Hinter den Kulissen
Tierhaltung

Die Pein der Puten

Hinter den Kulissen
Tierhaltung

Die Pein der Puten

Millionen Puten leiden hierzulande zusammengepfercht auf engstem Raum, ohne Beschäftigung und Strukturierung. Gesetzliche Regelungen für die Haltung der Tiere gibt es bis heute nicht – aus Tierschutzsicht ein Skandal.

  • Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER

Wilde Puten leben in der freien Natur an Waldrändern und in Steppen und ernähren sich von Früchten, Samen, Würmern und Insekten. Die Realität der in Deutschland lebenden Puten, auch Truthühner genannt, sieht jedoch ganz anders aus. Hierzulande sind Massenhaltungen auf engstem Raum, gekürzte Schnäbel, überzüchtete Tiere und mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten der Normalzustand.

Etwa 29 Millionen dieser großen Hühnervögel
werden hier jährlich gehalten, davon
leben fast 90 Prozent in Großbetrieben
mit mehr als 10.000 Artgenossen.

An diesen unhaltbaren Zuständen wird sich in nächster Zeit wohl auch nichts ändern. Denn in Deutschland, dem Land der Bürokratie, in dem es für scheinbar alles Regeln, Gesetze und Auflagen gibt, bestehen für Puten keine gesetzlichen Haltungsvorschriften. Die Tierschutznutztierhaltungsverordnung, die – wenn auch unzureichende – Vorgaben für andere Tierarten in der Landwirtschaft enthält, lässt die Puten gänzlich außen vor. Lediglich das Tierschutzgesetz und freiwillige Eckwerte bilden eine gewisse Grundlage. Doch auch diese sind mangelhaft und bieten den Tieren zum Beispiel keine Möglichkeiten, im Sand zu baden, zu picken, frei herumzulaufen oder sich zurückzuziehen. In den Betrieben ist es zudem nach wie vor an der grausamen Tagesordnung, die Schnäbel der Küken zu kürzen – und das, obwohl diese Amputation laut Tierschutzgesetz eigentlich verboten ist. Ungeachtet dessen können aber die zuständigen Behörden die Durchführung genehmigen.

Pute

Das Leid unter den hierzulande gehaltenen Puten ist groß.

Schnabelkürzen nach wie vor Routine

2015 gab es einen halbherzigen Versuch, diese unsägliche Vorgehensweise zu beenden: Die Initiative „Eine Frage der Haltung“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sollte eigentlich den Ausstieg aus dem Schnabelkürzen einleiten, doch wurde diese Entscheidung für die Putenhaltung wieder aufgehoben. Die Begründung lieferte ein Gutachten des Instituts für Tierschutz und Tierhaltung des Friedrich-Loeffler-Instituts und von Vertretern des Verbandes Deutscher Putenerzeuger – demnach sei das Schnabelkürzen notwendig, da es sonst zu erheblichen Verletzungen durch Kannibalismus und Federpickenund zu einer höheren Sterberate käme.

„Aus Sicht des Tierschutzes ist das Schnabelkürzen aber eine reine Symptombehandlung: Anstatt die Haltungssysteme den Bedürfnissen der Puten anzupassen, werden sie für eine tierschutzwidrige Haltung zurechtgestutzt“, kritisiert Dr. Miriam Goldschalt, Referentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund. „Diese Praktik führt bei den Tieren zu Verletzungen, großen Schmerzen und Leiden. Denn beim Schnabelkürzen amputieren Brütereien den Putenküken mittels Lichtbogen oder, wie in Niedersachsen ausschließlich üblich, Infrarotstrahlen einen Teil des Oberschnabels.“ Dieser werde dabei massiv geschädigt – bei der Infrarotmethode entstünden Verbrennungen zweiten bis dritten Grades, die sich oft auch auf den Unterschnabel auswirken und bei den Puten erhebliche, lang anhaltende Schmerzen verursachen, so Goldschalt. „Nach Tagen fällt der so behandelte Teil des Oberschnabels ab. Wenn die Puten ihren Schnabel dann nicht mehr richtig schließen können, entstehen oft chronische Schmerzen, und auch das Fressen und Putzen bereitet ihnen Probleme.“

Pute

Zum Beispiel ist es Routine, dass ihnen die Schnäbel gekürzt werden, obwohl diese Amputation eigentlich verboten ist.

Die Zucht der Puten ist aus dem Ruder gelaufen

Das zeigt: Ähnlich wie bei Schweinen, Hühnern und Rindern ist auch bei Puten die Zucht aus dem Ruder gelaufen, sodass seit Langem die Profitgier den Takt vorgibt. So haben die Puten aus konventionellen Betrieben nicht mehr viel gemein mit ihren Vorfahren, die vermutlich spanische Seefahrer Anfang des 16. Jahrhunderts von Nord- und Mittelamerika nach Europa brachten. Heutzutage sind europäische Puten auf Hochleistung gezüchtet: In kurzer Zeit setzen sie überaus viel Fleisch an – zum Teil so viel, dass sie kaum noch in der Lage sind, zu laufen oder aufzustehen. „Auch wenn zuchtbedingte Probleme nicht mehr so relevant sind wie in der Vergangenheit, leiden unzählige konventionell gehaltene Puten weiterhin unter Fußballen- und Gelenkentzündungen, Lahmheiten und Beinfehlstellungen“, schildert Goldschalt. Putenhähne setzen noch mehr Fleisch an als Hennen – bis zu zehn Prozent von ihnen sterben sogar vorzeitig während der Mast an den Folgen dieser ausgearteten Zuchtpraktiken.

Änderung nicht in Sicht

Die große Mehrheit der Putenhalter ist jedoch gegen nationale Regelungen. Im Mai dieses Jahres machte der Verband der Deutschen Putenerzeuger deutlich, dass er strengere Standards in Deutschland nicht akzeptiere. Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, kritisiert dies scharf: „Wie immer stellen die Tiernutzerverbände ihre wirtschaftlichen Interessen über den Schutz der Tiere. Dass es für die Putenhaltung noch immer keine konkreten gesetzlichen Vorgaben gibt, ist ein politischer Skandal. Die tierschutzwidrige Haltung muss endlich beendet werden.“

Der Deutsche Tierschutzbund fordert von der Bundesregierung, eine nationale Verordnung zu erlassen, die dem Gebot des Tierschutzes, Tiere verhaltensgerecht unterzubringen, endlich Rechnung trägt. Solch eine Verordnung sollte den Puten unter anderem unbedingt mehr Platz, Tageslicht und Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. „Eine Besatzdichte von zwei Hähnen oder drei Hennen pro Quadratmeter wäre als absolute Höchstgrenze akzeptabel“, sagt Goldschalt. „Bei der Zucht sollten Putenhalter zudem robuste und langsamer wachsende Rassen wie Bronzeputen einsetzen, die nicht durch zuchtbedingte Beschwerden vorbelastet sind.“ Weitere Voraussetzungen für artgerechtere Bedingungen wären auch eine strukturierte Umgebung, beispielsweise mit Fress-, Trink- und Ruhebereichen, Beschäftigungsmöglichkeiten sowie erhöhten Sitzstangen. Außerdem sollten die Tiere idealerweise freien Zugang zu einem Auslauf im Freiland haben. Die Bundesregierung ist jetzt am Zuge – sie muss nun entscheiden, ob es weiterhin möglich bleibt, Puten leiden zu lassen, oder ob diese endlich durch rechtlich bindende Vorgaben geschützt werden.

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