Hinter den Kulissen
Tragtierkompanie

Wo Maschinen und Menschen an Grenzen stoßen

Hinter den Kulissen
Tragtierkompanie

Wo Maschinen und Menschen an Grenzen stoßen

Die Gebirgsjägerbrigade der Bundeswehr setzt in schwierigem Gelände und bei extremem Wetter auf Maultiere und Pferde. Ein Blick hinter die Kulissen der Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall – dem bundesweit einzigen Standort dieser Art.

  • Autor: Verena Jungbluth, Chefredakteurin DU UND DAS TIER

Die Hochstaufen-Kaserne liegt mitten in der von Bergen umgebenen Stadt Bad Reichenhall. Am Tag unseres Besuchs prangt „Gefahrenstufe: Alpha“ auf dem Schild an der bewachten Zufahrt – Alpha bedeutet Normalbetrieb, so weit scheint alles in Ordnung zu sein. Nachdem die Personalausweise abgegeben und die Besucherscheine ausgefüllt sind, geht es hinein auf ein Gelände, welches Zivilisten normalerweise nicht zugänglich ist. Generell spielt die Bundeswehr im Alltag der meisten von uns kaum eine Rolle. Zum Glück. Denn auch wenn Smartphones und Fernseher die Kriege, die Konflikte und die Bedrohung durch den Terror zum Greifen nah in die eigenen vier Wände bringen, ist der reale Krieg doch ziemlich weit weg. Mitten unter uns gibt es allerdings Menschen, bei denen das anders ist. Denn sie haben sich dem Dienst in der Bundeswehr verpflichtet.

Mithilfe ihrer Maultiere und Pferde kann die Gebirgsjägerbrigade auch unter extremen Wetterbedingungen wie Kälte und Schnee schwieriges Gelände durchqueren.

Höhe, Kälte, Schnee

Die Gebirgsjägerbrigade 23 „Bayern“, die in Bad Reichenhall und Umgebung angesiedelt ist, hat ein sogenanntes besonderes Fähigkeitsprofil: Kampf in schwierigem bis extremem Gelände einschließlich großer Höhen und unter extremen Klima- und Wetterbedingungen. „Überall dort, wo andere nicht mehr weiterkommen, beginnen wir“, erzählt uns Oberst Peter Eichelsdörfer, nachdem er uns begrüßt hat, und berichtet, dass die Soldaten hier für den Extremfall ausgebildet werden. Sie trainieren Einsätze und das Überleben in Höhen von bis zu 2.500 Metern und bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Über das Gebirge hinaus gehört die Wüste zu ihrem Einsatzgebiet, wobei hohe Temperaturen etwas seien, für das alle Soldaten ausgebildet sind. „Unsere Spezialgebiete sind Kälte, Höhe und Schnee.“ Da seit 2014 die Landes- und Bündnisverteidigung wieder mehr an Bedeutung gewonnen habe, seien auch darauf vorbereitende Übungen im Inland wieder in den Fokus gerückt. Die Versorgung der Soldaten im Gebirge wird meist mit Fahrzeugen und Hubschraubern sichergestellt. Doch wenn Menschen und Maschinen an ihre Grenzen stoßen, kommen ganz andere, vielleicht auf den ersten Blick ungewöhnliche, aber gleichermaßen unabkömmliche Begleiter ins Spiel: Tragtiere und Reitpferde. Wir erfahren, dass hier aktuell 50 dieser vierbeinigen Kameraden leben, davon etwa zwei Drittel Maultiere, also eine Kreuzung aus Pferdestute und Eselhengst, und ein Drittel Haflinger. Während die Fotos der Millionen Pferde, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg als Reit-, Zug- und Tragtiere ums Leben kamen, Gott sei Dank ein Relikt aus der Vergangenheit sind, nimmt die Bedeutung der Tragtiere weltweit zu. „Unter anderem fragen die Briten, Norweger und Niederländer bei uns an, weil sie die Arbeit mit den Tieren wieder aufleben lassen möchten“, erzählt uns Heike Henseler, Oberfeldveterinärin und Dienststellenleiterin des Einsatz- und Ausbildungszentrums für Tragtierwesen 230. Sie wird uns gemeinsam mit Stabsveterinärin Katharina Habeck begleiten und uns die gesamte Anlage zeigen.

Der Einsatz mit Haflingern dient der Aufklärung, Erkundung und Überwachung.

Im Einsatz

Wenn Hubschrauber bei Nebel, Dunkelheit oder starkem Wind nicht mehr fliegen können, ist es mithilfe der Tragtiere immer noch möglich, die Truppen im Gebirge mit Lebensmitteln, Wasser und Ausrüstung zu versorgen. „Die Tiere können zu jeder Tageszeit, bei nahezu jeder Witterung, in allen Klimazonen und auf schmalen Steigen und Wegen eingesetzt werden“, so Henseler. „Die Maultiere gehen den Berg strikt hoch und können zudem hervorragend Stufen steigen. Sie schlagen sich am Fels deutlich besser als Pferde und sind robuster.“ Esel seien hingegen kein Ersatz, weil diese gar nicht so viel tragen können, wie viele Menschen immer meinen. Aus der Erfahrung ihrer Auslandseinsätze erzählt sie uns, dass Esel ihrer Meinung nach die am meisten gequälten Tiere der Welt seien. „Die Bilder gehen mir nicht mehr aus dem Kopf.“ Ob schon mal ein Maultier oder Pferd der Bundeswehr im Gebirge abgestürzt sei? „Abstürze habe ich in meiner Zeit noch nicht erlebt“, so Henseler. „Beim Militär geht man nie einen Weg, den man vorher nicht erkundet hat. Dann kann auch nichts schiefgehen.“ So achte die Bundeswehr unter anderem darauf, dass die Wege für die Maultiere mindestens 40 und für die Pferde 60 Zentimeter breit seien und die Steigung nicht mehr als 40 Prozent betrage. Am wichtigsten sei zudem ein ausreichend fester Untergrund. Während die Maultiere vor allem für die Versorgung gebraucht werden, dient „der berittene Einsatz mit den Haflingern zur Aufklärung, Erkundung und Überwachung von Räumen“. Wenn die Soldaten reiten statt laufen, können sie deutlich größere Strecken zurücklegen. Mit an die Front oder in die aktuellen Auslandseinsätze gehen die Tragtiere und Pferde nicht – unter uns macht sich Erleichterung breit. „Aber mit zu Nato-Übungen“, sagt Henseler.

Die Ausbildung

Auf dem Weg zur Reithalle erfahren wir, dass die Tragtiere ab einem Alter von vier Jahren ausgebildet werden, voll belastet erst ab sieben. Auch die Haflinger starten ihre Ausbildung frühestens mit drei Jahren, bis zum tatsächlichen Einsatz dauert es dann noch einmal zwei bis drei weitere Jahre – die Tiere werden also schonend und langsam bis zu ihrer individuellen Belastungsspitze aufgebaut. An die Soldaten, die mit den Tieren arbeiten, stellt die Bundeswehr im Vorhinein keine speziellen Anforderungen. So wird jeder Gebirgsjäger, mit oder ohne Pferdeerfahrung, automatisch Tragtierführer. Die Haltung, Pflege und Versorgung der Tiere gehört dabei genauso zur Ausbildung wie die Einsatzprüfung von Material und Ausrüstung sowie die Weiterentwicklung von Einsatzverfahren.

Die Tiere beim Training …

Zusätzlich hat Henseler in der Kaserne eine Ausbildungsgruppe ins Leben gerufen, die täglich mit den Tieren trainiert, die entweder neu zur Bundeswehr kommen oder durch Erlebnisse im Übungseinsatz, wie etwa zu sehr und zu laut klapperndes Gepäck, verunsichert sind und erneut Routine und Sicherheit benötigen. Wir dürfen eins der täglichen Trainings beobachten und sehen, wie die Soldaten Maultiere und Haflinger durch herabhängende Flatterbänder und über Kunststoffplanen führen, ihre Körper mit gefüllten Plastikbeuteln sowie Schaumstoffstangen berühren und sie so umsichtig an enge Gassen, verschiedene Untergründe, im Wind wehende Gegenstände und Geräusche gewöhnen. „Wenn wir dabei selbst ruhig bleiben, bringen wir den Tieren bei, dass ihnen nichts passiert“, erklärt Henseler. Zusätzlich zu der bestehenden Reithalle plane sie eine Modernisierung des Reitplatzes und eine Rennbahn. Auch eine Rundhalle mit Führanlage und eine Geländestrecke mit Baumstämmen, Teich und Holztreppen gehören zu ihren Zukunftsplänen.

„Wir versuchen vorwegzugehen und in allen Bereichen Vorreiter zu sein.“ Generell entwickle sich der Tierschutz bei der Bundeswehr immer weiter. Um die Tiere auf die Last, die sie später tragen müssen, vorzubereiten, setzen die Soldaten verschiedene Übungsgewichte ein. „Wir wiegen die Tiere derzeit einmal im Monat, um die Traglast immer individuell an ihr Körpergewicht anpassen zu können. Darüber hinaus haben wir ein Sonderforschungsvorhaben beantragt, um die Sättel weiter zu optimieren“, erklärt uns Henseler, als wir in der Sattelkammer stehen und die speziellen Tragsättel betrachten, die derzeit inklusive Gurtzeug etwa 42 Kilogramm wiegen. Zusammen mit den Transportgütern tragen die Tragtiere – je nach Trainingszustand und Kondition – im Einsatz bis zu 140 Kilogramm Gewicht.

So leben die Tiere

… und beim Sandbad.

Der weitere Rundgang über das Gelände zeigt, dass die Maultiere und Pferde, wenn sie nicht im Einsatz sind, in Gruppen auf großen Freilaufflächen leben, deren Boden hauptsächlich aus Kies besteht. Darüber hinaus können sie sich auf Sandflächen wälzen und auf überdachten und mit Stroh eingestreuten Liegeflächen ausruhen. Als wir vorbeikommen, stehen sie alle um ihre Heuraufen herum und fressen genüsslich. Das Heu steht ihnen 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Wenn die Tiere mehrtägig im Einsatz sind, werden sie im Gebirge in einer sogenannten Feldstallung versorgt. „Die meisten Touren sind aber eintägig“, so Henseler. Neben der Ausbildung, Haltung und Fütterung verantwortet und übernimmt die Oberstabsveterinärin zusammen mit Habeck auch die medizinische Versorgung der Tiere, inklusive verschiedener Operationen, ausgenommen Kolik-OPs. So verfügt die Kaserne neben einem Krankenstall über einen OP-Bereich und ein Labor. „Jedes Tier hat bei uns eine eigene Krankenakte.“ Zudem seien alle Soldaten ausgebildet, den Tie ren zum Beispiel Salben ins Auge oder Medikamente ins Maul zu geben. Auch die Hufbeschlagsschmiede bildet die Bundeswehr in der eigenen als Ausbildungsbetrieb anerkannten Schmiede selbst aus. Derzeit gebe es unter den Soldaten elf ausgelernte Schmiede, die gewährleisten, dass immer einer von ihnen beim Einsatz dabei sei. Bei mehrtägigen Einsätzen richten sie sogenannte Feldschmieden ein.

In der Regel werden die Maultiere mit 20 und die Haflinger mit 18 Jahren aus ihrem Dienst entlassen. „Wir könnten die Maultiere auch noch einsetzen, bis sie 25 sind, möchten sie aber abgeben, wenn sie noch fit sind“, sagt Henseler. Dabei suche sie die zukünftigen Besitzer genau aus und lasse sich entweder die Haltung vor Ort zeigen oder alles Nötige vorlegen. „Wir geben die Tiere nur mit Schutzvertrag und Vorkaufsrecht ab und halten in der Regel auch Kontakt zu den neuen Haltern.“ Wenn es nicht zu weit weg sei, fahre sie auch ab und an bei den Tieren vorbei und gucke, ob es ihnen gut gehe. „Erst vor Kurzem haben wir einen Haflinger wieder zurückgenommen, weil das neue Zuhause nicht ideal war. Er bleibt jetzt bei uns“, erzählt sie. „Wir haben keine Not, die Tiere abzugeben.“ Hauptsache, die tierischen Kameraden sind in guten Händen.

DIE TIERE BRAUCHEN SIE

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Bildrechte: Artikelheader: Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen 230; Fotos: Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen 230, Andreas von Sachs – www.andreas-von-sachs.de (Sandbad)