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Wenn Fürsorge zur Falle wird

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Wenn Fürsorge zur Falle wird

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt unter der Leitung des Deutschen Tierschutzbundes erfasst erstmals das bundesweite Ausmaß von Animal Hoarding in Deutschland. Es zeigt auch, dass Beschlagnahmungen allein nicht reichen.

  • Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER

Es beginnt oft harmlos. Mit einem zweiten Hund, „damit der erste nicht allein ist“. Oder mit Meerschweinchen, die sich schneller vermehren als erwartet. Doch irgendwann kippt die Fürsorge um in eine Spirale aus Kontrollverlust und Überforderung. Während die Halter*innen es ursprünglich meist gut meinten und Tiere retten wollten, gerät diese Tierliebe aus dem Ruder – sie entwickeln eine „Tiersammelsucht“, bei der immer mehr Tiere auf engstem Raum hinter verschlossenen Türen leiden. Animal Hoarding, das pathologische Horten von Tieren, ist kein Randphänomen. Es handelt sich vielmehr um ein weit verbreitetes Problem, das bislang kaum erforscht war.

Ein Fall pro Tag

Wie sich nun herausgestellt hat, ist Animal Hoarding in Deutschland sogar verbreiteter als bisher bekannt. Das belegen erstmals belastbare bundesweite Zahlen, die der Deutsche Tierschutzbund in einem interdisziplinären Forschungsprojekt gemeinsam mit dem Bundesverband der beamteten Tierärzte, der Forschungsgruppe Mensch-Tier-Beziehung der Technischen Universität Dresden und dem Verein TierSucht erfasst hat. An der Erhebung beteiligten sich 81 Prozent aller Veterinärämter in Deutschland. Die Ergebnisse alarmieren: Allein im Jahr 2023 gab es 343 gemeldete Fälle – statistisch gesehen fast jeden Tag einen. Auch mit Blick auf einzelne Fälle sind die Zahlen erschreckend. So waren durchschnittlich 47,5 Tiere pro Fall betroffen. Einmal retteten die Behörden sogar 228 Tiere aus einem Haushalt. Pro Veterinäramt gab es durchschnittlich 2,9 Fälle. Ein einzelnes Veterinäramt registrierte 18 Fälle. Dass die allermeisten Tiere aus Animal-Hoarding-Haushalten großes Leid erfahren, bestätigt die Studie ebenfalls: Demnach zeigten 81 Prozent der geretteten Tiere Anzeichen von Erkrankungen und körperlichen Schäden – bei 55 Prozent wurden Verhaltensauffälligkeiten festgestellt.

Jahresauswertung belegt steigenden Trend

Animal Hoarding bleibt weiterhin ein gravierendes Tierschutzproblem – das zeigt auch die jüngst veröffentlichte Jahresauswertung des Deutschen Tierschutzbundes: Für das Jahr 2025 hat der Verband 150 Fälle mit mindestens 13.275 betroffenen Tieren dokumentiert – ein deutlicher Anstieg der Tierzahlen gegenüber dem Vorjahr. Das aktuelle Forschungsprojekt lässt erahnen, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist.

Hinweise meist aus der Nachbarschaft

Wie sich außerdem zeigt, spielen die Nachbarinnen und Nachbarn eine wichtige Rolle bei der Rettung der Tiere. Denn die Betroffenen selbst melden sich fast nie, wie die Auswertung bestätigt. Kein einziger Fall ging auf eine Selbstmeldung zurück und auch aus dem persönlichen Umfeld kamen kaum Hinweise. Vielmehr ist es laut Veterinärämtern die Nachbarschaft mit 39,6 Prozent, die Auffälligkeiten wie zu viele Tiere oder unerträgliche hygienische Zustände an die Behörden weitergibt. Das bedeutet aber auch, dass solche Fälle oft erst spät entdeckt werden, wenn das Leid bereits eskaliert ist. Zudem widerlegen die Ergebnisse das verbreitete Klischee, bei Animal Hoarding handele es sich um isolierte Einzelgänger*innen. Zwar horteten in 54,4 Prozent der Fälle tatsächlich Einzelpersonen die Tiere, doch Animal Hoarding betrifft auch Familien, Partnerschaften und Wohngemeinschaften. Die Geschlechterverteilung ist ebenfalls auffällig: In 68,4 Prozent der Fälle handelte es sich bei den Betroffenen um Frauen; 57,8 Prozent waren zwischen 41 und 60 Jahre alt.

Beschlagnahmungen allein reichen nicht aus

Wird ein Fall bekannt, greifen die Behörden meist hart durch. In 75 Prozent der Fälle haben sie die Tiere den Halter*innen entzogen und andernorts untergebracht. Meistens nehmen sich dann Tierheime der zahlreichen verwahrlosten Hunde, Katzen, Kaninchen und Co. an. Für die Tierschützer*innen ist es ein kaum zu stemmender Kraftakt, auf einen Schlag eine Vielzahl kranker, verletzter und unterversorgter Tiere in ihre Obhut zu nehmen. Da die Einrichtungen ohnehin überlastet sind und kaum Kapazitäten haben, verzögert sich die Rettung der Tiere oftmals. „Solche Beschlagnahmungen helfen generell nur begrenzt. Eine nachhaltige Besserung der Situation gelingt gerade einmal in 40,8 Prozent der Fälle, wie die Auswertung zeigt“, sagt Nina Brakebusch, Leiterin des Forschungsprojekts beim Deutschen Tierschutzbund. Die Rückfallquote bleibe hoch. Das bestätigt auch die Befragung der Veterinärämter, die ergab, dass drei Viertel der Animal Hoarder*innen den Behörden bereits vorher bekannt waren – entweder, weil sie bereits zuvor Tiere gehortet hatten, oder weil sie wegen anderer Verstöße gegen das Tierschutzgesetz aufgefallen waren.

Tierleid und menschliches Leid gemeinsam lösen

„Das Forschungsprojekt macht die tatsächlichen Dimensionen von Animal Hoarding deutlich und zeigt, dass wir das Problem an der Wurzel angehen müssen“, resümiert Brakebusch. „Auch wenn die Beschlagnahmung der Tiere akutes Tierleid beendet, beginnt der Kreislauf immer wieder von vorn, wenn betroffene Menschen keine passende Unterstützung erhalten.“

Helfen Sie den Tieren!

  • Für Tierheime bedeutet jeder Fall von Animal Hoarding eine Mammutaufgabe. Mit Ihrer Spende können Sie den Einrichtungen in dieser Notsituation helfen und sie dabei unterstützen, die zahlreichen geretteten Tiere zu versorgen.
    tierschutzbund.de/spendenprojekt-animal-hoarding