Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER
In zügigem Tempo läuft Hund Pablo fröhlich den Weg durch den Duisburger Stadtwald entlang. Zwischendurch bleibt er kurz stehen, um an einem Strauch oder am Laub zu schnuppern. Sein Besitzer Niklas Frank hält den etwa neun Jahre alten Cane-Corso-Mischling mit dem braun-schwarz gestromten Fell an einer langen Schleppleine und behält ihn die ganze Zeit über im Blick. „Das ist heute sein zweiter Tag an der Schleppleine – noch ist Pablo nicht an sie gewöhnt, daher tritt er immer wieder darauf“, so Frank. Plötzlich kommen von weitem zwei Spaziergänger*innen mit vier Hunden entgegen. Frank bleibt sofort stehen, beobachtet, in welche Richtung sie gehen, und nimmt die Leine kürzer. „Platz“, sagt er zu Pablo in einem ruhigen, aber bestimmten Ton, während er als zusätzliches Signal seine Handfläche zum Boden zeigt. Pablo gehorcht sofort und legt sich hin, während er zugleich die entgegenkommenden Passant*innen mit ihren Hunden entdeckt. Frank hält seinen Schützling am Geschirr fest und sagt mehrmals hintereinander „Bleeeib!“ Die beiden warten ruhig am Wegesrand, bis die Spaziergänger*innen freundlich grüßend mit ihren Tieren vorbeigegangen sind. Dann geht es wieder weiter durch den Wald. „Es ist wichtig, Pablo Sicherheit zu vermitteln – er muss lernen, dass er nicht auf mich aufpassen muss, sondern ich auf ihn.“

Im Tierheim Duisburg lernte Niklas Frank den Hund Pablo kennen. Dort lebte der neunjährige Cane-Corso-Mischling bereits eineinhalb Jahre lang und wurde trotz mehrerer Interessent*innen nicht adoptiert. Viele von ihnen schreckten davor zurück, dass das zum Schutzhund ausgebildete Tier nicht alleine bleiben kann …
Vor kurzem schien es noch schwer vorstellbar, dass Pablo in dieser Situation so ruhig bleibt – zumindest für diejenigen, die ihn nur im Städtischen Duisburger Tierheim in seinem Zwinger erlebt haben. Bevor Frank ihn vor drei Wochen Adoptierte, lebte der Hund noch in der Einrichtung, die dem Deutschen Tierschutzbund angeschlossenen ist. In seinem Zwinger zeigte er sich meist von einer ganz anderen Seite. Noch immer sind deutlich die Spuren zu sehen, die Pablo darin hinterlassen hat. An einer Seite ist die Holzverkleidung zerkratzt und teilweise herausgerissen und überall sind Nagespuren sichtbar – an den Ecken und Kanten seiner ehemaligen Hundehütte, an Holzstützpfeilern und sogar am Metallgitter. „Pablo war im Tierheim die ganze Zeit über so gestresst, dass er einfach alles zerlegt hat“, berichtet Anna Koltermann, Leiterin der Hundeabteilung des Tierheims Duisburg. „Anfangs auf der Quarantänestation war sein Stresspegel durch die Nähe der für ihn fremden Hunde sogar noch höher.“ Von Wassernäpfen über Decken bis hin zu Kunststoffabdeckungen habe er vor nichts Halt gemacht – es ging so weit, dass er sich sogar selbst gefährdet hat, so die Tierheimmitarbeiterin. „Zum Beispiel hat er versucht, mit seinen Pfoten unter das Gitter seiner Unterbringung zu rutschen und hat sich dabei Platzwunden zugezogen.“ Deswegen musste er zum Tierarzt – aber sobald er dort ankam, habe er sich sofort hingelegt und sei eingeschlafen. „Er war einfach froh über die Gesellschaft und war dann ein ganz lieber, offener Hund – auch auf Spaziergängen verhielt er sich sehr brav“, sagt Koltermann. Zurück im Tierheim versuchten sie und ihr Team daher, einen Bereich für ihn zu finden, in dem sein Selbstverletzungsrisiko so gering wie möglich war. „Wir haben ihn in einem Zwinger mit einem großen Auslauf untergebracht, ihm robustes Spielzeug gegeben und Stroh statt Decken auf seinen Schlafplatz gelegt, damit er nicht alles direkt zerbeißt und runterschluckt.“
– Anna Koltermann
Tatsächlich habe das geholfen, sodass Pablos Stresspegel gesunken ist und er sich keine weiteren Verletzungen zugezogen hat. Doch trotz aller Bemühungen der engagierten Tierpfleger*innen stand er emotional in den eineinhalb Jahren, die er im Tierheim verbrachte, in seinem Zwinger immer unter Strom. Davon zeugen auch Laufrillen im Boden des Auslaufs. „Er hat einfach ständig Kreise gedreht – so, wie man es von vielen Tieren aus dem Zoo kennt“, so Koltermann. Da Pablo durch seinen Bewegungsdrang ungewöhnlich viel Energie verbrauchte, mussten die Tierpfleger*innen ihm regelmäßig eine ordentliche Futterportion geben. „Er wog rund 30 Kilogramm, bekam aber Futter für einen 70 Kilogramm schweren Hund, damit er sein Gewicht hält.“

… Als Frank sich beim Tierheim bewarb, waren die Tierpfleger*innen jedoch sofort überzeugt, dass die beiden ein harmonisches Team bilden könnten. Und tatsächlich stimmte gleich die Chemie, sodass auch ihre ersten gemeinsamen Spaziergänge und Ausflüge gut funktionierten.
Um zu verstehen, weshalb Pablo sich so verhält, reicht ein Blick in seine Vergangenheit. „Vor anderthalb Jahren wurde uns der Hund kurz nach Ende unserer Öffnungszeiten als angeblicher Fundhund vorbeigebracht“, erinnert sich Koltermann. Bei der Abgabe von Fundtieren ist es im Tierheim Duisburg üblich, dass die „Finder*innen“ ein Formular ausfüllen und darin genauere Angaben etwa zum Fundort und zu den Kontaktdaten eintragen. „Der Überbringer behauptete, den Hund in einem Wald gefunden zu haben, und wollte ansonsten keinerlei genauere Auskünfte geben – stattdessen drückte er unserem Tierheimleiter einfach die Leine in die Hand und ging“, so die ausgebildete Hundetrainerin. Sie und ihre Kolleg*innen halten es für sehr wahrscheinlich, dass es sich dabei vielmehr um einen von Pablos Vorbesitzer*innen handelte. „Was uns bei unserer ersten Begegnung mit Pablo direkt auffiel, waren seine extrem abgescheuerten Zähne und seine kupierten Ohren – sein Aussehen widersprach seinem lieben, zugewandten Verhalten, das wir bei unserem ersten Kennenlernen erlebt haben“, so Koltermann. „Nach und nach haben wir herausgefunden, dass Pablo offenbar in Bosnien und Herzegowina gezüchtet und für den Schutzdienst ausgebildet wurde, danach hat er drei weitere Stationen durchlaufen, bevor er bei uns ankam.“ Zur Bestätigung holt die Tierschützerin ihr Smartphone hervor und zeigt ein Video – „eine Aufnahme, die über sechs Ecken an uns herangetragen wurde“. Zu sehen ist ein Mann in einem dicken Schutzanzug. Pablo hängt an dessen rechtem Arm, in den er sich regelrecht festgebissen hat. Im Hintergrund leuchtet roter Nebel von Pyrotechnik, wie man es sonst aus Fußballstadien kennt. In seiner linken Hand hält der Mann eine Schreckschusspistole – dann feuert er sie ab. Doch Pablo lässt nicht los. Auch wenn Koltermann das Video mehrmals gesehen und bei ihrer Arbeit im Tierschutz bereits viel erlebt hat, ist ihr anzumerken, dass sie die Aufnahme fassungslos macht. „In Bosnien ist diese Ausbildung legal – Hunde wie Pablo werden gezielt darauf abgerichtet, auch in den stressigsten Situationen nicht von ihrem Zerrtrieb abzulassen. So hat Pablo offenbar gelernt, seine Aufregung über sein Maul zu kompensieren und darüber jede Form von Stress zu lösen.“ Später sollte Pablo auch in Deutschland als Schutzhund eingesetzt werden, wie das Tierheimteam herausfand. „Er war allerdings nicht im Einsatz, weil er als ‚nicht scharf genug‘ galt.“ Aber durch seine Ausbildung beherrscht er alle Alltagssignale wie „Sitz“, „Platz“ und „Aus“ perfekt.

Schon bei ihrer ersten Begegnung haben Niklas Frank und Pablo zusammen gespielt. Alltagssignale wie „Sitz“ und „Platz“ beherrscht Pablo bereits perfekt, sodass er Frank auch gleich gehorcht hat. Bei den Kennenlernterminen, die vor einer Tierheimtieradoption anstehen, übte Frank zudem die ersten Trainingsmethoden mit Pablo, die die Tierpfleger*innen ihm empfohlen hatten.
„Wir standen also vor dem Problem, einen gefährlich aussehenden, bereits etwas älteren Hund zu vermitteln, der eigentlich superlieb ist, aber niemals allein bleiben kann – nicht einmal zehn Minuten im Auto, weil er ohne Maulkorb das Innere problemlos zerlegen würde“, sagt Koltermann. Das habe viele Interessent*innen abgeschreckt. Eine weitere, die bereits Rentnerin war, hätte Pablo zwar gerne adoptiert. Aber ihr fehlte die Kraft, um den Hund halten zu können. Doch Koltermann und ihre Kolleg*innen gaben nicht auf. Auf der Website des Tierheims hoben sie in seinem Steckbrief all die positive Seiten von Pablo hervor, kommunizierten aber auch transparent, mit welchen Herausforderungen Interessent*innen rechnen müssten. Demnach brauche Pablo Menschen, die ruhig und konsequent sind und dem unsicheren Rüden Verlässlichkeit bieten. Ebenso betonten sie, dass es mit viel Feingefühl und der Unterstützung von einer Hundeschule auch in seinem Alter noch möglich sei, mehr Sicherheit zu etablieren. Wegen seines großen Bewegungsdranges sollte in seinem neuen Zuhause außerdem täglich körperliche und geistige Auslastung gewährleistet sein. „Dann kam eines Tages Niklas Frank“, berichtet Koltermann mit einem strahlenden Lächeln. Der freiberufliche Tennistrainer interessierte sich ursprünglich für einen anderen Hund und füllte hierfür einen Fragebogen des Tierheims aus. „Das ist bei uns so üblich – so können wir schneller prüfen, ob die Hunde in unserer Obhut zu den Interessent*innen passen, und gezielt Termine an sie vergeben. Bei etwa zehn Bewerbungen pro Tag müssen wir schnell aussortieren können, so sagen wir auch offen, wenn ein Hund nicht infrage kommt.“ Viele Menschen möchten auch gerne einfach spontan vorbeikommen und alle Hunde auf einmal sehen, aber das sei laut Koltermann nicht sinnvoll. „Auf der einen Seite wäre das für die Tiere ein größerer Stressfaktor, wenn ständig Menschen durch ihre Bereiche laufen, auf der anderen Seite erhalten die Besucher*innen kein realistisches Bild von den Hunden, wenn sie diese ohne Vorkenntnisse in ihren Zwingern erleben.“ Der andere Hund, für den Frank sich ursprünglich interessierte, hatte bereits mehrere Interessent*innen und war so gut wie vermittelt – aber anhand seiner Angaben stellten Koltermann und ihr Team fest, dass er und Pablo perfekt zusammenpassen könnten. Zum Beispiel sei er bereit, sich viel Zeit für den Hund zu nehmen und könne durch seine selbstständige Tätigkeit und durch die Unterstützung seiner Eltern sowie seines Bruders gewährleisten, dass immer eine Bezugsperson auf Pablo aufpasst. „Außerdem war er bereits ein erfahrener Halter, da er zuvor schon mal einen großen Rüden aus dem Tierschutz hatte.“

Bereits am Empfang des Tierheims Duisburg erfahren Besucher*innen, wie die Adoption eines Tierheimtiers abläuft.
Tatsächlich konnten die Tierschützer*innen Frank schnell überzeugen. „Ihre erste Begegnung fand in einem großen Auslauf außerhalb des Zwingers statt, und Pablo zeigte sich gleich von seiner besten Seite: Er hörte wunderbar auf alle Signale und war ganz verschmust.“ Auch Niklas Frank selbst zeigt sich drei Wochen nach der Adoption von Pablo glücklich. „Nachdem mein alter Hund völlig unerwartet an Weihnachten eingeschläfert werden musste, wollte ich nun wieder einen Hund adoptieren“, berichtet er. „Als ich Pablo dann im Tierheim kennenlernte, war er ein ganz entspannter Zeitgenosse – wir haben zusammen gespielt und er hat sich direkt auf den Rücken geworfen.“ Natürlich konnte er seinen neuen tierischen Freund nicht gleich nach der ersten Begegnung mit nach Hause nehmen. Zuerst standen noch weitere gemeinsame Termine an, um sicherzugehen, dass die beiden ein harmonisches Team bilden, und Pablo auch wirklich ein dauerhaftes schönes neues Zuhause erhält. „Zugleich war es uns wichtig, Niklas engmaschig zu begleiten und ihn dabei zu unterstützen, Pablo langsam an seine neue Umgebung zu gewöhnen und an seiner Verlustangst zu arbeiten“, so Koltermann. „Dass Niklas der passende neue Halter von Pablo werden kann, erkannten wir auch daran, dass er sich an unsere Trainingsanweisungen gehalten und die Situation ernst genommen hat.“ Es fanden also mehrere gemeinsame Spaziergänge und vier Tagesausflüge statt, an denen die beiden sich besser kennenlernen konnten. Morgens erhielt Pablo sein Futter noch im Tierheim, dann ging Frank mit ihm spazieren und nahm ihn stundenweise mit zu sich nach Hause, nachmittags brachte er den Hund wieder ins Tierheim. „Vorher hatte ich für ihn bereits ein neues Körbchen und neue Näpfe gekauft, und als er das erste Mal probeweise über Nacht in meiner Wohnung war, schlief er direkt von 18 bis 9 Uhr durch“, sagt Frank. Er habe sich also auf Anhieb wohlgefühlt. „Ihn dann aber wieder zurück ins Tierheim bringen zu müssen und zu hören, wie er winselte, als ich gehen musste, zerriss mir das Herz“, sagt Frank. Umso schöner war später das Wiedersehen. Wie viele solcher gemeinsamen Probetermine stattfinden, machen die Tierheimmitarbeiter*innen von Fall zu Fall abhängig. „Es ist wichtig, die Tiere schrittweise in ihren neuen Alltag zu integrieren und ihren künftigen Halter*innen ein realistisches Bild zu geben, was tatsächlich auf sie zukommen kann“, erläutert Koltermann, die Pablo und Frank bei ihren ersten gemeinsamen Spaziergängen begleitet und Letzterem dabei weitere Trainingstipps an die Hand gegeben hat. „Wir wägen zugleich genau ab, wie sinnvoll solche Probeaufenthalte sind, und ob die Tiere den Wechsel zwischen Tierheim und neuem Zuhause gut verkraften können.“ Bei einem ihrer ersten Spaziergänge testeten sie auch „auf neutralem Boden“ die Verträglichkeit mit der Hündin, die Franks Eltern gehört. „Es ging darum, die beiden Hunde möglichst friedlich zusammenzubringen und die Hündin dabei zu stärken, den selbstbewussten Pablo einzuschränken“, so Koltermann.

Drei Wochen nach der Adoption sind Halter Niklas Frank und sein Hund Pablo bereits ein enges Gespann, sodass der ehemalige Schutzhund endlich ein schönes Zuhause gefunden hat. Das Beispiel zeigt: Es lohnt sich, jedem Tierheimtier eine Chance zu geben. Das gilt auch für all die anderen liebenswerten Tiere, die noch in Duisburg und anderen Tierheimen leben.
– Niklas Frank
Generell hat die Vermittlung im Tierheim Duisburg einen sehr hohen Standard und wird eng durch die Mitarbeiter*innen begleitet, damit sie sich ein umfangreiches Bild von den Halter*innen und dem Zusammenleben mit ihren tierischen Schützlingen verschaffen können – ein Konzept, das sich bewährt hat und auch zur erfolgreichen Vermittlung von vermeintlich verhaltensauffälligeren Hunden führt. So verliefen laut Koltermann 99 Prozent der Nachkontrollen positiv. „Auch Pablo werden wir in rund sechs Monaten noch mal besuchen, um zu sehen, wie er sich in seinem neuen Zuhause eingewöhnt hat – so möchten wir zeigen, dass wir auch nach der Adoption als Ansprechpartner*innen da sind.“ Während sie das erzählt, klingelt ihr Telefon – eine Kollegin ruft an, um ihr erfreut zu berichten, dass für einen weiteren Hund passende neue Besitzer*innen gefunden wurden. „Endlich, nach so langer Zeit“, antwortet Koltermann.
Das Happy End von Frank und Pablo zeigt: Es lohnt sich immer, zuerst im Tierheim nach einem tierischen Gefährten zu suchen, und auch den Tieren eine Chance zu geben, die auf den ersten Blick nicht einfach im Umgang erscheinen, bereits etwas älter sind oder eine schlimme Vergangenheit haben. „Ich persönlich würde mich immer wieder für einen Hund aus dem Tierheim entscheiden und kann das allen empfehlen“, sagt Frank. „Ich habe quasi einen fertigen Hund bekommen, der super zu mir passt – und das mit dem Alleine bleiben bekommen wir auch noch hin.“
tierschutzbund.de/tierheim-dudt
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