keinesfalls hinterlistig auf Kühlschläuche oder Kabel abgesehen. Ganz eindeutig erforscht sei das Zerbeißen nicht, so die Biologin, aber es lasse sich vermutlich darauf zurückführen, dass die neugierigen Marder ihre Umwelt auch durch Bisse kennenlernen und ihr Revier aggressiv verteidigen. Darum zerbeißen sie das Innenleben der Wagen oft, wenn sie den Geruch möglicher Rivalen wahrnehmen. Das passiert leicht, wenn Autos an der Grenze von Revieren stehen oder in ein anderes Revier umgeparkt werden. „Das wirksamste Abwehrmittel ist eine mardersichere Garage“, sagt Weltgen. Wer keine habe, solle aus Tierschutzsicht dennoch von elektrischen Sicherungssystemen absehen, die Stromschläge verursachen und die Tiere nachhaltig schädigen können, oder von Ultraschallgeräten, deren Auswirkungen nicht im Detail bekannt sind. Umstritten ist die Wirkung von Mottenkugeln, Sprays oder Hundeund Menschenhaaren. Zahlreiche Fehlversuche, die Tiere damit zu vergrämen, sprechen nicht für einen verlässlichen Schutz durch Gerüche. Daher empfiehlt der Deutsche Tierschutzbund Schutz- und Überzugschläuche oder ein Stück Maschendraht auf dem Boden unter dem Motorraum als Barriere, da sich die Tiere mit ihren sensiblen Pfoten darauf nicht sicher fühlen.

Gift? Das geht auch anders

Tipps und Tricks für den Umgang mit tierischen Nachbarn, die Ihnen zu nahe kommen.

Ratten und Mäuse
Haben Sie eine Ratte im Haus, können Sie sie mit Nussnougatoder Erdnusscreme in eine Lebendfalle locken, die Sie täglich kontrollieren. Setzen Sie das Tier in mindestens zehn Kilometer Entfernung aus, da es sonst instinktiv zurückkehren könnte. Das gilt auch für Marder.

Wühlmäuse
Wenn Sie Rosen, Lilien, Zwiebelpflanzen oder Obstgehölze pflanzen, können Sie ihre Wurzeln von Beginn an mit Körben aus Drahtgeflecht vor Wühlmausen schützen.

Marder
Schneiden Sie alle Bäume zurück, die nah ans Haus heranragen und somit den Zutritt zum Dach erleichtern. Mögliche Schlupflöcher sollten Sie dennoch schließen, da die Tiere auch an rauen Fassaden mühelos hinaufklettern können.

Maulwürfe
Setzen Sie eine Brühe aus den Zweigen vom Lebensbaum, Holunder oder aus Knoblauch an. In kleinen Mengen in die Gänge geschüttet – die Maulwürfe dürfen keinesfalls ertränkt werden – kann sie nach häufigen Wiederholungen dazu beitragen, dass ein Maulwurf weiterzieht. Das gilt auch für Wühlmäuse.

Schnecken
Schneckenzäune halten die Tiere ebenso ab wie Wälle aus trockenem Sägemehl.

Ameisen
Füllen Sie einen Blumentopf mit Holzwolle und stellen Sie ihn mit der Öffnung nach unten auf die Ameisenstraße oder über den Ameisenbau. Bald werden sie umziehen und sie können den Topf an einen neuen Standort stellen.

Blattläuse
Locken Sie natürliche Feinde wie Vögel, Marienkäfer und Florfliegen mit einem Meisenkasten, Insektennisthilfen und vielen heimischen Pflanzen an. Lavendel, Knoblauch oder Zwiebeln zwischen Kulturpflanzen vertreiben Blattläuse. Kapuzinerkresse ist verlockend und lenkt sie von anderen Pflanzen ab.

Specht
Spiegelnd blinkende Windspiele aus Ketten mit Wimpeln, Blechstreifen oder CDs verschrecken die Vögel, bevor sie die Fassade behacken.

Nützliche Tunnelbauer

Sicher fühlen sich Maulwürfe und Wühlmäuse vor allem unter der Erde, zum Leidwesen vieler Gartenbesitzer. „Über Maulwürfe können sie sich eigentlich freuen und sie in Ruhe bei sich leben lassen“, findet Weltgen. Ihre Anwesenheit ist nämlich ein Zeichen für einen guten Boden, den sie fleißig umgraben und dabei viele Insekten und ihre Larven vertilgen, die sonst Keimlinge, Knospen und Blätter fressen würden. Doch die geschickten Baumeister, die perfekt an die Arbeit im Untergrund angepasst sind, hinterlassen in Form von Erdhügeln Spuren, die passionierte Rasentrimmer zur Weißglut treiben. „Während Maulwürfe eher hohe, rundliche Haufen aus lockerer Erde aufwerfen, sind die der Knollen und Wurzeln fressenden Wühlmäuse klein, länglich, flach und mit Gräsern, Wurzeln und Blättern durchsetzt“, erläutert Weltgen. Der Tunneleingang von Maulwurfshügeln liegt mittig, der von Wühlmäusen am Rand. Es ist wichtig zu wissen, wer da unter Tage buddelt, denn Maulwürfe stehen unter besonderem Schutz durch das Bundesnaturschutzgesetz und die Bundesartenschutzverordnung. Menschen dürfen ihnen weder nachstellen, noch dürfen sie sie anlocken, fangen oder gar töten. Somit sind bereits Lebendfallen für Maulwürfe rechtswidrig.

„Hobbygärtner, die die Tunnelbauer nicht akzeptieren möchten, sollten – wenn überhaupt – sanfte Methoden testen, um Wühlmäuse oder Maulwürfe zu animieren, einen tierfreundlicheren Garten aufzusuchen“, sagt die Tierschützerin. Beide Tierarten haben gut ausgeprägte Sinnesorgane und reagieren auf Erschütterungen, Geräusche und Gerüche empfindlich. „Meist kann es daher schon reichen, den Garten konstant zu nutzen, den Rasen vorübergehend häufig zu mähen und den Boden zu lockern, damit die Tiere einen ruhigeren Aufenthaltsort wählen.“ Statt in Geräte zu investieren, die Erschütterungen verursachen, aber oft nicht sehr wirksam seien, empfiehlt Weltgen mit Gerüchen zu arbeiten (siehe Kasten).

Naturnah im Gleichgewicht

Alternativ können Tierfreunde mit einem naturnahen Garten Tieren, die auf den versiegelten Stadtflächen immer schwieriger ein Zuhause finden, einen geeigneten Lebensraum bieten. So kann ein kleines Ökosystem entstehen, in dem sich vermeintliche Plagegeister ohnehin nicht unkontrolliert vermehren. Denn wo sich auch Igel, Kröten, Amseln oder Eichhörnchen wohlfühlen, haben Schnecken beispielsweise einen schweren Stand, da sie für sie ein wahrer Leckerbissen sind. „Zudem lohnt es nicht, Schnecken pauschal zu verteufeln. Beispielsweise gibt es auch Arten wie die Tigerschnecke, die sich ganz im Sinne der Gärtner von verwelkten Pflanzen, Aas oder anderen Nacktschnecken und deren Eiern ernähren“, erklärt Weltgen. Doch auch weitverbreitete Arten wie die Spanische Wegschnecke, die fast alle grünen Pflanzen frisst, lassen sich ganz ohne quälerisches Schneckenkorn, das zusätzlich Wild- und Haustiere gefährdet, vom Salat fernhalten. Ganz tierschutzgerecht und umweltfreundlich können Hobbygärtner die Tiere in der Dämmerung ablesen, wenn sie am aktivsten sind, und sie in nahen Waldstücken oder Parks mit wilder Vegetation aussetzen.

Vorbeugen statt bekämpfen

Natürlich sind nicht alle Tiere so „lahm wie eine Schnecke“ und lassen sich so leicht ablesen. „Aus Sicht des Tierschutzes kommen aber, egal bei welcher Art, keine Bekämpfungsmaßnahmen infrage, die den Tieren schaden, sie leiden lassen, ihnen Schmerzen zufügen oder sie töten“, stellt Weltgen klar. Darum appelliert sie, bereits bei den ersten Anzeichen von Ratten, Mardern und Co. im näheren Umfeld Präventionsmaßnahmen zu ergreifen und die Ursachen, die sie anlocken, zu beseitigen. „Wenn jeder bauliche Maßnahmen ergreift und zudem auf verbesserte Hygienestandards sowie stets geschlossene Abfallbehälter achtet und Lebensmittel geschützt lagert, hält sich das Interesse der Tiere in Grenzen und sie werden die Nähe der Menschen nicht suchen.“ Ohne solche Konflikte gewinnen die sogenannten Schädlinge womöglich auch dauerhaft die Sympathien zurück, die ihre prominenten Zeichentrickvertreter längst sicher haben.

DIE TIERE BRAUCHEN SIE

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