Tierschutz leben

Exotisches Wohnzimmer

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Exotisches Wohnzimmer

Ein tierischer Freund, der verspielt und treu ist, reicht vielen Heimtierhaltern nicht mehr aus. Sie greifen zu Exoten und schmücken sich – ohne jegliche Sachkenntnis – sogar mit giftigen Tieren. Dabei unterschätzen sie, dass diese kaum artgerecht zu halten sind und schnell aus ihren kleinen Terrarien herauswachsen. Die Leidtragenden sind die Tiere und die Tierheime.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Vogelspinnen sind ab zwölf Euro erhältlich. Die Folgekosten unterschätzen viele.

Kostbarer Ramsch: Vogelspinnen sind ab zwölf Euro erhältlich. Die Folgekosten unterschätzen viele.

Das „Kobra-Drama“ und die „Schlange auf der Flucht“ sind weder Agenten-Thriller noch die neuesten Folgen der „Drei ???“. Die dramatischen Titel wählten Journalisten aus ganz Deutschland in diesem Jahr, um das Sommerloch und ihre Seiten zu füllen. Eine Monokelkobra war ihrem Halter im nordrhein-westfälischen Herne entwichen, und 30 Anwohner mussten daraufhin ihre Wohnungen für mehrere Tage verlassen, bis Experten das giftige Tier schließlich in einem Keller einfangen konnten. Die Suche wurde zum medienwirksamen Krimi, der die Angst vor gefährlichen Tieren wie diesem schürte. Neben den Betroffenen ist vor allem die Schlange Opfer eines Trends, dem immer mehr Tierhalter folgen. Für sie gilt oft allein das Motto „Hauptsache besonders“. Statt Katzen oder Kaninchen wünschen sie sich Schlangen, Echsen, Skorpione oder Spinnen neben der Sofalandschaft. Die Statussymbole können ihnen gar nicht exotisch genug sein, selbst wenn sie nicht über die Sachkunde verfügen, um die anspruchsvollen Exoten zu versorgen. Entsprechend leiden die Tiere in der Obhut ihrer Halter.

„Exoten sind Wildtiere. Es ist kaum möglich, sie privat artgerecht zu halten“, erklärt Patrick Boncourt, Referent im Tierschutzzentrum Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes. Die Käufer bedächten nicht, dass auf Exoten spezialisierte Tierärzte die Ausnahme seien und dass die Tiere ganz spezielle Umwelt- und Klimabedingungen benötigten. Reptilien zum Beispiel sind wechselwarm. Die Körpertemperatur der Tiere hängt von der Umgebung ab. Dabei haben die Arten in der Regel eine sehr begrenzte Vorzugstemperatur, in der ihr Stoffwechsel optimal funktioniert. „Die ist wichtig, damit sie beispielsweise ihr Futter richtig verdauen können“, berichtet der Reptilienexperte. Für das ideale Klima benötigen die Halter teure Technik, viel Strom und vor allem Wissen, wie sie damit umgehen müssen. „Bartagamen beispielsweise kratzen den ganzen Tag an der Scheibe, wenn Halter die Wärmelampen zentral aufhängen, damit es überall gleichmäßig warm ist. Sie kämpfen jedoch mit der Dauerhitze, wenn es keinen feucht-kühlen Unterschlupf gibt“, berichtet Boncourt. Denn es sei wichtig, den Tieren unterschiedliche Klimazonen anzubieten. „Das fehlt in vielen Anfängerterrarien.“ Auch in Gesellschaft von Artgenossen fühlen sich nur die wenigsten Reptilienarten, Vogelspinnen oder Skorpione wohl. Unerfahrene Terrarianer halten die Einzelgänger dennoch in Gruppen und begünstigen so aggressives Verhalten.

Unverständlicherweise ist es in Deutschland ein Leichtes, ohne jeglichen Sachkundenachweis Exoten – darunter sogar giftige Reptilien, Amphibien oder Spinnen – zu kaufen. Rund eine Million Terrarien gibt es in Deutschland. Sieben Bundesländer haben bislang versäumt, dem Handel und der Haltung von gefährlichen Tieren einen Riegel vorzuschieben. „Hier besteht dringender Handlungsbedarf,um die weitgehend ungeregelte Haltung von nicht heimischen Wildtieren zum Schutz der Tiere und der Umwelt endlich zu begrenzen“, sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Dazu müsse auch ein bundesweit einheitlicher, verpflichtender Sachkundenachweis beitragen, wie er in der Schweiz für bestimmte Arten bereits vorgeschrieben ist.

Auf Börsen legen sich immer wieder Käufer Tiere zu, ohne das Bewusstsein, dass Reptilien exakte Temperaturen, Beleuchtung, Luft- und Bodenfeuchtigkeit sowie Luftströmung brauchen.

Auf Börsen legen sich immer wieder Käufer Tiere zu, ohne das Bewusstsein, dass Reptilien exakte Temperaturen, Beleuchtung, Luft- und Bodenfeuchtigkeit sowie Luftströmung brauchen.

Anonymer Internethandel floriert

Solange es keinerlei bundesweite Regelungen gibt und die Vorgaben in den übrigen Bundesländern ebenfalls variieren, floriert der Internethandel. „Gerade eBay Kleinanzeigen und ähnliche Plattformen stellen sich quer, den anonymen Verkauf zu beenden“, kritisiert Boncourt. Das öffne Massenvermehrern aus Osteuropa, die sich auf den deutschen Markt spezialisiert hätten, Tür und Tor. „Auch beim Handel von Exoten aus privaten Zuchten können Käufer so nicht nachvollziehen, wie tiergerecht und hygienisch die Tiere leben. Und Verkäufer müssen sich keinerlei Gedanken machen, ob sie die Exoten tatsächlich in sachkundige Hände abgeben“, erläutert Boncourt. Aber selbst im persönlichen Geschäft auf Reptilienbörsen wechseln die Tiere – in kleine Plastikboxen gepfercht – den Besitzer, ohne dass sich die neuen Halter bewusst machen, welche hohen Ansprüche sie an ihre Umwelt haben. Auch deswegen lehnt der Deutsche Tierschutzbund Tierbörsen grundsätzlich ab.

Gerade Spontankäufer unterschätzen, wie groß Schildkröten, Warane oder Schlangen werden können. Reptilien wachsen lebenslang und erreichen ein hohes Alter. Spätestens wenn das einstige Statussymbol mehrere Meter misst oder der Panzer so groß wie eine Autofelge ist, reicht der Platz in der Wohnung nicht mehr aus, und die Kosten wachsen den Haltern über den Kopf. Verantwortungslose Besitzer verkaufen sie dann über das Internet oder setzen sie einfach aus und nehmen ihren Tod mutwillig in Kauf. Denn die sensiblen Tiere verenden außerhalb ihrer natürlichen Lebensräume in den meisten Fällen schnell und qualvoll. Oder sie werden zur Gefahr für einheimische Tierarten, wenn sie sie jagen oder mit ihnen um ihre Beute konkurrieren. „Aussetzen ist immer falsch, genauso wie Tiere unsachgemäß ohne vernünftigen Grund zu töten. Beides bedeutet auch einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Daher ist der Weg ins Tierheim oder besser zur spezialisierten Auffangstation der richtige, auch wenn er für die Einrichtungen gleichzeitig eine immense Herausforderung bedeutet“, sagt Dr. Henriette Mackensen, Leiterin der Abteilung Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund.

Bislang zu wenig beachtet sind die Gesundheitsgefahren, die von Reptilien ausgehen. Sie können zum Beispiel Salmonellen, Listerien oder Kryptosporidien übertragen.

Bislang zu wenig beachtet sind die Gesundheitsgefahren, die von Reptilien ausgehen. Sie können zum Beispiel Salmonellen, Listerien oder Kryptosporidien übertragen.

Tierheime müssen es ausbaden

Über 6.000 Reptilien nehmen die Tierheime jährlich auf. Tendenz steigend. Doch nur die wenigsten können geeignete Räumlichkeiten oder Terrarien zur Verfügung stellen. In der Regel fehlt es an den notwendigen finanziellen Mitteln. „Darüber hinaus stellt es für viele engagierte Teams, die sich bereits aufopferungsvoll um Hunde, Katzen, Vögel und kleine Heimtiere kümmern, eine kaum zu bewältigende Aufgabe dar, sich das nötige Fachwissen anzueignen. Hinzu kommt der umfangreiche Zeit- und Arbeitsaufwand, um auch Reptilien artgerecht und sicher versorgen zu können“, bestätigt Dr. Patrick Kluge, Leiter der Tierheimberatung beim Deutschen Tierschutzbund. Die Tierschützer stehen auch vor der Herausforderung, abgegebene oder gefundene Reptilien anschließend in gute und sachkundige Hände zu vermitteln. Dies gilt besonders für giftige Tiere, um die sich bundesweit ohnehin nur einige wenige Auffangstationen kümmern können. Somit bleiben die Einrichtungen häufig auf den Kosten für die Dauergäste sitzen.

„Hier erpressen der Bund und die Länder uns emotional nach dem Motto ‚Ihr Tierschützer macht das schon, es geht ja ums Tier‘ “, mahnt Schröder. Doch gerade der Staat sei gefordert, in Vorleistung zu gehen und Auffangstationen zu betreiben. „Wer zulässt, dass solche exotischen Tiere gehalten werden, der muss auch vollumfänglich für die absehbaren Folgen haften.“ Um die Tierheime und Auffangstationen zu entlasten, unterstützt der Deutsche Tierschutzbund sie unter anderem finanziell durch den Feuerwehrfonds und durch die Kampagne „Tierheime helfen. Helft Tierheimen!“. 2016 hat der Verband zudem eine eigene Reptilienstation im Tierschutzzentrum Weidefeld eröffnet. „Tiere, die Veterinärämter beschlagnahmt oder die Tierschutzvereine bisher aufgenommen haben, finden bei uns eine tiergerechte Unterkunft auf Zeit“, berichtet Boncourt, der sich persönlich mit um die aktuell fast 150 Bartagamen, Pythons, Nattern und Schildkröten kümmert.

Tatenlose Politik

Doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, solange weiterhin exotische Wildtiere gehandelt werden. „Der illegale Handel mit Tieren und Tierteilen ist nach Waffen und Drogen der drittgrößte der Welt. Wildtiere gehören millionenfach zu den Opfern, die unsere Hilfe brauchen. Auch wenn Reptilien keine Mimik und kein flauschiges Fell haben, sind sie ebenso schützenswert wie Hunde und Katzen“, sagt Boncourt. Noch ist Deutschland EU-weit der größte Absatzmarkt für lebende Wildtiere. Sobald Schmuggler in Deutschland sind, müssen sie bei bestimmten Arten keine Strafen befürchten, selbst wenn die Tiere in ihrer Heimat illegal eingefangen wurden. „Dieses Riesengeschäft verleitet zur Ausbeutung der Natur. Die Regierung muss diese Gesetzeslücke schließen“, fordert Schröder.

Doch die Mühlen in Berlin mahlen langsam. Die Vorgängerregierung hatte in ihrem Koalitionsvertrag formuliert, sie wolle die private Haltung von exotischen Tieren und Wildtieren bundeseinheitlich regeln und den Import von Wildfängen in die EU ebenso verbieten wie gewerbliche Wildtierbörsen. Stattdessen wurde eine Studie beauftragt, die sogenannte Exopet-Studie, die erst abgeschlossen wurde, als die jetzige Regierung im Amt war. Auch diese erwähnt im Koalitionsvertrag die Wildtier- und Exotenhaltung und dass das zuständige Ministerium Vorschläge für konkrete Maßnahmen entwickeln werde. Geschehen ist bisher aber nichts. „Wir fordern, dass den Worten und Studienauswertungen nun endlich Taten folgen“, sagt Schröder. Der Verband vertritt seit Jahren die Forderung nach einer Positivliste für Arten, die sich für die private Haltung eignen. Tierarten, die nicht auf einer solchen Liste stehen, dürften dann nicht auf den deutschen Markt kommen. Es gibt genügend Tierarten, die in artgerechter Haltung mit uns Menschen zusammenleben können. Anspruchsvolle Wildtiere gehören ganz sicher nicht dazu.

DIE TIERE BRAUCHEN SIE