Interview: Alternativen zu Tierversuchen

Hinter den Kulissen

Interview: Alternativen zu Tierversuchen

Zellbiologe Dr. Alexander Mosig schildert, warum die Zahl der Tierstudien reduziert werden sollte und wie weit die Entwicklung von Alternativmethoden ist.

  • Autor: Verena Jungbluth, Redaktion DU UND DAS TIER

Dr. Alexander Mosig, Zellbiologe

Dr. Alexander Mosig, Zellbiologe

DU UND DAS TIER: Was hat Sie dazu bewegt, im Bereich der Alternativmethoden zu arbeiten und Alternativen zum Tierversuch zu entwickeln?

Meine Arbeitsgruppe befasst sich mit der Untersuchung des Krankheitsgeschehens von Entzündungen und Infektionen. Unser Ziel ist es, immunologische Erkrankungen besser verstehen zu können und damit die Grundlage für die Entwicklung besserer Behandlungsmöglichkeiten zu legen. Aus Ermangelung geeigneter Alternativen werden häufig Versuchstiere, vor allem Mäuse und Ratten für solche Studien verwendet. Nagetiere sind aber evolutionär bedingt an andere Lebensräume als der Mensch angepasst. Hieraus ergeben sich auch erhebliche Unterschiede in der Ernährung, dem Immunsystem und letztlich dem Umgang mit Infektionen. Die Ergebnisse aus Tierstudien sind deshalb nur eingeschränkt auf den Menschen übertragbar.

Häufig werden Krankheitsmechanismen oder neue Therapieoptionen erfolgreich im Tier untersucht, die Anwendung am Menschen scheitert aber aufgrund der speziesbedingten Unterschiede. Wir haben deshalb nach Möglichkeiten gesucht, Infektionen des Menschen im Labor an Organnachbildungen zu untersuchen. Dazu haben wir die Funktion einzelner Organe in einem Biochip simuliert und damit das Krankheitsgeschehen bei Entzündungen und Infektionen nachgestellt. Mit diesen „Organen-auf-dem-Chip“ sollen langfristig besser auf den Menschen übertragbare Ergebnisse gewonnen und gleichzeitig auch die Anzahl der notwendigen Tierversuche drastisch reduziert werden.

DU UND DAS TIER: Was ist das spannende an Ihrer Arbeit und besonders an der Entwicklung von Organbiochips?

Das spannende an meiner Arbeit ist zweifellos die Möglichkeit, mit herausragenden Kollegen aus ganz unterschiedlichen Fachgebieten wie der Mikrobiologie, der Medizin, der Physik, der Pharmakologie und der Systembiologie zusammenarbeiten zu dürfen. Wir bekommen dadurch die Möglichkeit unsere Arbeit aus immer wieder anderen Perspektiven kritisch betrachten zu können und so unsere Systeme ständig zu verbessern. Bei der Entwicklung unserer Organmodelle steht immer zuerst die spätere praktische Anwendung und der unmittelbare Ersatz von Tierversuchen im Vordergrund.

DU UND DAS TIER: Welche Herausforderungen und Schwierigkeiten gibt es im Bereich der Alternativmethoden-Forschung?

Es gibt in Deutschland nur wenige Förderprogramme und Stiftungen, die sich gezielt der Entwicklung von Alternativen zum Tierversuch widmen. Hier sind andere Länder wie beispielsweise die USA, die Niederlande oder auch Norwegen wesentlich engagierter. In diesen Ländern werden beispielsweise über mehrere Jahre hinweg zweistellige Millionenbeträge in den Aufbau nachhaltiger Strukturen zur Entwicklung der Organen-auf-dem-chip Technik investiert. Das World Economic Forum zählte diese Technologie 2016 aufgrund ihres enormen Potentials zu den “Top 10 Emerging Technologies“. Es ist wichtig, dass auch in Deutschland in diesem Bereich mehr Unterstützung möglich wird, um nationale wie internationale Forschungsnetzwerke entstehen zu lassen und die Entwicklung dieser Technologie effizient voranzutreiben.

DU UND DAS TIER: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Forschung aus? Was sind Ihre Ziele und ist eine Forschung ohne Tierversuche möglich?

Ein kompletter Verzicht auf Tierversuche in der biomedizinischen Forschung ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellbar. Wir stehen erst am Beginn der Entwicklung von wirksamen Alternativmethoden und es liegt noch viel Arbeit vor uns. Ich bin aber überzeugt, dass es langfristig möglich sein wird, die Zahl der Tierversuche in der biomedizinischen Forschung erheblich zu senken und eventuell eines Tages diese ganz überflüssig zu machen. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Hierfür bedarf es des politischen Willens und der Bereitschaft in die Forschung zu Alternativmethoden zu investieren. Es muss aber auch Bewegung in die Forschungsgemeinde kommen. Wo immer Tierversuche ethisch und wissenschaftlich gerechtfertigt sind und keine geeignete alternative Methode verfügbar ist, müssen Tierversuche durchgeführt werden können. Andererseits gibt es aber auch eine ethische und wissenschaftliche Verpflichtung, bessere und zuverlässigere Alternativmethoden zu entwickeln, um die Zahl der notwendigen Tierversuche stetig zu senken.

Dafür ist es notwendig, sich auch ein Stück aus dem vielfachen Grabendenken bei diesem emotionalen Thema zu lösen, sachlich zu diskutieren und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. In Jena setzen wir das am Integrierten Forschung- und Behandlungszentrum für Sepsis und Sepsisfolgen sehr erfolgreich um und ich freue mich wirklich sehr, dass diese gemeinsame Arbeit mit dem Bundesforschungspreis für die Entwicklung von Tierversuchsersatzmethoden gewürdigt wurde.

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