Für nachhaltigen Tierschutz

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Für nachhaltigen Tierschutz

Bei der Internationalen Grünen Woche in Berlin präsentierte sich der Deutsche Tierschutzbund als Aussteller, wichtiger Ideengeber und kritischer Gesprächspartner.

  • Autor: Joscha Duhme, Redaktion DU UND DAS TIER

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, begrüßt die zahlreichen Gäste des diesjährigen Labelempfangs auf der IGW.

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, begrüßt die zahlreichen Gäste des diesjährigen Labelempfangs auf der IGW.

Über 400.000 Besucher, 1.750 Aussteller aus 61 Ländern, 70 Landwirtschaftsminister aus aller Welt zu Gast – die Internationale Grüne Woche (IGW) in Berlin ist eine Messe der Superlative. Die weltgrößte Agrarschau ermöglicht den Verbrauchern einen Blick auf Trends aus Ernährung und Landwirtschaft. Aber auch Vertreter aus Politik, Landwirtschaft, Verbänden, Wissenschaft und Handel treffen sich dort, um zu diskutieren und an Lösungen für regionale, nationale und globale Herausforderungen rund um diese Themen zu arbeiten. Vor allem aus der politischen Debatte ist auch der Deutsche Tierschutzbund nicht mehr wegzudenken. Sein Präsident Thomas Schröder war gefragter Redner und Gesprächsteilnehmer auf zahlreichen Fachpodien und in Diskussionsrunden. Denn bessere Haltungsbedingungen in der Landwirtschaft und die staatliche Kennzeichnung von tiergerechter erzeugtem Fleisch zählten zu den Hauptthemen der IGW.

„Ohne uns, da bin ich sicher, hätte es nicht so eine intensive Debatte zur Tierwohlkennzeichnung gegeben“, merkte Dr. Brigitte Rusche, Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes, mit Blick auf das Tierschutzlabel „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes an. Der Verband präsentierte sich dieses Jahr wieder mit einem Stand auf der Messe und lud zu seinem traditionellen Labelempfang ein. Fast 250 Gäste kamen zu der Abendveranstaltung. Politiker wie die für Tierschutz zuständige Ministerin Heike Werner aus Thüringen (Die Linke), Senator Dirk Behrendt (Bündnis 90/Die Grünen) aus Berlin, die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSUBundestagsfraktion, Gitta Connemann, der Vorsitzende des Agrarausschusses im Bundestag, Alois Gerig (CDU), Vertreter des Bundeslandwirtschaftsministeriums sowie viele Bundestags- und Europaabgeordnete tauschten sich angeregt mit Landwirten, Wirtschaftsvertretern und Wissenschaftlern aus.

Das Tierschutzlabel nimmt weiter Fahrt auf

Auch während der folgenden Messetage informierten sich unzählige Verbraucher, aber auch Politiker wie CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak, die für Tierschutz zuständigen Landesminister Reinhold Jost aus dem Saarland (SPD) und Ulrike Höfken aus Rheinland-Pfalz (Bündnis 90/Die Grünen), Anton Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, und viele weitere am Stand des Verbandes über die Bedeutung des zweistufigen Labels. Und das nimmt weiter Fahrt auf. „Immer mehr Handelsunternehmen bekennen sich zum Tierschutzlabel und das Angebot wächst langsam, aber stetig. Damit verhelfen wir immer mehr Tieren zu verbesserten Lebensbedingungen“, sagte Dr. Elke Deininger, Stabstellenleiterin Tierschutzlabel beim Deutschen Tierschutzbund. Entsprechend zertifizierte Produkte sind bei mittlerweile 24 Handelsunternehmen – bundesweit oder in immer größeren Regionen – zu finden. Insgesamt halten mehr als 330 Betriebe ihre Tiere – Mastschweine, Masthühner, Legehennen und Milchkühe – unter den Kriterien des Tierschutzlabels.

Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, Präsident des Johann Heinrich von Thünen-Instituts.

Nach sechs Jahren am Markt, in denen es gelungen ist, für mehrere Millionen Tiere deutlich verbesserte Lebensbedingungen zu schaffen, hätte das Tierschutzlabel „Für Mehr Tierschutz“ als Vorreiter der Regierungspläne für eine staatliche Kennzeichnung gelten können. Und doch war bei Schröder von zufriedener Gelassenheit nichts zu spüren. Denn, so machte er bei dem Empfang deutlich, „die staatliche Kennzeichnung alleine reicht nicht aus, um die Herausforderungen in der landwirtschaftlichen Tierhaltung zu bewältigen. Letztlich kann ein solches Instrument nur wirken, wenn es in ein Gesamtkonzept eingefügt ist. Das gilt im Besonderen für ein freiwilliges Kennzeichen, denn das wirkt eben nur für einen kleinen Teil der Tiere.“ Damit erneuerte er seine Kritik, die er tags zuvor auf der verbandseigenen Pressekonferenz erläutert hatte, als er den Aktionsplan „Zukunft für nachhaltigen Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes erstmalig vorstellte.

Das Tierschutzlabel schafft verbesserte
Bedingungen für Millionen Tiere.

Eine freiwillige staatliche Tierwohlkennzeichnung, wie sie von Bundesministerin Julia Klöckner geplant ist, darf nicht als Ausrede missbraucht werden, um Anpassungen im Ordnungsrecht zu vermeiden. Denn wenn das staatliche Kennzeichen den Verbrauchern aufzeigen soll, bei welchen Produkten höhere Standards als die gesetzlichen eingehalten wurden, braucht es zuallererst genau diese Standards. Für Puten und Rinder gibt es bis heute keine nationalen Haltungsverordnungen. Diese fordert der Verband in seinem Aktionsplan dringend. Bundestag und Bundesregierung haben die Pflicht, das Tierschutzgesetz anzupassen und einen ordnungsrechtlichen Rahmen zu schaffen, der garantiert, dass es allen Tieren besser geht. Zu den weiteren notwendigen Maßnahmen, die der Verband im Aktionsplan nennt, gehören unter anderem ein Tierschutz-TÜV für Haltungssysteme und Schlachtanlagen sowie eine veränderte Förderpolitik.

Prominente Gäste beim NEULAND-Empfang auf der IGW 2019

Auch der NEULAND-Empfang war wieder ein wichtiger Anlaufpunkt bei der IGW. Der NEULAND-Verein für tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung wird von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), dem Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und dem Deutschen Tierschutzbund getragen. Die Redner der Trägerverbände berichteten von der aktuellen Unsicherheit der Bauern. Ihnen fehle es an klaren Kriterien und Perspektiven sowie einer staatlichen Nutztierstrategie.

Tierfreundlichere Haltung als Erfolgsmodell

Mit diesen Forderungen sind die Tierschützer nicht alleine. Auch viele Landwirte unterstützen den Weg zu nachhaltigem Tierschutz. Einer ist Karl Österle von der Erzeugerorganisation Süd für besonders artgerechte und umweltschonende Tierhaltung. Er berichtete beim Labelempfang auf der Bühne von seinen Erfahrungen als Schweinehalter in der Premiumstufe des Labels. Seine Tiere leben nicht auf Spaltenböden, werden nicht kupiert, kümmern sich in Abferkelbuchten mit Stroh um die frischgeborenen Ferkel und werden am Boden gefüttert. „Wenn es den Schweinen gut geht, bin auch ich glücklich“, so Österle, der sich – „und das ist auch ein Verdienst des Deutschen Tierschutzbundes“ – durch die Vermarktung der Produkte aus tierfreundlicherer Haltung über die „fairste Partnerschaft mit dem Markt“ freut, die er je erlebt habe.

Auf die Palme bringt ihn hingegen die im Dezember 2018 vom Bundestag entschiedene Fristverlängerung des betäubungslosen Kastrierens von Ferkeln um zwei Jahre. „Das ist bei uns seit zehn Jahren kein Thema mehr. Die Narkose mit Isofluran ist eine saubere Lösung. Und ich verstehe nicht, wie man den Karren so vor die Wand fahren konnte.“ Vor Vertrauensverlusten in die Tierschutzpolitik, wie sie die Fristverlängerung hervorgerufen hat, warnte Schröder auch bei der staatlichen Tierwohlkennzeichnung. „Das Ziel von Bundesministerin Julia Klöckner, mit ihrer Kennzeichnung rasch in der Breite im Handel sichtbar zu sein, bedeutet, dass sie im Tierschutz Abstriche machen muss.“ Quantität schlage dann Qualität. „So kommt ein Entwurf heraus, der mit den Kriterien der ersten Stufe nahe am Gesetz liegt. Das kann es nicht sein.“

Der Deutsche Tierschutzbund findet Gehör

In seinem Grußwort auf der Bühne merkte Hans-Joachim Fuchtel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, zu der Kritik an: „Es ist klar, dass die Position des Deutschen Tierschutzbundes, der für mehr als 800.000 Mitglieder steht, Gewicht hat und dass wir dies berücksichtigen.“ Fuchtel warb um Verständnis für die Position der Bundesregierung. Es nütze den Tieren nicht, wenn strengere Kriterien für die erste Stufe festgelegt würden, aber kein Betrieb mitmache. Vielmehr sei es wichtig, den Landwirten Perspektiven aufzuzeigen, damit diese direkt den Ausbau zur zweiten und dritten Stufe, die das staatliche Kennzeichen umfassen soll, mitplanen würden.

Solche Perspektiven und Ziele wünscht sich der Deutsche Tierschutzbund für eine staatliche Nutztierstrategie – und erhält dabei Unterstützung von Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, Präsident des Johann Heinrich von Thünen-Instituts. Die Strategie nütze nichts ohne konkrete Ziele, sagte er als Gastredner während des Labelempfangs. Bund und Länder müssten stärker daran arbeiten und auch Landwirte und Wissenschaftler einbeziehen. „Es braucht einen vom Bund orchestrierten Prozess für die Entwicklung von Ideen und Zielen“, so Prof. Isermeyer.

„Hoffentlich gelingt es uns, in dieses Orchester einzusteigen“, merkte Schröder anschließend an. Als Teil eines solchen Orchesters würde der Deutsche Tierschutzbund die Inhalte seines Aktionsplans „Zukunft für nachhaltigen Tierschutz“ einbringen. Damit könnte er dafür Sorge tragen, dass bei einer Gesamtstrategie weder Handels-, noch Bauern- oder Regierungswohl im Fokus stehen, sondern das der Tiere. Um das zu erreichen hatte Schröder bei der IGW unter anderem gemeinsam mit Dr. Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte, einen offenen Brief an die Bundeslandwirtschaftsministerin verfasst. Darin baten sie Klöckner darum, beide Verbände einzubinden, um mit dem Ministerium und weiteren Stakeholdern eine Nutztierstrategie zu erarbeiten, die in der Bevölkerung auf Vertrauen stößt – und nachhaltigen Tierschutz ermöglicht.

GEMEINSAME VISION

  • Zum Auftakt der IGW hat das AgrarBündnis den Kritischen Agrarbericht 2019 vorgestellt. Das Bündnis verschiedener Verbände, dem auch der Deutsche Tierschutzbund angehört, hat im Jahr der Europawahl seine Vision von einer „Landwirtschaft für Europa“, die auch den globalen Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen entspricht, präsentiert.
    www.kritischer-agrarbericht.de