Aus dem Print-Magazin

Proteinquellen der Zukunft – Revolutionieren Insekten unseren Speiseplan?

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Proteinquellen der Zukunft – Revolutionieren Insekten unseren Speiseplan?

Sie sollen die Ressourcen unseres Planeten schonen, das Klima schützen, die Nahrungsgrundlage der wachsenden Weltbevölkerung sichern und gelten damit als die Proteinquellen der Zukunft: Insekten. Doch die bemerkenswerten Zahlen zur Ökobilanz sind oft nur die halbe Wahrheit. Und auch der Tierschutz rückt in der aktuellen Debatte meist völlig in den Hintergrund. Ein Blick hinter die Kulissen der aktuell so gefeierten und aufstrebenden Insektenindustrie.

  • Autor: Verena Jungbluth, Chefredakteurin DU UND DAS TIER

Ob frittierte Heuschrecken, gebratene Mehlwürmer oder gebackene Grillen – Insekten haben das Potenzial, unsere Speisekarten, Kochbücher und Supermarkttheken für immer zu verändern. Weltweit soll es circa 1.900 Arten geben, die für uns Menschen essbar sind – eine kulinarische Bandbreite, die ihresgleichen sucht. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schreibt Insekten schon lange eine wichtige Rolle zu, um die Nahrungsgrundlage der wachsenden Weltbevölkerung zu sichern – und ist damit bei weitem nicht die einzige Organisation, die sich in ihrer Forschung seit geraumer Zeit mit dem Thema auseinandersetzt. Schließlich wird die Erdbevölkerung bis zum Jahr 2030 auf über neun Milliarden Menschen ansteigen, und schon heute leiden Millionen von ihnen Hunger.

Durch die aktuelle Debatte rund um den Klimawandel und die völlig überstrapazierten Ressourcen unseres Planeten erhält die Diskussion um alternative Proteine nun eine neue Dimension – und Insekten geraten neben der Kultivierung von Fleisch im Labor und dem Veganismus mehr denn je in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Dabei ist die Rede von einem wissenschaftlichen und industriellen Feld, das keine geringere Aufgabe hat, als eine zukunftsfähige Ernährungsweise zu finden, die die menschliche Existenz auf dieser Welt weiterhin möglich macht. Insekten sollen dabei gleich in zweierlei Hinsicht ihren Beitrag leisten: direkt durch den Verzehr und indirekt durch die Fütterung von Schweinen, Hühnern sowie Fischen mit Insektenproteinen.

Insektenprodukte erobern die Supermarktregale

Während dem einen bei dem Gedanken Insekten zu snacken, zwischen zwei Burgerpatties zu legen oder mit in die Gemüsepfanne zu werfen, ein kalter Schauer über den Rücken läuft, ist bei dem anderen die Neugier geweckt oder regt sich gar schon der Appetit. Und das ist kein Wunder. Schließlich könnten die Essgewohnheiten und kulinarischen Vorlieben unterschiedlicher nicht sein. Vor allem international gibt es sehr große Unterschiede darin, welche Tiere auf den Tellern landen oder bei welchen das unvorstellbar erscheint. Versteinerte Exkremente, die Wissenschaftler in Nordamerika gefunden haben, weisen darauf hin, dass Menschen bereits vor zwei Millionen Jahren Insekten verspeist haben, womit sie schon vor langer Zeit ein ganz normaler Teil der menschlichen Ernährung waren – und in Asien, Afrika und Südamerika bis heute sind.

Die Gründe dafür, dass Menschen in Europa bisher so gut wie keine Insekten essen beziehungsweise die Vorstellung sogar ziemlich eklig finden, sind wahrscheinlich vor allem kulturell bedingt. Darüber hinaus leben die meisten essbaren Insektenarten in tropischen und subtropischen Regionen. Doch seit einiger Zeit erobern Produkte mit Insekten auch in Deutschland vermehrt die Regale der Supermärkte, bisher vor allem in Form von Riegeln und Pasta. Im Internet bieten Start-ups zudem bereits Mehle, verschiedenes Gebäck und Burgerpatties sowie Wurst mit Insekteneinlage an – und das ist erst der Anfang, denn der Trend hat in der Wirtschaft längst Einzug gehalten. „Während die meisten Insekten zu Nahrungszwecken weltweit noch wildlebend gefangen werden, zeigt sich mittlerweile eine zunehmende Professionalisierung der stationären Insektenzucht, bei der die Firmen eine vollautomatisierte Produktionskette vom Ei bis zur Verpackung des fertigen Produkts anstreben“, berichtet Nina Brakebusch, Referentin für Interdisziplinäre Themen beim Deutschen Tierschutzbund. „2020 wurden in der EU bereits 6.000 Tonnen Insektenprodukte hergestellt, bis zum Jahr 2030 soll sich die Produktion auf fünf bis sechs Millionen Tonnen jährlich vervielfachen.“

Proteinbomben mit bester Ökobilanz?

Dieser vorhergesagte wahnsinnige Anstieg basiert vornehmlich auf zwei Aspekten: Insekten gelten als ausgesprochen nahrhaft und die industrielle Herstellung von Insektenprotein soll deutlich umwelt- und klimafreundlicher sein als die von herkömmlichen pflanzlichen oder tierischen Proteinquellen wie Soja, Rind- oder Geflügelfleisch. „Mehlwürmer zum Beispiel enthalten in der Trockenmasse je nach Entwicklungsstadium in der Tat 50 bis 65 Prozent Protein, 15 bis 40 Prozent Fett und potenziell alle essenziellen Aminosäuren. Damit ist der Proteingehalt höher als bei dem Fleisch anderer sogenannter Nutztiere“, so Brakebusch. Allerdings erschweren die starken Schwankungen in den nahrungsphysiologischen Profilen die genaue Einschätzung darüber, wie nahrhaft eine Ernährung mit Insekten am Ende tatsächlich ist. „Unter anderem ist die Zusammensetzung von Proteinen, Fetten und Spurenelementen stark abhängig von der jeweils zur Verfügung gestellten Nahrung.“ Es sind dringend weitere Studien nötig, um die gesundheitlichen Vor- und Nachteile wirklich beurteilen zu können.

Die bemerkenswerten Zahlen zur Ökobilanz
der Insektenindustrie entsprechen unter Einbezug
aller Variablen häufig leider nicht der Realität.

„Auch die bemerkenswerten Zahlen zur Ökobilanz der Insektenindustrie entsprechen unter Einbezug aller Variablen häufig leider nicht der Realität“, kritisiert Brakebusch. Tatsächlich benötigen Mehlwürmer, die Larven von schwarzen Soldatenfliegen, Grillen und Heuschrecken auf den ersten Blick im Vergleich weniger Ressourcen wie Wasser, Platz oder Zeit für die Produktion einer bestimmten Menge an Eiweiß als andere sogenannte Nutztiere, bei gleichzeitig geringerer Produktion von Treibhausgasen. Zudem könnte die Produktion regional organisiert werden, sodass beispielsweise Sojaimporte aus Südamerika überflüssig würden. Allerdings haben vor allem die Futtermittel einen sehr viel größeren Einfluss auf die Produktivität als häufig vermittelt wird. Um optimal – und damit auch wirtschaftlich effizient – zu wachsen, benötigen Insekten eine auf die Art und das Lebensstadium abgestimmte Diät. Das Verfüttern von Bioabfällen, ein häufig genanntes Argument der Befürworter, ist zwar möglich, häufig aber nur bedingt geeignet, weil die Insekten auf dieser Basis meist nicht optimal mit Nährstoffen versorgt werden können. Das zeigt auch die aktuelle Fütterung in den entsprechenden Farmen, die noch überwiegend auf hochwertiges, kommerzielles Tierfutter wie Soja, Mais und anderes Getreide setzt – genau wie es in der konventionellen Haltung von Schweinen, Rindern und Hühnern der Fall ist. Wissenschaftler und Investoren arbeiten zwar mit Hochdruck daran, das zu ändern und den Anteil geringwertiger Futtersubstrate zu erhöhen, allerdings scheinen konkrete Lösungsansätze noch nicht in Sicht.

Hoher Energieeinsatz für die Haltung nötig

Ein weiterer Aspekt, der die industrielle Nutzung von Insekten aus ökologischer Sicht infrage stellt, ist der hohe Energieeinsatz, der nötig ist, um die Tiere in unseren Breiten optimal zu halten. „Unter anderem benötigen sie eine konstant warme Temperatur, eine gleichbleibende Luftfeuchtigkeit, ein geregeltes Lichtniveau und eine gleichmäßige Versorgung mit Sauerstoff.“ Auch die Belüftung insgesamt, also das Abführen von Kohlendioxid und weiteren Stoffwechselgasen, ist für die Gesundheit der Insekten sehr wichtig. Darüber hinaus verschlingt das Töten, Konservieren sowie Trocknen der Tiere wahnsinnig viel Energie – gefolgt von der weiteren Verarbeitung zu Mehlen oder Pasten. „Bislang gibt es keine wirklich umfassenden Ökobilanzen, die all diese Teilprozesse berücksichtigen“, so Brakebusch. „Das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2020, die das ansatzweise versucht, zeigt auf den ersten Blick, dass Mehlwürmer im Vergleich zu Tofu, Burgern aus pflanzlichem Fleisch oder Clean Meat extrem schlecht abschneiden und zudem gar nicht so viel nachhaltiger zu sein scheinen als Fischstäbchen oder Rindfleischburger.“ Natürlich versuchen Wissenschaftler und Investoren ähnlich wie bei der Fütterung auch beim Energieeinsatz Verbesserungen zu erzielen. Aber auch das ist noch Zukunftsmusik.

Lediglich als bloße Produktionseinheiten betrachtet

Darüber hinaus macht Tierschützern der Umgang mit den Tieren Sorge. Denn diese werden in den modernen Farmen, wie die meisten anderen sogenannten Nutztiere auch, vor allem als bloße Produktionseinheiten begriffen, womit der Tierschutz völlig in den Hintergrund tritt. So argumentieren Befürworter der Industrie zum Beispiel gerne damit, dass viele Insektenarten anspruchslos seien, sodass sie in großer Zahl auf kleinem Raum gehalten werden können. „Dabei ist über die arteigenen Bedürfnisse und Ansprüche der einzelnen Arten bisher nur wenig bekannt“, kritisiert Brakebusch. Die aktuellen Studien in dem Feld beschäftigen sich fast ausschließlich mit der Erhebung jener Parameter, unter denen die Tiere am schnellsten an Masse zulegen. „Der moralische Status der Tiere wird dabei völlig negiert.“ Es gibt bisher weder genug Wissen über die Bedürfnisse der Tiere, noch gesetzliche Bestimmungen, die die Haltung regulieren würden. Auch Regeln für die tierschutzkonforme Tötung sind Fehlanzeige und nicht zuletzt hinsichtlich des Seuchenschutzes sind noch viele Fragen offen. „Die fehlenden Gesetze überlassen das Feld allein den Akteuren der Insektenindustrie, was das Potenzial für gravierende Missstände nach sich zieht“, kritisiert Brakebusch. So leben die Insekten, die bereits heute industriell genutzt werden, in übereinandergestapelten Wannen aus Plastik oder Metall. Darin befinden sich zu der jeweiligen Art passende Futtersubstrate, bei Mehlwürmern bestehen diese zum Beispiel aus Weizenkleie, Haferflocken und weiteren Nebenprodukten der Lebensmittelproduktion.

Die Insekten werden in den modernen Farmen vor allem
als bloße Produktionseinheiten begriffen,
womit der Tierschutzvöllig in den Hintergrund tritt.

Damit sie schneller wachsen, erhalten sie aber auch importiertes Soja- oder Fischmehl. Durch die zusätzliche Fütterung mit Gemüse und Obst nehmen sie genügend Feuchtigkeit auf, sodass sie kein zusätzliches Wasser benötigen. Das System der Plastikwannen ist dabei dem Lebenszyklus der Mehlwürmer angepasst. „Die erwachsenen geschlechtsreifen Tiere befinden sich in den obersten Wannen. Durch feine Siebe fallen die dort von den Weibchen gelegten Eier in die darunterliegende Wanne, wo die nächste Generation schlüpft“, erklärt Brakebusch. Die Wannen werden alle kontinuierlich ausgetauscht, damit die Larven einer Box immer in etwa das gleiche Alter haben. „Bei der schieren Anzahl an Tieren lassen sich beim ständigen Umlagern und Aussieben Verletzungen, Quetschungen und Amputationen nicht vermeiden“, so Brakebusch. Solche modernen industriellen Haltungen lassen sich kaum durchführen, ohne dass einzelne Tiere dabei zu Schaden kommen.

Weder für die Haltung noch Tötung gibt es Regeln

Haben die Larven nach 13 bis 17 Wochen die gewünschte Größe von zwei bis drei Zentimetern erreicht, werden sie 24 Stunden vor ihrer Tötung aus dem Futtersubstrat entnommen. „Auf diese Weise soll sich ihr Darm leeren, womit verhindert werden soll, dass die Produkte für den menschlichen Verzehr durch Ausscheidungen verunreinigt werden“, so Brakebusch. Bei dem nun folgenden Schockgefrieren bei mindestens Minus 18 Grad gehen die Tiere in eine Kältestarre über und erfrieren dann. „Bei dieser praktizierten Betäubungs- und Tötungsmethode gibt es derzeit kein standardisiertes Verfahren. Dadurch kann nicht sichergestellt werden, dass der Vorgang schnell und schmerzlos erfolgt“, sagt Brakebusch. „Zudem ist davon auszugehen, dass bei Fehlern in der Anwendung oder, wenn viele Tiere übereinanderliegen, keine ausreichende Betäubung durch die Kältestarre vorliegt. Das bedeutet, dass diese Tiere anschließend lebendig und somit äußerst schmerzhaft gekocht werden – und somit auch im darauffolgenden Schritt der Verarbeitung leiden.“ Tatsächlich ist bisher im ganzen industriellen Prozess weder eine korrekte tiermedizinische Behandlung noch medikamentöse Versorgung vorgesehen. „Vielmehr gilt die Tötung einer Gruppe von Tieren oder der gesamten Bestände bei Krankheitsausbrüchen als Standardtherapie“, kritisiert Brakebusch und fordert eine Fachtierarztausbildung nach Vorbild des Fachtierarztes für Bienen und die Zulassung von entsprechenden Medikamenten.

Auch Insekten sind empfindungsfähige Lebewesen

Wie bei jeder Nutzung von Tieren spielen auch bei der Zucht und Verarbeitung von Insekten ethische Überlegungen eine wichtige Rolle. Da im Tierschutzgesetz in Deutschland vor allem Schmerzen, Leiden und Schäden als Bewertungsmaßstäbe für tierschutzwidrige Handlungen festgelegt sind, steht die Frage nach dem Schmerzempfinden von Insekten im Mittelpunkt. Dass Insekten über die erforderlichen anatomischen Strukturen zur Weiterleitung und Verarbeitung von Reizen verfügen, ist inzwischen weitgehend wissenschaftlicher Konsens. „Die psychologische Verarbeitung von negativen Reizen und damit das Empfinden von Leid konnte dabei bisher noch nicht nachgewiesen werden“, erklärt Brakebusch. Doch gerade für Spezies mit weniger leistungsstarken Gehirnen ist die Möglichkeit Schmerz zu empfinden ein essenzieller Faktor, der das Überleben eines Individuums oder einer Art erst möglich macht. „Dem aktuellen Stand der Wissenschaft zufolge sollten wir Insekten daher schon heute einen moralischen Status als empfindungsfähige Lebewesen zugestehen.“

Insektenprodukte werden in Tierversuchen getestet

Als solche gebührt ihnen ein besonderer Schutz. Und diesen brauchen nicht nur die Insekten selbst. Denn bis Insektenprodukte hierzulande auf den Tellern landen, haben sie bereits einen langen Weg hinter sich, der mit zusätzlichem Tierleid einhergeht. Da sie in der EU als neuartige Lebensmittel, sogenannte Novel Foods gelten, müssen sie zunächst einen Zulassungsprozess durchlaufen. In diesem muss wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass sie kein Sicherheitsrisiko für die menschliche Gesundheit mit sich bringen. „Dafür werden die Produkte in Tierversuchen getestet“, berichtet Tilo Weber, Referent für Alternativmethoden beim Deutschen Tierschutzbund. „Dies geschieht meist in Form von Fütterungsversuchen, bei denen Mäuse und Ratten, oft unter Zwang, über längere Zeit damit gefüttert und anschließend getötet werden, um die Auswirkungen der Ernährung auf ihre Körper zu beurteilen.“

Aus ethischer Sicht sind diese Fütterungsversuche mehr als fragwürdig, weil sie den Tod und das Leiden von unzähligen Tieren für rein kommerzielle Zwecke billigend in Kauf nehmen. Zudem schaffen sie letztlich nicht die erhoffte Sicherheit für die Verbraucher, weil sie lediglich den Nachweis erbringen, wie Nagetiere auf diese Lebensmittel reagieren. „Weder zeigen sie, dass der menschliche Körper genauso damit umgeht, noch belegen sie umgekehrt, dass Bestandteile, auf die diese Tiere nicht reagieren, auch für den Menschen unbedenklich sind“, kritisiert Weber. Für den Deutschen Tierschutzbund ist klar, dass solche Sicherheitsprüfungen nicht auf dem Rücken von Tieren geschehen dürfen. Auch, weil es längst wissenschaftliche Methoden gibt, die ganz ohne Tierleid auskommen. „Neben Tests in Zellkulturen und Computersimulationen, die sich eignen, um schädliche Auswirkungen von kritischen Inhaltsstoffen zu erkennen, werden auch neue Techniken wie Multi-Organ-Chips diese Fütterungsstudien überflüssig machen“, erläutert Weber.

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Deutscher Tierschutzbund lehnt industrielle Nutzung von Insekten ab

Die vorgeschriebenen Tierversuche sind für den Verband schon Grund genug, die aufstrebende Insektenindustrie abzulehnen. „Da eine tierschutzkonforme Haltung von Insekten zudem nicht möglich ist, lehnen wir diese auch aus ethischer Sicht ab“, sagt Brakebusch. „Hinzu kommen die fragwürdigen ökologischen Vorteile, die fehlenden gesetzlichen Regulierungen sowie die nicht existente veterinärmedizinische Forschung.“ Der Deutsche Tierschutzbund lehnt aber nicht nur die Zucht und Haltung von Insekten zur Ernährung von Menschen ab, sondern bewertet auch die Fütterung von Tieren in der Landwirtschaft mit Insektenproteinen kritisch. „Unter anderem täuscht die Debatte über die Problematik der industriellen Intensivtierhaltung und ihre Zusammenhänge mit der Klimakatastrophe hinweg“, sagt Franziska Hagen, Referentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund. Das starke Lobbying der Agrarindustrie für eine Fütterung mit Insekten legt die Sorge nahe, dass die Umstellung der Tierfütterung von Soja- und Fischmehl auf Insektenproteine den so dringend notwendigen ökologischen, tierschutzkonformen Systemwechsel verhindern soll. „Der Aufzucht von Schweinen, Hühnern und Fischen wird durch eine Ernährung mit Insekten ein grüneres Image verliehen, da die Verwendung des häufig kritisierten Soja- oder Fischmehls reduziert wird. Dies liefert der Agrarindustrie natürlich gute Gründe dafür, die aktuellen Bedingungen der industriellen Tierhaltung aufrechtzuerhalten“, kritisiert Hagen. In der Konsequenz würde das bedeuten, dass weiterhin ein System existiert, das nicht nur zu den größten Treibern des Klimawandels gehört, sondern auch Milliarden Schweine, Rinder, Puten und Hühner auf unwürdigste Art und Weise leiden lässt.

„Die pflanzliche Ernährung kommt ohne Tierleid aus und ist weiterhin mit Abstand die Ernährungsform mit der besten Ökobilanz. Daher besteht keine Notwendigkeit, die industrielle Nutzung von Insekten voranzutreiben.“

– Nina Brakebusch

Um das Leid der Tiere zu beenden, dem Klimawandel entschieden entgegenzutreten und sich damit für eine Gesellschaft starkzumachen, die sowohl die Tiere als auch die Umwelt schützt, setzt sich der Deutsche Tierschutzbund für eine Förderung der Lebensmittel und Ernährungsweisen ein, die bereits jetzt besser sind. „Die pflanzliche Ernährung kommt nicht nur ohne Tierleid aus, sondern ist auch weiterhin mit Abstand die Ernährungsform mit der besten Ökobilanz. Daher besteht keine Notwendigkeit, die industrielle Nutzung von Insekten voranzutreiben“, sagt Brakebusch. Unsere Speisekarten, Kochbücher und Supermarkttheken sollten sich von Grund auf verändern. Aber nicht, indem wir zukünftig Insekten in unsere täglichen Gerichte integrieren, sondern deutlich mehr Obst, Gemüse, Getreide und Nüsse. Zum Wohl der Tiere und zum Wohl unseres Planeten.