Aus dem Print-Magazin

Gemeinsam angekommen

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Gemeinsam angekommen

Als Jungtiere mussten sie Menschen belustigen und in Gitterkäfigen ausharren. Nach ihrem Umzug aus der Ukraine können die zwei Braunbären Luba und Myhasyk im Tierschutzzentrum Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes ihre traumatisierende Vergangenheit hinter sich lassen und einfach wieder Bären sein.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Sie schnuppert vorsichtig, streckt die Nase immer wieder aus dem Tor ihres Stalles in die leicht salzige Luft nahe der Ostsee. Mehrere Tage hat Braunbärin Luba ihren Partner Myhasyk nicht gesehen, denn hinter den beiden Tieren liegen ein zweitägiger Umzug über fast 2.000 Kilometer aus der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw und eine mehrtägige Eingewöhnung in den Stallungen des Tierschutzzentrums Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes. Als das Tor ins Grüne bereits einige Augenblicke geöffnet ist, wittert sie ihn endlich. Und es gibt kein Halten mehr. Sie stürmt zu Myhasyk und sofort fangen die Petze an zu spielen. Im Teich, auf dem Hügel der großzügigen Anlage oder im Gebüsch – wohin es die beiden auch verschlägt, scheinen sie fortan wieder unzertrennlich. Wer das bärige Duo so innig und unbeschwert erlebt und seine Geschichte kennt, freut sich automatisch mit ihm. Denn die Tiere verbindet nicht nur die Zuneigung zueinander, sie haben auch eine jeweils traumatisierende Kindheit gemeinsam. „2014 und 2016 wurden sie als Jungtiere ihren Müttern entrissen, um in der Ukraine Menschen zu ‚unterhalten‘“, berichtet Patrick Boncourt, stellvertretender Leiter des Tierschutzzentrums Weidefeld. Er hat mit dem Team monatelang darauf hingearbeitet, dass die Braunbären im September nach Deutschland ziehen konnten.

Ausgebeutet und eingepfercht

Myhasyk ist ein ehemaliger Fotomotiv-Bär. Schon kurz nach seiner Geburt musste er für Aufnahmen mit Tourist*innen herhalten und sich streicheln lassen. „Als er groß und gefährlich wurde, haben seine Besitzer*innen ihn in einen vier Quadratmeter großen Gitterkäfig eingesperrt“, erläutert Boncourt. Darin musste er einige Jahre leben, ohne in einem Teich schwimmen oder sich in eine Höhle zurückziehen zu können. „In der Regel entwickeln Bären unter solchen Bedingungen stereotype Bewegungen, sind nervös und verletzen sich sogar selbst. Myhasyk hingegen verfiel in Apathie und weigerte sich, zu leben.“ Als er den ganzen Tag nur an die Wand starrte, kein Interesse am Leben zeigte und begann, sein Futter zu verweigern, beschwerten sich die Menschen auf der anderen Seite der Gitterstäbe, und die Besitzer*innen brachten das gequälte Tier letztendlich ins White Rock Bear Shelter, eine Auffangstation der Tierschutzorganisation Save Wild. Dort lernte er später Luba kennen, die als Jungtier gezwungen worden war, auf Kinderfesten und im Zirkus aufzutreten. „Dafür musste sie in einem Metallkäfig im Freien leben und stand ständig unter Stress, weil der beengt war, sie ihre Mutter vermisste, und sie direkt neben dem Käfig eines erwachsenen Bären gehalten wurde, vor dem sie wahnsinnige Angst hatte“, erzählt Boncourt. Ständig schrie sie und verletzte sich selbst an dem Gitter. Erst als der Zirkus Raubtiere aus dem Programm nahm, konnte auch Luba sich in der Obhut der ukrainischen Tierschützer*innen erholen.

Luba und Myhasyk mussten in der Ukraine in beengten und kargen Käfigen aufwachsen, bevor sie in einer Auffangstation landeten.

Medizinische Betreuung dauerhaft benötigt

Nachdem im Tierschutzzentrum Weidefeld die Braunbärin Ronja 2024 an Herzversagen gestorben war, hatten sich Boncourt und seine Kolleg*innen auf die Suche nach hilfebedürftigen Bären gemacht, die für eine Übernahme in das 2019 eröffnete und zwei Hektar große Weidefelder Bärenrefugium infrage kommen würden. „Dabei sind wir auf die beiden Tiere bei Save Wild gestoßen. Von der Organisation haben wir 2022 bereits unsere Kragenbärin Malvina übernommen“, erklärt der Bärenexperte. Beide benötigen eine dauerhafte medizinische Betreuung. Unter anderem leidet Luba unter einem hormonellen Ungleichgewicht. Dass der Deutsche Tierschutzbund dieses in Weidefeld besser behandeln kann als das Team im ukrainischen Kriegsgebiet, ist einer der Gründe, weshalb der Verband der Partnerorganisation die Unterbringung der Bären angeboten hat. „So haben sie zudem selbst wieder Platz, um im Notfall oder bei einer Beschlagnahmung schnell Tiere aufnehmen zu können. Denn das wäre uns selbst so kurzfristig auf die Distanz aus organisatorischen Gründen nicht möglich.“ Das hat auch der Umzug gezeigt.

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tierschutzbund.de/patentiere-baeren

Groẞer bürokratischer Aufwand

„Insbesondere die bürokratischen Herausforderungen haben uns im Vorfeld des Transports sehr gefordert und bis zum Schluss bangen lassen. Der erfolgreiche Grenzübertritt stand auf Messers Schneide“, erzählt Boncourt. Bei einem solchen Unterfangen sind sehr viele Personen beteiligt, die an den Grenzen die Aus- und auf der anderen Seite die Einfuhr begleiten. Behörden erstellen veterinärmedizinische Dokumente oder fordern eben diese ein. „Das ist kein Ein-Mann-Job, da brauchten wir viele Menschen, die sich auch juristisch auskennen, Muttersprachler* innen sind und Kontakte haben, falls unterwegs etwas schiefgeht. Wir sind unglaublich froh, dass alles geklappt hat und die Bären wohlbehalten angekommen sind.“ Und das unter den dramatischen Zuständen in der Ukraine. „Die Fahrt durch ein von Krieg betroffenes Land ist immer mit unkalkulierbaren Risiken verbunden. Unseren Partner*innen in der Ukraine und unserem niederländischen Transportunternehmen sind wir für ihren mutigen Einsatz sehr dankbar – genauso wie den deutschen Veterinärbehörden, die uns bei dem großen Papieraufwand unterstützt haben.“

Therapie beginnt nach der Winterruhe

Auch für Myhasyk und Luba war der Weg in ihr neues Zuhause mit Stress verbunden. Zunächst wurden sie betäubt, damit die Helfer*innen in der Ukraine sie verladen konnten. Anschließend weckten sie sie wieder auf, damit das nicht erst während des Transports geschieht. Die anschließenden zwei Tage auf dem Weg ins Tierschutzzentrum verbrachte das Duo dann dank regelmäßiger Pausen und zwischenzeitlicher Leckereien überraschend ruhig. „Das habe ich auch schon anders erlebt, dass Tiere in ihrer Transportbox nervös werden, raus wollen und randalieren“, sagt Boncourt. Trotzdem brauchten die Tiere nach der Ankunft Ruhe, um sich zu erholen und sich an die Eindrücke der Umgebung zu gewöhnen. „Myhasyk wirkte dabei fast so, als ob ihn alles nicht so wirklich interessiert. Er hat einfach nur seinen Transportstress abgebaut und war froh, dass er sich endlich mal wieder ein bisschen bewegen und strecken konnte.“ Luba war zu diesem Zeitpunkt merklich nervöser – und ihre Vergangenheit spür- und sichtbar. Als Folge der Käfighaltung hüpft sie gerade in geschlossenen Räumen oft stereotyp auf und ab. „Sie ist noch jung, daher sind wir zuversichtlich, dies therapieren zu können. Aber es kann Jahre dauern“, sagt Boncourt. Damit beginnen die Mitarbeiter*innen allerdings erst im Frühling, denn bis dahin ist es wichtig, das Paar möglichst nicht zu stören. „Sie sollten zur Ruhe kommen, zusätzliche Fettreserven aufbauen und sich so auf ihre Winterruhe vorbereiten, für die sie mit der Umgebung vertraut sein müssen.“ Dass sie sich mittlerweile zurückgezogen haben, beweist, dass sie richtig angekommen sind – im Paradies für Bären.

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