Tierschutz leben

Soziale Langschläfer

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Soziale Langschläfer

Gesellig, possierlich, die kalte Jahreszeit eng aneinandergekuschelt verschlafend – das Murmeltier ist ein echter Sympathieträger.

  • Autor: Bernd Pieper, Geschäftsführer Kommunikation beim Deutschen Tierschutzbund

Eine Geschichte über das Murmeltier mitten in der kalten und dunklen Jahreszeit? Einer Zeit, in der diese Tiere schlafen, dem menschlichen Auge und Ohr für rund ein halbes Jahr verborgen bleiben? Ja, gerade dann, denn der Winterschlaf des Murmeltiers – genauer des Alpenmurmeltiers, es gibt weltweit 14 Murmeltierarten – ist eine hochinteressante Sache. Die maximal sechs Kilogramm schweren und 60 Zentimeter langen Hörnchen können bis zu 15 Jahre alt werden. Sie sind echte Familientiere. Rund 20 Mitglieder hat eine Familiengruppe. Beschnuppern, gegenseitige Fellpflege und regelmäßiges Nasenreiben stärken die Bindung. Auch beim Anlegen des weitverzweigten Murmeltierbaus mit vielen Gängen und Kammern arbeiten alle Familienmitglieder zusammen.

LANGER SCHLAF

Mit regelmäßigem Nasenreiben stärken die geselligen Murmeltiere, die den Winter größtenteils verschlafen, ihre Bindung.

Bereits Anfang Oktober ziehen sich die Murmeltiere in ihren Bau zurück. In dieser Zeit haben die Gräser, Kräuter und Blüten schon den größten Teil ihrer Nährstoffe verloren, die Fettreserven müssen längst aufgefüllt worden sein. Der Bau reicht bis zu sieben Meter tief in die Erde und wird mit trockenem Gras isoliert und gepolstert. Ein wichtiges Kriterium für die Schlafhöhle ist Frostfreiheit: „Da die Murmeltiere ihren Stoffwechsel und ihre Körpertemperatur während der Tiefschlafphasen drastisch herunterfahren und ihr Herz nur noch vier- bis sechsmal pro Minute schlägt, können sie eisige Temperaturen nicht mehr mit ihrer eigenen Körperwärme ausgleichen“, erklärt Katrin Pichl, Referentin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund. „Ebenfalls isolierend wirkt ein bis zu zwei Meter langer Pfropfen aus Gras, Erde, Steinen und Kot, der zusätzlich noch potenzielle Feinde am überraschenden Eindringen hindert.“

LEBENDE WÄRMFLASCHEN

In der Schlafhöhle nehmen Eltern und ältere Geschwister die Jungtiere in ihre schützende Mitte. In diesem Verhalten sehen Forscher auch den wichtigsten Grund für das einigermaßen unzüchtige Treiben innerhalb einer Murmeltierfamilie: Das ranghöchste Weibchen wird von mehreren Männchen aus der Gruppe gedeckt. Und je mehr Männchen davon ausgehen, den Nachwuchs gezeugt zu haben, desto bereitwilliger dienen sie als lebende Wärmflaschen. „Alle zwölf bis 14 Tage erwärmen sich die Tiere durch Muskelzittern und erhöhte Atemfrequenz auf ihre Normaltemperatur von 35 Grad, sondern Kot und Urin ab und tragen somit zur Erwärmung der Höhle bei“, so Pichl. Spätestens nach zwei Tagen geht es zurück in die Tiefschlafphase.

Anfang April verlassen die Murmeltiere ihre Schlafhöhle, und die Paarungszeit beginnt. Der flügge gewordene Nachwuchs geht spätestens im fünften Lebensjahr auf die Suche nach einem eigenen Territorium. Eine stressige Phase: Entweder muss das bisherige Alphatier eines bereits bewohnten Territoriums in die Schranken gewiesen oder ein neues, unbewohntes Gebiet samt potenziellem Partner gefunden werden.

SONNIG UND KÜHL

„Ein klassischer Murmeltier-Lebensraum in den Alpen liegt oberhalb der Baumgrenze und besteht aus steinbesetzten Grünflächen, Almen und Weiden“, sagt Pichl. „Ideal ist ein sonniger Südhang, wo die Vegetationsperiode auf schneefreier Fläche früh einsetzt.“ Dort lassen sich Murmeltiere von Wanderwegen aus oft gut beobachten – denn so scheu die Tiere grundsätzlich sind, so rasch gewöhnen sie sich auch an regelmäßig wiederkehrende „Störungen“. In tieferen, wärmeren Lagen müssten sich die tagaktiven Tiere häufiger zur Abkühlung in ihren Bau zurückziehen, was die Zeit für die Nahrungsaufnahme deutlich reduzieren würde. „Im Zuge des Klimawandels dürfte sich der Lebensraum weiter nach oben verschieben. Da dort weniger Nahrungsflächen vorhanden sind, liegt hier mittelfristig wohl die größte Bedrohung für das Alpenmurmeltier.“ In Deutschland unterliegen Murmeltiere zwar dem Jagdrecht, aber mit ganzjähriger Schonzeit. In Österreich hingegen werden jährlich bis zu 7.500 Tiere erlegt – angeblich, weil sie unter anderem mit ihren Tunnelbauten die Almen untergraben und damit die weidenden Kühe gefährden würden. Der Deutsche Tierschutzbund hält dieses Argument für vorgeschoben und lehnt die Bejagung von Murmeltieren strikt ab.

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Bildrechte: Artikelheader: iStock – mauribo; Foto: BrianEKushner (Murmeltier im Schnee)