Lasst die Vögel nicht verstummen

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Lasst die Vögel nicht verstummen

Unserer heimischen Vogelwelt geht es schlecht – seit Jahrzehnten sinken die Zahlen der Brutvögel dramatisch. Betroffen sind vor allem Agrarvögel wie Kiebitze, Rebhühner und Feldschwirle, die unter dem massiven Einsatz von Pestiziden, monotonen Kulturlandschaften und versiegelten Flächen leiden.

  • Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER

Die meisten der etwa 300 Vogelarten in Deutschland ernähren sich von Insekten und ziehen ihre Jungvögel damit auf. Doch die Zahl der Insekten schrumpft.

Amseln, die den Tag mit ihren Melodien begrüßen, Feldlerchen, deren fröhlicher Gesang über weite Ackerflächen schallt, und Haussperlinge, die sich in den Sträuchern der Nachbarschaft rege unterhalten. Wenn der Frühling Einzug hält, beginnt mit den ersten Sonnenstrahlen auch die Balz der Vögel und ihr Gezwitscher bereichert unseren Alltag. Zumindest war es einmal so. Doch auf unseren Feldern und in unseren Gärten ist es lange nicht mehr so lebhaft wie früher. So sind die Stimmen zahlreicher Vögel weniger geworden oder sogar völlig verstummt. Leider ist das kein trügerischer Eindruck, sondern erschreckende Realität. Denn vielen heimischen Vögeln geht es äußerst schlecht und das weltweit zu beobachtende Artensterben macht auch vor ihnen nicht Halt. Laut Angaben der Bundesregierung sind in Siedlungsgebieten und industriell geprägten Agrarlandschaften seit den 90er-Jahren etwa 300 Millionen Brutpaare aus der Europäischen Union verschwunden – der Bestand hat sich um 50 Prozent reduziert.

Mehr als 40 Prozent der deutschen Vogelarten werden auf der Roten Liste der Brutvögel als gefährdet eingestuft – darunter zum Beispiel das Braunkehlchen, die Mehl- und die Rauchschwalbe sowie der Wiesenpieper.

Auch die Stare, die einst in großen Schwärmen durch die Lüfte flogen, sind rar geworden – ihr Bestand ist in den vergangenen 15 Jahren um rund 2,6 Millionen Brutpaare zurückgegangen. „Hochrechnungen eines 24-Jahres-Trends haben gezeigt, dass hierzulande etwa 14 Millionen Brutvögel verloren gegangen sind“, schildert Katrin Pichl, Referentin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund. „Betroffen sind vor allem Bodenbrüter wie Kiebitze und Rebhühner sowie bekannte Gartenvögel wie Braunkehlchen. Anders als etwa Kraniche oder Eulen werden diese nicht besonders geschützt und erhalten weniger Aufmerksamkeit.“

Übeltäter Monokulturen

Der Sperling gehört zu den heimischen Vögeln, deren Bestand in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen ist, …

Die Gründe für dieses dramatische Vogelsterben sind vielfältig und schon lange bekannt. Zu den Hauptursachen zählt die industrialisierte Landwirtschaft: Durch den massenhaften Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln und Dünger ist die Anzahl der Insekten in den vergangenen Jahrzehnten drastisch gesunken, sodass vor allem Feldvögeln die Nahrungsgrundlage fehlt. „Die meisten der etwa 300 Vogelarten in Deutschland ernähren sich von Insekten und ziehen ihre Jungvögel damit auf“, erläutert Pichl. „Auch für die Vögel selbst ist es gesundheitsgefährdend, wenn sie Pestizide direkt oder indirekt über ihre Nahrung aufnehmen.“ Hinzu kommt, dass immer effizientere Erntemaschinen auch noch das letzte Getreidekorn vom Acker aufsammeln. Die intensive Landwirtschaft, in der Monokulturen die Landschaften prägen, trägt neben wachsenden Siedlungsflächen und dem Ausbau der Infrastruktur entschieden dazu bei, dass die einst vielfältigen Lebensräume der Vögel zerschnitten werden oder ganz verloren gehen – hohe Grasflächen, Hecken und Brachflächen verschwinden, was insbesondere Wiesenbrütern schwer zu schaffen macht. Knapp die Hälfte aller Agrarvogelarten steht auf der Roten Liste. Erstaunlich viele Vögel kommen außerdem durch Kollisionen mit Glasflächen, Zügen, Stromleitungen und Windkraftanlagen um. Die Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten geht davon aus, dass mehr als fünf Prozent der jährlich bei uns vorkommenden Vögel Glasschlag zum Opfer fallen. „Einfache Vorkehrungen auf Glasscheiben würden bereits zahlreiche solcher Unfälle verhindern, doch leider wird das noch lange nicht ausreichend umgesetzt“, sagt Pichl.

„Verschiedene Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass es auf Bahnstrecken pro Streckenkilometer zu bis zu 61 Vogelschlägen kommt.“

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) schätzt, dass jedes Jahr außerdem bis zu 2,8 Millionen Vögel durch Zusammenstöße mit Hochspannungsleitungen ums Leben kommen.

Vögel als Zielscheibe

… ebenso wie der Star.

Ein ernstes Problem sind darüber hinaus insbesondere in Mittelmeerstaaten der Vogelfang und die illegale Jagd – und das, obwohl die EU-Vogelschutzrichtlinie den Schutz wildlebender Vogelarten und ihrer Lebensräume in der Europäischen Union regeln soll und die Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet sind, diese umzusetzen. Hierzulande stehen alle wildlebenden Vogelarten unter Naturschutz und dürfen nicht gefangen, getötet oder verfolgt werden, ebenso ist es verboten, ihre Lebensstätten zu zerstören. Auch die rund 30 sogenannten jagdbaren Arten wie Rebhühner, Wachteln, verschiedene Wildenten und -gänse oder Auerhühner stehen unter Naturschutz, unterliegen aber zugleich dem Bundesjagdgesetz, das für bestimmte Vögel und Zeiträume eine ordnungsgemäße Jagd erlaubt – für den Deutschen Tierschutzbund sind solche Ausnahmen völlig inakzeptabel: „Es ist zum einen unverständlich, dass Jäger gefährdete Vögel wie Rebhühner in einigen Bundesländern immer noch legal abschießen dürfen“, kritisiert Pichl. „Zum anderen gefährdet auch die Bejagung vergleichsweise häufiger Vögel wie Graugänse oder Höckerschwäne seltene Arten, weil Jäger die Tiere nicht unterscheiden können und Fehlschüsse vorprogrammiert sind. Vom Tierleid angeschossener und letztlich elend verstorbener Tiere einmal abgesehen.“

Die zehn gefährdetsten Vogelarten Deutschlands

Laut einer im Nationalen Vogelschutzbericht 2019 erwähnten Langzeitstudie sind innerhalb von 36 Jahren die Bestände folgender Vogelarten in Deutschland am stärksten zurückgegangen:

Kiebitz: 93 %
Rebhuhn: 91 %
Turteltaube: 89 %
Alpenstrandläufer: 84 %
Bekassine: 82 %
Steinschmätzer: 80 %
Brachpieper: 79 %
Wiesenpieper: 79 %
Uferschnepfe: 78 %
Feldschwirl: 75 %

Quelle: Nationaler Bericht nach Artikel 12 Vogelschutzrichtlinie für Deutschland (2019)

Allein durch die legale Jagd sterben hierzulande über eine Million Vögel, vor allem Enten, Gänse, Tauben und Rabenvögel. EU-weit sind es nach Berechnungen des „Komitee gegen den Vogelmord“, ein Mitgliedsverein des Deutschen Tierschutzbundes, rund 53 Millionen Vögel von allein 82 Arten. Hinzu kommen unzählige weitere, auch illegal gejagte Vögel – in der EU betrifft das insbesondere Greifvögel wie Seeadler, Habichte und Rotmilane, aber auch Störche. Im Mittelmeerraum, im Nahen Osten und in Nordafrika gelten Sing- und Zugvögel in einigen Regionen als Spezialität, zudem sehen viele Menschen die Jagd als Freizeitbeschäftigung und Traditionserhalt. Für diese sind Italien, Frankreich, Malta, der Libanon oder Ägypten besonders gefährlich. Zahlreiche tieffliegende Vögel wie Buchfinken, Singdrosseln oder Feldlerchen werden dort illegal geschossen oder mit Netzen eingefangen – laut einer Studie der internationalen Vogelschutz-Organisation BirdLife international sind es jedes Jahr etwa 25 Millionen.

„Die EU-Vogelschutzrichtlinie hat klare Verbote zur Jagd auf Vögel formuliert, doch auch hier sind Ausnahmen erlaubt – zum Beispiel, wenn es sich um die ‚Bewahrung einer Tradition‘ oder den ‚Schutz‘ von Gemüse- und Obstanbauflächen vor Vogelfraßschäden handelt“, erläutert Pichl. Zugvögel gehören zudem zu den Leidtragenden des Klimawandels, der ebenfalls erheblich zum Vogelsterben beiträgt. „Sie müssen sich an die stetigen Veränderungen anpassen und beispielsweise neue Brutplätze finden, andere Zugwege wählen, mit dem Konkurrenzdruck umgehen und folglich mit der Ressourcenknappheit leben.“ Schlagzeilen machen außerdem häufig Infektionen, unter denen bestimmte Vogelarten leiden. Während zum Beispiel seit 2011 das Usutu-Virus den Amseln stark zusetzt und auch die Vogelgrippe immer wieder Wildgänse, Wildenten, Greifvögel und weitere Vogelarten befällt, starben bundesweit im Frühjahr vergangenen Jahres Zehntausende Blaumeisen. Ursache war das Bakterium Suttonella ornithocola, das bei Blau- und vereinzelt bei Kohlmeisen sowie anderen kleinen Singvögeln eine Lungenentzündung hervorrief. Ein weiterer Faktor, der häufig im Zusammenhang mit dem Vogelsterben genannt wird, sind freilaufende Katzen. Zwar darf ihre Jagd auf Singvögel nicht verharmlost werden, doch grundsätzlich sind nicht Katzen ausschlaggebend für den Verlust der Vögel, sondern die intensive Landwirtschaft, zu wenige Lebensräume, der Klimawandel sowie die von Menschen betriebene Jagd.

Jetzt handeln

Klar ist: Wenn wir nicht in einer tristen Welt ohne den Gesang der Vögel leben wollen, brauchen wir vor allem eine europaweite Agrarwende, bei der Tier-, Natur- und Artenschutz Vorrang haben. „Die Bundesregierung und die EU-Kommission müssen dafür sorgen, dass die notwendigen Ziele wichtiger Strategien der vergangenen Jahre wie das Insektenschutzgesetz, der European Green Deal, die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie und das Klimaschutzgesetz umgesetzt werden“, fordert Pichl. „Eine nachhaltige, klimaneutrale Entwicklung darf nicht immer wieder verzögert oder vonseiten der Agrarlobby gebremst werden.“ Um zudem die Jagd auf Vögel einzudämmen, fordert der Deutsche Tierschutzbund, dass die Vogelschutzrichtlinie der EU konsequent umgesetzt wird und Verstöße seitens der Mitgliedsstaaten sanktioniert werden. „Hierzulande bedarf es einerseits drastischer Strafen für illegalen Vogelfang, ebenso muss die Bundesregierung dringend die jagdrechtlichen Vorgaben anpassen, sodass Vögel grundsätzlich nicht mehr gejagt werden dürfen“, so Pichl.


Aktiv werden

Sie können zum Schutz der Vögel beitragen, indem Sie …

  • heimische Wildblumen und Wildkräuter im Garten und auf dem Balkon anpflanzen.
  • Nisthilfen für Insekten und Vögel aufstellen und bei Renovierungsarbeiten am Haus ein paar Nischen beibehalten – solche Hohlräume dienen ebenfalls als Nisthilfe.
  • Ihren Garten insekten- und vogelfreundlich gestalten und beispielsweise heimische blüten- und früchtetragende Sträucher sowie Wildstauden pflanzen. Richten Sie zudem wilde Ecken ein, an denen Sie Laub liegen lassen, Holzstapel oder Reisighaufen anlegen und Wildblumen aussäen.
  • ihnen artgerechtes Futter anbieten, in stark urbanen Regionen ohne ausreichend Grünflächen auch ganzjährig.
  • große Fensterscheiben in Ihrem Haus oder Ihrer Wohnung mit großflächigen Streifen-, Punktmustern, UV-reflektierenden Aufklebern, Rollos oder Gardinen sichtbar machen.
  • regionale Bioprodukte kaufen, um die intensive Landwirtschaft nicht weiter zu fördern.

DIE TIERE BRAUCHEN SIE

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