Krankhafte Tierliebe

Hinter den Kulissen

Krankhafte Tierliebe

Animal Hoarding – die krankhafte Sucht, Tiere zu sammeln – ist ein häufiges, aber bisher wenig erforschtes Phänomen. Der Deutsche Tierschutzbund liefert nun aktuelle Zahlen, die die bekannt gewordenen Tierhortungen der vergangenen Jahre dokumentieren.

  • Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER

Bei einem Animal-Hoarding-Fall in der bayrischen Stadt Rain im November 2018 fanden Mitarbeiter des Tierheims Hamlar Dutzende verwahrloste Hunde vor.

Bei einem Animal-Hoarding-Fall in der bayrischen Stadt Rain im November 2018 fanden Mitarbeiter des Tierheims Hamlar Dutzende verwahrloste Hunde vor.

Bundesweit müssen Tierschutzvereine immer wieder von jetzt auf gleich zahlreiche verwahrloste Tiere aufnehmen. Es handelt sich hierbei um Animal Hoarding, ein Krankheitsbild, bei dem Menschen eine wachsende Zahl an Tieren halten, die sie aber nicht mehr angemessen versorgen können. Nach und nach verlieren die Besitzer die Kontrolle – so fehlt es an Futter, Wasser, Hygiene, Pflege und tierärztlicher Betreuung. Der Halter erkennt aber nicht, dass es den Tieren in seiner Obhut schlecht geht. „Meist ist es ein schleichender Prozess, der zu einer immer stärkeren Verwahrlosung der Tiere führt – bis hin zu schwer kranken, verhaltensauffälligen und sogar toten Tieren“, erläutert Dr. Moira Gerlach, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund.

Häufig berichten Medien darüber, wie Polizeibeamte völlig vernachlässigte Tiere aus zugemüllten Haushalten befreien und wie viel Kraft – emotional, personell und finanziell – Tierschutzvereine aufwenden müssen, um alle zu versorgen. Trotzdem ist das Phänomen Animal Hoarding bislang wenig erforscht gewesen. Jetzt aber liegen aktuelle, konkrete Zahlen vor: Der Deutsche Tierschutzbund dokumentiert seit Jahren über Medien und Berichte bekannt gewordene Fälle und hat die von Januar 2012 bis Ende Juni 2018 gesammelten Daten ausgewertet. Das Ergebnis: Insgesamt wurden im Untersuchungszeitraum 224 Fälle registriert – Tendenz steigend.

SEIT ANFANG 2012 MINDESTENS 17.055 TIERE BETROFFEN

„28 Tierhortungen ist die höchste Zahl, die innerhalb eines Halbjahres verzeichnet wurde“, so Dr. Gerlach. „Seit Anfang 2012 waren insgesamt mindestens 17.055 Tiere betroffen. Im Durchschnitt haben die zuständigen Behörden in den Haushalten 76 Tiere vorgefunden.“ Einen traurigen Rekord stellte 2012 ein landwirtschaftlicher Betrieb mit 950 Schafen, Ziegen, Hunden und Geflügel auf. Von Heimtieren bis hin zu Wildtieren und Tieren aus der Landwirtschaft waren fast alle Arten vertreten. Am häufigsten betroffen waren Katzen – in 115 von 224 Einsätzen, also jedes zweite Mal.

Besonders bei den kleinen Heimtieren entdeckten die Behörden Haushalte mit überaus vielen Tieren, darunter vor allem Ratten und Mäuse. „Eine Erklärung dafür ist ihre rasche Vermehrungsrate: Oft entgleitet Animal Hoardern die Kontrolle, sodass sie die Tiere weder nach Geschlechtern trennen noch kastrieren lassen“, schildert Dr. Henriette Mackensen, Leiterin der Abteilung Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund.

Diese Grafik zeigt die prozentuale Häufigkeit, mit der eine Tierart in Bezug auf alle ausgewerteten Animal-Hoarding-Fälle in der Zeit von Januar 2012 bis Ende Juni 2018 gehalten wurde. In 40 Prozent der Fälle wurde mehr als eine Tierart gehortet, daher ist hier keine Summierung der Prozentzahlen auf 100 Prozent angegeben.

Diese Grafik zeigt die prozentuale Häufigkeit, mit der eine Tierart in Bezug auf alle ausgewerteten Animal-Hoarding-Fälle in der Zeit von Januar 2012 bis Ende Juni 2018 gehalten wurde. In 40 Prozent der Fälle wurde mehr als eine Tierart gehortet, daher ist hier keine Summierung der Prozentzahlen auf 100 Prozent angegeben.

HOHE DUNKELZIFFER

So erschreckend die Zahlen bereits sind, die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher liegen. Extrem hoch ist auch die finanzielle Belastung für Tierheime, wie die Auswertung bestätigt. Die Ausgaben – oft im fünf- bis sechsstelligen Bereich – bringen die Einrichtungen in Existenznot. In einem Beispiel mit 312 Wellensittichen mussten die Tierschützer sogar 160.000 Euro aufwenden. Behörden erstatten die Kosten nur zum Teil, das meiste Geld müssen die Tierheime selbst aufbringen.

Neben den Tieren und Tierheimen brauchen aber auch die Halter dringend Hilfe: „Animal Hoarding ist noch nicht als eigenständiges psychisches Krankheitsbild anerkannt. Deshalb ist es auch nicht leicht, Unterstützung für Betroffene zu gewährleisten“, erläutert Dr. Mackensen. Zwar werden Sozialarbeiter oder Psychologen miteinbezogen. Jedoch ist es nicht möglich, bei einer Verurteilung eines Tiersammlers über eine psychologische Behandlung zu verfügen – der Halter muss einer Therapie selbst zustimmen. Auch wenn ein Gericht dem Besitzer ein Tierhalteverbot in einem Landkreis erteilt, kann dieser es durch einen Umzug umgehen.

WAS WIR FORDERN

Netzwerke könnten dazu beitragen, Tierleid zu verhindern und betroffenen Menschen zu helfen. Der Deutsche Tierschutzbund hat daher eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gegründet, die die Zusammenarbeit von Sozialarbeitern, Psychologen, Tierärzten, Behörden und Juristen verbessern soll. Neben schneller finanzieller Unterstützung für die Tierheime von Behördenseite fordert der Verband auch ein Zentralregister für auffällig gewordene Tierhalter – das würde helfen, Wiederholungstaten vorzubeugen. „Außerdem ist es wichtig, therapeutische Anlaufstellen zu schaffen“, betont Dr. Gerlach. Darüber hinaus sollten Amtstierärzte mehr Schulungen erhalten. Auch die Bevölkerung muss weiter sensibilisiert werden. Zudem würde eine rechtsverbindliche Heimtierschutzverordnung mit Vorgaben zur Zucht und Haltung die Arbeit der Behörden erleichtern – denn so könnten sie Tiere schneller befreien.

So erkennen Sie Animal Hoarding

  • Erfahren Sie, an welchen Anzeichen Sie einen Fall von Animal Hoarding erkennen. Zudem finden Sie auf der Website des Deutschen Tierschutzbundes die umfangreiche Dokumentation der Fälle von 2012 bis 2018.
    www.tierschutzbund.de/animal-hoarding