Aus dem Print-Magazin
Tierschutzzentrum Weidefeld versorgt Wildtiere

Wilde Notfälle

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Tierschutzzentrum Weidefeld versorgt Wildtiere

Wilde Notfälle

Immer wieder geraten Wildtiere in Not. Als Opfer eines Verkehrsunfalls, nach dem Flug gegen eine Fensterscheibe oder verwaist mitten im Wald brauchen sie Hilfe. Das Team im Tierschutzzentrum Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes versorgt jährlich Hunderte von ihnen. Die Tierschützer warnen aber auch davor, Tiere voreilig einzusammeln.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Damhirschkälbchen Ellie konnten die Tierpfleger im Tierschutzzentrum Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes mittlerweile wieder gesund auswildern.

Dieser Artikel ist in DU UND DAS TIER – Das Magazin des Deutschen Tierschutzbundes erschienen und exklusiv online lesbar. Erfahren Sie mehr über die aktuelle Ausgabe 1/2022.

Es geschieht in Sekundenbruchteilen: Die Reifen quietschen und der letzte Blick in die Augen des Rehs vor der Motorhaube brennt sich wohl jedem betroffenen Autofahrer ein. In den seltensten Fällen geht ein Unfall gut für das Tier aus. Ellie hat ihn überlebt. Das Damhirschkälbchen kam jedoch mit mehreren Verletzungen ins Tierschutzzentrum Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes. Es brauchte einen ganzen Winter, tierärztliche Hilfe, Pflege rund um die Uhr und unzählige Fütterungen mit der Flasche, um das Jungtier aufpäppeln und wieder auswildern zu können.

Tiere sollen die Scheu vor Menschen behalten

In den Wochen danach suchte es noch die Nähe zu Menschen, die Ellie – wovon Tierschützer dringend abraten – auf einem Campingplatz fütterten. „Das zeigt, wie kritisch es sein kann, ein Wildtier aufzuziehen. Denn natürlich sollen sie trotz unserer Aufzucht die Scheu vor Menschen behalten“, erklärt Patrick Boncourt, Referent im Tierschutzzentrum Weidefeld. Ellie fand zum Glück kurz darauf eine Herde, wurde nicht mehr in der Nähe von Personen gesichtet und lebt seitdem arttypisch in Freiheit. Solche Fälle sind der schönste Lohn für jeden Tierschützer und geben Kraft. Denn die Wildtierhilfe ist extrem zeitaufwendig und angesichts der Vielzahl sehr geschwächter oder schwer verletzter Tiere, die in Weidefeld eintreffen, leider auch nicht immer erfolgreich.

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Tierische Vielfalt in Pflege

Jeden Findling untersuchen die Tierschützer ganz genau und fast immer müssen sie ihre Schützlinge individuell betreuen. Allein 2021 haben sie 455 heimische Wildtiere in ihre Obhut genommen. „Da wir uns auch noch um fast 400 weitere beschlagnahmte oder in Not geratene Tiere wie Affen, Bären, Reptilien, Hunde und viele mehr kümmern, ist das eine enorme Leistung der Tierpfleger und auch privat mit großem Engagement verbunden“, erklärt Boncourt. 375 der Findlinge waren wie Ellie hilfebedürftige Jungtiere, die übrigen 80 verletzte oder kranke ausgewachsene Tiere. Mit 122 Tieren bildeten die Igel die größte Gruppe. Doch auch 108 Singvögel, 37 Enten, 28 Rabenvögel, 27 Schwalben und Segler, 13 Hasen, 18 Tauben, 15 Möwen, acht Greifvögel, sieben Rehe, eine Eule und viele weitere Tiere erhielten im Tierschutzzentrum liebevolle und fachlich versierte Pflege.

Nicht alle Fundtiere brauchen Hilfe

Das Team setzt sich mit Herzblut für jedes Tier ein, doch nicht jedes braucht tatsächlich Hilfe. „Leider sammeln Finder viele Tiere ein, die gar nicht gerettet werden müssten“, berichtet Boncourt. Dies gilt unter anderem für im Gras abgeduckte Rehkitze. Ihre Mütter beobachten sie in der Regel aus sicherer Entfernung und versorgen sie mehrmals täglich mit Milch. Auch ein Uhu-Ästling, der gerade fliegen lernt und „elternlos“ auf dem Waldboden sitzt, ist womöglich nur allein, weil gerade Menschen in der Nähe sind. „Ebenso wenig brauchen in den seltensten Fällen Möwenjunge, die ohne Scheu auf einer Promenade herumhüpfen, oder Igel im Garten, die immerhin ein Kilogramm auf die Waage bringen, unsere Hilfe“, sagt Boncourt.

„Leider sammeln Finder viele Tiere ein, die gar nicht gerettet werden müssten.“

– Patrick Boncourt

Und doch fahren Menschen sie immer wieder voreilig ins Tierschutzzentrum. Oft bringen die Tierpfleger sie dann direkt wieder zum Fundort zurück oder beobachten sie einen Tag. Problematisch sei auch der Umgang mit voreilig aufgenommen Tieren wie Waschbären, Nilgänsen oder Nutrias, die zu den invasiven Arten zählen und die Tierschützer laut EU-Recht nicht mehr auswildern dürfen. „Privatpersonen nehmen im Frühjahr vermeintlich verwaiste Jungtiere mit, päppeln sie auf und wollen sie loswerden, wenn sie nach drei Wochen die Einrichtung zerlegen“, so Boncourt. Spezialisierte Auffangeinrichtungen wie das Tierschutzzentrum sind mit solchen Arten ausnahmslos alle überbelegt, sodass es extrem schwer ist, die Tiere weiterzuvermitteln.

Auch dieses verwaiste Wildkaninchen und der Greifvogel (oben) bekommen in Weidefeld die Hilfe, die sie brauchen.

Tiere nicht einfach mitnehmen und versorgen

„Umso wichtiger ist es, nur wirklich hilfebedürftige Tiere aufzunehmen, die wie Ellie verletzt oder eindeutig verwaist sind“, so der Experte. Laien rät er dringend ab, sie selbst zu versorgen. Denn viele Tiere brauchen spezielle Nahrung, zeigen unbekannte Verhaltensweisen oder können Zoonosen und Parasiten in und an sich tragen. Selbst wenn klar ist, dass ein Tier Hilfe benötigt, dürfen Passanten es nicht einfach zur nächsten Auffangstation bringen. „Viele heimische Wildtierarten unterliegen dem Jagdrecht. Wenn sie es ohne Einverständnis des zuständigen Jägers entfernen, ist dies Wilderei“, sagt Boncourt. Weil nur die wenigsten Menschen, die verletzte Rehe oder Füchse entdecken, den Jäger kennen, sollten sie Abstand halten und die Polizei anrufen.

Die meisten Bundesländer stellen keine finanziellen Hilfen

In den meisten Fällen übergeben die Finder die verletzten Tiere dann mit Erlaubnis der Jäger an fachkundige Wildtierhelfer. In der Regel sind das gemeinnützige Vereine. Für sie bedeutet jeder einzelne Notfall nicht nur zeitlichen und emotionalen Stress. Auch der finanzielle Aufwand ist enorm. „Die meisten Bundesländer stellen jedoch keine finanziellen Hilfen. Das muss sich dringend ändern“, fordert Boncourt. Denn noch lassen sie die Tierschützer mit den Kosten allein. Für sie bleibt das Happy End einer Auswilderung zwar unbezahlbar, doch ohne Unterstützung könnte dies auch buchstäblich für die Versorgungs-, Futter-, Medizin-, Transport-, Bau-, Heiz- oder Tierarztkosten gelten, die sie nur dank Spenden stemmen können,

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Bildrechte: Artikelheader: Deutscher Tierschutzbund e.V. (Greifvogl); Fotos: Deutscher Tierschutzbund e.V. (Damhirschkälbchen, Wildkaninchen)