Bund und EU sind gefordert, um Leid von Tierversuchstieren zu beenden

Bis zum letzten Labor

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Bund und EU sind gefordert, um Leid von Tierversuchstieren zu beenden

Bis zum letzten Labor

Der Skandal um das Horrorlabor LPT hat das Leid der Versuchstiere auf grausame Weise wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Mittlerweile ist ein Standort geschlossen und die Betreiberfirma soll aufgelöst werden – ein Erfolg. Doch um auch die Qualen Millionen weiterer Tiere zu beenden, sind die EU und der Bund gefordert. Der Weg ist noch weit, aber aktuelle Entwicklungen und Pläne machen Tierschützern Hoffnung.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Die Bilder wirken heute noch nach. Auch nach über zwei Jahren bleiben die erschütternden Undercover-Aufnahmen aus dem Horrorlabor LPT (Laboratory of Pharmacology and Toxicology) im niedersächsischen Mienenbüttel im Kopf. Das Erste hatte Ende 2019 in ihrem eigenen Blut liegende Hunde gezeigt, die offensichtlich durch Testsubstanzen vergiftet verendeten. Der Beitrag dokumentierte, wie ein „Tierpfleger“ einen Makaken mutwillig gegen einen Türrahmen schlug. Und wie Personal andere Affen grob aus den zu kleinen Käfigen zerrte und nach den Experimenten wieder achtlos hineinwarf. Oder Katzen die Beine zerstach. Mittlerweile ist dieses barbarische Verhalten in Mienenbüttel Geschichte. Der Standort, der zu den größten Auftragsforschungslaboren in Deutschland gehörte und Tierversuche an bis zu 1.500 Hunden, 500 Affen, 100 Katzen, 100 Schweinen und über 20.000 Nagetieren gleichzeitig durchführen konnte, ist geschlossen. Die in Provivo Biosciences umbenannte Betreiberfirma hat Ende Januar auch an den Standorten in Hamburg und Schleswig-Holstein die Tierversuche eingestellt. Ende des Jahres soll das Unternehmen aufgelöst werden.

Erfolg durch vielfältigen Einsatz von Tierschützern

Zum Ende des Leids der norddeutschen Labortiere trugen neben TV-Berichten auch enorme Proteste bei. Bis zu 15.000 Menschen, darunter viele Mitarbeiter und Aktive des Hamburger Tierschutzvereins von 1841, Mitgliedsverein des Deutschen Tierschutzbundes, demonstrierten allein in Hamburg. Der Verband hat Anfang 2020 Strafanzeigen gegen den LPT-Geschäftsführer und die ehemalige Amtsveterinärin gestellt. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften Stade und Hamburg dauern noch an. Die Entwicklungen sind ein Gemeinschaftserfolg für den Tierschutz. Der erfreut auch Kristina Wagner. Doch die Leiterin der Abteilung Alternativmethoden zu Tierversuchen beim Deutschen Tierschutzbund weiß, dass dies nur ein Schritt auf dem langen Weg zu einer Wissenschaft ohne Tierleid ist. „Obwohl wir das Ende der Tierversuche in den besagten Laboren begrüßen, ist nicht klar, ob sie mit der Schließung von Provivo Biosciences wirklich komplett enden oder unter anderem Namen eventuell ins Ausland verlagert werden.“

Millionen Tiere leiden in deutschen Laboren

Zudem handelt es sich dabei nur um einen Tropfen auf den heißen Stein, wie die deutschen Versuchstierzahlen 2020 zeigen. 2.533.664 Tiere starben in dem Jahr in Laboren. „Dies sind zwar beinahe 370.000 weniger als im Jahr davor, doch die Zahl ist nach wie vor erschreckend hoch und der Rückgang vermutlich nur auf den ersten Lockdown zurückzuführen“, sagt Wagner. Die enorme Menge an Tieren, die nach wie vor für Wissenschaft und Co. leiden, führt der Deutsche Tierschutzbund unter anderem darauf zurück, dass die Behörden bis heute so gut wie jeden Tierversuch genehmigen. Nicht einmal ein Prozent der Anträge lehnen sie ab.

Deutschland setzt EU-Richtlinie nicht korrekt um

Das liegt auch daran, dass der Gesetzgeber die schon seit 2010 geltende EU-Richtlinie zum Schutz von Versuchstieren noch immer nicht korrekt in deutsches Recht umgesetzt hat. Diese besagt unter anderem, dass die Genehmigungsbehörde vollumfänglich und selbständig prüfen muss, ob die beantragten Tierversuche unerlässlich und ethisch vertretbar sind. „Doch deutsche Behörden, die für die Genehmigung von Tierversuchsprojekten zuständig sind, dürfen nach den Vorgaben der Tierschutz-Versuchstierverordnung und des Tierschutzgesetzes Anträge nur sehr eingeschränkt prüfen. Ihnen ist es allein gestattet, die Angaben und Bewertungen der antragstellenden Wissenschaftler zu untersuchen. Dabei müssen sie alle formal richtig gestellten Anträge genehmigen, anstatt unabhängig von den Inhalten des Antrags zu prüfen, ob der geplante Tierversuch unerlässlich und ethisch vertretbar ist“, berichtet Wagner.

2.533.664 Tiere starben 2020
in deutschen Laboren.

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Die EU-Kommission leitete 2018 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland ein, weil der Bund das deutsche Recht nicht an die EU-Richtlinie angepasst hat. „Das hätte bereits bis 2012 so sein sollen. Deutschland hat dies durch mangelhafte Einsicht also bereits um zehn Jahre verzögert. Wir gehen davon aus, dass in dieser Zeit hierzulande unzählige Tierversuche durchgeführt wurden, die nach EU-Recht nicht zulässig sind“, fasst Wagner zusammen. Um eine Klage der EU-Kommission beim Europäischen Gerichtshof abzuwenden, hat der Gesetzgeber das Tierschutzgesetz und die Tierschutz-Versuchstierverordnung 2021 geändert und immerhin einige Mängel beseitigt. „Aber mit den neuen Vorgaben für die Genehmigung von Tierversuchen weicht sie sogar noch weiter ab als die vorige Fassung“, sagt Wagner. Die Behörden prüfen nun lediglich, ob die Antragssteller „wissenschaftlich begründet“ darlegen, dass die Tierversuche unerlässlich und ethisch vertretbar sind. „So können sie natürlich nur unzureichend nachvollziehen, ob der Antrag plausibel ist. Dieser Mangel wurde wissend ignoriert. Jetzt liegt es an der neuen Bundesregierung, endlich die EU-Vorgaben vollständig in deutsches Recht umzusetzen“, fordert Wagner.

Verbot von Tierversuchen für Kosmetika wird ausgehebelt

Zum Leidwesen der Tiere ist aber auch auf EU-Ebene nicht alles besser. So hat die Staatengemeinschaft Tierversuche für die Prüfung von kosmetischen Produkten und Inhaltsstoffen seit 2013 zwar umfassend verboten. „Leider beschränkt sich das aber nur auf Stoffe, die ausschließlich in der Kosmetik eingesetzt werden“, erläutert Wagner, „nicht auf solche, die auch andere Industriebereiche nutzen“. Im Gegenteil, für viele dieser Substanzen sind Tierversuche sogar gesetzlich vorgeschrieben.

58 Prozent der Tiere starben für die Grundlagen-Forschung.
Diese Versuche dienen weder einem konkreten
noch absehbaren Nutzen für den Menschen.

Aber auch ausschließlich kosmetische Inhaltsstoffe sollen im Tierversuch getestet werden, um Arbeits- und Umweltsicherheit zu prüfen. Die Tierversuche für Kosmetik enden also erst dann wirklich, wenn die EU für alle Bereiche der Stoffprüfung Teststrategien ohne Tierleid zulässt beziehungsweise vorschreibt.

EU-Parlament fordert Ausstiegsstrategie

Damit dies in nicht allzu ferner Zukunft der Fall sein wird, hat das Europäische Parlament im September 2021 einen Entschließungsantrag für ein Ende von Tierversuchen angenommen. Mit überwältigender Mehrheit von 667 Ja- gegenüber vier Nein-Stimmen fordert es die EU-Kommission auf, einen Ausstiegsplan aus allen Tierversuchen zu erarbeiten – auch aus solchen für die zuvor erwähnten Sicherheitsprüfungen. Das Parlament verlangt, die finanzielle Förderung aufzustocken, um Wissenschaftler und Unternehmen zu unterstützen, die tierversuchsfreie Methoden entwickeln oder darauf umsteigen möchten. Der Deutsche Tierschutzbund war gemeinsam mit seiner europäischen Partnerorganisation Eurogroup for Animals sowohl aktiv daran beteiligt, den Entschließungsantrag zu gestalten und auf den Weg zu bringen, als auch bei den Abgeordneten dafür zu werben, für ein Ende der Versuche zu stimmen. Leider sind solche Entschließungsanträge aber nicht verbindlich, sodass die Kommission nicht unbedingt tätig werden muss. „Wir hoffen sehr, dass sie zeitnah einen entsprechenden Ausstiegsplan erarbeitet“, sagt Wagner.

Ampel plant Reduktion statt Ausstieg

Damit wäre die EU Deutschland erneut voraus, wie der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung erkennen lässt. Darin kündigt sie an, eine Reduktionsstrategie zu Tierversuchen vorlegen, die Forschung zu Alternativen verstärken und ein ressortübergreifendes Kompetenznetzwerk etablieren zu wollen. „Das ist natürlich grundsätzlich eine gute Nachricht, allerdings bleibt dabei das System der Tierversuche erhalten. Eine Ausstiegsstrategie ist der nachhaltigere Plan, um es mittel- und langfristig durch tierversuchsfreie Methoden zu ersetzen“, so Wagner.

Deutscher Tierschutzbund fordert Ausstieg und neue Studienpläne

Der Deutsche Tierschutzbund appelliert an die Ampelkoalition, Tierversuche nicht nur zu reduzieren, sondern mit gutem Beispiel voranzugehen und unabhängig von den Bestrebungen auf EU-Ebene einen verbindlichen nationalen Ausstiegsplan zu beschließen.

72.109 Tiere erlitten den höchsten Grad an Schmerzen,
Leiden und Schäden. Hierunter fallen beispielsweise
Organtransplantationen von einer Tierart auf eine andere.

„Wir fordern, die Entwicklung von neuen tierversuchsfreien Methoden stärker und vorrangig zu fördern, anstatt weiterhin ‚althergebrachte‘ Methoden an Tieren zu subventionieren. Es ist an der Zeit, auch Studienpläne zu überarbeiten, sodass Nachwuchswissenschaftler ihre Ausbildung ohne Tierverbrauch absolvieren können und dabei tierversuchsfreie Methoden erlernen“, ergänzt Wagner. Das finale Ziel müsse eine Forschung, Lehre und Sicherheitsprüfung sein, die gänzlich ohne Tiere auskommt. „Deutschland kann sich dadurch an die Spitze des Fortschritts stellen.“

Was Sie tun können

  • Unter dem Slogan „Save Cruelty Free Cosmetics“ rufen europäische Tierschutzorganisationen dazu auf, Unterschriften zur Rettung tierversuchsfreier Kosmetik zu sammeln. Der Deutsche Tierschutzbund unterstützt die Initiative als Mitglied der europäischen Tierschutz-Dachorganisation Eurogroup for Animals. Im Interview erklärt Kristina Wagner, Leiterin der Abteilung Alternativmethoden zu Tierversuchen beim Deutschen Tierschutzbund, welche Ziele die Tierschützer verfolgen und wie Sie helfen können.
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