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Mulle groß in Mode

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Nacktmulle sind faszinierende Tiere. Dass sie nun als ultimatives Versuchstier gefeiert werden, macht Tierschützer wütend.

  • Autor: Nadia Wattad, Redaktionsleitung von DU UND DAS TIER

Sie leben in Afrika in selbst gegrabenen Tunnelsystemen unter der Erde, können bis zu 27 Zentimeter lang werden, sind nackt und haben walrossähnliche Zähne – im Miniformat, versteht sich. Kurzum: Sie sehen für das menschliche Empfinden nicht unbedingt niedlich aus. Natürlich rechtfertigt das noch lange keine Tierversuche an ihnen. Diese werden auch nicht wegen ihres Aussehens, sondern wegen ihrer physiologischen Eigenschaften durchgeführt. So sagte Wissenschaftler Prof. Gary R. Lewin vom Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) nach mehr als 14 Jahren Forschung über den Nacktmull: „Der Mull ist das ungewöhnlichste Tier von allen.“ Eine bemerkenswerte Erkenntnis nach unzähligen Tierversuchen an ihnen.

Nacktmulle sorgen immer wieder für Schlagzeilen

Insbesondere in den letzten Monaten sorgte der Nacktmull für Schlagzeilen. So hat Lewin in einer Versuchsreihe herausgefunden, dass die hautfarbenen Tiere 18 Minuten ohne Sauerstoff auskommen können. Danach erstickten sie jämmerlich, doch das wurde in den Meldungen nur am Rande erwähnt. Die Wissenschaft war um die Erkenntnis reicher, dass Nacktmulle ihren Stoffwechsel umstellen können. Wenn der Sauerstoff fehlt, benutzen sie Fruchtzucker, um Herz und Gehirn am Leben zu halten. Was dies der Menschheit bringen soll, bleibt fraglich. Ob solche Versuche überhaupt ethisch vertretbar sind, haben die Journalisten überhaupt nicht thematisiert.

Der Nacktmull kann aber nicht nur sehr lange dem Sauerstoffentzug trotzen, er soll auch besonders schmerzunempfindlich sein. Hierfür haben Forscher die Tiere verschiedenen Reizen ausgesetzt – mechanischen, thermischen und chemischen. Sprich, sie quetschen oder zwicken die Nacktmulle, setzen sie größerer Hitze aus und schrecken noch nicht einmal davor zurück, ihnen Säure und Chili in die Haut zu injizieren. Diese Tierqual soll dem reinen Erkenntnisgewinn dienen, der darin liegt, dass die Tiere durchaus Schmerzen empfinden, diese aber je nach Art des Schmerzes weniger intensiv ausfallen können. Doch selbst wenn dies abschließend nachgewiesen würde – sollte das ein Freibrief dafür sein, ihnen alle nur erdenklichen Qualen zuzufügen?

Der Nacktmull: Länge: bis 27 cm Behaarung: nackt Zähne: walrossähnlich Lebensraum: ostafrikanische Halbwüste unter der Erde

Der Nacktmull:
Länge: bis 27 cm
Behaarung: nackt
Zähne: walrossähnlich
Lebensraum: ostafrikanische Halbwüste unter der Erde

Nacktmulle altern nicht

Auch in der Krebsforschung greift man gern auf den Nacktmull zurück, da dieses Tier trotz seines vergleichsweise überdurchschnittlich langen Lebens von bis zu 30 Jahren keine Tumore entwickelt. Wissenschaftler um Vera Gorbunova von der University of Rochester stellten fest, dass Nacktmulle über ein spezielles Molekül in der Haut verfügen. „Statt hier weiter auf Tierversuche zu setzen, sollte Krebs tierversuchsfrei erforscht werden. Wo noch keine Ersatzmethoden verfügbar sind, müssen diese entwickelt werden. Mit einer massiven Ausweitung der Förderung tierversuchsfreier Methoden wäre dies möglich“, so Tilo Weber, Referent für Alternativmethoden zu Tierversuchen beim Deutschen Tierschutzbund.

Nacktmulle leben in freier Wildbahn in großen Kolonien mit bis zu 300 Tieren in den Halbwüsten Ostafrikas unter der Erde. Ihr Körper hat sich diesen extremen Bedingungen perfekt angepasst. Wären sie zum Beispiel behaart, könnten sich die Haare beim Rückwärtskriechen aufstellen und sie dabei stören. Ihre soziale Ordnung entspricht der eines Ameisenstaates – es gibt eine Königin, die sich verpaart, und die übrigen Tiere gehen streng untereinander aufgeteilten Aufgaben nach: Sie ziehen die Jungen groß, graben neue Tunnel und verteidigen die Kolonie. Die Königin äußert ihre Autorität durch ihr aggressives Auftreten – sie patrouilliert fauchend durch das Tunnelsystem und schubst diejenigen, die ihr im Weg stehen, gerne zur Seite. Ebenfalls interessant ist, dass Nacktmulle keine konstante Körpertemperatur haben – sie sind wie Insekten und Amphibien wechselwarm. Es gibt kein anderes Säugetier, das das von sich behaupten kann.

Nacktmulle sind außergewöhnliche Tiere

Unbestritten – Nacktmulle sind außergewöhnliche Tiere. Viele Wissenschaftler sehen diese Wunder der Natur aber nicht als Individuen an, die ein Recht zu leben haben, sondern als interessante Versuchsobjekte. Jeder möchte der Erste sein, der nach unzähligen Versuchen an ihnen neue Erkenntnisse entdeckt, die dem Menschen vermeintlichen Fortschritt bringen. Ist dieser menschliche Egoismus rechtens? Hat nicht jedes Tier Anspruch auf Unversehrtheit? Das sind ethische Fragen. Ob Tierversuche der Menschheit überhaupt nützen, steht auf einem anderen Blatt. „Der Mensch ist nun mal keine 70-Kilogramm-Ratte oder in diesem Fall kein Nacktmull. Wir vom Deutschen Tierschutzbund sehen Tierversuche auch deshalb kritisch, weil sich die Ergebnisse nur schwer auf den Menschen übertragen lassen. Den Medien verkaufen die Wissenschaftler ihre Ergebnisse, die sie an einem Tier erzielt haben, häufig als medizinischen Durchbruch. Doch ein Medikament, das beim Tier anschlägt, tut dies nicht zwangsläufig auch beim Menschen. Das steht dann nicht mehr in den Zeitungen“, so Weber.

Im Gegensatz zu tierversuchsfreien Verfahren wurden viele Tierversuche nie darauf überprüft, ob sie für den Menschen relevante Ergebnisse liefern. Stattdessen haben sie sich aufgrund der einfachen Verfügbarkeit von Tieren, die man in Versuchen einsetzen konnte, und anderer ethischer Maßstäbe etabliert – bis heute. Es ist wirklich absurd, denn Tierversuchen unterstellt man von vornherein, glaubwürdig zu sein, ohne diese zu hinterfragen. Bei tierversuchsfreien Methoden werden hingegen Beweise für ihre Zuverlässigkeit und Aussagekraft gefordert. So oder so werden auch in Zukunft noch viele Tiere in Versuchen sterben, denn die Fördergelder der Politik fließen nach wie vor vermehrt in Tierversuche. Der Deutsche Tierschutzbund wird aber weiterhin alles dafür tun, dass Tierversuche endlich der Vergangenheit angehören.