Hinter den Kulissen

Tiere im Rampenlicht

Hinter den Kulissen

Tiere im Rampenlicht

Tierische Helden lassen seit Jahrzehnten die Kinokassen klingeln. In den sozialen Netzwerken sammeln putzige Vierbeiner Millionen Likes und bescheren ihren Besitzern riesige Werbeeinnahmen. Für den Erfolg – egal auf welcher Plattform – nehmen Macher dabei auch das Leid der Tiere in Kauf.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Die Macher von erfolgreichen Petfluencer-Accounts verdienen pro Posting Tausende Euro.

Als das Internet erfunden wurde, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass Katzenvideos dort einmal zu den gefragtesten Inhalten gehören würden. Auch die Tatsache, dass einzelne Tiere wie ein Weißbauchigel, ein Zwergspitz oder eine grimmige Katze online mehr Fans haben als die meisten Popstars oder Fußballvereine, lässt heute noch all diejenigen mit dem Kopf schütteln, die nicht auf Instagram, TikTok und Co. zu Hause sind. Petfluencer heißen diese tierischen Promis in den sozialen Netzwerken. Als Stars für Jung und Alt stehen sie gewissermaßen in der Tradition berühmter Filmtiere wie der Collie-Hündin Lassie, dem schielenden Löwen Clarence oder dem Delfin Flipper. Ob Tiere auf großen oder kleinen Bildschirmen, als Haupt- oder Nebendarsteller in Film, Fernsehen oder Internet unterhalten – nicht immer ist dies so komisch, wie es scheint. Nämlich dann, wenn der Tierschutz auf der Strecke bleibt.

DER SCHEIN TRÜGT

Das ist zum Beispiel der Fall, wenn die Macher der erfolgreichen Social-Media-Accounts, die pro Posting Zigtausende Euro mit Werbung verdienen, exotische Wildtiere wie den afrikanischen Weißbauchigel Herbee einsetzen. Sein Instagram-Account Mr. Pokee zählt fast zwei Millionen Follower. Dort wirbt das stachelige Tier unter anderem für Schuhe oder, in einer Popcorntüte platziert, für aktuelle Kinofilme. Ein Großteil der Fotos zeigt den Igel auf dem Rücken liegend, damit sein scheinbar lächelndes Gesicht zu sehen ist. Die Community ist begeistert, wie Hunderte Kommentare unter jedem Bild zeigen. „Doch Igel legen sich nicht freiwillig auf den Rücken. Sie rollen sich zusammen, um zu schlafen oder sich vor Gefahr zu schützen“, erklärt Kathrin Zvonek, Referentin für Interdisziplinäre Themen beim Deutschen Tierschutzbund. „Die Aufnahmen entstehen zudem außerhalb seines natürlichen Lebensraums und viele tagsüber im Freien, obwohl Weißbauchigel nachtaktiv sind.“ Herbee ist nicht das einzige Exemplar dieser Tierart, das in Internetvideos auftaucht. Szenen, in denen Menschen die Tiere baden oder massieren, gaukeln vor, dies würde ihnen gefallen. „Weder benötigt der Igel eine Massage, noch genießt er sie. Dies vermittelt ein völlig falsches Bild von diesem Wildtier“, sagt Zvonek.

SEIT 90 JAHREN VOR DIE KAMERA GEZERRT

Für viele Halter berühmter Petfluencer gilt: Profit ist wichtiger als Tierschutz.

Verzerrte Darstellungen sind jedoch kein neues Online-Phänomen. Seit Jahrzehnten stehen zum Beispiel Schimpansen als „Freunde des Menschen“ vor der Kamera. Bereits 1932 hatte Tarzan mit Cheetah einen tierischen Co-Star. „Unser Charly“ erlebte fast 20 Jahre lang Abenteuer im ZDF, und auch in den vergangenen Jahren waren die Menschenaffen in „The Wolf of Wall Street“ oder Castingshows für Models zu sehen. „Das erweckt den Eindruck, Schimpansen seien liebe Tiere, die sich als Haustier eignen und gerne mit Menschen zusammenleben“, erläutert Zvonek. Dafür werden sie aber schon im Alter von ein bis zwei Jahren von ihrer Mutter getrennt. Normalerweise bleiben sie fünf Jahre lang zusammen. Durch die Handaufzucht bauen die Halter eine unnatürliche Nähe als Basis für das Tiertraining auf. Und das alles für eine vergleichsweise kurze „Filmkarriere“, die in der Regel mit sechs Jahren endet. Dann kommen die Tiere nämlich in die Pubertät, werden zu gefährlich und müssen den Rest ihres Lebens auf Tierfarmen oder in Zoos verbringen. Schimpansen haben eine Lebenserwartung von 50 Jahren.

„Nicht alle Auftritte aller Tiere in Unterhaltungsformaten sind pauschal zu verurteilen – das ist von Fall zu Fall und abhängig von der Tierart zu beurteilen“, sagt Zvonek. Doch aus Tierschutzsicht sei es grundsätzlich nicht akzeptabel, wenn Wildtiere zur Belustigung dienen. „Auftritte mit Tierarten, die in Gefangenschaft nicht verhaltensgerecht gehalten werden können, lehnen wir ebenso ab wie die Präsentation von Tieren im Studio.“ Darum hat der Deutsche Tierschutzbund im Juni 2020 zum Beispiel auch Wolfgang Link, CEO Entertainment von ProSiebenSat.1, kontaktiert, nachdem Menschen in einer Folge der Sendung „Balls – Für Geld mach ich alles“ Kaimane küssen mussten. „Kaimane sind normalerweise bissig und mögen es überhaupt nicht, angefasst zu werden. Die Studioscheinwerfer schaden zudem dem Sehvermögen der Tiere, und auch die Geräuschkulisse aus Musik, Applaus und dem Publikumslärm ist für sie alles andere als angenehm“, erklärt Zvonek. Für Wildtiere bedeutet die Nähe zum Menschen, ähnlich wie im Zirkus, immer großen Stress. Denn anders als Heimtiere sind sie nicht domestiziert.

Der Hype um Clownfisch Nemo hat nicht nur den Spielzeugmarkt beflügelt, sondern auch zu einer Überfischung der lebendigen Exemplare geführt.

FÜR DEN PROFIT VERMENSCHLICHT

„Der Einsatz von Heimtieren erscheint auf den ersten Blick weniger kritisch, sofern die Halter sie nicht zu tierschutzwidrigen Handlungen zwingen“, sagt Zvonek. Viele Instagrammer dokumentieren das Leben ihrer Heimtiere liebevoll, zeigen durch ihre Fotos und Clips, dass Tierheimtiere oder Tiere mit Handicap wertvolle Begleiter sind, oder machen auf Themen wie das Bienensterben oder die industrielle Tierhaltung aufmerksam. Doch wenn mit steigendem Erfolg der Profit wichtiger wird als das Wohlbefinden des Tieres, können Konflikte mit dem Tierschutz vorprogrammiert sein. So sind tierische Internet-Stars wie der Zwergspitz Jiffpom oder die bereits verstorbene Grumpy Cat zum Beispiel oft in bunten Kostümen zu sehen. „Tieren Kleidung anzuziehen oder sie in Angstsituationen zu bringen, ist inakzeptabel“, merkt Zvonek an.

Auch in Filmen sind nach wie vor verschiedenste Heimtiere zu sehen. So bemängelt die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz beispielsweise die inakzeptable Haltung von Tieren in populären Formaten wie „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Diese zeigten Vögel in zu kleinen Käfigen, und die Filmcharaktere hielten sehr soziale Papageien und Beos allein. Zvonek, die selbst auch Tierärztin ist, unterstützt das Anliegen der Tiermediziner: „Selbst wenn Tiere ‚nur‘ im Hintergrund zu sehen sind und nicht aktiv auftreten, müssen die Produzenten darauf achten, eine artgerechte Haltung zu zeigen. Sonst könnte dies Nachahmereffekte auslösen.“ Diese drohen auch nach manchem Werbespot. Der Deutsche Tierschutzbund forderte erst im April 2020 den Fernsehsender Home Shopping Europe auf, einen Clip aus dem Programm zu nehmen. Darin drohte eine Frau ihrer Freundin, deren Hamster in den Küchenmixer zu werfen, sollte sie ihr nicht verraten, wo sie ihr Kleid gekauft hat. „Die Dreharbeiten bedeuten für ein nachtaktives und menschenscheue Tier großen Stress. Zudem stellt der Spot Mode als so wichtig dar, dass die Protagonistin dafür bereit wäre, ein Tier zu quälen oder zu töten. Nicht auszudenken, wenn zum Beispiel Kinder dies nachahmen“, sagt Zvonek. Der Sender hat den Clip auch aufgrund der massiven Kritik in den sozialen Medien mittlerweile überarbeitet und den Hamster durch ein Handy ersetzt.

GEFÄLLT MIR. WIRKLICH?

Tierfreunde sollten keine Petfluencer unterstützen, deren Besitzer offensichtlich mehr am wirtschaftlichen Erfolg als am Wohlbefinden der Tiere interessiert sind. Schauen Sie genau hin, bevor Sie einem Petfluencer folgen oder Fotos und Videos liken. Dies sind einige Punkte, auf die Sie achten sollten:

  • Die Tiere sollten keine Kleidung und/oder Accessoires tragen, da diese sie in ihrem natürlichen Verhalten einschränken.
  • Der Account sollte keine Wildtiere präsentieren, da die Halter ihre artspezifischen Bedürfnisse nicht erfüllen können.
  • Unterstützen Sie keine Petfluencer, die aus Qualzuchten stammen. Die große Präsenz und der Erfolg in den sozialen Medien könnte die Nachfrage nach diesen Rassen steigern.
  • Die Tiere sollten tiergerecht präsentiert und nicht extra künstlich in Szene gerückt werden, also beispielsweise nicht in einer Tasse oder einem Spielzeugauto zu sehen sein.
  • Die Fotos oder Videos sollten den normalen Tagesablauf der Tiere nicht stören. Achten Sie darauf, dass nachtaktive Tiere nicht regelmäßig tagsüber fotografiert oder gefilmt werden.
  • Am besten sollten die Tiere ganz normal im „Alltag“ zu sehen sein.

ERST TREND-, DANN TIERHEIMTIER

„Grundsätzlich bleibt außerdem zu bedenken, dass Tiere in den Medien Begehrlichkeiten wecken können“, warnt Zvonek. Sogar animierte Tiere wie der Clownfisch Nemo ließen die Nachfrage in die Höhe schnellen. Der Erfolg des Films führte durch die Vermarktung von Wildfängen, die für alle Tierarten abzulehnen sind, zu einer Überfischung und einem Rückgang der Population. Eine hohe Nachfrage nach den Trendtieren ist seit jeher eine Begleiterscheinung von tierischen Filmerfolgen. Bereits nach dem ersten „Lassie“-Film 1943 stiegen die Registrierungen von Collies in den USA um 40 Prozent. Die Realverfilmung von „101 Dalmatiner“ führte gar dazu, dass aufgrund des Booms in den USA Zehntausende Tiere dieser Rasse in Tierheime eingeliefert und sogar mehrere Tausend Tiere eingeschläfert wurden – in den USA, wie auch in einigen anderen Ländern, in überfüllten Tierheimen leider noch immer üblich. „Wenn Filmfans Tiere unüberlegt anschaffen, sind sie schnell überfordert. Das führt zu einer nicht tiergerechten Haltung und endet oft damit, dass sie die Tiere im Tierheim abgeben“, berichtet Zvonek. Um solche Phänomene zu verhindern, hat der Deutsche Tierschutzbund Anfang 2020 zum Start der neuen Fassung von „Lassie“ die Produktionsfirma und die Kinoketten aufgefordert, präventive Maßnahmen zu ergreifen. Nur ein Kino legte daraufhin Broschüren zum illegalen Welpenhandel aus. Dabei nutzen kriminelle Vermehrer und Händler solche medialen Hypes aus, um aus bestimmten Tierarten oder Rassen Profit zu schlagen und sie online zu vertreiben. „Zudem ist die Zucht von Collies kritisch zu sehen, da die Tiere aufgrund der Selektion unter Qualzuchtmerkmalen leiden können“, sagt Dr. Katrin Umlauf, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund.

Auch manche Petfluencer steigern die Popularität von Qualzuchten, beispielsweise Teacup-Hunden, bei denen Züchter oftmals die kleinsten und schwächsten Exemplare einer Zwerghunderasse paaren, um noch winzigere Tiere zu erhalten. „Sie leiden oft unter Augen- und Atemproblemen durch die Verkürzung des Schädels, fragilen Knochen oder Fehlbildungen von Blutgefäßen wie dem Lebershunt“, erklärt Umlauf. Der Deutsche Tierschutzbund bittet darum, entsprechende Petfluencer nicht mit Likes und Abonnements zu unterstützen. An die Halter von Petfluencern, aber auch an Film- und Fernsehproduzenten appelliert der Verband, auf den Einsatz von Wildtieren zu verzichten und sich auch bei Heimtieren zu fragen, inwieweit sie für den Erfolg notwendig sind.

UNTERHALTUNG MIT GUTEM GEWISSEN

Bei aller Kritik müssen Familien an gemütlichen Winterabenden aber natürlich nicht auf den gemeinsamen tierischen Filmgenuss verzichten, denn der ist auch guten Gewissens möglich. „Durch moderne Computertechnik, Animationen und Bildbearbeitungsprogramme gibt es heute gute Alternativen zum Einsatz von realen Tieren“, bekräftigt Zvonek. Und dann sind da ja auch noch die Dokumentationen, die die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zeigen – ohne Inszenierung, Kostüme und unrealistische Darstellungen, aber genauso spannend wie die Abenteuer nach Drehbuch.

DIE TIERE BRAUCHEN SIE

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