News der Woche: Behörde verbietet Freigang von Katzen, um Vögel zu schützen

Walldorf – Ein Lockdown im baden-württembergischen Walldorf schlägt hohe Wellen. Nicht, weil die Stadt als Corona-Hotspot für Schlagzeilen sorgt, sondern weil die Untere Naturschutzbehörde Rhein-Neckar-Kreis im südlichen Teil der Stadt bis zum 31. August den Freigang von Katzen verbietet. Erlassen hat die Behörde diese Allgemeinverfügung, um die vom Aussterben bedrohte Haubenlerche zu schützen. Sie verweist dabei auf die „hohe Dichte an freilaufenden Hauskatzen, denen insbesondere die noch flugunfähigen Jungvögel immer wieder zum Opfer fallen.“ In Walldorf habe es 2021 nur drei Brutpaare der Vogelart gegeben. Die Ausgangssperre soll bis 2025 jeweils vom 1. April bis zum 31. August gelten. „Zuwiderhandlungen“ kosten 500 Euro. Erste Halter haben bereits Widerspruch eingelegt.

„Katzen-Lockdown“ ist unverhältnismäßig

„Unserer Kenntnis nach ist das die erste Verfügung ihrer Art“, sagt James Brückner, Leiter der Abteilung Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund. „Grundsätzlich begrüßen wir es, wenn Behörden auch weitergehende Maßnahmen zum Schutz von bedrohten Arten ergreifen. Diese dürfen aber nicht zu Lasten des Tierschutzgesetzes gehen – denn das gilt für alle Tiere gleichermaßen.“ Der negative Einfluss von Katzen auf die Bestände von Singvögeln ist umstritten und für die Haubenlerche in Walldorf bisher nicht bewiesen. Aus Sicht der Tierschützer ist die Maßnahme daher unverhältnismäßig.

Die mehrmonatige Haltung im Haus bedeutet für Freigängerkatzen immense Einschränkungen und Stress. „Wir gehen davon aus, dass viele mit Unruhe, Unsauberkeit, Aggressionen bis hin zu depressivem Verhalten und Fressunlust reagieren“, erläutert Dr. Dalia Zohni, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Halter können zwar Freigang beantragen, wenn sie mittels GPS nachweisen können, dass ihre Tiere die Brutgebiete nicht aufsuchen. „Das ist aus unserer Sicht jedoch wenig praktikabel“, sagt Zohni. Auch die erlaubten Spaziergänge an der Leine seien keine tierschutzgerechte Option.

Schuld am Artenrückgang ist der Mensch

Der Deutsche Tierschutzbund kritisiert, dass die zuständige Behörde die Bedürfnisse verschiedener Tierarten in Konkurrenz zueinander stellt, obwohl in erster Linie die Menschen selbst Verantwortung für zerstörte Lebensräume und immer weniger Nahrungsangebot tragen. Den Rückgang der Haubenlerche und vieler anderer Vogelarten begünstigen unter anderem die Intensivierung der Landwirtschaft, die verstärkte Bebauung von Brachflächen und das Insektensterben.

Statt alle Katzen einzusperren, empfiehlt der Deutsche Tierschutzbund, andere Maßnahmen zu ergreifen, die sowohl die Vögel als auch die Katzen schützen. Bislang hatten die Behörden versucht, Katzen mittels Ultraschall zu verschrecken. Aus Sicht der Tierschützer ist es jedoch geeigneter, Bruthabitate zu schaffen und diese sowie die bisherigen sensiblen Zonen beispielsweise mit Elektrozäunen zu sichern. „Sie können Städte und Kommunen die sensiblen Bereiche und die Jungvögel großflächig schützen“, so Brückner.

Die betroffenen Katzenhalter in Walldorf können innerhalb von vier Wochen nach Veröffentlichung der Allgemeinverfügung Widerspruch einlegen. Der Tierschutzverein Wiesloch Walldorf und Umgebung, Mitgliedsverein des Deutschen Tierschutzbundes, arbeitet derzeit in Zusammenarbeit mit dem Dachverband an einem Musteranschreiben für den schriftlichen Widerspruch. 

(© Fotos: Pixabay – Jean Martinelle (Katze),  Babil Kulesi (Haubenlerche))

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