Die Pelzindustrie am Abgrund

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Die Pelzindustrie am Abgrund

Die Zeit von gequälten Nerzen, Marderhunden und Co. könnte bald vorbei sein – zumindest in Europa. Nach gestiegenem Druck auf die politischen Entscheidungsträger müssen in immer mehr Ländern Pelzfarmen schließen.

  • Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER

Viele Länder kehren der Pelzindustrie den Rücken. Klicken Sie auf das Bild, um die Darstellung zu vergrößern.

Pelztierfarmen, in denen Nerze, Marderhunde, Füchse oder Chinchillas dicht an dicht in engen, rostigen Drahtkäfigen vor sich hin vegetieren. Tiere, die für vermeintlich modische Pelzkrägen an Winterjacken und Fellapplikationen an Stiefeln und Mützen unter unsäglichen Bedingungen gehalten und auf brutalste Art und Weise getötet werden – das dürfte in Europa, aber auch in anderen Herstellerregionen dieser Welt bald der Vergangenheit angehören. Denn nachdem bereits in den vergangenen beiden Jahren zahlreiche Pelztierfarmen bankrottgingen und Moderiesen wie Prada und Chanel künftig auf Echtfell verzichten wollen, haben 2020 einige weitere Länder Verbote solcher Einrichtungen verhängt.

Im September verkündete zum Beispiel die französische Umweltministerin Barbara Pompili ein Verbot der letzten vier in Frankreich verbliebenen Nerzfarmen mit einer Übergangsfrist von fünf Jahren. Somit beugte sich die französische Regierung dem massiven Druck, den sowohl neues, erschütterndes Bildmaterial aus den Farmen als auch Schreiben zahlreicher Mitglieder der Fur Free Alliance an die jeweiligen französischen Botschafter ausgelöst hatten. Bei der Fur Free Alliance handelt es sich um einen Zusammenschluss von weltweiten Organisationen, unter ihnen auch der Deutsche Tierschutzbund, die sich gegen das Halten und Töten von Tieren wegen ihres Fells einsetzen. Auch in Polen stimmten das Parlament und der Senat vor Kurzem mit großer Mehrheit für ein Verbot von Pelztierfarmen – das soll voraussichtlich ab Ende Juli 2023 gelten. In Estland und Bosnien-Herzegowina stehen die letzten Nerzfarmen bereits leer. Finnland ist in Europa zwar noch führend bei der Herstellung von Fuchsfellen. Dort hat sich jedoch die Sozialdemokratische Partei Finnlands, die größte Partei des Landes, dafür ausgesprochen, die Pelztierzucht und den Handel mit Pelzen sowohl im eigenen Land als auch in der Europäischen Union zu beenden. Ähnlich sieht es im Vereinigten Königreich aus, wo Pelztierfarmen bereits seit 20 Jahren verboten sind und die Regierung erwägt, nach dem Brexit ein Pelzimportverbot zu erlassen. In Deutschland gibt es bereits seit 2019 keine Pelztierfarm mehr und auch in Norwegen, Irland, Belgien und Luxemburg sollen Tiere nicht mehr wegen ihres Fells gehalten und getötet werden – entsprechende Gesetze wurden bereits erlassen oder sind in Arbeit.

Weil Nerze zur Verbreitung der Corona-Pandemie beitragen, ließ die Regierung in Dänemark 15 bis 17 Millionen dieser Tiere töten.

Pelzfarmen als Superspreader?

In den Niederlanden hat unterdessen ein weiterer Grund die Schließung der verbliebenen Pelztierfarmen beschleunigt. Obwohl die Übergangsfrist eigentlich bis 2024 gelten sollte, müssen die letzten Einrichtungen wegen der Corona-Krise nun 2021 ihre Pforten schließen. So wurde dort in mindestens 69 Farmen der Pandemie-Erreger nachgewiesen, woraufhin 2,7 Millionen Nerze vorzeitig getötet wurden. „Nerze sind besonders empfänglich für das SARS-CoV-2-Virus – sie können selbst daran erkranken und sterben und den Erreger auch dann übertragen, wenn sie keine Symptome aufweisen“, erläutert Dr. Henriette Mackensen, Referentin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund. Obwohl die Niederlande zügig Kontroll- und regelmäßige Testverfahren auf den Farmen erlassen haben, sei es nicht gelungen, das Infektionsgeschehen einzudämmen.

Noch drastischer sind die Zahlen in Dänemark: Dort hat Ministerpräsidentin Mette Frederiksen bekannt gegeben, dass alle der 15 bis 17 Millionen Nerze, die landesweit in mehr als 1.100 Zuchtfarmen leben, getötet werden sollen. Die Behörden dokumentierten auf mehr als 230 Farmen Corona-Fälle; 270 Menschen sollen sich bereits auf diesem Wege infiziert haben (Stand: Mitte November 2020). Auch in Schweden, Italien, Spanien, Griechenland, Polen, Frankreich, Litauen sowie Kanada und den USA wurde das Virus auf Pelztierfarmen nachgewiesen. Eine Studie des Friedrich-Loeffler-Instituts stellt zudem die These auf, dass der Marderhund in chinesischen Farmen ebenfalls zur Verbreitung des Virus beigetragen habe. Doch obwohl solche Einrichtungen ganz offensichtlich ein gravierendes Problem für den Tierschutz und den Verlauf der Corona-Pandemie darstellen, erklärte die dänische Regierung, dass das Verbot der Pelztierzucht nicht endgültig sei, sondern lediglich bis Ende 2021 befristet werde. So sollen die Nerzfarmen nach den großen Tötungsaktionen wieder mit neuen Tieren bestückt werden. Mackensen hält dies für eine Farce: „Es braucht endlich ein Ende der Pelztierhaltung – in Europa und weltweit.“

Keine Unterstützung für die Pelzindustrie

Zwar liegt die Pelzindustrie in den letzten Zügen. Bis aber die Mützen, Jacken und Accessoires mit Echtfell endgültig aus unseren Schaufenstern verschwinden und keine Tiere mehr dafür leiden müssen, wird es wohl trotzdem noch dauern. Denn auch in Italien, den USA und China beispielsweise geht die Herstellung solcher Pelzprodukte nach wie vor weiter. Umso wichtiger ist es, dass Verbraucher mit offenen Augen durch die Geschäfte gehen und die Pelzindustrie nicht unterstützen.


Was Verbraucher tun können:

  • Kaufen Sie keinerlei Pelzprodukte – auch nicht aus Kunstfell
  • Machen Sie Freunde, Verwandte und Bekannte auf die Tierschutzprobleme aufmerksam, die mit der Pelztierhaltung einhergehen
  • Fragen Sie in Geschäften, aber auch bei Online-Händlern nach, ob sie Echtpelze vertreiben und protestieren Sie gegebenenfalls dagegen
  • Appellieren Sie an die verantwortlichen Politiker in Deutschland und Europa, ein europaweites Verbot der Pelztierhaltung zu erwirken und klare, transparente Kennzeichnungsregelungen für Pelzprodukte einzuführen

DIE TIERE BRAUCHEN SIE

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