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Tiertransporte in Drittstaaten

Endstation Wüste

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Tiertransporte in Drittstaaten

Endstation Wüste

Seit etwa zehn Jahren transportiert Deutschland jährlich rund 70.000 Rinder in Drittstaaten. Das Ziel dort: der Aufbau einer Milchindustrie nach deutschem Vorbild. Doch nicht nur die tagelangen Transporte verursachen unsägliches Leid. Im Zielland angekommen, sind die Tiere meist schnell zum Tode und die angestrebte Milchproduktion zum Scheitern verurteilt.

  • Autor: Verena Jungbluth, Redaktion DU UND DAS TIER

Fremde Kulturen, schillernde Märkte und der Traum von 1001 Nacht – Länder wie Marokko oder Ägypten ziehen westliche Urlauber magisch an. Auch die wüstenartigen Landstriche mit ihrer sengenden Hitze, dem feinen Sand und den kargen Felsen, die es darüber hinaus auch in Algerien, dem Libanon und in der Türkei gibt, machen den Orienttrip für Touristen zum Erlebnis. Deutschen Rindern hingegen, deren Wohlfühltemperatur bei rund 13 Grad Celsius liegt, bieten diese Länder Lebensbedingungen, die von ihrem Ideal kaum weiter entfernt sein könnten. Temperaturen von 40 Grad sind keine Seltenheit – grüne Wiesen allerdings schon. Und auch Wasser ist vor allem eins: Mangelware. Im Gegensatz zu den vorfreudigen Touristen treten die Tiere ihre Reise auch nicht in komfortablen Flugzeugen an, sondern in unerträglicher Enge auf Lkw und Schiffen.

Rinder werden im Hafen verladen

Die zu steilen Verladerampen führen die Tiere auf Schiffe, die weit von EU-Normen entfernt sind.

Qual auf Rädern und Wasser

Alleine 2018 lieferte Deutschland 70.000 Zuchtrinder in Drittländer außerhalb der EU, etwa 25.000 davon in die Türkei und die Nordafrikanischen Staaten. Hinzu kommen Tiere aus anderen EU-Ländern wie zum Beispiel Österreich. Die Transporte nach Nordafrika, die über Frankreich oder durch Kroatien führen, dauern mehrere Tage. „Für die Tiere ist diese Fahrt eine immense Belastung“, kritisiert Frigga Wirths, Referentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund. „Sie haben Angst, kaum Platz, stehen tagelang auf der gleichen Einstreu in ihren Exkrementen und bekommen nur in den seltensten Fällen genug Wasser und Futter.

Hinzu kommt die Anstrengung, möglichst lange stehen zu bleiben und die Fahrtbewegungen ständig auszubalancieren.“ Zu allem Übel müssen die ohnehin schon gestressten und geschwächten Tiere regelmäßig in langen Staus in praller Sonne, zum Beispiel an der bulgarisch-türkischen Grenze, ausharren. „Gerade im Sommer herrschen dort Temperaturen von über 30 Grad – in den Lkw steigen sie noch einmal deutlich an. Es gibt weder Plätze im Schatten noch ausreichende Möglichkeiten, die Rinder mit Wasser zu versorgen oder sie von den Lkw abzuladen“, so Wirths. Wenn die Tiere „Glück“ haben, stehen sie dort nur einige Stunden – allerdings sind auch tagelange Aufenthalte dokumentiert. Dass Tiere unter diesen schlimmen Bedingungen sterben, ist keine Seltenheit.

Transporte in den Libanon, nach Algerien, Marokko und Ägypten sind zusätzlich mit tagelangen Überfahrten per Schiff verbunden. Auf diesen Schiffen, oft ehemaligen Autofähren, die meist keinerlei EU-Vorschriften entsprechen, müssen die Tiere den oft rauen Seegang überstehen, der die Ankunft häufig zusätzlich verzögert. „Die Versorgung der Tiere mit Wasser und Futter ist auch auf den Schiffen nicht gewährleistet. Es ist heiß und stickig und es gibt keine trockene Einstreu. Außerdem sind die Verladerampen zu steil. So kommt es sogar vor, dass ein Tier beim Verladen ins Meer stützt“, sagt Wirths.

Verhängnisvolle Gier nach Milch und Fleisch

Die Milchindustrie und Zuchtverbände erklären seit Jahren, diese Exporte dienten dem Aufbau einer örtlichen Milchproduktion. „Diese stagniert in den Drittstaaten allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau. Obwohl bereits Hunderttausende Zuchtrinder exportiert wurden, gelingt es vor Ort bis heute nicht, eine nachhaltige Milchviehpopulation und tragfähige Milcherzeugung aufzubauen“, sagt Wirths. Der Grund: Das Klima, das Futter sowie die landwirtschaftliche Infrastruktur sind einfach absolut ungeeignet.

Tiertransport auf einem Pickup

Schattenplätze sind nicht nur auf fragwürdigen Transportern wie diesem Mangelware.

Kleine Bauern verschulden sich über beide Ohren, um ein paar Rinder aus Deutschland zu kaufen und müssen dann recht schnell feststellen, dass sie gar nicht in der Lage sind, die Tiere ihren Ansprüchen nach zu halten. „Die Kühe geben kaum Milch, werden schnell krank und gebären nur wenige oder gar keine Kälber, weil sie unter den dort herrschenden Bedingungen nicht fruchtbar sind“, sagt Wirths. Auf die Illusion der Bauern eines eigenen Milchgeschäfts folgt daher meist schnell die bittere Realität, die nicht nur die Landwirte in ihrer Existenz bedroht, sondern auch mit dramatischen Folgen für die Tiere einhergeht. Denn diese landen – zur Milchproduktion unbrauchbar – beim Schlachter. Für die Landwirte ist das oft nahezu die einzige Option, die Tiere noch zu Geld zu machen. Das Dilemma: Um einen stabilen Bestand an Milchkühen aufbauen zu können, müssten sie eine ausreichende Anzahl Jungtiere aufziehen und genau mit diesen Rindern züchten. In der Folge nimmt der Import von Zuchtrindern immer weiter zu, statt ab.

Die erwarteten Milchmengen liefern die Kühe lediglich in industriellen Großanlagen, die unter immensem Aufwand für genügend Wasser und Kühlung sorgen. Diese Großbetriebe sind, ebenso wie die dazugehörigen Molkereien, im Besitz riesiger internationaler Konzerne oder gehören dem Staat. „Diese Form der Milchviehhaltung funktioniert zwar auf den ersten Blick, ist aber absolut nicht nachhaltig. Für die Umwelt gleicht der Energieaufwand einer Katastrophe“, kritisiert Wirths. Neben dem Durst nach Milch steigt bei der Bevölkerung vor Ort auch der Hunger nach Fleisch stetig an. So werden neben den Zuchttieren zusätzlich Hunderttausende Fleischrinder und -kälber aus der EU und Südamerika importiert.

Egal, ob die Tiere direkt oder später beim Schlachter landen, ihr Tod vor Ort ist die Hölle. Denn obwohl die Länder entsprechende Vereinbarungen unterzeichnet haben, stehen die gängigen Schlachtpraktiken im größtmöglichen Widerspruch zu den Mindeststandards der EU und der Welttiergesundheitsorganisation (OIE) – und diese sind aus Tierschutzsicht schon ungenügend. „Es gibt im Allgemeinen kein geschultes Personal und die Schlachtung findet in der Regel ohne vorherige Betäubung statt“, berichtet Wirths. Die Schlachter durchtrennen die großen Blutgefäße im Hals der Rinder oft mit mehreren sägenden Schnitten – und das bei vollem Bewusstsein der Tiere. Bis sie verbluten und sterben, vergehen bis zu 20 Minuten, in denen sie erhebliche Schmerzen durchleiden. Verdeckt aufgenommene Filmaufnahmen zeigen zudem Rinder, denen die Beinsehnen durchtrennt und die Augen ausgestochen werden – andere werden einfach an den Hinterbeinen aufgehängt. Alleine die Vorstellung dessen ist kaum zu ertragen.

Wir tragen die Verantwortung

Wir dürfen die Verantwortung für all das nicht von uns weisen. Schließlich sind es unsere Rinder. Eigentlich müssen die EU-Transport-Verordnung und ihre Durchführungsverordnung in Deutschland den Schutz dieser Tiere zumindest auf den Transporten sicherstellen. Doch die Bestimmungen reichen nicht aus. „Die Ladedichten sind zu hoch, die Transportdauer zu lang und die Temperaturgrenzen zu weit gefasst“, kritisiert Wirths. So ist es unter anderem erlaubt, Rinder bei Temperaturen von bis zu 35 Grad über eine Dauer von 29 Stunden zu transportieren, bis sie zum ersten Mal den Lkw verlassen müssen. Jedem Tier steht dabei nur jeweils eine Fläche von 1,6 Quadratmetern zur Verfügung.  Und selbst diese unzureichenden Bestimmungen werden regelmäßig missachtet. Zu viele Tiere, keine Pausen und das Verladen von verletzten Rindern sind alltägliche Verstöße. Für die Schlachtungen vor Ort gibt es so oder so gar keine europäischen Vorgaben.

Tiertransport per Lkw

Etappen von bis zu 29 Stunden bei Temperaturen von bis zu 35 Grad, ohne dass die Tiere den Lkw verlassen können, sind legal.

Der Deutsche Tierschutzbund fordert schon seit Jahren, die EU-Transport-Verordnung zu überarbeiten. „Solange das nicht geschieht, muss sie zumindest strenger kontrolliert und es müssen schärfere Sanktionen verhängt werden, die abschrecken“, fordert Wirths. Inzwischen ist zumindest der EU-Agrar-Ausschuss zu dem gleichen Schluss gekommen. Anfang des Jahres haben die Abgeordneten des EU-Parlamentes einem entsprechenden Umsetzungsbericht des Ausschusses zugestimmt – allerdings mit Abstrichen. So haben sie die entscheidenden Passagen gestrichen – nämlich anstelle von lebenden Tieren Fleisch zu exportieren und generell Transporte in Drittländer zu unterbinden, weil nicht sichergestellt ist, dass die Regelungen der Verordnung dort beachtet werden. Bislang passiert auf dieser Ebene also so gut wie nichts.

Mit vollem Mut voraus

Allerdings haben sich inzwischen einige mutige Tierärzte und Veterinärämter in Bayern und Schleswig-Holstein geweigert, die für Langstreckentransporte erforderlichen Gesundheitszeugnisse auszustellen. Durch Klage der Zuchtunternehmen und entsprechende Gerichtsurteile wurden sie letztendlich jedoch dazu gezwungen. Jetzt werden die Rinder oft in andere Bundesländer wie Niedersachsen, Brandenburg oder Rheinland Pfalz gebracht, wo die Veterinärbehörden nicht im Sinne des Tierschutzes handeln und die Transporte einfach weiter abfertigen.

„Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner reagiert derweil gar nicht und scheint auch keine Verbesserungen zu planen“, kritisiert Wirths. Die Forderungen des Deutschen Tierschutzbundes nach einem nationalen Verbot der Transporte zeigen leider keine Wirkung. Doch die Tierschützer halten vehement daran fest. Auch auf EU-Ebene muss Klöckner sich aktiv für ein generelles, europaweites Verbot einsetzen. „Es dürfen keine Exporte in Drittländer genehmigt werden, wenn niemand gewährleisten kann, dass alle tierschutzrechtlichen Bestimmungen bis zum Zielort eingehalten werden“, so Wirths. Außerdem müsse sichergestellt sein, dass bei der Schlachtung mindestens der Standard der EU-Schlachtverordnung gilt.

Währenddessen können die Verbraucher hierzulande selbst etwas gegen das Tierleid tun. Denn jeder Einzelne, der weniger Fleisch und Milchprodukte verzehrt oder sich sogar für eine vegane Lebensweise entscheidet, macht sich für die Tiere stark und setzt ein wichtiges Zeichen für den Tierschutz.

Bildrechte: Artikelheader: F. Wirths; Fotos: Animals International; F. Wirths; Karremann