Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER
Am Himmel ist es wieder ruhiger geworden. Nachdem die Mauersegler den Sommer bei uns in Mitteleuropa verbracht und uns mit ihren lauten „Sri Sri“-Rufen erfreut haben, sind die geselligen Flugakrobaten nun auf dem weiten Weg in ihr Winterquartier in Afrika. Als Zugvögel zählen sie zu den Tieren, die regelmäßig Tausende Kilometer zurücklegen und für ihre Reisen reichlich Strapazen auf sich nehmen. Auf Wanderschaft orientieren die Tiere sich nicht nur an geografischen Besonderheiten wie Gebirgszüge oder Flüsse, sondern warten auch günstige Winde ab.
So fliegen sie je nach Wetterlage im Herbst etwa 250 Kilometer am Tag; im Frühling, wenn es wieder in die andere Richtung geht, sind es sogar fast 600 Kilometer. Mit ihren etwa 40 Gramm Körpergewicht und ihren sichelförmigen Flügeln sind sie perfekte kleine Piloten. Tatsächlich verbringen sie mit Ausnahme der Brutzeit ihr gesamtes Leben in der Luft – sie schlafen nicht nur im Flug, sondern fangen so auch ihre Beute. Zwar können sie bei ihren Sturzflügen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern pro Stunde erreichen, aber um Energie zu sparen, gleiten oder segeln sie meistens. Außerdem legen sie auf ihrer langen Reise in ihr Winterquartier immer wieder Zwischenstopps ein, um ihre Reserven aufzufüllen. Trotzdem lassen sich manche Gefahren nicht vermeiden: Immer wieder können sie in Unwetter oder Kälteeinbrüche geraten, was auch einigen der im Sommer geschlüpften Jungtiere zum Verhängnis wird. Diejenigen, die es unversehrt ans Ziel schaffen, bleiben bis zum Frühjahr. Dann kehren sie bis Anfang Mai wieder in ihre Brutgebiete zurück.
Nicht nur in der Luft, auch im Wasser gibt es Tiere, die auf ihren Wanderungen erstaunliche Leistungen vollbringen. Atlantische Lachse beispielsweise schrecken ebenfalls nicht vor kräftezehrenden, riskanten Wanderrouten zurück. In Mitteleuropa laichen die Fische zwischen November und Dezember in Quellwassergebieten. „Während die meisten Elterntiere anschließend sterben, kommen die Jungtiere im Frühjahr in Süßwasserflüssen zur Welt, in denen sie ungefähr ein bis zwei Jahre verbringen“, berichtet Katrin Pichl, Referentin für Wildtiere beim Deutschen Tierschutzbund. „Durch eine Umstellung ihres Stoffwechsels können sie sich im Laufe der Zeit ihrem künftigen Lebensraum im Salzwasser anpassen und wandern in den Atlantik – zum Beispiel zu den Küsten Grönlands, Islands, Großbritanniens und zum Nordpolarmeer.“ Dort bleiben sie ein bis sieben Jahre, bis sie ausgewachsen und somit geschlechtsreif sind. Dann zieht es die inzwischen etwa 30 Kilogramm schweren, anderthalb Meter großen Fische wieder zurück an ihren Geburtsort – eine Wanderung, die bis zu einem Jahr dauern kann. „In dieser Zeit nehmen die Lachse keine oder nur sehr wenig Nahrung zu sich, und leben von ihren Energiereserven“, so Pichl. Umso beeindruckender sind die Geschwindigkeiten und ihre Kraft, die Ströme entlangzuschwimmen. So erreichen Lachse 25 bis 40 Stundenkilometer und legen etwa 50 Kilometer pro Tag zurück. Um Hindernisse oder Flussabschnitte zu überwinden, können sie fast vier Meter hochspringen. Zudem verfügen die Fische über einen angeborenen „Kompass“ und orientieren sich am Magnetfeld der Erde. Zu ihrem Geburtsort finden sie aber auch mithilfe ihres besonderen Geruchssinns zurück. Auf ihrer Wanderung begegnen ihnen ebenfalls zahlreiche Hindernisse und Gefahren. So wird ihnen beispielsweise der Weg durch eine zunehmende Bebauung, etwa von Wasserkraftwerken, versperrt. Auch die Verschmutzung der Flüsse durch Abwasser und Chemikalien sowie die Überfischung setzen den Lachsen zu, sagt Pichl. „Um die Lachse besser zu schützen, ist es wichtig, Flüsse zu renaturieren, die Gewässer für wandernde Fische wieder leichter passierbar zu machen und Schutzzonen einzurichten – insbesondere in den Laichgebieten.“
Wenn sich Gnus auf ihre rund 1.000 Kilometer lange Wanderung begeben, ist das ebenfalls ein beeindruckendes Naturschauspiel – es handelt sich um eine der größten Tierwanderungen an Land. Jährlich ziehen Westliche Weißbart-Gnus in riesigen Herden durch die Serengeti, um nach Futter und Wasser zu suchen. Zusammen mit zahlreichen anderen Huftieren wie Zebras und Gazellen versammeln sich streckenweise weit mehr als eine Million Tiere. Aktuell, im September und Oktober, befinden sich viele Gnus in Kenia, bis die ersten kurzen Regenfälle beginnen. Dann wandern sie in Richtung Süden nach Tansania, wo sie während der Regenzeit reichlich Gras finden. Dort kommen, meist im Februar, auch ihre Kälber zur Welt – insgesamt sind es rund 400.000. Sobald die Jungtiere im April kräftig genug sind, können die Tiere ihre Wanderung fortsetzen. Denn sind die Weideflächen abgegrast, geht es auf der Suche nach Wasser und frischen Gräsern wieder zurück in Richtung Norden. Beides finden sie im Juni in der Nähe des Grumeti-Flusses – doch hier und auch später, etwa im August beim Überqueren des Mara-Flusses, lauern die größten Gefahren der Wanderung: Tausende Gnus fallen dann Krokodilen zum Opfer, andere ertrinken oder werden totgetrampelt, wenn sich Panik unter den Tieren ausbreitet. Doch ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich diesen Gefahren zu stellen, denn mit Beginn der Trockenzeit wird das Wasser knapp. Dann kehren sie wieder nach Kenia zurück – ein Kreislauf, der sich Jahr für Jahr wiederholt.
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