Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER
Herr Hellmann, Sie besuchen Betriebe unangekündigt. Welche Reaktionen erleben Sie dabei?
Natürlich kann es vorkommen, dass ein solcher Audittermin für die Betriebe in Zeiten, in denen sie besonders viel zu tun haben – etwa bei der Ernte oder wenn sie Tiere verladen –, eine weitere Arbeitsbelastung bedeutet. Aber nach einem anfänglichen „muss das heute wirklich sein“ organisieren die verantwortlichen Personen auf dem Betrieb ihren Arbeitstag um und stehen für das Audit zur Verfügung. Die Betriebsleiter*innen haben sich schließlich aktiv für das Tierschutzlabel und die daraus resultierenden Anforderungen entschieden.
Wie sieht ein typischer Einsatz aus?
Durch unsere hausinterne Disposition erhalte ich den Auftrag, auf dem Betrieb das Audit in einem definierten Zeitfenster durchzuführen. In der Auditvorbereitung schaue ich mir den vorherigen Auditbericht an, etwa welche Korrekturmaßnahmen in dem Betrieb bereits nötig waren. Mit diesen Informationen bereite ich den Auditplan, den Auditbericht und die Besatzdichtenberechnung vor. Auf dem Betrieb selbst führen wir immer ein Einführungsgespräch durch, in dem wir den Auditumfang erläutern, den Ablauf planen und mit dem*der Betriebsleiter*in erläutere, wie der Tierbestand beispielsweise gesundheitlich aufgestellt ist oder ob es besondere Vorkommnisse gab. Danach starte ich den Betriebsrundgang, sichte unter anderem die Tierbestände in den Stalleinheiten, zähle und bewerte die Beschäftigungsmaterialen. Auch schauen wir uns im Rahmen der Prüfsystematik Lagerstätten für Einstreumaterial, Futtermittel und Beschäftigungsmaterialien an. Zur besseren Übersichtlichkeit schreibe ich mir hierzu Informationen auf, die ich später dann in der Bearbeitung der Audit-Checkliste berücksichtige.
Wie geht es weiter?
Nach dem Betriebsrundgang erfolgt die Dokumentenprüfung. Die erforderlichen Dokumente werden in Augenschein genommen, bewertet und in den entsprechenden Prüfkriterien der Checkliste des Deutschen Tierschutzbundes eingetragen. Wenn ich Abweichungen von der Prüfsystematik feststelle, erläutere ich der verantwortlichen Person diese. Hier ist dann die Betriebsleitung gefragt. Sie muss mir darstellen, wie und bis wann sie die Abweichung abstellen wird. Zum Ende des Audits führe ich mit ihr ein Abschlussgespräch, in dem alle relevanten Punkte des Audits und die To-dos nochmals zusammengefasst dargestellt werden. Der Betrieb erhält dann eine von beiden Parteien unterschriebene Version des vorläufigen Auditberichtes via Mail.
Woran erkennen Sie, dass das Tierschutzlabel gegenüber konventionellen Haltungen spürbare Verbesserungen für die Tiere bedeutet?
Als erstes an der geringeren Besatzdichte in den Stalleinheiten. Die Tiere sind im Allgemeinen wach und aktiv. Als Weiteres ist der Außenklimabereich zu benennen, den die Tiere erfahrungsgemäß gut annehmen. Ein weiterer Unterschied sind die eingesetzten Zuchtlinien, die Tiere wachsen langsamer. Die Tiere in Ställen der Tierschutzlabel-Kriterien zu beobachten, macht mir persönlich Freude.
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Wie gehen Sie vor, wenn Sie Verbesserungsbedarf erkennen, und wie reagieren die Betriebe darauf?
Stelle ich fest, dass Betriebe vom Standard abweichen, erläutere ich das der Betriebsleitung. Sie muss mir dann darstellen, wie und bis wann sie die Abweichung abstellen wird. Grundsätzlich gilt für mich als Auditor, dass ich den Betrieb dabei nicht beraten darf, sondern ausschließlich anhand der Prüfkriterien bewerte. Wenn nötig, unterstützen die Berater*innen des Tierschutzlabels den Betrieb.
Welche Rolle spielt das Team des Deutschen Tierschutzbundes im Anschluss an Ihr Audit?
Nach dem Audit versende ich den Bericht an das Zertifizierungsunternehmen. Hier wird er dann im Vier-Augen-Prinzip kontrolliert. Nach dieser Prüfung und der folgenden Zertifizierungsentscheidung erhält das Team des Tierschutzlabels den freigegebenen Auditbericht. Dann kann es mit Rückfragen und Kommentaren reagieren, die wir gern beantworten, und geht im Bedarfsfall direkt auf die Betriebe zu.
Hat sich Ihr Bild von den Betrieben über die Jahre verändert?
Die Betriebe sind Neuerungen und Weiterentwicklungen sehr positiv gegenüber eingestellt und das merken wir auch in den Audits.
Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Aufgabe?
Zum einen die Arbeit mit vielen verschiedenen Menschen, wie den verantwortlichen Betriebsleiter*innen und die daraus resultierende breite Kenntnis auf fachlicher Ebene. Zum anderen kann ich mit meiner Tätigkeit der ständigen Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe, gerade auch in Fragen der Haltung von Tieren, beiwohnen.
Inwiefern können Sie Ihre Eindrücke aus der Praxis einbringen, um die Richtlinien des Tierschutzlabels weiterzuentwickeln?
Der Deutsche Tierschutzbund überarbeitet die Richtlinien regelmäßig und leitet sie den Zertifizierungsstellen zur Kommentierung weiter. Seit einigen Jahren vertrete ich zusätzlich die Zertifizierungsstellen in der Arbeitsgruppe Mastgeflügel, die für diesen Bereich die Empfehlungen für die jährlichen Revisionen erarbeitet. So kann ich aktiv mitgestalten.