Langer Atem lohnt sich

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Langer Atem lohnt sich

Seit 1994 gab es in Bayern keine staatlich finanzierte Hilfe für die Tierheime – und das im reichsten Bundesland der Republik. Jetzt zeigt der jahrelange Kampf unzähliger Tierschützer endlich Erfolg.

  • Autor: Joscha Duhme, Redaktion DU UND DAS TIER

Für Landesverbandspräsidentin Nicole Brühl, die bayerischen Tierschützer und Tierschutzvereine darf es nicht bei der einmaligen Förderung bleiben.

Für Landesverbandspräsidentin Nicole Brühl, die bayerischen Tierschützer und Tierschutzvereine darf es nicht bei der einmaligen Förderung bleiben.

Festtagsstimmung im mittelfränkischen Feucht. 1.200 Gäste feierten das 60-jährige Bestehen des dortigen Tierheims. Kurz nachdem Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, in seiner Festrede die „großartige Arbeit der Tierschützer vor Ort“ gewürdigt und den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder dazu aufgefordert hatte, „in die Infrastruktur des praktischen Tierschutzes zu investieren“, kündigte dieser ein besonderes Jubiläumsgeschenk an. Mitten im Landtagswahlkampf erklärte er in Feucht erstmals öffentlich, Tierheime staatlich fördern zu wollen – und setzte dies mit seiner Landesregierung nur wenige Tage später in die Tat um.

Zwei Millionen Euro hat der Ministerrat in Bayern für die nächsten zwei Jahre beschlossen. Ein großartiger Erfolg für den karitativen Tierschutz. Fast 25 Jahre standen die dem Deutschen Tierschutzbund angeschlossenen 110 Tierschutzvereine und 86 Tierheime in Bayern alleine da. „Bisher sind in Bayern sämtliche Initiativen zur Tierheimförderung an der CSU gescheitert. Umso mehr freuen wir uns, dass die Staatsregierung jetzt Unterstützung in Aussicht stellt“, sagt Nicole Brühl, Präsidentin des Landesverbandes Bayern des Deutschen Tierschutzbundes. Bei aller Freude gibt es aber leider direkt einen Wermutstropfen: Das Geld ist zunächst nur für die nächsten zwei Jahre vorgesehen. „Wir brauchen keinen Schnellschuss, sondern die dauerhafte Anerkennung, dass die Tierschützer gute Arbeit leisten und die Staatsregierung und die Kommunen sie deshalb unterstützen. Das ist hier – zumindest noch nicht – ersichtlich“, so Brühl.

So fördern die einzelnen Bundesländer

Elf von 13 Flächenländern haben einen festen Posten für die Tierheimförderung im Haushalt. Niedersachsen hat sie im Koalitionsvertrag festgeschrieben.

Baden-Württemberg
230.000 Euro im Jahr 2018 (abhängig von verfügbaren Haushaltsmitteln).

Bayern
Erstmals seit 1994 wurden nun zwei Millionen Euro für zwei Jahre bewilligt. Eine Dauerregelung steht noch aus.

Brandenburg
150.000 Euro pro Jahr.

Hessen
150.000 Euro pro Jahr.

Mecklenburg-Vorpommern
300.000 Euro pro Jahr für 2018 und 2019.

Nordrhein-Westfalen
675.000 Euro im Jahr (2016).

Rheinland-Pfalz
Jährlich zwischen rund 400.000 Euro (2010) und 700.000 Euro (2016).

Saarland
174.000 Euro im Jahr 2017. Mit Sonderinvestitionsprogrammen wurden die Tierheime im Saarland 2017 mit Landesmitteln in Höhe von circa einer Million Euro gefördert.

Sachsen
630.000 Euro pro Jahr.

Sachsen-Anhalt
88.000 Euro pro Jahr (2017).

Schleswig-Holstein
250.000 Euro für Investitionen im Jahr 2018, danach 100.000 Euro institutionelle Förderung jährlich.

Thüringen
Einmalige Fördersumme von einer Million Euro (Haushalt 2018/2019). Darüber hinaus 81.300 Euro für Tierheime und 150.000 Euro für Katzenkastrationen pro Jahr (2018 und 2019).

An der Grenze des Machbaren

120 Tierschützer demonstrierten in München für die dauerhafte finanzielle Unterstützung der Tierheime.Die finanzielle Hilfe ist dringend nötig. Das bekräftigten kurz nach der Bekanntgabe der Fördergelder auch rund 120 Tierschützer vor der Staatskanzlei in München. Bei der Kundgebung des Landesverbandes Bayern warben sie für die Anerkennung ihrer Arbeit und angemessene finanzielle Unterstützung. Denn unzähligen Tieren retten die ehrenamtlichen Tierschützer in Bayern jährlich das Leben. Sie päppeln sie auf und vermitteln sie, wenn möglich, in liebevolle Hände. Doch dies wird in den Tierheimen immer schwieriger, denn die finanzielle und auch bauliche Situation blieb in Bayern seit 1994 immer mehr auf der Strecke. Der Investitionsstau in allen bayerischen Einrichtungen, die dem Deutschen Tierschutzbund angehören, umfasst über 60 Millionen Euro. Die Tierunterkünfte entsprechen vielerorts nicht mehr den gestiegenen Ansprüchen an Tierhaltungen.

Ein weiterer Wermutstropfen: Neben den zwei Millionen Euro sind keine separaten Zahlungen für die Folgen des illegalen Welpenhandels vorgesehen. Dabei belastet dieser die bayerischen Tierheime aufgrund der Grenznähe extrem. „75 Prozent der bundesweiten Fälle greifen die Behörden in Bayern auf. Tierheime in der Region, die den Tieren eine geeignete Unterbringung bieten können, nehmen die meist kranken Welpen entgegen, versorgen sie rund um die Uhr bis an die Grenze des Machbaren und bleiben vielfach auf den Kosten sitzen“, berichtet Katja Dubberstein, Leiterin der Tierheimberatung beim Deutschen Tierschutzbund. Laut des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz sollen die Fördermittel vor allem bei Sanierungs- und Baumaßnahmen sowie bei laufenden Kosten unterstützen.

Auch projektbezogene Förderungen seien möglich. Voraussetzung dafür sei, dass sich die Kommunen angemessen finanziell engagieren. Und genau das könnte in der Praxis zum Problem werden. Die Gemeinden vernachlässigen häufig ihre Pflicht, die Kosten für die Unterbringung von Fundtieren in den Tierheimen angemessen zu erstatten. Nur selten bezuschussen sie Sanierungsmaßnahmen oder Kastrationsaktionen. Darum müssen die Tierschutzvereine den Großteil der Kosten für den Tierheimbetrieb und den praktischen Tierschutz selber stemmen. Häufig fehlt dann für Sanierungen das notwendige Kapital. Die neuen staatlichen Fördermittel lösen dieses Problem nicht.

„Es darf nicht dazu kommen, dass Tierheime die Gelder nicht abrufen können, weil die Städte und Kreise zögern und zaudern. Es ist die Mutter aller Probleme für den praktischen Tierschutz, dass der Bund und die Länder die Kommunen alleine lassen und keinen Druck machen“, sagt Schröder. Die Tierschutzvereine sollten nun gemeinsam und geschlossen auftreten, damit nicht alle Tierheime unterschiedliche Tarife für die Versorgung von Fundtieren aushandeln. Genug Geld haben die Gemeinden, weiß Schröder: „Die deutschen Kommunen nehmen Jahr für Jahr knapp 300 Millionen Euro an Hundesteuern ein. Warum müssen die Tierheime da um jeden Cent Unterstützung betteln?“

120 Tierschützer demonstrierten in München für die dauerhafte finanzielle Unterstützung der Tierheime.

120 Tierschützer demonstrierten in München für die dauerhafte finanzielle Unterstützung der Tierheime.

Tierheime helfen. Helft Tierheimen!

  • Tierheime leisten Großartiges und sind ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Sie geben jedem Tier eine warme und trockene Unterkunft, füttern es und zeigen ihm, was eine liebevolle und aufmerksame Zuwendung ist. Dabei kennen sie keine Sonn- und Feiertage. Kein Tier wird auf der Straße sitzen gelassen. Tierheime helfen – und das, obwohl sie vom Staat keine ausreichende, kostendeckende Unterstützung bekommen. Helfen Sie Tierheimen. Wie? Das lesen Sie unter:
    www.tierheime-helfen.de