Füttern verboten!

Hinter den Kulissen

Füttern verboten!

Sie steht für Liebe, Frieden, das Ende der Sintflut und hat darüber hinaus ein super Gedächtnis: die Taube.

  • Autor: Nadia Wattad, Redaktionsleitung von DU UND DAS TIER

Tauben wie diese sind liebens- und schützenswerte Tiere.

Tauben wie diese sind liebens- und schützenswerte Tiere.

Seit Jahrtausenden lebt sie zusammen mit den Menschen in den Städten. Mit ihrer steigenden Anzahl veränderte sich jedoch leider ihr ehemals gutes Image. Vielerorts wurde sie zum Hassobjekt. Allerdings ist der Mensch schuld daran, dass es so viele Tauben gibt. Er war es, der die Stadttauben seit 7.000 Jahren daraufhin gezüchtet hat, möglichst viel zu brüten. Das Ergebnis zeigte sich prompt nach der Nachkriegszeit: Ihre Bestände vermehrten sich explosionsartig – insbesondere in den Städten. Der Wohlstandsmüll der Wirtschaftswundergesellschaft ließ die Populationen sprunghaft ansteigen.

Heute gehen die zuständigen Kommunen unterschiedlich mit den Herausforderungen um. Manche setzen auf tierschutzwidrige Vergrämungsmaßnahmen wie an Gebäuden angebrachte spitze Nägel oder Klebepasten. Andere richten betreute Taubenschläge ein oder verhängen ein Fütterungsverbot. Es gibt sogar Städte, die gar auf Gift setzen, an dem die Tauben qualvoll verenden.

Betreute Taubenhäuser

Inzwischen konnte der Deutsche Tierschutzbund zusammen mit seinen Mitgliedsvereinen schon einige Kommunen zum Umdenken bewegen. Viele haben erkannt, dass die tierquälerischen Maßnahmen nicht zum Erfolg führen. Die Reviere der toten Tauben bleiben nämlich nicht unbesetzt – anderen Tauben übernehmen diese. Der Deutsche Tierschutzbund fordert tierschutzgerechte Abwehr- und Kontrollmaßnahmen. Tauben sollten hierbei keine Schmerzen erleiden. „Wir bevorzugen das sogenannte Augsburger Modell. Damit kann die Stadttaubenpopulation tierschutzgerecht reguliert werden“, so James Brückner, Referent für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund.

Dieses sieht betreute Taubenhäuser vor, in denen die Tiere kontrolliert gefüttert und Eier durch Attrappen ersetzt werden. Die Aufklärung der Bürger spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. „Das Augsburger Modell funktioniert nur in Städten mit Fütterungsverbot“, weiß Brückner. Da es beinahe in allen Städten zu wenig Taubenschläge gibt, muss die Mehrheit der Tiere mit einem Leben „auf der Straße“ zurechtkommen. Einfach ist das für sie nicht. Ihr Alltag wird von Brutplatznot, Futter- und Wassermangel bis hin zu Übergriffen durch den Menschen geprägt. Die Tiere sind dazu gezwungen, eng gedrängt auf ungeeigneten Plätzen zu brüten. Dies führt häufig zu einer angehäuften Kotbelastung an und in Gebäuden, zu Stress, Aggressivität und erhöhter Konkurrenz untereinander. All das begünstigt wiederum Krankheiten und Parasiten.

Eine Taube brütet in ihrem Nest, das sie an einen Gebäudevorsprung gebaut hat.

Eine Taube brütet in ihrem Nest, das sie an einen Gebäudevorsprung gebaut hat.

Menschengemachtes Problem

Doch warum gibt es eigentlich so viele Tauben? „Der Mensch hat Tauben über Jahrhunderte zu unterschiedlichsten Zwecken gezüchtet und genutzt. Noch heute füllen Taubenzüchter die Bestände durch Brieftauben, die ihren Weg nicht mehr nach Hause finden, zusätzlich auf“, so Brückner. Als Nachfahre der Haustaube ist ihr Leben im Gegensatz zur Felsentaube eng an das des Menschen geknüpft. Felsentauben sind nicht auf den Menschen angewiesen. Sie ernähren sich unter anderem vom Getreide der Felder oder von Samen. Dort gibt es Greifvögel als natürliche Feinde, und das Nahrungsangebot unterliegt großen Schwankungen.

Ihre Nachfahren, die Stadttauben, haben sich an das immer verfügbare Nahrungsangebot der sich ausweitenden Städte angepasst. Sie fressen alles, was sie auf dem Boden finden. Doch es gibt noch immer Gemeinsamkeiten mit den Vorfahren. „Stadttauben haben eine Vorliebe für hoch gelegene Balkone, Mauernischen und Simse zum Brüten. Das haben sie von ihren wilden Vorfahren geerbt, die auch noch heute an steilen Klippen von Küsten in Felsenhöhlen leben“, erklärt Brückner.

Natürliche Feinde gibt es neben den Menschen in den Städten kaum. Was Tauben so unbeliebt macht, ist insbesondere ihr Kot. Ein Tier produziert jährlich zehn bis zwölf Kilogramm. Zum Vergleich: Ein Hund scheidet im Jahr bis zu 75 Kilogramm Kot aus. Mit der Erfindung des Kotbeutels verschwand der aber weitestgehend von Gehwegen und Straßen. Beim Taubenkot sieht das leider anders aus. Die Exkremente landen an Brut-, Ruhe- und Fressplätzen. Dadurch verschmutzen sie Gebäude, Denkmäler, Autos und alles, was sonst ihre Flugbahn kreuzt. Die Kommunen müssen daher viel Geld für die Reinigung ausgeben. „Je mehr betreute Taubenschläge es gibt, desto weniger Kot fällt an ungewünschten Plätzen an“, so Brückner.

Tierschutzvereine nehmen sich der Tauben an

Das „City-Loft“, ein Taubenschlag am Berliner Potsdamer Platz, vor seinem Abriss.

Das „City-Loft“, ein Taubenschlag am Berliner Potsdamer Platz, vor seinem Abriss.

Die Tierschutzvereine haben das Leid der Tauben schon früh erkannt. Sie kümmern sich um diese und setzen sich für deren Akzeptanz ein. Der Tierschutzverein Herne-Wanne, Mitgliedsverein beim Deutschen Tierschutzbund, hat sogar mit eigenen finanziellen Mitteln einen Taubenschlag, die Villa Flügel, errichtet. Derzeit leben dort etwa 50 Tauben. „Wir haben unseren Schlag seit über zehn Jahren. Wir nehmen Tiere auf, die verletzt gefunden wurden, Brieftauben versuchen wir an den Besitzer zurückzugeben. Die Züchter sagen aber meist: ‚Könnt ihr Suppe von machen, Tauben, die nicht mehr nach Hause finden, sind wertlos‘“, erzählt Fritz Pascher vom Tierschutzverein Herne-Wanne. Die von Tierfreunden abgegebenen Tauben seien häufig unterernährt, erschöpft und hätten Verletzungen wie Flügel- oder Beinbrüche. Viele von ihnen seien noch sehr jung und müssten gefüttert werden.

Großstädte wie München können ebenfalls ein Lied davon singen. Dort ist die Stadtverwaltung zwar bereit, Taubenschläge zu finanzieren, aber sie hat ein anderes Problem: „Sie wird das Geld nicht los. Es lässt sich kein Ort finden, an dem man Taubenhäuser aufstellen kann“, so Judith Brettmeister vom Tierschutzverein München. Und weiter: „Das Augsburger Modell wäre sicher zielführend, wenn man für die Taubenhäuser Plätze finden würde. In München haben wir in der Innenstadt zwei funktionierende Taubenschläge.”

Einer davon ist seit 2011 in Betrieb und hat dazu geführt, dass die umliegenden Plätze und Häuserfassaden sauberer sind und von den Tauben weniger aufgesucht werden. Aber: Das Konzept funktioniert auf Dauer nur dann richtig gut, wenn alle paar Kilometer ein Taubenschlag steht. Hier hapert es noch an der Bereitschaft der Münchener Bürger beziehungsweise an den Immobilienbesitzern. Auch Fritz Pascher sieht es als größte Herausforderung an, sowohl einen passenden Platz als auch Betreuungspersonal für Taubenschläge zu finden. Er plädiert für Taubenschläge im öffentlichen Raum, wie in Parkanlagen oder auf Friedhöfen.

Der Hamburger Tierschutzverein von 1841 unterwegs auf Taubenrettungstour.

Der Hamburger Tierschutzverein von 1841 unterwegs auf Taubenrettungstour.

Auch das Stadtbild von Berlin ist von Tauben geprägt. Bis zu drei Millionen Tiere sollen dort leben, was Berlin zur taubenreichsten Stadt Deutschlands macht. Taubenhäuser sind dort immens wichtig. Eines davon wurde nach lang anhaltenden Protesten von Tierschützern jüngst abgerissen. Dieses befand sich auf dem Dach des Renzo-Piano-Hauses am Potsdamer Platz und hatte Kapazitäten für 150 Tiere und 68 Nistplätze. Deutschlandweit war das sogenannte „City-Loft“ das größte seiner Art. Bis zuletzt hatte der Tierschutzverein für Berlin (TVB) das Gespräch mit dem neuen Investor Brookfield gesucht, der das Gebäude gekauft hat. Mithilfe des Deutschen Tierschutzbundes hat der TVB alle juristischen Mittel in die Wege geleitet, den Abriss per einstweiliger Verfügung zu stoppen – ohne Erfolg. Die Tierschützer dürfen nun lediglich die Tauben auf dem Dach des Hauses bis Ende März füttern und sind auf der Suche nach einem neuen Standort in der Nähe.

Pro Jahr entsorgt der TVB etwa 1,5 Tonnen tierische Hinterlassenschaften und sorgt, indem er die Gelege durch Gipseier ersetzt, für eine tierschutzgerechte Regulierung der Population. Der Taubenkot wird nach dem Abriss nun wieder auf den umliegenden Gebäuden und Plätzen landen. In der Hansestadt Hamburg ist jüngst ein neuer Taubenschlag eingeweiht worden. Dieser befindet sich in der Innenstadt auf der Centrum-Moschee und bietet 200 Tauben Platz. Der Hamburger Tierschutzverein von 1841, der Hamburger Stadttaubenverein und die Islamische Gemeinde – Centrum Moschee e. V. realisierten dieses bislang einmalige Kooperationsprojekt gemeinsam.

Zwölf junge Locktauben aus dem Tierheim Süderstraße haben das neue Taubenheim auf dem Dach der Moschee bereits bezogen. Sie sollen in den kommenden Monaten den dort ansässigen Tauben den Weg in den Schlag weisen. „Man muss Tauben nicht mögen, um Taubenschläge gut zu finden. Aber selbstverständlich kann man Tauben genauso wertschätzen wie andere Tiere“, so Sandra Gulla, erste Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins. Jener Verein betreut die Tauben nach dem Augsburger Modell.

Illustration "Tauben in der Stadt".

Tauben sind schützenswerte Wesen

Der Deutsche Tierschutzbund fordert einen respektvollen Umgang mit Stadttauben. Sie sind sehr intelligent und können sogar visuelle Muster lernen und wiedererkennen. Darüber hinaus verstehen sie die dahinterstehenden Regeln. Und das ist nicht alles: Ihre Orientierung ist grandios. Sie fliegen mit bis zu hundert Stundenkilometern über lange Zeit und ohne Rast. Wenn sie im Schwarm unterwegs sind und der Anführer die falsche Richtung einschlägt, entscheidet der Schwarm kollektiv, dem Anführer nicht mehr zu folgen. Sie sind sogar fähig, menschliche Gesichter voneinander zu unterscheiden.

All das zeigt, dass wir noch sehr viel über diese faszinierenden und klugen Tiere lernen können. Ermöglicht man den Tieren eine betreute und artgerechte Bleibe, in der auch regelmäßige Gesundheitskontrollen vorgesehen sind, dann ist ein friedliches Nebeneinander von Mensch und Taube möglich. Tauben untereinander und in ihrem Lebensraum Stadt zu beobachten, kann faszinierend und sogar ein regelrechtes Erlebnis sein. Und wer kann und möchte sich noch eine Stadt ohne diese Tiere vorstellen? Der Deutsche Tierschutzbund wird sich weiterhin zusammen mit seinen Mitgliedsvereinen für die Stadttauben stark machen.

Weiterführende Informationen

  • Wollen Sie Tauben helfen? Dann lesen Sie die Broschüre des Deutschen Tierschutzbundes "Stadttaube und Mensch" und die Position des Verbandes (siehe rechte Spalte).
    www.tierschutzbund.de/tauben

Bildrechte: Artikelheader: tostphoto - Fotolia, Artikelbild "Taube brütet" und "Taubenrettung": Hamburger Tierschutzverein von 1841 e. V., Artikelbild "City Loft": Tierschutzverein für Berlin e. V., Illustration: Deutscher Tierschutzbund e. V., Hamburger Tierschutzverein von 1841 e. V., Tierschutzverein für Berlin e. V., Deutscher Tierschutzbund e. V./Plinz