Kamele

Rennen wider Willen

Hinter den Kulissen
Kamele

Rennen wider Willen

Kamele beeindrucken mit zahlreichen Fähigkeiten, die ihnen die Existenz im Lebensraum Wüste ermöglichen. Rennen gehört allerdings nicht dazu. Dennoch müssen sie auf der Arabischen Halbinsel jedes Jahr Großevents bestreiten, für deren Ausmaß Tierschützern die Worte fehlen. Auch das Kamelreiten hierzulande entspricht nicht unbedingt ihren Bedürfnissen.

  • Autor: Verena Jungbluth, Chefredakteurin DU UND DAS TIER

Sie werden in eigenen Privatjets quer über die Arabische Halbinsel geflogen, leben in Hochglanzunterkünften mit eigenen Pools, englischem Rasen und angeschlossenen Spezialkliniken. Rennkamele, die sich in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und vielen weiteren arabischen Ländern größter Beliebtheit erfreuen, führen auf den ersten Blick ein Leben der Superlative – wenn man kurz vergisst, dass es sich dabei um Tiere handelt. Die Anschaffung eines solchen Rennkamels, genauer gesagt Renndromedars, kostet die zukünftigen Besitzer nicht selten bis zu fünf Millionen Euro – und auch die anschließende Haltung verschlingt horrende Summen. Prestige und Vergnügen sind hier die Schlüsselwörter und Kamelrennen eine riesige Attraktion. Live im Fernsehen übertragen, ziehen sie jedes Jahr Millionen Zuschauer in ihren Bann. Wenn im Oktober die neue Saison beginnt, fliegen die ganz auf Rennleistung gezüchteten Tiere mit bis zu 70 Kilometern pro Stunde förmlich über den Sand. Während die Menge jubelt und die Besitzer Ruhm und Reichtum wittern, rennen die Tiere, die für die Menschen mehr Statussymbole als fühlende Wesen sind, um ihr Leben. Bis April finden jetzt auf der gesamten Arabischen Halbinsel wöchentlich etwa 200 Rennen statt, bei denen in der Regel jeweils 20 bis 30 Kamele gegeneinander antreten. Eine der größten Veranstaltungen ist das National Camel Race Festival im Oman, bei dem allein an acht Tagen 240 Rennen starten. Die Rennstrecken messen eineinhalb bis zehn Kilometer und verlangen den Tieren enorme Leistungen ab.

Kamel-Jockey-Roboter treiben die Tiere zu Höchstleistungen an. Sie werden ihnen auf den Rücken geschnallt und schlagen mit der Peitsche zu – ferngesteuert von den Besitzern.

Peitschenhiebe durch Roboter

„In der Natur sind Dromedare ausdauernde Läufer, die sich ihre Energie gut einteilen“, sagt Nina Brakebusch, Referentin für Interdisziplinäre Themen beim Deutschen Tierschutzbund. „Wirklich rennen sieht man sie selten und wenn eigentlich nur, wenn Gefahr droht.“ Durch die Zucht und eine spezielle Ernährung schaffen die Kamele bei den Rennen heute acht Kilometer in knapp 13 Minuten. Bis vor wenigen Jahren war Doping dabei ganz klar an der Tagesordnung. „Es kam die gesamte Palette von Dopingmitteln zum Einsatz – von Coffein und Steroiden über verschiedene Hormonpräparate bis hin zu Blutwäsche“, berichtet Brakebusch. „Seitdem es vorgeschriebene Dopingtests gibt, ist dieses Problem zwar zurückgegangen, die Strafen sind aber eher halbherzig.“ Wird ein Kamel positiv getestet, wird es für die Saison gesperrt, der Besitzer kann aber weiter andere Kamele ins Rennen schicken. Seit 2004 werden die Tiere während der Rennen zudem von Kamel-Jockey-Robotern angetrieben, die ihnen auf den Rücken geschnallt werden. „Die Sensoren der Roboter messen während des Rennens Puls und Geschwindigkeit der Tiere und übertragen diese Daten in Echtzeit an den Kamelbesitzer“, erklärt Brakebusch. „Dieser kann dann per Fernbedienung die Anzahl der Peitschenhiebe des Roboters erhöhen und mittels eines integrierten Lautsprechers sein Kamel lautstark anfeuern.“ Die Besitzer selbst lassen sich dabei häufig auf einer parallel zur Rennstrecke verlaufenden Straße in ihren Geländewagen chauffieren.

„Neben dem Rennen als solches sind die Peitschenhiebe eine Qual.“

– Nina Brakebusch

„Dass diese auch noch von ferngesteuerten Robotern ausgeführt werden, ist an Absurdität nicht zu übertreffen.“ Vor der Einführung der Roboter waren die Kamelrennen international in Kritik geraten, weil die Kamelbesitzer häufig Kindersklaven als Jockeys einsetzten. Medialen Berichten zufolge kauften sie die Kinder in Südostasien für wenig Geld ihren Eltern ab und setzten sie anschließend auf strenge Diät, damit sie so leicht wie möglich waren. „Während der Rennen kam es dann immer wieder vor, dass Kinder völlig entkräftet von den Kamelen fielen und von den über sie trampelnden Tieren getötet wurden“, sagt Brakebusch. Zwar haben die Roboter die Sklaven auf den Kamelen inzwischen abgelöst, die Menschenrechtssituation hat sich aber nicht wirklich gebessert. Bis heute leben die Kamelpfleger in sklavenähnlichen Verhältnissen – mit dem Glanz, den die Rennindustrie nach außen hin vermittelt, hat das nichts zu tun. Wenn es Menschen gibt, die so mit anderen Menschen umgehen, ist es nicht verwunderlich, dass es auch bei den Tieren nicht um das Tier geht. Legitimiert wird das Ganze durch die Anerkennung als immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO. Tierschutzkriterien haben bei der Vergabe natürlich keine Rolle gespielt.

Kollateralschäden der Rennindustrie

90 Prozent der in den Rennen eingesetzten Kamele sind weiblich. Diese sind kleiner und leichter als ihre männlichen Artgenossen und können daher schneller laufen. Damit die teuren Tiere nicht ausfallen, wenn sie trächtig sind, sind künstliche Befruchtung und Embryonentransfer gang und gäbe. Dafür werden die weiblichen Dromedare mit Hormonpräparaten behandelt, damit möglichst viele Eizellen gleichzeitig heranreifen. Acht Tage nach der darauffolgenden künstlichen Besamung werden die befruchteten Eizellen aus der Gebärmutter ausgespült und in Leihmütter eingesetzt. „Diese Prozedur ist für die Tiere extrem belastend“, so Brakebusch. „Zudem sterben viele der Embryonen und sind traurige Kollateralschäden der Rennindustrie.“ Außerdem ist unklar, was mit den ganzen männlichen Kamelen passiert. „Wir gehen davon aus, dass sie entweder schon als Embryonen vor dem Einsetzen in die Leihmutter vernichtet oder später für die Produktion von Fleisch geschlachtet werden.“

Kamelrennen in Deutschland

Das letzte Kamelrennen in Deutschland fand 2007 in Magdeburg statt. Davor gab es 1997 eins in Berlin und 1969 eins in Köln. Bei diesen Rennen waren sowohl Trampeltiere als auch Dromedare im Einsatz. „Teilweise wurden die Tiere dafür aus Saudi-Arabien für Millionenbeträge ausgeliehen. Alles nur, um dem Rennsport einen Exotik-Faktor zu verleihen und ihn so wieder für die breite Masse interessanter zu machen.“ Zum Glück hat das nicht funktioniert und es sind hierzulande derzeit keine Rennen geplant. Die Großevents auf der Arabischen Halbinsel haben vor der Coronapandemie jedoch einen stetigen Reiseboom erfahren. „Sobald das Reisen wieder erlaubt ist, bitten wir Menschen, solche Veranstaltungen nicht zu besuchen“, so Brakebusch. In Deutschland selbst werden Trampeltiere und Dromedare vor allem auf Höfen oder in kleineren Privatzoos gehalten, die Kamelreiten anbieten. Wie viele Tiere hierzulande leben, ist nicht bekannt. „Das große Angebot legt aber nahe, dass es eine entsprechende Nachfrage nach Kamelreitausflüge oder Ähnlichem gibt“, so Brakebusch. „Grundsätzlich ist es aus Tierschutzsicht fraglich, ob es unbedingt nötig ist, ein Kamel zu reiten. Das Wohl der Tiere sollte auf jeden Fall immer im Vordergrund stehen.“ Wer sich dazu entschließt, so ein Angebot in Anspruch zu nehmen, sollte sich auf jeden Fall zeigen lassen, wie die Tiere leben. Kamele sind hoch soziale Herdentiere, die niemals allein gehalten werden dürfen. Da sie in freier Wildbahn in großen Herden mit ähnlicher Altersstruktur unterwegs sind, sollten mindestens drei Tiere ungefähr gleichen Alters in großen Offenställen mit ständigem Zugang zum Auslauf zusammenleben.

Bildrechte: Artikelheader: AdobeStock – Freelancer (rennende Kamele); Fotos: AdobeStock – philipus (einzelnes Kamel); Pixabay – Pablo Jimenez (Kamele in der Wüste)