Wenn das Luftholen zur Qual wird

Titelthema

Wenn das Luftholen zur Qual wird

Sie sind im Trend: kurzköpfige Hunde wie der Mops, die Französische Bulldogge oder der Boston Terrier. Einige von ihnen schnarchen und röcheln, und genau das finden viele Menschen niedlich. Dass dahinter meist ein ernsthaftes gesundheitliches Problem steckt, erkennen sie erst später – dann, wenn eine Operation der letzte Ausweg ist. Die Redaktion von DU UND DAS TIER hat Morpheus, eine Französische Bulldogge, auf diesem Weg begleitet.

  • Autor: Nadia Wattad, Redaktion DU UND DAS TIER

Es tut fast ein bisschen weh, wenn man Morpheus beim Atmen zusieht. Die Französische Bulldogge mit dem vergleichsweise riesigen Schädel ringt regelrecht nach Luft. Laut. Röchelnd. Mit weit aufgerissenem Maul. Und das nach einem gewöhnlichen 20-minütigen Spaziergang. Ihre Halterin Sonja Nürenberg blickt nicht weniger betroffen drein. „Es ist wirklich schlimm geworden. Nun kommt Morpheus nicht mehr um die Operation herum. Je länger ich warte, desto schneller können die Herzprobleme kommen.“ Mit der Operation ist das Kürzen des Gaumensegels, das Vergrößern der Nasenlöcher und das Erweitern der Nasengänge und der Nasenmuschel gemeint. Kostenpunkt ab 700 bis 4.000 Euro. Viele Hunde dieser Rasse leiden an Atemproblemen. Unter natürlichen Umständen wäre die angezüchtete Übertypisierung dieser Rasse auch nie entstanden. „Wir sprechen von Qualzucht, wenn ein Tier so gezüchtet wurde, dass es immer wieder medizinisch behandelt werden muss, spezieller Pflegemaßnahmen bedarf, sich nicht mehr arttypisch mit Seinesgleichen verständigen kann, und wenn es andauernd unter Schmerzen oder körperlichen Schäden leidet“, so Andrea Furler-Mihali, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Seit längerer Zeit zeichnet sich zum Leidwesen vieler Hunde ein Trend ab, ihnen gezielt einen kurzen, runden Kopf anzuzüchten. Dadurch schieben sich Ober- und Unterkiefer mitsamt allen umliegenden Strukturen zusammen und werden ineinandergepresst. Im Fachjargon bezeichnet man die von Menschen gemachte Kurz- oder Rundköpfigkeit als Brachyzephalie – eine angeborene, erbliche Deformation des Schädels.

Kindchenschema soll die Menschen ansprechen

Bei der Brachyzephalie ist die Haut über der Nase und im Gesicht in Falten gelegt. Die Augen treten hervor und der Schädel ist kugelrund geformt. Dadurch entsteht ein Kindchenschema, was erschreckenderweise viele Menschen anspricht. Bestimmte Hunde wurden daher nach und nach auf immer rundere Köpfe mit kurzen Schnauzen und großen, hervorstehenden Kulleraugen gezüchtet. Solche Hunderassen, zu denen unter anderem der Mops, die Französische Bulldogge oder der Boston Terrier gehören, sind Modehunde, die als besonders niedlich gelten und in der Öffentlichkeit allgegenwärtig sind.

„Natürlich finde ich Morpheus auch niedlich, aber das liegt nicht daran, dass er eine Französische Bulldogge ist. Ich bin Fan von meinem Hund, nicht von der Rasse“, so Sonja Nürenberg. „Die Bezeichnung Moderasse mag ich auch nicht. Das hört sich so an, als ob der Hund ein Accessoire wäre, das ist er aber für mich definitiv nicht. Ein Hund ist ein Lebewesen. Menschen machen Tiere zum Accessoire, indem sie ihnen zum Beispiel Kleidung anziehen. Ich habe eine ganz andere Auffassung, was meinen Hund betrifft“, so Nürenberg weiter. Im Redaktionsbüro zeigt sich Morpheus als sehr freundlich und unvoreingenommen. Neugierig stapft er durch das Zimmer, schaut sich alles genau an, schnüffelt und lässt sich anschließend kraulen. Er wurde als Welpe für 800 Euro auf Ebay Kleinanzeigen angeboten – neben vielen anderen Hunden, die über jene und andere Internetplattformen ein neues Zuhause suchen.

Häufig nutzen auch sogenannte Vermehrer die Möglichkeit des World Wide Web, um die meist kranke Ware Tier zum vermeintlichen Schnäppchenpreis zu verkaufen. Aus dem Schnäppchen wird dann ganz schnell ein Sorgenkind, das bald mehr in der Tierarztpraxis zu Hause ist als bei seinem Halter. Die Vermehrer missbrauchen die Muttertiere als Gebärmaschinen. Diese leben meist unter schlimmsten Umständen in notdürftigen Verschlägen. Haben die Hündinnen ausgedient, entsorgen die skrupellosen Züchter sie in der Regel. Auch das Leid der Welpen ist immens. Sie werden viel zu früh von ihren Müttern getrennt und häufig bereits im Alter von vier bis sechs Wochen verkauft. Viele der jungen Hunde sind krank und vom langen Transport geschwächt. Zu klein für eine schützende Impfung, oft krank und von Parasiten befallen, kommen die Hundebabys illegal mit gefälschten Papieren nach Deutschland. In der Regel machen die Welpen beim Verkauf noch einen gesunden Eindruck. Durch den Stress der frühen Trennung von der Hundemutter und den schlechten Transportbedingungen wird das ohnehin bereits angeschlagene Immunsystem geschwächt. Kurz nachdem der Welpe im neuen Zuhause ist, verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Tieres oft dramatisch. Manchmal so schnell, dass noch nicht einmal der Tierarzt helfen kann.

Morpheus entstand ungeplant

Bei Sonja Nürenberg war das anders. Morpheus entstand ungeplant. „Die Halter wollten gar nicht züchten. Sie hatten zwei Französische Bulldoggen – eine Hündin und einen Rüden. Der hat dann doch die Hündin gedeckt, bevor der Kastrationstermin stand.“ Bevor sich Nürenberg für Morpheus entschied, hatte sie sich intensiv mit der Rasse auseinandergesetzt. „Ich habe nicht geplant, mir eine Französische Bulldogge zuzulegen. Ich kannte diese Rasse vorher noch nicht einmal. Im Internet bin ich dann auf Tests gestoßen, die einem anhand von Fragen dabei helfen sollen, den richtigen Hund zu finden. Der Test ergab, dass die Französische Bulldogge am besten zu mir passen soll. Meine Mutter hat mir daraufhin erzählt, dass ihre Arbeitskollegin einen solchen Hund hat. Mit ihr habe ich mich dann getroffen, um die Rasse kennenzulernen, und ich fand ihren Hund dann einfach so witzig: aufgeschlossen, neugierig und freundlich – so wie Morpheus auch.“ In der ersten Zeit sei dann alles recht unproblematisch mit Morpheus gewesen – bis auf die Futtermittelunverträglichkeit. Er war fit, wollte stets draußen Gas geben und hatte Spaß am Leben.

Doch dann, im Winter 2016/17, sah Sonja die ersten Anzeichen: „Mein Freund und ich waren zusammen mit Morpheus im Siebengebirge unterwegs. Es war ein kalter Wintertag. Mir fiel auf, wie stark Morpheus beim Atmen röchelte – und das, obwohl es noch nicht mal warm war.“ Kurz darauf ließ sie Morpheus von ihrem Tierarzt untersuchen. Er gab ihr die traurige Gewissheit, dass Morpheus zu wenig Luft bekommt. „Ich war schockiert, als die Diagnose feststand. Die Eltern von Morpheus sind freiatmend, sie haben keine allzu platten Nasen. Daher bin ich davon ausgegangen, dass auch Morpheus keine ernsthaften Probleme mit der Atmung bekommen wird.“ Nach der Diagnose war es dann aber klar: Morpheus muss wider Erwarten unters Messer. „Er kam zwar schon immer schneller aus der Puste als andere Hunde, aber ich konnte das immer ganz gut handeln, indem ich ihm auf Anraten meines Tierarztes einen nassen Babybody angezogen habe. Wenn Morpheus den Body trug, hat er zwar immer noch geröchelt, aber er stand nicht unmittelbar vor einem Zusammenbruch. Aber jetzt merke ich, dass selbst wenn er ganz ruhig daliegt, beim Atmen die Luft einziehen muss. Das ist für mich ein eindeutiges Zeichen, dass er zu wenig Luft bekommt“, weiß Nürenberg.

Sonja ist am Tag der OP sehr nervös.

Nach mehreren Gesprächen mit anderen Hundehaltern sei dann immer häufiger der Name eines Tierarztes gefallen: Dr. Ralf Unna. Hauptberuflich führt er gemeinsam mit Dr. Sabine Holland eine Kleintierpraxis in Köln. Darüber hinaus betreut er tierärztlich den Kölner Tierschutzverein. Überhaupt wird Tierschutz bei Dr. Unna großgeschrieben. Er ist Vizepräsident des Landestierschutzverbandes Nordrhein-Westfalen und hat noch zahlreiche weitere Tierschutzämter inne. Schon lange setzt er sich auch öffentlich gegen Qualzucht ein. In der WDR-Reportage „Reine Rasse, volle Kasse – das Geschäft mit der Qualzucht“ bezieht er Stellung zu den überzüchteten Modehunden. Damit hebt er sich von vielen anderen Tierärzten ab, die sich dazu nicht vor laufender Kamera äußern möchten. Zudem ist die Übertypisierung bestimmter Rassemerkmale der Hunde für die Tierärzte eine erträgliche Einnahmequelle. „Wenn man zynisch wäre, könnte man sagen, das ist gut für unseren Umsatz. Ich finde es bemerkenswert, dass sich leidgeplagte Menschen dennoch immer wieder einen solchen Hund kaufen“, so Dr. Unna. So ist neben der Französischen Bulldogge der Mops immer mehr auf dem Vormarsch. Sein Konterfei auf Kissen, Tassen, T-Shirts und allerlei anderen Artikeln lässt darüber hinaus die Kassen im Einzelhandel klingeln. Er ist zur regelrechten Ikone geworden. Der Boston Terrier und der Cavalier King Charles werden auch immer extremer gezüchtet, sodass man bei einigen Exemplaren dieser Rasse von Qualzucht sprechen kann. Sie alle eint vor allen Dingen eins: der runde Kopf und die kaum vorhandene Nase.

Das Monster Mensch

„Der Mensch züchtet immer extremere Formen. Nun gibt es ‚Toy Breeds‘, die nur ein Kilogramm wiegen, und auf der anderen Seite gibt es Zuchten, die die 100 Kilogramm-Marke erreichen. Diese Tiere können wir eigentlich nicht mehr unter dem zoologischen Begriff führen, denn diese Arten können sich nicht fortpflanzen, und hier ist eine zoologische Grenze durchbrochen. Das sind zwar Extreme, aber wir haben hier ganz oft in der Praxis Hunde, die drei oder 60 Kilogramm wiegen. Wir haben also immer noch den Faktor 20 des Körpergewichts, und wenn wir das auf den Menschen umrechnen, also etwa eine leichte Frau, die 50 Kilogramm wiegt, dann würde das bedeuten, dass ihr Mann bis zu 1.000 Kilogramm wiegen kann. Da wird man schnell verstehen, dass das ungesund ist“, so Dr. Unna.

Morpheus’ großer Tag

Auch Morpheus ist nicht gesund. Das sieht man nicht auf den ersten Blick, aber wer sich ein bisschen mit Hunden auskennt, sieht schnell, dass Morpheus sich anstrengen muss, um zu atmen. Aus diesem Grund soll Dr. Unna nun Hand anlegen und Morpheus zu einem besseren Hundeleben verhelfen. Sonja Nürenberg ist am Tag der OP sehr nervös. Jede Narkose ist ein Risiko – sowohl für den Menschen als auch für das Tier, aber für Hunde, die ohnehin schlecht Luft bekommen, noch mal ein bisschen mehr. „Ich habe einfach Angst, dass doch etwas schiefgeht. Das weiß man ja nie. Ich weiß aber auch, dass die OP sein muss, und ich vertraue dem Tierarzt“, so Nürenberg.

Dann ist es so weit. Morpheus bekommt zunächst eine Beruhigungsspritze und kurze Zeit später fließt auch schon das Narkosemittel durch den am Hundebein gelegten Zugang in den Blutkreislauf. Nun heißt es abwarten, bis die Narkose auch wirklich wirkt. Tierarzthelferin Irene Petermeier geht ruhig und routiniert vor. Jeder Griff sitzt. Sie trägt Augensalbe auf Morpheus Augen auf, damit diese während der OP nicht austrocknen. Inzwischen schlummert Morpheus friedlich und es kann losgehen. Bevor er auf dem OP-Tisch landet, kommt er in den Röntgenraum. Die Röntgenstrahlen offenbaren das Innerste des Hundes und zeigen, ob Lunge und Bronchien soweit in Ordnung sind. „Als Chirurg muss ich mir vor einer Operation ein optimales Bild von dem Hund machen. Da gehört auch das Röntgen dazu. Wenn der Hund zum Beispiel einen Lungentumor hat, dann kann ich mir ja oben einen Wolf operieren, denn dann würde er letztendlich trotzdem an der Luftproblematik sterben. Diese Informationen bekomme ich nach dem Röntgen, und dann kann ich auch erst mit gutem Gewissen mit der Operation beginnen“, erläutert Dr. Unna. Das Röntgenbild zeigt aber auch weitere Baustellen – Keilwirbel an der Wirbelsäule, die schon angefangen haben, sich zu versteifen. Keilwirbel gehören zu den angeborenen Missbildungen der Wirbelsäule. Diese Deformierungen sind problematisch, da sie unter anderem Bandscheibenvorfälle begünstigen. Der Kopf zeigt sich auf dem Röntgenbild quadratisch – die Schnauze fehlt praktisch. Wie abnormal die weggezüchtete Schnauze ist, offenbart sich im Vergleich mit dem Röntgenbild eines gesunden Hundes. Hier zeigt sich der Kopf nicht als Quadrat, sondern als spitz zulaufend. Es ist höchste Zeit, dass Morpheus zumindest an zwei möglichen Stellen geholfen wird: den Nasenlöchern und dem Gaumensegel.

Unter dem Skalpell

Dr. Ralf Unna verhilft Morpheus zu größeren Nasenlöchern und vernäht diese. Das erste Nasenloch ist fertig. Das noch unbehandelte zeigt sich im Vergleich als kleiner Schlitz.

Dr. Ralf Unna verhilft Morpheus zu größeren Nasenlöchern und vernäht diese. Das erste Nasenloch ist fertig. Das noch unbehandelte zeigt sich im Vergleich als kleiner Schlitz.

Nun geht es ans Eingemachte. Irene Petermaier spannt Morpheus noch einen Metallstab in die Maulhöhle, damit der Hund zum einen während der OP besser atmen kann und Dr. Unna zum anderen unproblematisch und geschützt an die zu operierenden Bereiche kommt. Zunächst geht es mit dem Vergrößern der Nasenlöcher los, die sich jetzt noch als Schlitze zeigen. Hierfür setzt Dr. Unna das Skalpell an und schneidet die Schlitze nacheinander ein. Danach vernäht er diese so, dass aus Schlitzen normale Nasenlöcher werden. Nach rund 20 Minuten ist es ohne Komplikationen geschafft. Part zwei beginnt: das Kürzen des Gaumensegels. Dies ist notwendig, weil das Gaumensegel die Atemluft während ihrer Passage durch die Luftwege behindert. Das Gaumensegel legt sich bei jedem Atemzug des Hundes über die Öffnung des Kehlkopfes. In der Folge entzündet sich dadurch nicht nur der gesamte Rachenraum chronisch, sondern auch die Luftröhre und die Bronchien. Ohne einen chirurgischen Eingriff kommt es unweigerlich zu einer Überbelastung des Herzens, das aufgrund der schlechten Sauerstoffzufuhr vermehrt arbeiten muss – hieraus kann sich auch eine unheilbare Insuffizienz des Herzens entwickeln. Als Dr. Unna ein stabähnliches Werkzeug am Gaumensegel ansetzt – einen Elektrokauter –, riecht es nach verbranntem Fleisch. Das ist nichts für schwache Nerven. Der Geruch setzt sich fest. Nach wenigen Minuten ist Dr. Unna fertig. Er nimmt so wenig wie möglich von dem Gewebe weg.

Das geöffnete Maul von Morpheus offenbart auch eine Menge schief gewachsener Zähne. Diese stehen kreuz und quer im Kiefer, was mit der Deformation des Kopfes einhergeht. Die Zähne haben einfach nicht genug Platz und suchen sich ihren Weg. Bereits im Welpenalter musste im Kiefer des Hundes Platz geschaffen werden. Viele Möglichkeiten gab es hier nicht, außer sechs Milchzähne zu ziehen.

Die Operation ist gut verlaufen. Morpheus darf in die Aufwachbox. Dort wird er überwacht, bis der Körper die Narkosemittel vollständig abgebaut hat, er selber schlucken kann und seine Körperfunktionen wieder hergestellt sind. Um den Körper nicht noch mehr zu belasten, spritzt Dr. Unna den Hund nicht wach, sondern lässt ihn kontrolliert seinen Rausch ausschlafen. Am späten Abend kann ihn seine Besitzerin wieder abholen.

Morpheus entdeckt die Welt neu

Die OP ist gut ausgegangen und Morpheus kann endlich richtig luftholen.

Die OP ist gut ausgegangen und Morpheus kann endlich richtig luftholen.

Bereits in der ersten Nacht nach der Operation ist das für Morpheus typische Schnarchen kaum zu hören. „Ich habe total unruhig geschlafen. Normalerweise höre ich Morpheus nachts schnarchen. Diesmal hörte ich ihn aber kaum und ich dachte jedes Mal, er sei vielleicht im Schlaf erstickt. Das war schrecklich“, erzählt Nürenberg. Nach rund 15 Tagen ist die Genesungsphase vollständig abgeschlossen. „Ich bereue den Eingriff keine Sekunde! Morpheus ist ein ganz neuer Hund! Er ist viel ausdauernder, aktiv und fitter. Er schnuppert deutlich mehr und ist um 100 Prozent leiser geworden. Wenn er den Kopf überstreckt, atmet er lauter und quietscht eher. Das Schnarchen, Röcheln und Grunzen ist aber komplett weg. Er kriegt auch vom Laufen nicht mehr genug. Seit der Operation musste er keine Pause einlegen, wo er sich sonst immer hinlegen musste, um zu verschnaufen“, freut sich Sonja Nürenberg. Morpheus hat die Operation zwar geholfen, aber besser wäre es, wenn Hunde gar nicht erst so übertrieben gezüchtet würden, dass solche Probleme entstehen. „Die Liste problematischer Zuchtformen ist lang und macht vor keiner Tiergruppe halt. Hunde sind im Wandel der Zeit Teil der Gesellschaft und werden manchmal nur aus ästhetischen Gründen und als Statussymbol gehalten. Die Entdeckung der Inzucht erlaubte eine Standardisierung von Rassen. Die Tiere, die am ehesten dem gewünschten Ideal entsprachen, wurden weiter zur Zucht verwendet. Jedoch schränkt Inzucht die genetischen Variationen ein. Bestimmte Merkmale, die leider auch krankhaft sein können, werden innerhalb der Population weiterverbreitet“, erläutert Andrea Furler-Mihali.

Die rechtliche Situation

Das Tierschutzgesetz legt in Paragraf 1 fest, dass einem Wirbeltier ohne vernünftigen Grund keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden dürfen. Paragraf 11b, der sogenannte Qualzuchtparagraf, besagt, dass es verboten ist, Wirbeltiere zu züchten, wenn als Folge bei der Nachzucht Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen, untauglich sind oder derart umgestaltet sind, dass hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten. Auch ist die Zucht untersagt, wenn die Nachkommen in der Haltung unter Schmerzen leiden, die vermeidbar gewesen wären. Übersetzt heißt das, dass extreme Züchtungen nach dem deutschen Tierschutzgesetz eigentlich verboten sind. Die Formulierung im Tierschutzgesetz ist jedoch zu schwammig und die Behörden haben Schwierigkeiten, die Qualzuchten rechtlich zu verfolgen. Allerdings gibt es zusätzlich ein Qualzucht-Gutachten des damaligen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten von 1999, an dem der Deutsche Tierschutzbund von Anfang an mitgearbeitet hat. Es soll den Behörden helfen, Qualzuchten zu erkennen und konkret dagegen vorzugehen. Doch die Veterinärämter und Juristen sind bei diesem Thema häufig überfordert. Das Problem wird auch dadurch gefördert, dass die Rassestandards größtenteils immer noch so konzipiert sind, dass die Zuchtziele mit einer Qualzüchtung verbunden sind. „Das Qualzuchtgutachten gibt nur einen kleinen Ausschnitt der betroffenen Tierarten wieder, und es umfasst auch nicht die aktuellen Entwicklungen der letzten Jahre. Diese Tatsache bereitet dem Vollzug Schwierigkeiten. Deswegen muss das Gutachten dringend überarbeitet und aktualisiert werden“, fordert Furler-Mihali.

Video: Morpheus nach der OP

Sehen Sie hier, wie viel Ausdauer die Französische Bulldogge nach ihrer OP hat.

Am Beispiel von Morpheus zeigt sich deutlich, welches Leid bestimmte Zuchtmerkmale mit sich bringen. Die angezüchtete Kurz- beziehungsweise Rundköpfigkeit führt bei besonders schweren Fällen nicht nur zur Atemnot, sondern kann sogar auch phasenweise zur Bewusstlosigkeit führen, da das Gehirn nur ungenügend mit Sauerstoff versorgt wird. Der Hund kann dabei auch schlagartig umfallen. Die Bewusstlosigkeit kann anfallsweise auftreten und von kurzer Dauer sein oder auch länger andauern und zu Gehirnschäden oder schlimmstenfalls zum Tod führen. Durch Anstrengung, stressige Situationen oder hohe Umgebungstemperaturen wird die Atemnot noch verstärkt. Auch für einen Hitzschlag sind diese Rassen sehr empfindlich, da sie ihre Körpertemperatur nur schwer regulieren können. Für den Hund ist das ein Teufelskreislauf.

Die Gesundheit geht vor

Ein Tier sollte nie leiden müssen, damit es den persönlichen Vorstellungen des Züchters und Käufers entspricht. Auch Trends in der Gesellschaft oder ökonomische Interessen sollten nicht auf dem Rücken der Hunde ausgetragen werden. Der Deutsche Tierschutzbund fordert, dass nur die Tiere für eine Zucht zugelassen werden, die nachweislich gesund sind. Spezifische Rassen oder Zuchtlinien, bei denen mit Schmerzen, Leiden und Schäden verbundene Symptome auftreten, haben in der Zucht nichts verloren. Eine kontrollierte und ethisch vertretbare Zucht könnte dazu beitragen, dass dort Extremformen nicht mehr vorkommen. Darüber hinaus sollte es eine rechtlich verbindliche Verordnung geben, die klar definiert, was als Qualzucht gilt. Die Kontrollbehörden müssen härter durchgreifen und auch die Justiz ist gefordert, die vorhandenen gesetzlichen Grundlagen stärker auszuschöpfen. Das Tierschutzgesetz ist zu allgemein gefasst und erschwert dadurch konkrete Verbote. Im Moment können Ämter und Gerichte immer nur Einzelfallentscheidungen treffen, nicht aber bestimmte Zuchtlinien generell ausschließen.

Bis es zu einem Verbot von Qualzuchten kommt, sollten diejenigen, die sich für solche Hunde interessieren, der Versuchung widerstehen. Schließlich regelt immer die Nachfrage das Angebot. Der Käufer entscheidet also maßgeblich mit, in welche Richtung sich die Zucht weiter bewegen soll. Modischen Trends zu folgen oder niedliches Aussehen über die körperliche Fitness zu stellen, ist für die betroffenen Tiere oft mit lebenslangen Schmerzen, Leiden und Schäden verbunden. In Anbetracht der aktuellen Auswüchse bei der Zucht auf kurzköpfige Hunde und die damit zusammenhängenden körperlichen Probleme rät der Deutsche Tierschutzbund von der Anschaffung eines solchen Hundes ab. Manchen Hunden wie auch Morpheus kann zwar eine Operation helfen, aber in was für einer Welt leben wir, wenn ein Hund erst vorsätzlich kaputt gezüchtet wird, um dann wieder gesund operiert zu werden?

Weiterführende Informationen

  • Nutzen Sie die Möglichkeit, sich gezielt über Qualzucht bei Heimtieren zu erkundigen. Neben einer Checkliste, mit der Sie feststellen, ob Ihr Hund unter seiner Kurzköpfigkeit leidet, finden Sie weitere interessante Dokumente zum Lesen und Herunterladen.
    www.tierschutzbund.de/qualzucht