Neues Denken, neues Handeln

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Neues Denken, neues Handeln

Auf der Mitgliederversammlung am 18. September, die der Deutsche Tierschutzbund zum ersten Mal in seiner 140-jährigen Geschichte wegen der Coronapandemie online veranstaltete, haben die Mitgliedsvereine Geschlossenheit demonstriert. Gemeinsam fordern sie die neue Bundesregierung dazu auf, dem Tierschutz in seiner Bedeutung als Staatsziel endlich angemessen nachzukommen – in der Landwirtschaft, beim Heimtierhandel, beim Katastrophenschutz: heute, nicht morgen. Jetzt.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

„Das ist schon eine sehr ungewohnte Situation“: Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes (links), sprach in zwei Kameras, statt den Delegierten wie üblich persönlich gegenüberzustehen. „Es hat uns auch im vergangenen Jahr sehr gefehlt, mehr vor Ort zu sein und Ihnen zu begegnen.“

Räumlich getrennt, doch inhaltlich vereint. So lässt sich die Mitgliederversammlung des Deutschen Tierschutzbundes zusammenfassen, die der Verband aufgrund der Coronapandemie erstmals online abgehalten hat. Obwohl die Delegierten der rund 740 Tierschutzvereine und 16 Landesverbände nicht an einem Ort zusammenkamen, sendeten sie gemeinsam mit dem in Bonn teilnehmenden Präsidium fundierte Forderungen und starke Botschaften an die künftige Bundesregierung, damit diese das Staatsziel Tierschutz endlich umsetzt. Dazu diskutierten und votierten sie per Videokonferenz. Schon zu Beginn der Versammlung hatte Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, die Politik zu „neuem Denken und neuem Handeln“ aufgerufen. „Das fordern wir ein: heute und nicht erst morgen. Jetzt“, rief er den Delegierten an den Bildschirmen zu. Einstimmig verabschiedeten die Vertreter der Mitgliedsvereine und -verbände eine Resolution, die für die neue Legislaturperiode unter anderem eine Stabsstelle Tierschutz im Kanzleramt, bessere finanzielle Unterstützung der Tierheime und einen wirksameren Schutz von Tieren in der Landwirtschaft fordert.

Starkes Signal gegen den Onlinehandel mit Tieren

Als Europas größter Tierschutzdachverband und zugleich anerkannter Naturschutzverband, der die Interessen von mehr als 800.000 Tierschützern vertritt, macht sich der Deutsche Tierschutzbund für alle Tiere stark. Die Vereine sprachen sich für die von Vizepräsidentin Dr. Brigitte Rusche vorgestellte Resolution zu einem Verbot des Onlinehandels mit lebenden Tieren aus. „Der illegale Tierhandel verursacht jedes Jahr millionenfaches Tierleid. Das gilt insbesondere für Welpen von Vermehrerstationen aus dem Ausland, die dort ebenso wie die Elterntiere unter miserablen Bedingungen gehalten werden“, sagte Rusche. Sie erinnerte aber auch an die exotischen Wildtiere, denen ein solches Verbot ebenfalls helfen soll. Die hundertprozentige Zustimmung der Versammlung zeigt die Geschlossenheit beim gemeinsamen Einsatz für die Tiere.

Agrarwende für mehr Tierwohl gefordert

Dass dieser Einsatz zwar Ausdauer erfordert, sich aber auszahlt, verdeutlichte Schröder am Beispiel des Agrarsektors. Unter anderem berichtete er vom Beitrag des Deutschen Tierschutzbundes in der „Zukunftskommission Landwirtschaft“ der Bundesregierung: „Das war eine großartige Leistung unseres Verbandes.“ Innerhalb der Kommission hatte er mit Vertretern aus Verbänden des Umwelt- und Tierschutzes, der Landwirtschaft, des Verbraucherschutzes, des Handels, der Wissenschaft und der Politik diskutiert. Im Abschlussbericht forderten die sehr unterschiedlichen Interessengruppen gemeinsam, die Produktion tierischer Produkte abzusenken, eine vegane und vegetarische Ernährung zu fördern und Tiertransporte in Drittstaaten zu beenden – „ein großer Erfolg“.

In Bonn an Thomas Schröders Seite: die Vizepräsidentinnen Dr. Brigitte Rusche (Mitte) und Renate Seidel (rechts) sowie Schatzmeister Jürgen Plinz (links).

Weiterkämpfen für den Systemwechsel

Einen solchen Erfolg konnte der Verband auch beim Kampf gegen das massenhafte Kükentöten in der industriellen Tierhaltung erringen. „Wir haben mit Herz und Verstand die letzten Jahre immer wieder auf Veränderungen gedrängt“, erklärte Schröder. Das grundsätzlich beschlossene Ende dieser grausamen Prozedur sei – mit der bitteren Note von Übergangsfristen und der weitergehenden Zucht von Hühnern als Eierproduktionsmaschinen – ein wichtiger Schritt. „Wir können stolz sein, was wir im Agrarsektor erreicht haben. Erfolg heißt aber auch, wir müssen weiterkämpfen – für den Systemwechsel.“ Daran knüpften die Delegierten an. Sie sprachen sich im Bereich Landwirtschaft einstimmig für eine Resolution aus, die Renate Seidel, Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes, vorstellte. Diese bezieht sich auf die schrecklichen Stallbrände, bei denen jährlich viele Schweine, Hühner und Co. sterben. „Die Mitgliederversammlung des Deutschen Tierschutzbundes fordert die Bundesländer auf, den Brandschutz in Tierställen deutlich zu verbessern und auf hohem Niveau zu vereinheitlichen“, heißt es darin. „Notwendig ist eine auf mehr Tierwohl ausgerichtete Agrarwende, die zu deutlich geringeren Bestandszahlen führt.“

Schlüsse aus der Katastrophe ziehen

Tieren in der Not besser helfen zu können, stand für die Mitgliederversammlung auch beim Thema Katastrophenschutz im Fokus. Dazu verabschiedeten die Teilnehmer nicht nur eine Resolution an die politischen Verantwortlichen, den Tierschutz und die Tierrettung im Katastrophenfall stärker zu berücksichtigen. Sie konferierten auch schon am Vorabend intensiv darüber. Im Anschluss an die Verleihung des Adolf-Hempel-Jugendtierschutzpreises hatten die Vereinsvertreter während einer Onlinediskussion die Möglichkeit, sich untereinander, mit den Vertretern der Landesverbände und dem Präsidium des Dachverbandes zu verschiedenen Fragestellungen auszutauschen. So auch zur Flutkatastrophe, die im Sommer gezeigt habe, „dass wir mehr daran arbeiten müssen, dass es bei Feuerwehr und Polizei noch mehr Verständnis für das Tier gibt“, wie Jürgen Plinz sagte. Der Schatzmeister des Deutschen Tierschutzbundes merkte auch an, welche Bedeutung die Kennzeichnung und Registrierung bei FINDEFIX, dem Haustierregister des Deutschen Tierschutzbundes, „gerade bei solchen Katastrophen hat. Sie ist das A und O – um die Tiere wiederzufinden und für die persönliche Gewissheit, wenn das Tier die Katastrophe nicht überlebt hat.“ Schröder berichtete, dass der Verband dank der Spendenbereitschaft in den ersten Wochen nach dem Hochwasser über 360.000 Euro an Nothilfen verteilen konnte. „Wir werden solche Katastrophen nicht verhindern können. Aber wir müssen aus Tierschutzsicht heraus versuchen, mit den Hilfswerken Vereinbarungen zu finden, um zukünftig sofort und schnell helfen zu können und auch selbst eine Logistik vorrätig haben.“

Ebenfalls vor Ort waren Mitglieder des Länderrats wie etwa Dieter Ruhnke, Vorsitzender des Deutscher Tierschutzbund Landesverbandes Niedersachsen (links).

Ohne Jugend keine Zukunft

Keine dieser Zukunftsfragen wird langfristig ohne die Jugend zu lösen sein. Darin waren sich die Teilnehmer einig, als sie diskutierten, wie sie die jüngeren Generationen nachhaltig für den Tierschutz begeistern können. Viele Mitgliedsvereine leisten durch ihre Jugendgruppen und Aktivitäten für junge Tierschützer wichtige Arbeit, um genau das zu erreichen. Auch Karen Alwardt, die Landesjugendbeauftragte für Nordrhein-Westfalen, setzt sich seit Langem dafür ein. Sie erhielt im Rahmen der Mitgliederversammlung für ihr langjähriges und überregionales Engagement die goldene Ehrennadel des Deutschen Tierschutzbundes. „Karen hat mich zum Tierschutz gebracht. Sie hat mich so lange an die Hand genommen, mich beim Tierschutz gehalten und unterstützt, dass ich heute hier stehen kann“, sagte Simon Berghane, Mitglied des erweiterten Präsidiums des Deutschen Tierschutzbundes.

Tierschutzlehrer bringen großen Fuß in die Tür

Ein weiterer wichtiger Baustein der Jugendarbeit ist die Tierschutzlehrerausbildung des Deutschen Tierschutzbundes. Sie qualifiziert die Teilnehmer fachlich und methodisch für den Tierschutzunterricht mit Kindern. Die Absolventen unterstützen Pädagogen an Schulen. „Damit haben wir einen großen Fuß in der Tür“, sagte Schröder in der Diskussionsrunde. Wie die anderen Redner verwies er jedoch darauf, dass der Tierschutz auch im regulären Schulunterricht, beispielsweise in den Fächern Biologie und Ethik, eine größere Rolle spielen müsse. Dazu steht der Verband seit Jahrzehnten in Kontakt mit den Kultusministerien und versucht, wie Vizepräsidentin Seidel anmerkte, über die Landesverbände den politischen Druck in den Bundesländern hochzuhalten – mit gebündelten Kräften und auf allen Ebenen. Denn es sind die Jugendlichen von heute, die den Tierschutz langfristig sichern, den Tieren dauerhaft eine Stimme geben und auch in Zukunft den Finger in die Wunde legen, damit die Politik den Forderungen nach „neuem Denken und neuem Handeln“ auch konsequent Taten folgen lässt.

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