Aktuell
Wölfe

Abschuss ist keine Lösung

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Abschuss ist keine Lösung

Ob aus Teilen der Bevölkerung, der Politik oder Interessengruppen wie manchen Weidetierhaltern, traditioneller Jägerschaft und Bauernverbänden: Die Forderungen, den Schutz von Wölfen herabzusetzen, die Tiere vermehrt abzuschießen und wolfsfreie Zonen einzurichten, werden immer lauter. Aus Tierschutzsicht gilt es, dem mit Besonnenheit und Aufklärung entgegenzutreten. Denn diese Maßnahmen sind weder gerechtfertigt, noch sinnvoll.

  • Autor: Verena Jungbluth, Chefredakteurin DU UND DAS TIER

Wohl kaum ein anderes Tier polarisiert derzeit wie der Wolf. Während die einen die Rückkehr der Wölfe positiv sehen und sich um ihren Schutz bemühen, fordern die anderen vermehrt ihren Abschuss. Begleitet wird die Debatte von zahlreichen negativ bis dramatisch klingenden Schlagzeilen: „Die Jagd auf Weidetiere ist wieder eröffnet“, „1.200 Bauern demonstrieren gegen den Wolf“, „Jagdverband warnt vor mehr Wolfsbegegnungen in Großstädten“, „Frau sichtet Wolf in ihrem Garten – ‚Er sah aus wie eine Bestie‘“. Der Umgang mit der Wiederansiedlung des Wolfes in Deutschland ist längst zum Politikum geworden. „Dabei wird in der Diskussion nicht nur mit Ängsten gespielt, sondern werden leider auch diverse Argumente und Positionen vermischt“, sagt James Brückner, Leiter der Abteilung Artenschutz des Deutschen Tierschutzbundes. Denn Fakt ist: Seit der Rückkehr der Wölfe gab es hierzulande keinen einzigen Fall, in dem ein Wolf einen Menschen verletzt oder angegriffen hat. „Generell sind Übergriffe von Wölfen auf Menschen extrem selten. Wenn es in der Vergangenheit vereinzelt zu solchen kam, spielten meist Tollwut oder menschliches Fehlverhalten eine Rolle“, so der Experte. Verglichen mit ihrer Größe und ihrem Potenzial gehören Wölfe definitiv zu den weniger gefährlichen Arten. „Damit die Angst in der Bevölkerung nicht weiterwächst, ist es immens wichtig, die Öffentlichkeit mit Kampagnen aufzuklären und in Schutzprogramme einzubeziehen“, so Brückner.

Tötung als absolute Ausnahme

Am häufigsten wird jedoch der Riss von Schafen, Ziegen und weiteren landwirtschaftlich genutzten Tieren als Argument für den Abschuss der Wölfe herangezogen. „Dabei wird oft behauptet, dass Herdenschutzmaßnahmen nicht funktionieren, nicht umgesetzt werden können oder zu teuer sind“, kritisiert Brückner. Aktuell führt diese mit solchen Argumenten geführte Debatte bereits dazu, dass die Große Koalition in Niedersachsen plant, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. „Aus Tierschutzsicht stellen wir uns klar gegen dieses Vorhaben“, so Brückner. Denn das sei letztlich reine Augenwischerei. Dabei verschließe der Deutsche Tierschutzbund keineswegs die Augen vor der Realität. In bestimmten Fällen könne eine Entnahme, sprich Tötung, von einzelnen Wölfen auch aus der Sicht des Verbandes notwendig sein. Nämlich dann, wenn die Sicherheit von Menschen gefährdet ist oder wenn ein Wolf wiederholt, trotz entsprechender adäquater Schutzmaßnahmen, Weidetiere reißt. „Dann tragen auch wir dies, wenn auch nicht mit Freude, mit.“ Hierbei handele es sich jedoch immer um Einzelfallentscheidungen.

Weidetiere ausreichend schützen

Zunächst ist es jedoch an den Tierhaltern, ihre Herden wirklich zu schützen – und das nicht nur bundesweit und flächendeckend, sondern auch umfassend unterstützt seitens der Behörden und Politik. Denn wie die Zahlen zeigen, steigt mit der Zunahme der Wolfspopulation die Anzahl gerissener Weidetiere. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die absoluten Zahlen keinen Aufschluss darüber geben, ob und in welchem Umfang die Weidetiere zum Zeitpunkt des Übergriffs tatsächlich geschützt waren. „Allein 2020 war bei 80 Prozent der Übergriffe auf Schafe und Ziegen in Bundesländern wie Niedersachsen oder Schleswig-Holstein kein oder nur ein eingeschränkter Mindestschutz vorhanden.“ Auch in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Sachsen fehlte in knapp oder mehr als der Hälfte der Fälle ein ausreichender Schutz. Hinzu kommt, dass offizielle Angaben, denen zufolge ein „Mindestschutz vorhanden“ war, keineswegs zwangsläufig bedeuten, dass ein Wolf diesen überwunden hat. „Eine solche Formulierung ist beispielsweise auch gebräuchlich, wenn Weidetiere aus ihrer umzäunten Koppel ausgebrochen sind und dann von Wölfen gerissen werden“, so Brückner. Bei diesen Zahlen sollte allen Beteiligten eigentlich klar sein, dass vor allem der fehlende Schutz das Problem ist, obwohl Experten genau diesen schon seit Jahren fordern und es längst verschiedene Maßnahmen gibt, die sich bereits bewährt haben. „Die Lösung liegt ganz klar in der Prävention. Damit kann der Großteil der bestehenden Konflikte entschärft werden. Bestandsuntergrenzen für die Wolfspopulation oder wolfsfreie Zonen werden dagegen nicht weiterhelfen.“

Schutz statt Abschuss

Anstatt den Weg zu ebnen, dass Wölfe zukünftig verstärkt legal getötet werden dürfen, muss die Politik sich weiterhin für den Schutz der Tiere einsetzen. „Die meisten der bis heute 642 in Deutschland tot aufgefundenen Wölfe starben bei Verkehrsunfällen. Allerdings wurden 61 von ihnen auch illegal getötet, davon mehrere von Jägern erschossen und ein Tier sogar absichtlich überfahren“, so Brückner. Damit sind illegale Tötungen die zweithäufigste Todesursache von Wölfen in Deutschland. Obwohl die gesetzlich festgelegten Strafen für ein solches Vergehen bei bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug oder Geldbußen von bis zu 50.000 Euro liegen, wurden die wenigsten Täter bisher ermittelt und wenn, dann meist nur mit einer geringen Geldstrafe belangt. 2021 überstieg die Zahl von illegal geschossenen Wölfen bereits im September die des Vorjahres, mit Hotspots in Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Und das sind nur die bekannt gewordenen Fälle. „Ein Zusammenleben von Menschen, Weidetieren und Wölfen in Deutschland ist möglich“, sagt Brückner. Da das aber natürlich nur dann gelingen kann, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, engagiert sich der Deutsche Tierschutzbund seit Jahren mit anderen Verbänden, darunter Weidetierhalter, Jäger und Naturschützer, im Bündnis „Vielfalt behüten“, um praxistaugliche und objektive Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Bildrechte: Artikelheader: stock.adobe.com – rafi (Wölfe); Fotos: Pixabay – Marcel Langthim (Wolf im Schnee), keyouest (einzelner Wolf)