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Geldmaschine Aal

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Geldmaschine Aal

Beim Wort Mafia denkt wohl kaum jemand an Fisch. Dabei kostet ein Kilogramm Glasaal auf dem Schwarzmarkt bis zu 6.000 Euro. Der organisierte illegale Handel bringt Milliarden – er ist aber nur ein Grund dafür, dass die Tiere in Europa vom Aussterben bedroht sind.

  • Autor: Verena Jungbluth, Redaktion DU UND DAS TIER

Zugegeben, der Aal ist auf den ersten Blick vielleicht nicht das sympathischste Lebewesen auf diesem Planeten. Generell wirken Fische mit ihren starren Augen für uns Menschen eher emotionslos und irgendwie unnahbar. Säugetiere haben es mit ihrem weichen Fell und ihren runden Kulleraugen da schon deutlich leichter, unser menschliches Herz zu erweichen. Das Leben und die Gefühlswelt von Fischen hingegen bleiben den meisten von uns verborgen. Dabei ist längst bekannt: Auch Fische sind sozial, empfinden Schmerzen und Stress, sind leidensfähig und weisen höhere kognitive Eigenschaften auf als bisher angenommen. Genau wie alle anderen Arten sind auch diese Tiere überaus schützenswert.

Alle Aale entstammen der freien Natur

Die meisten Menschen beschreiben den lebendigen Aal eher als glitschig oder sogar eklig anstatt als liebenswertes Tier. Die Aal-Liebe der Deutschen geht stattdessen vor allem durch den Magen. Als Delikatesse sind die Tiere nämlich bis heute beliebt. Allein Dänemark, die Niederlande, Italien und Deutschland produzieren jedes Jahr rund 9.000 Tonnen der Ware „Europäischer Aal“ in Aquakultur. Was kaum jemand weiß: Die Tiere pflanzen sich in Gefangenschaft nicht fort. Jeder einzelne Aal, der in der Aquakultur gemästet wird, wurde als Jungtier aus der freien Natur entnommen. „Das liegt vorrangig am komplexen Lebenszyklus der Tiere. Es gibt kaum eine zweite Art auf unserem Planeten, die einen so komplexen Kreislauf durchlaufen muss, um sich fortzupflanzen. Zweimal im Leben muss jeder Aal den Atlantik durchqueren“, erklärt Florian Stein von der Sustainable Eel Group. Seit fast zehn Jahren setzt sich der Wissenschaftler für den Schutz der Tiere ein und erforscht die Gründe für ihr drohendes Aussterben.

„Die Larven schlüpfen in der Sargassosee, Tausende Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Atlantiks. Dann driften sie mit dem Golfstrom Richtung Europa und entwickeln sich in Küstennähe zu transparenten Glasaalen“, so Stein. Diese Reise kann bis zu drei Jahren dauern. Wenn die Tiere hier ankommen, sind sie etwa sieben Zentimeter groß und, wie der Name schon sagt, fast durchsichtig. Sie steigen in die Flüsse des Kontinents auf, wachsen zu mehreren Kilogramm schweren Fischen heran und verbringen dort, je nach Breitengrad, sechs bis 20 Jahre, bevor sie wieder in die Sargassosee zurückwandern. „Bis heute ist das Laichverhalten der Aale jedoch nicht vollständig geklärt“, sagt Denise Ritter, Referentin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund. Geheimnisvollerweise sei in der Sargassosee noch nie ein ausgewachsener Europäischer Aal gesichtet worden.

Die Aallarven schlüpfen in der Sargassosee. Mithilfe des Golfstroms driften sie in Richtung Europa. Diese Reise dauert bis zu drei Jahren.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass es bis heute nicht gelungen ist, die Umweltbedingungen der Reise der Fische komplett, inklusive der richtigen Nahrung für die kleinen Larven, in Gefangenschaft zu simulieren. „Aus Tierschutzsicht ist das aber keine Rechtfertigung dafür, für den menschlichen Konsum unzählige Aale der Natur zu entnehmen“, kritisiert Ritter. „Hinzu kommt, dass der Fang, die Unterbringung und der Transport der Tiere mit einer hohen Zahl an Verletzungen, Sekundärinfektionen und Stress einhergehen.“ Auch die Schlachtmethoden sind für Tierschützer nicht tragbar – weder das Enthaupten noch das Einlegen in Salz. „Forschungsergebnisse belegen, dass die Aale im Salz noch bis zu einer Stunde weiter leben und leiden“, sagt Ritter. Solange es keine tierschutzgerechten Betäubungs- und Tötungsmethoden für Aale gibt, lehnt der Deutsche Tierschutzbund die Zucht in Aquakulturen ab. Die Sustainable Eel Group setzt sich sowohl für eine Bestandserholung der Aale in Europa als auch für eine nachhaltige Aquakultur ein. „Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass das noch ein langer Weg ist. Nachhaltigkeit können wir nicht von jetzt auf gleich erreichen“, sagt Stein.

Aale im Visier des illegalen Handels

Es ist kaum zu glauben. Aber: Jedes Jahr verschwinden Millionen Glasaale aus Europa. Seit Jahren haben illegale Händler und organisierte Gruppen wohl schon beim bloßen Gedanken an das Geschäft die Dollarzeichen in den Augen. Denn mit den kleinen Fischen lassen sich auf dem Schwarzmarkt Milliarden verdienen – die Nachfrage und der Bedarf an Speiseaal, vor allem in Asien, ist riesig.

In Deutschland ist der Europäische Aal seit 2009 durch das Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt. Laut Weltnaturschutzunion ist er vom Aussterben bedroht und auch auf europäischer Ebene gilt die Tierart als potenziell vom Handel gefährdet. Seit 2010 gilt zudem ein EU-weites Exportverbot – die Tiere dürfen nur noch innerhalb der Grenzen gehandelt, gehalten und verzehrt werden. „Der illegale Handel ist folglich noch ein vergleichsweise junges Problem“, sagt Stein. Doch die Ausmaße des mafiaähnlich strukturierten Geschäfts seien enorm. „Laut Europol werden jedes Jahr etwa 100 Tonnen Glasaale nach Asien exportiert. Das entspricht einer Menge von etwa 350 Millionen Tieren. Je nachdem, welche Variablen wir in der Berechnung berücksichtigen, liegt der Marktwert der aus diesen 100 Tonnen Glasaal erzeugten Aalprodukte zwischen einer und vier Milliarden Euro.“

INTERVIEW MIT FLORIAN STEIN

Seit fast zehn Jahren setzt sich der Wissenschaftler von der Sustainable Eel Group für den Schutz der Aale ein. Lesen.

Florian Stein“Mit der globalen Verbreitung von japanischen Restaurants werden Aalprodukte beispielsweise auch für die Verwendung im Sushi (Unagi = Aal) oder als Kabayaki Filets in die ganze Welt exportiert. Es könnte also sein, dass ich in einem Düsseldorfer Sushi-Restaurant Unagi esse, der in Europa gefangen, dann illegal nach China exportiert, dort für ein bis zwei Jahre gemästet und dann wieder illegal nach Europa exportiert wurde. Dass der CO2-Fußabdruck eines solchen Fisches wohl eher die Größe eines Yeti-Fußes hat, ist hier offensichtlich.”

 

Stein hat bereits 2016 das erste Mal gemeinsam mit Kollegen in Hongkong anhand eines DNA-Tests nachgewiesen, dass es sich bei den im Koffer nach Asien geschmuggelten Fischen tatsächlich um Europäische Aale handelte. Die große Nachfrage in Asien wurde lange mit Japanischem Aal aus dem Pazifik gedeckt. Da aber auch der Bestand dieser Tierart seit Jahren massiv zurückgeht, witterten illegale Händler wohl schon vor Jahren das große Geschäft. Stein geht davon aus, dass der massive Handel trotz des Export-Verbots nie wirklich zum Erliegen kam. „Der Aal ist eine der ganz wenigen Arten im Bereich des illegalen Wildtierhandels, die ihren Ursprung in Europa haben. Die Tiere haben mindestens dieselbe Aufmerksamkeit verdient wie Elefanten, Nashörner oder Pangoline“, fordert Stein. Bis heute gibt es leider nur wenige Veröffentlichungen und Wissenschaftler, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Ein Lichtblick: In Spanien haben Behörden und die Polizei das Problem schon vor längerer Zeit erkannt. So ist es den Beamten bei Razzien bereits mehrfach gelungen, illegale Aal-Lieferungen aufzudecken. Auch an Flughäfen in Europa oder bei der Ankunft in Asien fliegen Schmuggler immer wieder auf.

Europäischer Aal

Der Europäische Aal war einst der häufigste Fisch in europäischen Süßgewässern.

Doch es gibt weitere Hürden, die den Fischen das Leben schwermachen. In Europa versperren Dämme und Wasserkraftwerke den Weg ins Innere des Kontinents. „Momentan existieren laut einer spanischen Studie etwa 1,3 Millionen Querbauwerke, die die Laichwanderung der Aale und anderer Lebewesen meist in beide Richtungen verhindern“, sagt Stein. Zahllose junge Aale gelangen nicht in ihre Lebensräume im Süßwasser und ältere Tiere werden daran gehindert, ihre Reise in die Sargassosee anzutreten. Immer wieder sterben Fische zudem in Wasserkraftturbinen.

Noch ist es möglich, den Aal zu retten

Es ist also unabdingbar, nicht nur gegen die illegale Fischerei und den illegalen Handel vorzugehen, sondern auch weitere Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Mit diesen und vielen weiteren Forderungen setzt sich der Deutsche Tierschutzbund unter anderem im Aquaculture Advisory Council, kurz AAC, für den Schutz des Europäischen Aals ein – auch die Sustainable Eel Group ist Mitglied. Erst kürzlich haben die Experten ein Papier im Auftrag der EU-Kommission erstellt, welches Empfehlungen zur Erholung des Europäischen Aalbestandes enthält. Konkrete Managementpläne, eine bessere Auswertung von Daten und Zusammenarbeit der europäischen Mitgliedstaaten sind nur ein paar Punkte. „Ganz wichtig ist es, die Fische zum Beispiel durch Gitter oder Netze vor den Turbinen zu schützen und diese nachts – in der Hauptwanderzeit der Tiere – abzuschalten, um die Fische so vor dem Tod zu bewahren.

Zudem müssen für die Tiere alternative Routen, sogenannte Aalleitern, angelegt werden“, sagt Ritter. Darüber hinaus sei es auch sinnvoll, Aale vor den Hindernissen behutsam einzufangen und sie auf der anderen Seite wieder freizulassen. Dämme und Kraftwerke, die nicht mehr oder nur noch kaum genutzt werden, sollten komplett abgebaut werden. Es sind also viele Maßnahmen nötig, um den Aal vor dem Aussterben zu retten. Aber noch ist es möglich – und es lohnt sich. Schließlich ist der Europäische Aal nicht nur eine faszinierende Tierart, sondern auch wichtiger Bestandteil unseres Ökosystems.