Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER
Als unsere Vorfahr*innen in der Steinzeit damit begannen, Faustkeile oder Löffel aus Holz zu nutzen, waren die Libellen bereits seit Ewigkeiten auf dem Stand heutiger Hightech-Hubschrauber. Seit 300 Millionen Jahren existieren die Insekten, die ihre Flügelpaare einzeln bewegen können. Das und ihre besonderen Flugmuskeln, die direkt an den Flügeln ansetzen, machen es möglich, dass sie in der Luft stehen, die Richtung schlagartig ändern, einen Looping oder sogar rückwärts fliegen können. Vorwärts geht es mit bis zu rasend schnellen 50 Stundenkilometern an Waldrändern entlang, über Wiesen hinweg oder auch durch Baumkronen hindurch. Dort sind die Flugkünstler zu finden, wenn sie auf der Jagd nach anderen Insekten sind. Vorwiegend leben sie jedoch in der Nähe von Gewässern. Denn Wasser ist essenziell für ihren Nachwuchs.
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An Teichen, Seen, aber auch an Bächen und in Mooren legen die faszinierenden Insekten, von denen es weltweitrund 6.400 und in Mitteleuropa etwa 85 verschiedene Arten gibt, ihre Eier ab. „Das kann entweder direkt im Wasser oder an angrenzenden Wasserpflanzen der Fall sein“, berichtet Paulina Kuhn, Referentin für Wildtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Je nach Art unterscheidet sich auch, ob das Weibchen die Eier im Flug oder sitzend abwirft beziehungsweise -legt und ob es dabei allein oder in Begleitung ist. „Bei manchen Arten überwachen die Männchen die Eiablage, bei anderen legen Weibchen und Männchen sie gemeinsam im Tandem ab“, erklärt die Expertin. Dabei halten sich die Tiere sogar im Flug aneinander fest und bilden mit ihren extrem flexiblen Hinterleiben, die aus zehn Segmenten bestehen, ein Rad. Oft erinnern die verschlungenen Insektenkörper auch an ein Herz. Ob es sich dabei um die Paarung oder die Eiablage handelt, ist für Lai*innen nicht immer zu erkennen, beeindruckend ist das Schauspiel ohne Zweifel. Zumal es nicht allzu oft vorkommt. „Libellen pflanzen sich in ihrem Leben nur einmal fort“, so Kuhn. Dabei ist das Leben der meisten ausgewachsenen Libellen mit sechs bis acht Wochen knapp bemessen. Die Libellenlarven hingegen verbringen jedoch zuvor schon ein bis zwei Jahre im Wasser, in denen sie sich bis zu 13-mal häuten, bevor die Metamorphose beginnt. „Diese unterscheidet sich zu der von Schmetterlingen, da sie sich nicht verpuppen.“ Stattdessen platzt die Haut der Larve am Rücken auf und die erwachsene Libelle schlüpft aus der zurückbleibenden Hülle, um zu ihrem Jungfernflug zu starten.

Zwei Libellen bilden das sogenannte Paarungsrad. Manche Arten legen auch die Eier derart eng verbunden gemeinsam ab.
Ausgewachsen erreichen einige der Tiere eine beachtliche Größe. Mit über acht Zentimetern Körperlänge etwa ist die Große Königslibelle das größte Insekt hierzulande. Auf dem zweiten Platz folgt mit der Blaugrünen Mosaikjungfer eine weitere Libellenart. Sie ist fast genauso lang und ihre Flügelspannweite misst bis zu zehn Zentimeter. Doch nicht alle Libellen sind solche Riesenbrummer. Darum werden die Tiere hauptsächlich in Groß- und Kleinlibellen eingeteilt. Neben dem namensgebenden Körperbau unterscheiden sie sich unter anderem auch durch ihre Flügel. „Großlibellen halten sie stets ausgebreitet, die Kleinlibellen können sie oberhalb ihres Körpers zusammenklappen. Letztere haben auch weiter auseinanderstehende Augen“, sagt Kuhn. Dabei handelt es sich bei allen Arten um sogenannte Facettenaugen. In einzelnen Fällen setzen sie sich aus bis zu 30.000 Einzelaugen zusammen, mit denen sie auch schnell fliegende Beuteinsekten problemlos erkennen. Zu den beiden leicht erkennbaren Augen kommen noch drei kleine Punktaugen hinzu. Sie dienen wahrscheinlich als Gleichgewichtsorgan und helfen den Tieren, ihre besonders schnellen Flugbewegungen zu kontrollieren.
Gemeinsam haben alle Libellenarten, dass sie weder stechen noch beißen und somit für Menschen ungefährlich sind. Sie helfen uns sogar, da auch Mücken auf ihrem Speiseplan stehen. Umgekehrt sieht es anders aus. Denn wir gefährden die Insekten durchaus, wie so viele andere Arten auch. Viele Libellenlarven brauchen saubere Gewässer, in denen sie ungefährdet aufwachsen können.
berichtet Kuhn. So nutzen Wissenschaftler*innen das Vorkommen bestimmter Libellenarten bereits als Indikator für die Wasserqualität des jeweiligen Gewässers. Aber auch in der Umgebung ihres feuchten Zuhauses erschweren der Rückgang von blühenden Wiesen oder durch den Straßenbau zerschnittene Täler das Leben der Libellen.
Für den Schutz von Azurjungfern, Plattbäuchen, Großen Blaupfeilen und Co., wie nur einige der hiesigen Arten heißen, sind wir alle gefragt. „Am besten helfen wir Libellen, indem wir ihren Lebensraum schützen“, sagt Kuhn, „und dazu ist es wichtig, in Gewässernähe auf Pestizide und Dünger zu verzichten“. Das gilt für Landwirtinnen und Landwirte gleichermaßen wie für Hobbygärtner*innen. Wer einen Teich im Garten sein Eigen nennt oder diesen plant, sollte auf Goldfische verzichten, da diese die Libellenlarven fressen. Aber natürlich sind auch großflächige Maßnahmen erforderlich, etwa Bäche und Seen zu renaturieren, zu schützen und zu pflegen oder neue Gewässer zu schaffen. Damit der achtlose Umgang mit unserer Umwelt nicht dazu führt, dass die Flugshow nach 300 Millionen Jahren unfreiwillig endet.