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Glückssymbol und Höhenflieger

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Kraniche haben uns Menschen schon immer fasziniert – jetzt im November ziehen sie wieder über Deutschland hinweg in Richtung Süden und legen dabei beeindruckende Strecken von mehr als 1.000 Kilometern zurück.

  • Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER

Zu den Erkennungsmerkmalen von Kranichen gehört die schwarz-weiße Kopf- und Halszeichnung mit dem roten federlosen Scheitel.

Zu Tausenden ziehen Kraniche dieser Tage in beeindruckenden V-Formationen über unsere Köpfe hinweg – ein unglaublich schönes und zugleich Jahr für Jahr ergreifendes Naturschauspiel. Denn wenn diese majestätischen Vögel in Schwärmen aufbrechen und in wärmere Gefilde ziehen, schwingt in uns ein Gefühl von Freiheit, Aufbruch und Freude mit, aber auch eine gewisse Melancholie und das Wissen, dass sich das Jahr schon wieder dem Ende neigt. Wer sie hoch oben am Himmel entdeckt, hält einen Moment lang inne, genießt den wunderbaren Anblick und lauscht ihren trompetenartigen Rufen. Kraniche haben uns Menschen schon immer fasziniert – so verehrten die alten Ägypter sie als „Sonnenvögel“, die sich auch als Buchstabe „B“ in den Hieroglyphen wiederfinden. In der griechischen Mythologie waren die Tiere Symbol der Wachsamkeit und Klugheit und wurden den Göttern Apollon, Demeter und Hermes zugeordnet. Und in Japan gelten sie bis heute als Symbol des Glücks der Langlebigkeit – es gibt sogar Belege eines sibirischen Kranichs, der über 80 Jahre alt wurde. Zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten oder Geburtstagen ist es in Japan daher üblich, selbstgefaltete Origami-Kraniche zu verschenken.

In Europa ist der Graukranich die weitestgehend einzige Kranichvogelart. Eines der Erkennungsmerkmale dieser bis zu 1,30 Meter großen, graugefiederten Vögel ist die schwarz-weiße Kopf- und Halszeichnung; ungefähr ab dem zweiten Lebensjahr haben sie zudem einen roten federlosen Scheitel. Auf ihrem Speiseplan stehen pflanzliche Kost, aber auch Insekten, Würmer, Schnecken und sogar Kleinsäuger. Die derzeit über Deutschland zu sehenden Tiere kommen über die westliche Route von den skandinavischen Ländern und ziehen von dort in ihre Winterquartiere nach Frankreich oder Spanien, wo sie bis zum Frühjahr bleiben. Die östliche Route verläuft hingegen von dem nördlichen Russland und den baltischen Staaten über den Bosporus bis zum Mittelmeer und Nordafrika.

Die Erfahrensten geben die Richtung vor

Wenn die Tage wieder kürzer werden, ist dies das Startzeichen für die eleganten Vögel. Die Richtung geben dabei die kräftigen, erfahrenen Kraniche an der Spitze der Formationen vor. „Bei konstanten Flugbedingungen könnten die Tiere ohne Halt bis nach Südeuropa fliegen – das sind je nach Zielort mehrere tausend Kilometer“, schildert Katrin Pichl, Referentin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund. In der Regel – insbesondere bei Unwettern – legen sie aber Pausen ein und sammeln sich auch in Deutschland an Rastplätzen, so die Expertin. „Die größten dieser Sammelplätze liegen in der Rügen-Bock-Region am vorpommerschen Bodden, an der unteren Oder, der Mecklenburgischen Seenplatte sowie im brandenburgischen Rhinluch und im Havelländischen Luch.“ Seit einigen Jahren seien auch in der Oberlausitz und an den Auensystemen in Ober- und Mittelhessen Kraniche auf Feldern und anderen weiten Flächen zu beobachten. Zurück in den Lüften erreichen sie Flughöhen zwischen 50 und 2.000 Metern über dem Meeresspiegel. „In Indien überwinternde Kranicharten überfliegen sogar Bergketten mit rund 4.600 Metern Höhe“, sagt Pichl.

In den vergangenen Jahren kam es immer häufiger vor, dass Kraniche auch in Deutschland überwintern, insbesondere im Berliner Raum und in dem niedersächsischen Naturschutzgebiet Diepholzer Moorniederung. „Wenn im Winter die Temperaturen mild bleiben und sich kein starker Frost auf den Feldern bildet, ist die Wahrscheinlichkeit dafür größer“, sagt Pichl. Der Klimawandel wirkt sich auch auf das Brutverhalten der Vögel aus. „Durch trockene Sommermonate und ausbleibenden Regen trocknen die Feuchtgebiete aus, in denen viele Brutpaare leben – so kann es passieren, dass einige dieser Bodenbrüter keinen Nachwuchs bekommen.“ Zudem werde der Lebensraum der Vögel zunehmend zerstört, zum Beispiel durch die großflächige Entwässerung von Mooren, die Versiegelung von Flächen und die Intensivierung der Landwirtschaft.

Kraniche erreichen Flughöhen zwischen 50 und 2.000 Metern über dem Meeresspiegel.

Die Bestände erholen sich

In Europa gelten Graukraniche durch die EU-Vogelschutzrichtlinie als besonders gefährdete und schutzwürdige Tierart. Außerdem gehören sie laut Bundesnaturschutzgesetz zu den hierzulande besonders geschützten Arten und werden weltweit durch die Bonner Konvention sowie das Washingtoner Artenschutzabkommen geschützt. „Doch auch wenn es in ganz Europa verboten ist, Graukraniche zu jagen, werden sie durch die Jagd auf Wasservögel immer wieder an ihren Rast- und Schlafplätzen gestört“, erläutert Pichl. Insgesamt konnten sich die in Europa lebenden Populationen dennoch dank intensiver Schutzmaßnahmen innerhalb der vergangenen Jahrzehnte erholen. Und so können wir uns hoffentlich auch im Frühjahr wieder auf die zahlreich zurückkehrenden Schwärme freuen.

 

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