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Back to the roots

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Frische Luft statt Stallklima und robuste Tiere alter Rassen statt überzüchteter Hochleistungsgeschöpfe, bei denen oft vergessen wird, dass sie Lebewesen mit Gefühlen und Bedürfnissen sind – die Arche Warder zeigt, dass Landwirtschaft auch anders geht.

  • Autor: Verena Jungbluth, Chefredakteurin DU UND DAS TIER

Wer den Tierpark betritt, hat das Gefühl, die Zeit sei irgendwann stehen geblieben. Die Enten und Gänse sitzen schnatternd am Seeufer, während die Schweine sich aneinandergeschmiegt auf Strohhaufen rekeln und anschließend ein Schlammbad nehmen. Die Rinder laufen und liegen mit ihrer Herde auf dem frischen Gras der Wiese und käuen, genau wie die Schafe und Ziegen, genüsslich wieder – es gleicht einem Besuch in einem Land vor unserer Zeit. Einem Ort, den man sich im Alltag so sehr herbeiwünscht, wenn die Zeitungen schon wieder über umgekippte Tiertransporter und brennende Massenställe berichten, während Bilder vom Töten am Fließband über den Bildschirm flimmern. Ist die Arche Warder eine Utopie, ein Park fern von jeglicher Realität und ein Land für Träumer? Nein.

Wir müssen dringend umdenkenDie Arche Warder zeigt, dass Landwirtschaft auch anders geht.

Vielmehr sollten uns Projekte wie diese die Kraft und den Mut geben, die völlig aus den Fugen geratene Lebensmittelproduktion und Tierhaltung grundlegend umzugestalten. „Nichts ist im Leben so konstant wie die Veränderung“ – Professor Dr. Dr. Kai Frölich, Direktor der Arche Warder, hat große Ziele. „Wir möchten auf ausgewählten Arealen zeigen, dass man eine Versöhnung zwischen Naturschutz und Landwirtschaft hinbekommt.“

Die mehr als 1.200 Tiere, die in der Arche Warder leben, sind allesamt vom Aussterben bedroht und gehören zu den gefährdeten Nutztierrassen. Anders als ihre auf Hochleistung gezüchteten Artgenossen in der konventionellen Haltung liegt bei ihrer Zucht der Fokus nicht rein auf wirtschaftlichem Profit. Im Fleischansatz und in der Milch- sowie Legeleistung unterscheiden sich die Tiere sehr. „Weil die Hochleistungstiere nur auf dieses eine oder zwei Merkmale gezüchtet sind, können die alten Rassen hierbei nicht mithalten. Sollen sie aber auch gar nicht“, sagt Frölich.

„Denn die heutige Form der Landwirtschaft
führt in eine Sackgasse.“

Sie führe zwar zu kurzfristigen Erfolgen in der Effizienz, aber langfristig vor allem zu großen Umweltschäden. „Was wir zudem den einzelnen Individuen antun, das ist gar nicht in Worte zu fassen.“

Leid durch einseitige Überzüchtung

Denn was die meisten Schweine, Hühner, Puten und Rinder in der Intensivtierhaltung heute vereint: Sie leiden alle unter ihrem auf Hochleistung gezüchteten Körper und einem System, das ihre Bedürfnisse total missachtet. „Gewinnmaximierung ist in der Tierzucht oberstes Ziel. Das Ergebnis sind rekordverdächtige und unphysiologisch hohe Leistungen, die allzu oft erhebliche Leiden für die Tiere mit sich bringen“, sagt Inke Drossé, Leiterin der Abteilung Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund.

Masthähnchen erreichen ihr Schlachtgewicht heute in nur wenigen Wochen – mehr als doppelt so schnell wie noch vor drei Jahrzehnten. „Durch diese einseitige Überzüchtung kann das Knochenwachstum nicht mehr mit dem schnellen Muskelzuwachs Schritt halten. In der Folge leiden die Hühner unter Knochen- und Gelenkproblemen, bis hin zu schweren Deformationen, die Schmerzen und Lahmheiten verursachen“, schildert die Expertin. Bei den anderen Tieren sieht das ganz ähnlich aus. Mastschweine leiden aufgrund der starke Gewichtszunahme unter Herz-Kreislauf-Problemen, und auch ihre Gelenke und Knochen halten der schnellen Gewichtszunahme kaum stand.

„Abfallprodukte“ des Systems

Auch Puten können sich durch die übermäßig schwer gezüchtete Brust nur eingeschränkt bewegen. „Legehennen leiden unter anderem unter entzündeten Eileitern und Osteoporose“, so Drossé. Diese legen heute mehr als fünfmal so viele Eier wie ihre Vorfahren – das hält ihr Körper einfach nicht aus. „Auch bei den Milchkühen haben parallel zur Milchproduktion schmerzhafte Eutererkrankungen und Stoffwechselstörungen zugenommen.“ Hinzu kommen die unzähligen „Abfallprodukte“ des Systems: überzählige Ferkel sowie männliche Küken der Legehennen und männliche Kälber der Milchkühe, deren Mast sich wirtschaftlich nicht rechnet.

Arche Warder zeigt Potenzial der alten Rassen

Den Tieren der alten Rassen bleiben die Schmerzen dieser einseitigen Zucht und ein nach nur kurzer Zeit ausgelaugter Körper hingegen erspart – aus Tierschutzsicht schon Grund genug, diese Tiere zu erhalten und ihre Zucht zu fördern. „Darüber hinaus fordern wir aber natürlich auch, dass sich die Ziele in der konventionellen Zucht hin zu gesünderen und robusteren Tieren verlagern“, sagt Drossé. Die alten Rassen sind schon heute in diesen allgemeinen Fähigkeiten stärker – und genau darin liegt ihr Potenzial. „Robustheit ist die Widerstandsfähigkeit gegen Witterungseinflüsse und gegenüber Krankheiten, das Zurechtkommen mit energiearmem und rohstoffreichem Futter sowie Leichtgebärigkeit, also dass Geburten unkompliziert verlaufen. All das haben die Hochleistungsrassen eben nicht“, sagt Frölich. Über die Zucht der letzten Jahrzehnte sind diese universellen Fähigkeiten immer mehr verloren gegangen.

„Wir brauchen diese Vielfalt aber in der Landwirtschaft, um zum Beispiel auf Veränderungen im Klima vorbereitet zu sein. Mit einem großen Genpool haben wir mehr Möglichkeiten, extensive Landwirtschaft zu betreiben, vor allen Dingen auch, wenn man sich weltweit die landwirtschaftliche Produktion ansieht.“ Denn laut Frölich sind 70 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe kleinbäuerlich. „Und dafür brauchen sie lokal angepasste Rassen – um zum Beispiel kleine Betriebe auf den Philippinen oder in Zentralafrika zu erhalten.“ Mit den Hochleistungstieren sei das nicht machbar.

Professor Dr. Dr. Kai Frölich im Interview

Der Direktor der Arche Warder in Schleswig-Holstein schildert, welchen Bildungsauftrag der Tierpark erfüllt, welche Folgen die Massentierhaltung hat und was aus seiner Sicht nötig ist, um für mehr Tier- und Umweltschutz zu sorgen. Lesen. 

Eine Annäherung der Welten

Doch wie ist es möglich, die konventionelle Landwirtschaft und das Gegenmodell der Arche Warder zu vereinen? „Das können wir nur schrittweise machen, indem wir auf verschiedenen Ebenen anfangen. Zunächst müssen wir die Leute informieren, was das für eine Landwirtschaft ist, die wir da haben, und was diese ökologisch und finanziell kostet. Sie bringt uns nicht nur billiges Fleisch, sondern sie kostet auch unheimlich viel“, sagt Frölich.

Zudem ist natürlich die Politik gefragt. „Wir müssen zügig weg von der aktuellen Form der Subventionierung und hier erst mal die Natur wieder in ein Gleichgewicht bringen, bevor wir mit dem Finger auf andere Länder zeigen.“ Auch der Verbraucher kann etwas tun. „Ich halte es für sinnvoll, dass wir weniger Fleisch konsumieren. Der Faustwert: um die Hälfte reduzieren und doppelt so teuer vermarkten. Das bleibt in der Bilanz dasselbe und ist gesünder.“ Der Einzelne müsse aber vor allem darauf plädieren, dass sich strukturell etwas ändere. „Das ist der entscheidende Punkt. Es muss klar werden: Wir wollen diese Lebensform jetzt verändern. Und sei es nur zum Ziel, dass wir hier überleben.“

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