Das Schicksal einer Königin

Hinter den Kulissen

Das Schicksal einer Königin

Sie ist das Oberhaupt eines eigenen Staates und hat, wie jede andere Monarchin, zahlreiche Aufgaben und Pflichten. Die Bienenkönigin ist ein ganz besonderes Exemplar ihrer Art, und spielt auch in der industriellen Honig- und Gelée-royale-Produktion eine herausragende Rolle – leider.

  • Autor: Verena Jungbluth, Chefredakteurin DU UND DAS TIER

Wenn die warmen Temperaturen den Frühsommer einläuten und die Pflanzen die Welt in ein Blumenmeer verwandeln, beginnt auch die Blütezeit des Bienenvolkes. Der Lebenszyklus von Honigbienen ist eng mit den Jahreszeiten verknüpft und folgt einem ganz bestimmten Kreislauf. Jetzt im Sommer ist im Bienenstaat Hochkonjunktur und im Bienenstock herrscht heftiges Treiben. Ein Volk besteht zu seiner Hochzeit aus bis zu 50.000 Arbeiterinnen, bis zu 1.500 Drohnen – und einer Königin. Allein die schiere Anzahl der Tiere gibt einen Hinweis darauf, dass hier nichts aus Zufall geschieht. „Bienen sind sozial ausgerichtete Insekten, die in einem hochdifferenzierten Superorganismus, dem sogenannten Bien leben“, erklärt Nina Brakebusch, Referentin für Interdisziplinäre Themen beim Deutschen Tierschutzbund. „Dabei nimmt jede Biene im Laufe ihres Lebens verschiedene Aufgaben wahr. Erst ist sie als Putzbiene, dann als Ammen- und Baubiene, anschließend als Wachbiene und zuletzt als Sammlerin unterwegs“, erklärt Brakebusch. Meist werden diese verschiedenen Funktionen unter dem Begriff Arbeiterin zusammengefasst. Das Oberhaupt dieses hochausdifferenzierten Systems: die Königin. Sie ist innerhalb des Bienenvolkes das einzige voll entwickelte Weibchen und damit die Einzige, die Eier legen und für Nachwuchs sorgen kann. Zusätzlich lenkt sie den gesamten Bienenstaat mit verschiedenen Duft- und Geschmacksstoffen, sogenannten Pheromonen, und ist für die gesellschaftliche Ordnung verantwortlich. So kommuniziert sie zum Beispiel, welche Art von Biene gerade gebraucht wird. Die Umstellung auf eine neue Arbeit ist bei Bienen hormonell gesteuert. „Die Bienenvölker als solches vermehren sich über das Schwärmen. Das bedeutet, jeden Sommer, wenn ein Bienenvolk seine maximale Größe erreicht hat und gesund ist, fliegt die amtierende Königin mit einem Teil des Schwarmes aus, um an einem neuen Ort zu nisten“, so Brakebusch. „Der alte Standort wird, ausgestattet mit genügend Arbeiterbienen, Pollen und Honig, einer frisch geschlüpften, jungen Königin überlassen.“

Ein Volk besteht zu seiner Hochzeit aus bis zu 50.000 Arbeiterinnen, bis zu 1.500 Drohnen und einer Königin.

Metamorphose zur Königin

Dieser neuen Bienenkönigin ist ihre Zukunft schon in die Wiege gelegt. Denn bevor es zum Schwärmen kommt, legt die aktuelle Königin zwischen Mai und Juli Eier in sogenannte Weiselzellen und läutet damit die Geburtsstunde ihrer Nachfolgerin ein. Nach drei Tagen schlüpfen Larven, die die Ammenbienen ausschließlich mit Gelée royale füttern. „Dieser spezielle Saft, der aus einer Mischung aus den Sekreten der Futtersaftdrüse und der Oberkieferdrüse der Arbeiterbienen entsteht, führt bei den Larven zu einem enormen Wachstums- und Entwicklungsschub.“ Und macht die Tiere zu dem, was ihnen vorbestimmt ist: potenzielle Königinnen des Bienenvolkes. Larven, aus denen normale Arbeiterbienen oder Drohnen werden sollen, erhalten nur am Anfang Gelée royale und nach einer gewissen Zeit dann Pollen und Honig. Nach weiteren fünf Tagen beginnen sich die Larven zu verpuppen und die Arbeiterinnen verschließen die Zellen. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem alle auszugswilligen Bienen die nötigen Vorkehrungen treffen, um mit der bisherigen Königin auszuschwärmen. Dann saugen sie zum Beispiel ihre Honigblase mit Teilen des eingelagerten Honigs voll und können so etwa drei Tage lang überleben, bis die neue Unterkunft im Idealfall bezugsfertig ist. Acht Tage später schlüpft die erste Prinzessin, die sich nach weiteren ein bis drei Wochen auf Hochzeitsflug begibt. Da es nur eine Königin geben kann, töten die Arbeiterinnen in der Regel die anderen Königinnenlarven. Zu dieser Zeit vereinen sich die Drohnen aller Völker der Umgebung bereits an bestimmten Sammelplätzen und erwarten die junge Königin. Dort angekommen wird sie von circa zehn verschiedenen männlichen Bienen in der Luft begattet und speichert dabei so viel Sperma in ihrem Körper, dass das für ihr gesamtes Leben reicht. Die Drohnen selbst sterben nach diesem Akt, sichern zuvor jedoch die Zukunft und genetische Vielfalt des Volkes. Die Königin kehrt in ihr Reich zurück, legt die ersten Eier und baut das Volk so von Neuem auf. Soweit in der Natur.

Profit statt Idylle

„Denn für Imker ist das Schwärmen nachteilig, weil es nicht wirtschaftlich ist. Der verbleibende Anteil des Volkes produziert aufgrund der geringeren Arbeiterinnenzahl weniger Honig und neue Arbeiterbienen kommen erst drei bis vier Wochen später nach“, so Brakebusch. Um die natürliche Aufteilung des Volkes durch das Schwärmen zu verhindern, werden der alten Königin daher vor allem im Ausland, zum Teil aber auch hier in Deutschland, die Flügel gekürzt, damit sie gar nicht erst fliegen kann. Versucht sie es, fällt sie unweit vom Bienenstock auf den Boden, der Schwarm versammelt sich wie eine Traube um sie herum und kann vom Imker eingefangen werden. „Das Verfahren ist aus Tierschutzsicht klar abzulehnen“, so Brakebusch. In der ökologischen Haltung ist das Beschneiden der Flügel verboten. Doch generell ist die Honigproduktion leider nicht so idyllisch, wie viele Menschen denken. Was eigentlich klar ist, wenn man bedenkt, dass 2019 der Nahrungsverbrauch von Honig allein in Deutschland bei 79.900 Tonnen lag. Dabei muss ein Bienenvolk für 500 Gramm Honig schon rund 40.000 Mal ausfliegen, was einer Flugstrecke von 120.000 Kilometern, 15.000 Flugstunden und bis zu sieben Millionen Blütenbesuchen entspricht. 2020 hat Deutschland mit schätzungsweise einer Million Bienenvölkern, die hierzulande gehalten werden, 30.700 Tonnen Honig produziert – fast doppelt so viel wie 2012. Die restliche Menge wird vor allem aus Mexiko importiert, gefolgt von der Ukraine, China und Argentinien.

Heutzutage werden Bienenköniginnen, ob befruchtet oder unbefruchtet, zu einem Kaufpreis von 25 bis 150 Euro per Post in alle Welt versandt und anschließend in fremde Völker eingebracht.

Eine Königin per Post bitte

Bei diesen Dimensionen ist es leider logisch, dass hier nichts mehr natürlich vonstattengehen kann. So ist genau wie bei Rindern, Schweinen und Co. auch die Zucht von Bienen auf Hochleistung ausgelegt. „Wir müssen davon ausgehen, dass der Fokus auf einige wenige Selektionsmerkmale auch bei Bienen negative Auswirkungen hat, zum Beispiel auf ihre Resistenz gegen Krankheiten. Die zunehmende Inzucht und damit der Verlust der genetischen Vielfalt bedingen große Völkerverluste, die von Imkern seit einigen Jahren beklagt werden.“ Die Zucht von Honigbienen läuft mittlerweile auf internationaler Ebene ab. Schon der erste Vorschlag bei der Internetsuche nach dem Stichwort Bienenkönigin lautet „kaufen“. Es ist heute völlig normal, dass Königinnen, befruchtet oder unbefruchtet, zu einem Kaufpreis von 25 bis 150 Euro erhältlich sind, per Post in alle Welt versandt und anschließend in fremde Völker eingebracht werden. Wie alle sogenannten Nutztiere werden auch Bienenköniginnen künstlich besamt. „Dafür werden sie mit CO2 betäubt und in eine spezielle Halterung eingespannt. Mittels kleiner Haken und Ösen wird ihr Hinterleib aufgespreizt und das Sperma eingespritzt“, so Brakebusch. „Wenn die Prozedur nicht schnell genug durchgeführt wird, kann es passieren, dass die Königin wieder wach wird und zu zappeln beginnt. Nicht selten wird dann ihr empfindlicher Hinterleib verletzt, sodass sie getötet werden muss.“ Auch der anschließende Transport sowie das Einbringen in ein fremdes Volk sind sehr belastend für die Tiere und aus Tierschutzsicht kritisch zu bewerten. „Um eine gleichbleibend hohe Bruttätigkeit im Volk zu gewährleisten, werden diese Königinnen zudem häufig bereits nach ein oder zwei Jahren wieder getötet und durch je eine neue ersetzt.“

2020 hat Deutschland mit schätzungsweise einer Million Bienenvölkern, die hierzulande gehalten werden, 30.700 Tonnen Honig produziert.

Leiden für Gelée royale

Darüber hinaus spielen die Königinnen auch bei der Herstellung von Gelée royale eine besondere Rolle – einem begehrten Produkt in der Gesundheitsindustrie. Dieser Futtersaft der Bienenköniginnen soll die Lebenserwartung, Libido und Fruchtbarkeit erhöhen, das menschliche Immunsystem stärken, die Vitalität steigern und bei Beschwerden in den Wechseljahren helfen. „Für derartige Behauptungen fehlt jede wissenschaftliche Grundlage“, so Brakebusch. Der Großteil des Gelée royale, das in Deutschland in verschiedenen Varianten erhältlich ist, stammt aus China und wird mit Preisen um die 100 Euro pro Kilogramm gehandelt. Im Gegensatz zu Honig wird Gelée royale von den Bienen nicht in Waben eingelagert, sondern immer direkt an die Königinnenlarven verfüttert. Um die Produktion industriell aufzuziehen, müssen im ersten Schritt also möglichst viele Larven her. Dafür setzen die Imker bis zu 70 Königinnen gleichzeitig in ein Volk ein, denen sie vorher ein oder mehrere Greifwerkzeuge, die sogenannten Mandibeln, abgeschnitten haben. „Durch diese Verstümmelung soll verhindert werden, dass die Tiere sich gegenseitig verletzen oder töten“, so Brakebusch. Diese Königinnen legen dann Eier in künstliche Weiselzellen. Da ein Tier bis zu 2.000 Eier am Tag legt, ist auf diese Art und Weise eine tägliche Produktion von bis zu 140.000 Eiern möglich. Die geschlüpften Larven werden anschließend jeweils zu 50 Individuen in je ein königinnenloses „Pflegevolk“ eingesetzt. Da sich ein Bienenvolk ohne Königin in einer potenziell lebensbedrohlichen Situation befindet, beginnen die Bienen umgehend damit, alle künstlich eingesetzten Königinnenlarven mit Gelée royale zu füttern. Um an das begehrte Produkt heranzukommen, entfernen – also töten – die Imker die Larven, bevor die Arbeiterbienen die Zellen verschließen, und saugen das Gelée royale ab. „Der Deutsche Tierschutzbund lehnt die Herstellung und Nutzung von Gelée royale zu menschlichen Konsumzwecken ab“, so Brakebusch. „Neben dem direkten Tierleid ist es inzwischen wissenschaftlicher Konsens, dass ein solcher Eingriff in den Superorganismus der Insekten für das gesamte Bienenvolk hochgradig stressbehaftet und existenzbedrohend ist.“

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Mehr Tierschutz im Umgang mit Bienen

Der Verband setzt sich für mehr Tierschutz ein. „Wir plädieren für eine natürliche Vermehrung ohne künstliche Besamung, Inzucht sowie lange Transportwege und lehnen jegliche Verstümmelung sowie Tötung der Königinnen und Larven ab“, so Brakebusch. Auch die Zucht muss sich ändern und neben den Leistungsmerkmalen die Robustheit und Resistenz gegen Krankheiten in den Fokus stellen. „Ob in der Haltung, der Produktion oder innerhalb der Zucht: Der Profit darf nie über dem Wohl der Tiere stehen.“ Die Tierschützer appellieren an die Verbraucher, Honig aus ökologischer und tiergerechterer Haltung zu konsumieren. Darüber hinaus gibt es viele leckere pflanzliche Alternativen zum Beispiel aus Löwenzahnblüten oder Agaven, die einen Geschmackstest definitiv wert sind. Nur mit einem geringeren und veränderten Konsum wird es möglich sein, dass die Tiere wieder natürlicher leben können, der Honig ein Stück seiner Idylle zurückbekommt und die Königin gemeinsam mit ihrem Staat das tun kann, was ihr vorbestimmt ist: ein überaus faszinierendes Leben führen, das im Tierreich seinesgleichen sucht.