Berlin zeigt Herz und Schnauze

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Berlin zeigt Herz und Schnauze

Zum dritten Mal feiern Tausende in Berlin gemeinsam für den Tierschutz. Das Tierschutz-Festival vom Deutschen Tierschutzbund und dem Tierschutzverein für Berlin verbindet Unterhaltung, politische Diskussionen, veganen Lifestyle und Aufklärungsarbeit.

  • Autor: Joscha Duhme, Redaktion DU UND DAS TIER

Im Laufe des Tages besuchten über 10.000 Menschen das Tierschutz-Festival in der Kulturbrauerei.

Kräftige Bässe wummern durch die Innenhöfe der Berliner Kulturbrauerei. Der Duft von frischem Essen liegt in der Luft. Und eines fällt auf: Beim dritten Tierschutz-Festival, ausgerichtet vom Deutschen Tierschutzbund und dem Tierschutzverein für Berlin, recken immer wieder Menschen ihre Hände in die Höhe. Erst heben 40 Testesser die Daumen, da ihnen der Kartoffelsalat mit veganer Mayo, den Bloggerin und Buchautorin Anna-Lena Klapp, live auf der Bühne zubereitet hat, so gut schmeckt (Weitere Rezepte von Klapp in “Tierschutz genießen”). Dann animieren die Rapper Mädness & Döll ihre Zuhörer, ihre „Pfoten für den Tierschutz zum Takt in die Luft zu werfen“. Und auch die Besucher der Diskussionsrunden applaudieren bei Argumenten pro Tierschutz immer wieder mit den Händen über ihren Köpfen. Ein vielfältiges Programm, das rund 10.000 Menschen zum Festival lockte. Mitreißende Konzerte, alternatives Streetfood, fundierte Informationen und ein vielseitiger Markt zeichnen das Tierschutz-Festival aus.

Musiker und Geehrte teilen sich die Bühnen beim Tierschutz-Festival

„Als Veganerin ist es für mich besonders schön, in diesem Kontext meine Musik beitragen zu können“, freut sich Johanna Amelie. Die Berliner Sängerin eröffnete den Konzertreigen auf der Musikbühne. Auf der begeisterten später auch Mine, Mr. Me, Mädness & Döll und der Berliner Kneipenchor. Zwei Tierschützer, die sich in besonderem Maße durch ihr Engagement hervortun, erhielten während des Tierschutz-Festivals den Berliner Tierschutzpreis. Für ihre Verdienste nahm Brigitte Jenner den Ehrenpreis entgegen. Sie hat sich unter anderem mehr als 20 Jahre im Vorstand der Tierversuchsgegner Berlin und Brandenburg eingesetzt und ist als Vorstandsmitglied auch im Tierschutzverein für Berlin sehr aktiv. „Das Privatleben ist oft sehr kurz gekommen, aber ich habe meine ganze Kraft in dieses Anliegen gesetzt“, sagte Jenner. Sie wünscht sich, „dass wir bei einem der künftigen Tierschutz-Festivals das weltweite Ende aller Tierversuche feiern können“. Jörg Harder, Vorsitzender des für seine Verdienste um den Fledermausschutz geehrten Berliner Artenschutz Teams (BAT), richtete sich in seiner Dankesrede an die jungen Tierschützer am Pavillon der Tierschutzjugend. „Man muss im Tierschutz dicke Bretter bohren, aber nach und nach passiert was, also bleibt unbedingt am Ball“, rief er den jungen Ehren- und Hauptamtlichen zu, die an diesem Tag hunderte Kinder mit Spielen, Kinderschminken und Malmöglichkeiten für das Thema Tierschutz interessierten.

 

Die Sängerin Johanna Amelie eröffnete das Konzertprogramm zur Begeisterung des Publikums.

Vegane Snacks, vegane Tattoos

„Wir begrüßen die vielen kleinen Unternehmen, die heute verdeutlichen, dass Erfolg auch ohne Tierleid möglich ist, und denen wir wünschen, dass sie auf dieser Basis bald zu großen Unternehmen wachsen“, rief Thomas Schröder den Ausstellern und Gastronomen an den 50 Ständen und Foodtrucks zu. Shoppingfreunde und Gourmets kamen voll auf ihre Kosten. Die Jungunternehmer präsentierten unter anderem modernes Heimtierzubehör, vegane Mode und Accessoires sowie neue Hundefuttersorten. Und auch die Vielfalt an den Foodtrucks ließ keine Wünsche offen. Tierfreie Döner, Burger, Wraps, Kuscharis und Eissorten zeigten: Vegan ist in. Das bestätigt auch Luise Lange, die mit ihrem Freund das vegane Tattoostudio „Herr Fuchs & Frau Bär“ gegründet hat. Aus ganz Deutschland reisen Veganer in ihr Berliner Studio, in dem die Farben und alle Produkte frei von tierischen Stoffen sind und ohne Tierversuche entwickelt wurden. Lange: „Für jedes Tattoo spenden wir fünf Euro an wohltätige Organisationen und Einrichtungen wie das Tierheim Berlin“.

Wie wichtig die Registrierung von Haustieren ist, erklärten Frank Meuser (v. l.), Geschäftsführer Politik des Deutschen Tierschutzbundes, Daniela Rohs, Abteilungsleiterin FINDEFIX, Magdalena Artowitz, Hundetrainerin und Verhaltenstherapeutin im Tierheim Berlin, und Dr. Patrick Kluge, Tierheimberater und Tierarzt beim Deutschen Tierschutzbund bei einem Info-Talk.

#RegistrierDeinTier

Damit Tierheime Fundtiere immer häufiger ihren Haltern zurückgeben können, informierte ein Team von FINDEFIX, dem Haustierregister des Deutschen Tierschutzbundes, über die Bedeutung der Registrierung von Haustieren. Nur ein Drittel der Berliner Fundhunde war 2017 gechippt und registriert, bei den Katzen sogar nur ein Neuntel. Im Tierheim lässt sich der Großteil der Tiere nicht identifizieren. Darum hat der Deutsche Tierschutzbund die Kampagne #RegistrierDeinTier ins Leben gerufen. Viele Halter folgten dem Aufruf und registrierten ihre bereits gekennzeichneten Tiere darum direkt beim Tierschutz-Festival.

Gemeinsam stark

„Das Festival ist ein hervorragendes Beispiel, wie man Aufmerksamkeit auf das wichtige Thema Tierschutz lenken kann, um so für Unterstützung und Mitarbeit zu werben“, lobte auch Dr. Dirk Behrendt, Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung in Berlin. Und tatsächlich kamen die Besucher auch, um an den Infoständen verschiedener Tierschutzvereine mehr über Missstände rund um Heim-, Wild- und Nutztiere zu erfahren, um zu diskutieren und Petitionen zu unterschreiben. „Wir freuen uns sehr, dass so viele Vereine dabei sind und die Menschen das Angebot auch im dritten Jahr so gut annehmen. Es ist für den Tierschutz ganz wichtig, dass wir in Bündnissen gemeinsam sichtbarer sind. Denn dann kommt die Politik nicht an uns vorbei. Dafür hat Berlin als Veranstaltungsort auch eine besondere Signalwirkung“, erklärt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes.

Tierschützer als schlechtes Gewissen der Politik

Den Druck auf die Politik hält auch Ines Krüger, erste Vorsitzende des Tierschutzvereins für Berlin hoch. In einer Podiumsdiskussion mit Vertretern der Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses nutzte sie die Gelegenheit, im Sinne des Tierschutzes zur finanziellen Unterstützung von Tierheimen, dem Verbandsklagerecht, dem Katzenschutz, dem Pferdekutschenverbot und Tierversuchen zu argumentieren. Dass das Land Berlin erstmals 300.000 Euro für den Tierschutz und Baumaßnahmen am Tierheim bereitgestellt hat, sei ein erster Erfolg. Doch sei dauerhafte Unterstützung notwendig, um die Herausforderungen zu meistern, so Krüger. „Ich bleibe Ihr schlechtes Gewissen, werde wach bleiben und weiter den Finger in die Wunde legen.“ Ein erfreulicher Konsens der Runde: Berlin, aktuell noch „Hauptstadt der Tierversuche“, soll in den kommenden Jahren Hauptstadt der alternativen Forschungsmethoden werden.

Auf dem Weg zur Hauptstadt der alternativen, tierschutzgerechten Lebensweise ist Berlin bereits. „Berlin hat Herz und Schnauze, aber manchmal vermisse ich noch ein wenig die Empathie für die Tiere“, findet Ines Krüger. Das Tierschutz-Festival leistet einen wertvollen Beitrag, das zu ändern.