Pferde leiden ohne Worte

Hinter den Kulissen

Pferde leiden ohne Worte

Es ist bittere Realität. Das durch die Massentierhaltung verursachte Tierleid macht an den Mauern deutscher Ställe und Schlachthöfe nicht halt. Sogar Pferde in Südamerika müssen für die Auswüchse der industriellen Landwirtschaft in Deutschland und Europa unvorstellbare Qualen ertragen.

  • Autor: Verena Jungbluth, Chefredakteurin DU UND DAS TIER

Diese heimlich gefilmten Aufnahmen zeigen, auf welch grausame Art und Weise trächtige Pferde auf den Blutfarmen in Südamerika traktiert werden. Sie werden mit Knüppeln geschlagen, mit Gewalt in enge Boxen getrieben und misshandelt.

Diese heimlich gefilmten Aufnahmen zeigen, auf welch grausame Art und Weise trächtige Pferde auf den Blutfarmen in Südamerika traktiert werden. Sie werden mit Knüppeln geschlagen, mit Gewalt in enge Boxen getrieben und misshandelt. (Bild: Animal Welfare Foundation)

Es ist bittere Realität. Das durch die Massentierhaltung verursachte Tierleid macht an den Mauern deutscher Ställe und Schlachthöfe nicht halt. Sogar Pferde in Südamerika müssen für die Auswüchse der industriellen Landwirtschaft in Deutschland und Europa unvorstellbare Qualen ertragen.

Pferde können nicht schreien. Könnten sie es, würden es Tausende Stuten auf den Blutfarmen in Südamerika tun. Denn ein- bis zweimal pro Woche wird den trächtigen Tieren jeweils bis zu zehn Liter Blut abgenommen. Dafür werden sie mit Knüppeln geschlagen, mit Gewalt in enge Boxen getrieben und misshandelt – Recherchen von Tierschützern der Animal Welfare Foundation haben diese Qual kürzlich erneut ans Tageslicht gebracht. Unzählige „wertlose“ Fohlen werden anschließend auf brutale Art und Weise abgetrieben und Muttertiere sterben an den Folgen. Wofür? Das Blut der trächtigen Stuten enthält einen heiß begehrten Stoff: das Hormon Pregnant Mare Serum Gonadotropin, kurz PMSG. Und genau das setzen Landwirte hierzulande ein, um den Fortpflanzungszyklus von Sauen in der industrialisierten Schweinezucht zu manipulieren. Das Ziel: Arbeitserleichterung, Zeitersparnis und die Produktion von noch mehr und gleichaltrigen Ferkeln. Der Fleischhunger der Menschheit vereint Pferde am anderen Ende der Welt mit Schweinen in Europa.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Mit der Hormonbehandlung zielen die Landwirte darauf ab, dass alle Sauen einer Gruppe gleichzeitig in die sogenannte Rausche kommen, also synchron empfängnisbereit werden. „So können sie die Sauen alle innerhalb eines engen Zeitraums künstlich besamen. Bei Erfolg gebären diese ihre Ferkel dann zur gleichen Zeit und kommen auch nach dem Absetzen des Nachwuchses gleichzeitig wieder in die nächste Rausche“, erklärt Dr. Stefanie Zimmermann, Referentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund. Gelingt dies gleichzeitig, müssen die Landwirte weniger Zeit investieren, um die Tiere zu beobachten und um den richtigen Zeitpunkt für die künstliche Besamung zu finden. Zudem zeigen hormonbehandelte Sauen die Anzeichen der Rausche deutlicher, sodass diese leichter zu erkennen sind und die Besamung mit höherer Wahrscheinlichkeit erfolgreich ist.

„Unabhängig von einer Hormonbehandlung ist allerdings zu betonen, dass eine Sau sowohl gesund als auch optimal genährt sein muss und nicht gestresst sein sollte, damit sie die Rausche deutlich äußert“, so Dr. Zimmermann. Daher sei es allein schon aus Tierschutzgründen unerlässlich, die Tiere individuell zu beobachten. Das gelte vor allem auch für den Zeitraum der Geburt, damit die Landwirte mögliche Probleme frühzeitig erkennen, entsprechende Maßnahmen ergreifen und die Ferkel adäquat versorgen können. Das Hauptargument für die Hormonbehandlung gebietet eine ganz einfache Gleichung: Mehr Ferkel bei weniger Arbeitsaufwand bedeuten mehr Geld. „Heutzutage besteht bei den Schweinemästern eine hohe Nachfrage nach größeren gleichaltrigen Ferkelgruppen, da dies den Betriebsablauf im Vergleich zu einem kontinuierlichen Zukauf kleinerer Gruppen erleichtert“, erklärt Dr. Zimmermann.

Ein- bis zweimal pro Woche wird den trächtigen Stuten – mit Gewalt – bis zu zehn Liter Blut abgenommen.

Ein zusätzlicher Nebeneffekt der Behandlung von Sauen mit PMSG ist die Steigerung der Wurfgröße. Aus Tierschutzsicht ein Effekt mit fatalen Folgen. Die auf Hochleistung gezüchteten Sauen bringen ohnehin schon heute sehr große Würfe von bis zu 20, vereinzelt sogar noch mehr Ferkeln auf die Welt. Eine Sau gebärt also mehr Ferkel, als sie mit ihrer Anzahl an Zitzen ernähren kann. Überzählige Tiere müssen von anderen Sauen oder technischen Ammen ernährt werden. „Immer wieder kommt es vor, dass diese Ferkel Verhaltensauffälligkeiten entwickeln und erkranken“, berichtet die Expertin. Im schlimmsten Fall werden überzählige und schwache Ferkel einfach getötet, um die zusätzliche Arbeit zu vermeiden. Mit der steigenden Anzahl an Ferkeln kommen auch immer mehr Tiere auf die Welt, die untergewichtig sind. Diese sind oft nicht in der Lage, die Zitzen ihrer Mutter aus eigener Kraft zu erreichen. Sie verhungern und sterben elendig.

Völlig ausgemergelt, verletzt und sich selbst überlassen: Der übermäßige Blutverlust der Pferde kann zu Blutarmut und Schockzuständen führen, an denen die Tiere, wenn sie nicht behandelt werden, sterben.

Völlig ausgemergelt, verletzt und sich selbst überlassen. (Bild: Animal Welfare Foundation)

An Grausamkeit kaum zu übertreffen

Zwar ist es auch aus Tierschutzsicht sinnvoll, den Zyklus der Sauen zu synchronisieren, weil die Tiere dadurch in festen Gruppen leben können und nicht – abhängig von Rausche und Trächtigkeit – immer wieder in neu zusammengesetzten Konstellationen Rangkämpfe austragen müssen. „Eine solche effektive Synchronisierung ist jedoch auch möglich, ohne dass Pferde dafür so unermesslich leiden müssen. Und zwar durch den Einsatz synthetischer Hormonpräparate oder auch komplett ohne eine hormonelle Behandlung“, sagt Dr. Zimmermann. Sämtliche Bio-Betriebe und viele andere praktizieren eine solche hormonfreie Zucht schon seit Langem. Dabei nutzen die Landwirte die Rausche, die bei Sauen natürlicherweise nach Ereignissen eintritt – so zum Beispiel nach dem Absetzen der Ferkel oder nach Transporten. „Aus Tierschutzsicht lehnen wir eine Hormonbehandlung von landwirtschaftlich genutzten Tieren – außer zur Behandlung krankhafter Zustände – eindeutig ab“, sagt Dr. Zimmermann entschieden.

Blutfarmen befinden sich hauptsächlich in Uruguay und Argentinien. In Argentinien gibt es keinerlei gesetzliche Grundlagen, die die Produktion kontrollieren, in Uruguay nur Empfehlungen. „Diese sind jedoch auf einem so niedrigen Niveau angesiedelt, dass sie einen Schutz der Stuten und Fohlen selbst dann nicht sicherstellen könnten, wenn sie befolgt würden“, kritisiert Dr. Esther Müller, Referentin für Pferde beim Deutschen Tierschutzbund. So ist das Leiden der Tiere Alltag. Schon der Kontakt bedeutet Stress für die sensiblen Fluchttiere. Sie sind nicht an Menschen gewöhnt. Anstatt sie tiergerecht an den Umgang heranzuführen, setzen die Verantwortlichen auf Gewalt. Darüber hinaus ist die hohe Menge des entnommenen Blutes kritisch zu sehen. „Normalerweise sollte einem Tier nicht mehr als 15 Milliliter Blut pro Kilogramm Körpergewicht abgenommen werden. Bei einem 500 Kilogramm schweren Pferd wären das etwa siebeneinhalb Liter“, sagt Dr. Müller. Eine zweite Blutabnahme sei frühestens nach 30 Tagen zu empfehlen. Die Praktiken auf den südamerikanischen Farmen sehen anders aus. „Der übermäßige Blutverlust der Tiere kann zu Blutarmut und Schockzuständen führen, an denen die Pferde, wenn sie nicht behandelt werden, sterben.“ Ihr Tod wird jedoch genauso bewusst in Kauf genommen wie der der Fohlen.

Etwa 30 Prozent der Pferde
überleben die Tortur nicht.

Da das Hormon PMSG ausschließlich in den ersten Wochen der Trächtigkeit produziert wird, legt niemand Wert darauf, dass die Stuten ihre Fohlen bis zum Ende austragen. Die Blutfarmer ziehen die Pferde für elf Wochen zur Blutentnahme heran und treiben die ungewollten Jungtiere anschließend ab. Diesen Abort lösen sie jedoch nicht – wie in der veterinärmedizinischen Praxis in diesem Stadium der Trächtigkeit üblich – medikamentös aus, sondern führen ihn zum Teil auf brutale Art und Weise mit Stangen herbei. „Der ständig hohe Blutverlust zehrt die Pferde völlig aus. Verletzungen bleiben unversorgt und die Tiere werden auf den kargen Weiden und in den Wäldern rund um die Farmen sich selbst überlassen. Viele sterben“, berichtet Dr. Müller. Die Stuten, die die Tortur überleben, werden durch die wiederholte schnelle Abfolge von Trächtigkeit und Trächtigkeitsabbrüchen in der Regel spätestens nach drei bis vier Jahren unfruchtbar. Für die Hormonproduktion wertlos landen sie in der Fleischproduktion.

Sechs Präparate in Deutschland zugelassen

Der übermäßige Blutverlust der Pferde kann zu Blutarmut und Schockzuständen führen, an denen die Tiere, wenn sie nicht behandelt werden, sterben.

Der übermäßige Blutverlust der Pferde kann zu Blutarmut und Schockzuständen führen, an denen die Tiere, wenn sie nicht behandelt werden, sterben. (Bild: Animal Welfare Foundation)

Derzeit sind auf dem deutschen Arzneimittelmarkt sechs Präparate zugelassen, die alle beim Schwein eingesetzt werden dürfen. Das darin verwendete PMSG stammt auch aus Argentinien und Uruguay. „Die so tierquälerische Praxis zur Gewinnung von PMSG ist unnötig und absolut inakzeptabel“, sagt Dr. Zimmermann entschieden. Die Bundesregierung sieht es derzeit trotz der bekannten Missstände und existierenden Alternativen nicht als ihre Aufgabe an, den Einsatz von PMSG in Deutschland zu reglementieren. Sie zieht sich mit der Begründung aus der Verantwortung, die rechtlichen Regelungen sähen ein solches Verbot nicht vor. Auch die landwirtschaftlichen Verbände halten sich bisher zurück. Lediglich bei ökologisch wirtschaftenden Betrieben und NEULAND ist eine hormonelle Behandlung von Tieren generell verboten. Zumindest ein kleiner Lichtblick: Die pharmazeutischen Konzerne Msd aus der Schweiz, Idt aus Deutschland und Ceva aus Frankreich haben angekündigt, den Import aus Südamerika einzustellen. Wo und unter welchen Bedingungen die Hormongewinnung stattdessen erfolgt, wird sich noch zeigen.

Weiterführende Informationen

  • Lesen Sie im Kritischen Agrarbericht, der am 17. Januar 2019 erscheint, einen weiteren ausführlichen Artikel des Deutschen Tierschutzbundes zu diesem Thema:
    kritischer-agrarbericht.de