Im Einsatz für die Tiere

„Wenn, dann mit“

Im Einsatz für die Tiere

„Wenn, dann mit“

Das Team des Tierschutzlabels „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes setzt sich tagtäglich dafür ein, die Situation von in der Landwirtschaft lebenden Tieren zu verbessern. Dr. Elke Deininger, Leiterin des Geschäftsbereiches Tierschutzlabel beim Deutschen Tierschutzbund, verrät mehr zu ihrer persönlichen Motivation, aktuellen Entwicklungen, dem einzigartigen Kontrollsystem und Zielen für die Zukunft.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Das Tierschutzlabel „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes hat seit 2013 deutlich verbesserte Lebensbedingungen für mehrere Millionen Tiere geschaffen. Dennoch sorgen sich manche Tierschützer, dass der Verband mit diesem Siegel den Fleischkonsum fördert. Wie bewerten Sie diesen vermeintlichen Widerspruch?

Dr. Elke Deininger: Ich sehe darin gar keinen Widerspruch. Ich bin Tierärztin und stehe voll und ganz hinter den Zielen des Deutschen Tierschutzbundes, dass kein Tier mehr für den menschlichen Nutzen leiden oder getötet werden soll. Doch das ist ein langfristiges Ziel. Unsere Gesellschaft ist größtenteils noch nicht so weit, und die Nachfrage nach Fleisch, Eiern und Milchprodukten ist weiterhin groß. Darum setzen wir in der aktuellen, realen Situation der Tiere in der Landwirtschaft an und kämpfen jeden Tag dafür, ihre Situation – die Art, wie sie heute leben – zu verändern. Mit unserem Label bekommen wir einen Fuß in die Tür, stehen im konkreten Austausch mit der Landwirtschaft, begegnen uns auf Augenhöhe und helfen den teilnehmenden Betrieben maßgeblich, sich tiergerechter aufzustellen, und verbessern so den Status quo für viele, viele Rinder, Schweine und Hühner. Das sind nur erste Schritte auf einem langen Weg, aber gegenüber der konventionellen Tierhaltung sind es riesige Schritte, mit denen wir tatsächlich etwas im Hier und Jetzt bewirken.

Aufgrund der Corona-Pandemie konnte die Internationale Grüne Woche, die international wichtigste Messe für Ernährungswirtschaft und Landwirtschaft, nur digital stattfinden. Welche Bedeutung hatte das für Sie?

Deininger: Die Messe und der dazugehörige Empfang mit Vertretern aus Politik, Landwirtschaft, Handel, Wissenschaft und Tierschutz sind für unser Team tatsächlich ein Höhepunkt im Jahr, an dem wir uns mit vielen Personen zu unserem Tierschutzlabel, aber auch zu anderen Tierschutzthemen austauschen. Der Kontakt zu diesen Fachleuten, aber auch zu den vielen Schulklassen und interessierten Berlinern, die uns üblicherweise am Stand besuchen, hat uns dieses Jahr gefehlt. Erfreulicherweise haben wir während der Messezeit und danach über 40 sehr gute und konstruktive Gespräche mit hochrangigen Ansprechpartnern aus all diesen Bereichen online führen können. Das Interesse und die Anzahl der Anfragen bestätigen die Beachtung, die unser Weg findet, bessere Haltungsbedingungen in der Landwirtschaft zu erreichen.

Die Corona-Pandemie bestimmt alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Inwiefern hat es auch die Arbeit des Tierschutzlabels und seiner Mitarbeiter verändert?

Deininger: Unsere Tierschutzlabel-Berater fahren nach wie vor zu den Betrieben raus, aber natürlich achten wir auf den Schutz unserer Kollegen, der Landwirte und der Bevölkerung. Darum priorisieren wir und besuchen vorwiegend Betriebe, die sich neu anschließen möchten oder die Beratungsbedarf haben. Ähnlich schwierige Situationen ergeben sich auch für die Auditoren. Aber auch diese führen nach wie vor auch unangemeldete Kontrollen durch. Die Organisation ist im Moment eine riesige Herausforderung. Wir dürfen niemanden gefährden, müssen aber dort präsent sein, wo uns die Tiere brauchen. Zudem stärken wir unsere Online-Aktivitäten, um unsere Botschaft zu vermitteln und Kontakte zu halten. Wir haben erstmalig eine Online-Veranstaltung für Landwirte zum Thema Klauengesundheit durchgeführt, wozu wir Prof. Alexander Starke von der Veterinärmedizinischen Universität Leipzig gewinnen konnten. Zu unserer freudigen Überraschung haben über 200 Landwirte an der Veranstaltung teilgenommen, was in jeglicher Hinsicht ein positives Signal für mehr Tierschutz in den Ställen ist. Darum planen wir weitere Veranstaltungen dieser Art.

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2020 hat der Deutsche Tierschutzbund sein Tierschutzlabel auf Mastrinder aus Milchkuhbetrieben ausgeweitet. Wie unterscheidet sich das Leben eines Mastrindes in einem zertifizierten Betrieb gegenüber dem eines Tieres, das in der konventionellen Haltung lebt?

Deininger: Sowohl in der Einstiegs- als auch in der Premiumstufe des Tierschutzlabels „Für Mehr Tierschutz“ müssen die Rinder ausreichend Platz haben, um sich entsprechend ihrer Bedürfnisse bewegen zu können. Wir verbieten die in der Rindermast übliche Haltung auf Vollspaltenboden. Die Landwirte müssen den Tieren größere, strukturierte Buchten mit einem weichen, trockenen und eingestreuten Liegebereich zur Verfügung stellen. Um Wind und Wetter zu spüren, ist ein sogenannter Offenfrontstall vorgeschrieben. Im Premiumbereich müssen die Rinder zusätzlich das ganze Jahr die Möglichkeit haben, nach draußen zu gehen – in einen Auslauf oder auf eine Weide. Da in der konventionellen Haltung enge Buchten mit Vollspaltenboden Alltag sind, ist der Schritt hin zu einer Haltung nach unseren Vorgaben für die meisten Landwirte sehr groß und wir werden wohl zunächst leider ein Nischenprodukt anbieten.

Warum ist die Ausweitung des Labels auf diese Tiere besonders wichtig?

Deininger: Es gibt in Deutschland keinen ausreichenden Markt für die Milchkälber. Darum verkaufen die Betriebe männliche Kälber von Milchrassen, ebenso die weiblichen Jungtiere, die nicht für die Milchproduktion benötigt werden. Mehr als 600.000 von ihnen werden ins Ausland transportiert und dort unter Bedingungen gemästet, die in Deutschland nicht erlaubt wären. Oftmals gehen sie nach Spanien. Die Torturen für die Milchkälber bei Transport und Schlachtung sind bekannt. Mit den Kriterien des Labels möchten wir dazu beitragen, eine Alternative aufzubauen, die hierzulande eine tierschutzgerechte und ökonomisch sinnvolle Mast ermöglicht.

Die betäubungslose Ferkelkastration beschäftigt die Menschen, die Landwirtschaft und die Politik seit Jahren. Nun ist sie endlich verboten. Wie betrifft dies die Label-Betriebe?

Deininger: Die Label-Betriebe beweisen seit Jahren, dass es im Alltag möglich ist, mit Kastrationen unter Vollnarkose, der Immunokastration oder der Ebermast gleichzeitig tierschutzgerecht und wirtschaftlich zu arbeiten. Denn seit Tag Eins ist die betäubungslose Kastration in unserem Programm verboten.

Das Tierschutzlabel ist ständig in Bewegung. Darum haben Sie unter anderem die Anforderungen an die Schweinemastbetriebe in der Einstiegsstufe grundlegend verändert. Inwiefern und warum?

Deininger: Grundsätzlich bleiben wir immer in Bewegung. Es ist nicht damit getan, einmalig Richtlinien zu entwickeln, sondern wir hinterfragen unsere Vorgaben und Abläufe regelmäßig, führen jährliche Revisionen durch und versuchen so, uns im Sinne der Tiere stetig weiterzuentwickeln. Bei der Schweinemast beispielsweise haben wir uns zu Beginn des Tierschutzlabels für die Einstiegsstufe am Status quo orientiert. Wie müssen die meisten Mastschweine in Deutschland leben? Wir wissen alle, dass dies keine besonders gute Haltung ist. Von diesen Ställen ausgehend haben wir mithilfe von Praktikern und Wissenschaftlern deutliche Verbesserungen in konventionellen Ställen für die Schweine erzielt. Allerdings müssen wir zum jetzigen Zeitpunkt sagen, dass wir diese Systeme nicht stabil halten können. Wir haben das Resumée gezogen, dass wir eine neue Einstiegsstufe für Schweine brauchen. Ab 2021 lassen wir also ausschließlich Betriebe zu, in denen Tiere in Offenställen mit Stroheinstreu gehalten werden. Es ist eine sehr wichtige Erkenntnis, dass wir trotz vieler Verbesserungen die konventionellen Warmställe nicht in sicher funktionierende tiergerechtere Ställe überführen können. Schön wäre es, wenn auch die Politik dies begreift und unsere Arbeit zu entsprechenden Gesetzesänderungen führt.

Die Veterinärbehörden kontrollieren die Schweinemastbetriebe in Deutschland durchschnittlich nur alle 17 Jahre, in Bayern sogar nur alle 48 Jahre. Wie vergewissern Sie sich, dass die Betriebe Ihre Vorgaben einhalten?

Deininger: Durch sehr viel regelmäßigere Kontrollen. Kein anderes Label hat so eine hohe Kontrolldichte wie wir. Jeder Betrieb erhält jährlich zwei bis vier unangemeldete Besuche unserer unabhängigen Zertifizierungsstellen. Und mit unangemeldet meine ich auch unangemeldet. Wir informieren weder 48 Stunden noch 24 Stunden vorher, wie dies bei anderen Kontrollen teilweise der Fall ist. Und natürlich besuchen auch unsere Berater alle Betriebe, verschaffen sich ein Bild vor Ort und suchen den partnerschaftlichen Austausch für mehr Tierschutz. Das ist einzigartig.

2023 feiert das Tierschutzlabel zehnjähriges Jubiläum. Welche Ziele verfolgen Sie bis dahin?

Deininger: Wir möchten das Label weiterentwickeln, neben Masthühnern, Mastschweinen, Mastrindern, Legehennen und Milchkühen weitere Tierarten mit aufnehmen und die Zahl der Tiere steigern, die unter den besseren Haltungsbedingungen leben. Unser Ziel ist es, dass der namensgebende Aspekt „Für Mehr Tierschutz“ noch stärker in der Praxis und somit letztlich bei den Verbrauchern ankommt. Wir möchten den Käufern, die noch nicht auf tierische Produkte verzichten möchten, eine Orientierungshilfe bieten und sie animieren, den Tierschutz beim Einkauf mit einzubeziehen, damit sie ganz selbstverständlich nach dem Label Ausschau halten und nach dem Grundsatz einkaufen: „Wenn, dann mit“.

Weiterführende Informationen

  • Erfahren Sie mehr zum Tierschutzlabel „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes.
    tierschutzlabel.info