Autor: Christoph Götz, Redakteur DU UND DAS TIER
Im Linumer Teichland nördlich von Berlin spielt sich jeden Herbst ein Naturschauspiel ab: Zehntausende Kraniche rasten hier auf ihrem Weg in den Süden. Sie tummeln sich in den flachen Gewässern und erfüllen die Luft mit ihren trompetenden Rufen. Doch in diesem Jahr überschatteten verstörende Bilder von Tausenden toten Kranichen das Spektakel. Innerhalb von nur wenigen Tagen mussten Helfer*innen rund um Linum mehr als 1.500 verendete Tiere bergen. Wie sich später herausstellen sollte, markierte das massenhafte Sterben der majestätischen Vögel den Auftakt für eine der stärksten Vogelgrippe- Wellen der letzten Jahre in Deutschland.
Die Aviäre Influenza, besser bekannt als Vogelgrippe oder Geflügelpest, hat Deutschland in diesem Jahr ungewöhnlich früh getroffen. Schon im September meldete das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) sechs Ausbrüche durch den hochpathogenen – also besonders krankmachenden – Virus-Subtyp H5N1, darunter einen in einem Geflügelbetrieb in Schleswig-Holstein mit 2.800 Tieren. Im Oktober registrierte das FLI bereits 379 Fälle, im November kamen 852 weitere hinzu (Stand 18.11.). Um der Ausbreitung der Seuche vorzubeugen, wurden bis Mitte November bundesweit mehr als 1,5 Millionen Hühner, Puten, Gänse und Enten gekeult. Am stärksten betroffen ist Niedersachsen, wo viele Geflügelbetriebe dicht beieinander liegen. Rund eine Million Tiere mussten hier bereits getötet werden – in einem einzelnen Hühnerbetrieb im Kreis Vechta starben 175.000 Legehennen.
Eine traurige Besonderheit der diesjährigen Vogelgrippe- Welle ist das Massensterben der Kraniche. Schätzungen zufolge sind allein in Brandenburg rund 3.000 Tiere an dem Erreger gestorben – in diesem Ausmaß ist das noch nie zuvor in Deutschland vorgekommen. „Kraniche gelten als besonders empfänglich für das Virus“, erklärt James Brückner, Leiter des Referats Wildtiere beim Deutschen Tierschutzbund. „Sie kommen an Rast- und Schlafplätzen in großen Gruppen zusammen und verbringen die Nacht auf Feldern oder in flachen Gewässern, oft zusammen mit infizierten Wasservögeln. Das sind perfekte Bedingungen für ein Virus.“ Im Gegensatz zu anderen Wildvögeln wie Enten und Gänsen haben Kraniche laut FLI außerdem keine Teilimmunität durch frühere Viruskontakte entwickelt, weshalb die Krankheit sie bei einer Infektion mit voller Härte trifft. „Das ist für diese Art besonders dramatisch“, so Brückner. „Denn Kraniche ziehen für gewöhnlich nur ein Jungtier pro Jahr groß. Solche massiven Verluste können die Population langfristig schwächen.“
Wie das Virus wandertErstmals nachgewiesen wurde das hochpathogene Vogelgrippe- Virus 1996 in einer Gänsefarm in Südchina. Von Asien aus breitete sich der Erreger auf der ganzen Welt aus, vermutlich sowohl über Zugvögel als auch über den globalen Geflügelhandel. In Deutschland tritt er seit 2006 regelmäßig auf. „Seit 2021 beobachten wir das Virus ganzjährig in Europa. Wir gehen deshalb davon aus, dass es sich in heimischen Wildvogelpopulationen, besonders unter Wildenten und -gänsen, festgesetzt hat“, erklärt Kathrin Zvonek, Referentin für Interdisziplinäre Themen beim Deutschen Tierschutzbund. „Diese Arten tragen das Virus oft ohne oder mit nur milden Symptomen in sich und scheiden es über den Kot aus. In feuchter Umgebung bleibt es tage- bis wochenlang infektiös. Über andere Tiere oder über indirekte Wege wie Fahrzeuge, Schuhe oder Futtermittel gelangt der Erreger anschließend in die Geflügelbetriebe, wo er sich meist rasant ausbreitet.“
Sobald das Virus in einem Betrieb nachgewiesen wurde, ordnen die zuständigen Behörden die Tötung des gesamten Bestandes an – auch wenn zu Beginn nur wenige Tiere erkrankt sind. „Aus seuchenhygienischen Gründen ist dieses Vorgehen leider notwendig“, erklärt Zvonek. „Der Erreger breitet sich extrem schnell aus und zum Zeitpunkt der Keulung tragen meist bereits alle Tiere das Virus in sich, auch wenn viele noch keine Symptome zeigen. Ohne ein sofortiges Eingreifen würden die betroffenen Tiere qualvoll sterben.“ Allein in diesem Herbst mussten deshalb bereits mehr als 1,5 Millionen Tiere gekeult werden. Eine bundesweite Stallpflicht, wie sie Teile der Geflügelwirtschaft fordern, sieht der Deutsche Tierschutzbund dennoch kritisch. „Wochen- oder monatelange Aufstallung bedeutet immer Stress für die Tiere und viele Betriebe können die dafür nötigen Tierschutzstandards – mehr Platz, Beschäftigungsmaterial und Außenklimabereiche – gar nicht einhalten“, so Zvonek. „Als Maßnahme sollte die Stallpflicht daher immer nur regional begrenzt eingesetzt werden, wenn die Infektionslage es erfordert.“ Langfristig fordert der Deutsche Tierschutzbund echte Prävention statt permanenter Krisenmaßnahmen. Dazu gehören auch strukturelle Veränderungen in der Geflügelwirtschaft: „Wir brauchen Betriebe mit kleineren Beständen und niedrigeren Besatzdichten, besseren Haltungsbedingungen und hohen Standards bei der Biosicherheit, also bei allen Schutzmaßnahmen, die verhindern sollen, dass Erreger in einen Bestand gelangen“, erklärt Zvonek. „Nur mit einer Tierhaltung, die Seuchenprävention ernst nimmt, und zwar auch in Klein- und Hobbyhaltungen, können wir künftige Ausbrüche eindämmen.“
– Kathrin Zvonek
Geflügelhalter*innen müssen jetzt besonders aufpassen. Ein unachtsamer Moment kann ausreichen, um den Erreger in den eigenen Bestand einzuschleppen. Entscheidend ist daher, beim Betreten der Ställe die Schuhe zu wechseln und zu desinfizieren, Schutzkleidung zu tragen, Fahrzeuge und Geräte regelmäßig zu reinigen und Futterund Wasserquellen für Wildvögel unzugänglich zu machen. „Ebenso wichtig ist, unnötigen Personenverkehr zu vermeiden“, betont Zvonek. „Nur wirklich erforderliche Personen wie Tierärztinnen und Tierärzte sollten den Betrieb betreten. Wenn sich alle Geflügelhalter*innen konsequent an diese Maßnahmen halten, können wir die Ausbreitung verlangsamen und noch mehr Tierleid verhindern.“ Für Menschen bleibt das Infektionsrisiko nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts sehr gering. Dennoch empfiehlt die Ständige Impfkommission Personen mit regelmäßigem Kontakt zu Geflügel oder Wildvögeln die saisonale Grippeimpfung – sie senkt das Risiko, gleichzeitig mit einem Influenza-Virus und dem Vogelgrippe- Erreger infiziert zu sein, und verringert damit die Gefahr, dass sich Viren mischen und neue Varianten entstehen.