Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER

Susanne Hansen verwandelte das Außengelände des Tierheims Uhlenkrog mit ihrem grünen Daumen in eine naturnahe Oase für Heim- und Wildtiere.
Genüsslich verspeist Goldhamster Ingo ein Salatblatt. Das schmackhafte Grünzeug stammt nicht etwa von dem nächstgelegenen Supermarkt. Angepflanzt wurde es vielmehr gleich vor der Tür des Tierheims Uhlenkrog in Kiel – im eigenen Gemüsebeet. Auf dem Grundstück der Einrichtung, die dem Deutschen Tierschutzbund angeschlossen ist, wächst alles, was das Herz eines Hamsters, Kaninchens oder auch einer Schildkröte begehrt – von unterschiedlichen Salatsorten über Kohlrabi und Wirsing bis hin zu Rote Bete, Fenchel, alten Apfel- und Birnensorten oder auch Thymian. Dass der Garten solch eine reiche Vielfalt an Gemüse- und Obstsorten sowie unterschiedlichen Kräutern bietet, verdankt das Tierheim in erster Linie Susanne Hansen. Seit sechs Jahren unterstützt sie ehrenamtlich das Team vor Ort mit ihrem grünen Daumen. „Das Gärtnern ist schon immer meine große Leidenschaft gewesen, und seit ich im Ruhestand bin, tobe ich mich hier aus – für mich ist diese Arbeit einfach beglückend“, berichtet Hansen und fügt lachend hinzu: „Manche sagen bereits, ich würde hier wohnen.“ Die Leidenschaft ist ihr auf Anhieb anzumerken. Sie scheint überall im Garten präsent zu sein und behält alles im Blick – mal prüft sie, ob der Mangold schon bereit für die Ernte ist, dann jätet sie Unkraut, später gibt sie Besucher*innen Tipps, wie sie ihren eigenen Balkon oder Garten tierfreundlich gestalten können.
– Susanne Hansen

Im „Tierschutzgarten Uhlenkrog“ des Tierheims Uhlenkrog in Kiel leben sowohl die zu vermittelnden Schildkröten in ihren Außenparzellen als auch viele verschiedene Wildtiere wie Enten, die regelmäßig zu Besuch kommen.
Angefangen hat Hansens Engagement damit, dass sie eine unbebaute Fläche im Tierheim entdeckte und die Leitung fragte, ob sie diese mit heimischen Stauden für Wildbienen und andere Insekten bepflanzen darf. So setzte sie die Arbeit von Sabine Petersen, erste Vorsitzende des Tierschutzvereins Kiel und Umgebung, fort, auf deren Initiative hin bereits mehrere Dächer des Tierheims begrünt wurden. „Was sich dann daraus entwickelt hat, übersteigt unsere Vorstellung bei Weitem“, schildert Julia Steen, Leiterin des Tierheims Uhlenkrog, begeistert. „Seitdem bearbeitet Susanne ein Beet nach dem anderen und erschließt neue Flächen – stetig entwickelt sich etwas Neues.“ Mittlerweile hat sich um die sachkundige Gestalterin der Tierheim- Oase auch eine Garten-AG gebildet, die sich um die Pflege und Weiterentwicklung des Projekts kümmert und sie bei der ehrenamtlichen Arbeit unterstützt. Als das Tierheim beispielsweise 2021 die Pacht für den angrenzenden verwilderten Schrebergarten übernahm, legten die Tierschützer* innen mithilfe des Hausmeister*innenteams dort einen naturnahen Garten an, um einen Lebensraum für kleine Wildtiere und Insekten zu schaffen. „Als Tierschutzverein können wir beim weltweiten Artensterben nicht wegsehen“, betont Hansen. „Wir wollen daher nicht nur etwas für Hunde, Katzen und Kleintiere tun, sondern auch den vielen Tieren helfen, die frei außerhalb unserer Gehege leben.“ Auf einer Fläche des Außengeländes ist zum Beispiel ein riesiges Blütenmeer zu sehen, in dem es nur so summt und brummt – Hummeln, Schmetterlinge und Wildbienen fliegen von Blüte zu Blüte, kosten vom Nektar und sammeln Pollen. „Die Wildblumensaat, die wir hier verteilt haben, stammt von einer Fachfirma, die speziell Rote-Liste-Pflanzenarten aus der Region anbietet“, berichtet Hansen. „Für bestimmte Tierarten, die ausschließlich auf diese Pflanzen angewiesen sind, sind sie überlebenswichtig.“
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Auch entlang der Hundezwinger und -auslaufflächen hat die Gartenfee, wie die Tierheimmitarbeiter* innen sie liebevoll nennen, Blühstreifen angelegt. Dort wachsen etwa Herzgespann, Wiesenflockenblumen, Schafgarben und Wegwarten – davon profitieren nicht nur die Insekten, sondern auch die Hunde und Besucher* innen. Letztere hielten jetzt mehr Abstand zu den Hunden, von denen manche ängstlich reagieren oder noch nicht sozialisiert sind. Die am Zaun angebrachten Warnschilder hätten einige Menschen sonst nicht davon abgehalten, durch die Gitter zu fassen und Gefahr zu laufen, von einem Tier gebissen zu werden. „Die tierfreundliche Spezialsaat hat uns die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein zur Verfügung gestellt, die mit dem Projekt ‚Blütenbunt – Insektenreich‘ neue Lebensräume für Insekten schaffen möchte und dafür Kommunen, Schulen und Bürger*innen berät“, so Hansen.
In einem ruhigeren Bereich des Gartens befinden sich auch Auswilderungsvolieren für Wildvögel, die von den Tierpfleger*innen aufgezogen oder gesund gepflegt werden. Wenig weiter gibt es einen Teich, der einigen Fröschen als Zuhause dient. Das Gemüse- und Salatbeet kam unterdessen erst vor einem Jahr dazu. Doch schon jetzt ist der Ertrag an Grünfutter, Gemüse und Co. so üppig, dass das Tierheim im Sommer alle seine kleinen Heimtiere und auch die Schildkröten damit versorgen kann, ohne etwas dazukaufen zu müssen. Ein weiterer Vorteil: Das Futter aus dem Eigenanbau ist von hoher Qualität und garantiert frei von Pestiziden. Hinter dem Hundehaus gibt es zudem einen großen Kräutergarten mit 60 bis 70 verschiedenen Sorten. „Hier wächst unter anderem Zitronen- und Feldthymian, Katzenminze oder auch sogenannter Katzengamander – Katzen lieben dessen Duft“, schildert Hansen. Da dieser aber eine regelrecht berauschende Wirkung auf die Tiere hat, lassen etwa die ehrenamtlichen Katzenstreichler*innen sie nur ab und zu an einem Zweig schnuppern. „Damit die Tierpfleger* innen sehen, an welche Tiere sie die jeweiligen Kräuter verfüttern können, haben wir extra Schildchen mit den Namen der Kräuter und Piktogrammen der Tierarten aufgestellt.“

In dem von Susanne Hansen angelegten Gemüsegarten wachsen einige Gemüsesorten, die Tierheimtieren wie Goldhamster Ingo als Futter dienen.
Einige Kräuter wie Thymian, Kamille oder Salbei dienen sogar als Heilpflanzen: Diese können den Tierheimtieren bei gesundheitlichen Beschwerden wie Bauchschmerzen helfen. Gleich daneben befindet sich die Unterbringung für die Land- und Wasserschildkröten. Dort leben sie in großen, abwechslungsreich bepflanzten Parzellen. „Irgendwann haben wir festgestellt, dass die Schildkröten unglaublich gern Klatschmohn fressen, daher haben wir viel davon hier angepflanzt“, berichtet Hansen. Aber auch zu Blumen wie Wegwarten sagen die gepanzerten Tiere nicht nein.
Für sein Engagement wurde das Tierheim auch ausgezeichnet: Vor kurzem prämierte eine Fachjury das Gelände der Einrichtung im Rahmen des bundesweiten Projekts „Tausende Gärten – Tausende Arten“ zur Förderung der Artenvielfalt in privaten Gärten und auf öffentlichen Flächen mit der höchsten Bewertung. Damit die insgesamt rund 15.000 Quadratmeter großen Naturflächen des Tierheims weiter gedeihen und Insekten, Vögeln und Co. einen geeigneten Lebensraum bieten, bildet Hansen sich immer weiter fort. „Ich versuche, mich bundesweit zu vernetzen, und tausche mich gern mit Expert*innen aus“, so Hansen. „Zum Beispiel war letztes Jahr jemand hier, der beruflich Fledermäuse betreut und uns beim Bau und Kauf von Fledermausquartieren beraten hat. Inzwischen leben sieben Fledermausarten auf dem Gelände – die unterschiedlichen Arten konnten wir mithilfe eines Detektors bestimmen, der ihre Rufe erfasst hat.“
Ihr Wissen gibt die ehrenamtliche Helferin aber auch sehr gern an andere weiter. So bietet sie oft Führungen an und berät auch auf Veranstaltungen wie dem einmal im Monat auf dem Gelände des Tierheims stattfindenden Flohmarkt Besucher*innen. Dort verkauft sie heimische Wildpflanzen, die im Handel nur schwer erhältlich, für Insekten aber sehr nützlich sind – auch das ist eine regelmäßige Einnahmequelle für das Tierheim. Aktuell hat sie zum Beispiel den Natternkopf im Angebot – „davon profitieren die Natternkopf-Mauerbienen, die sich, wie der Name schon sagt, auf diese Blütenpflanzen spezialisiert haben. So bieten wir auch solchen Insekten ein Nahrungsangebot.“ Mauer- sowie Scherenbienen machen im Sommer auch regelmäßig Halt in den Insektenhotels des „Tierschutzgarten Uhlenkrog“. „In einer Saison können allein aus einem Bienenstein 1.200 Bienen schlüpfen“, so Hansen. Gern erklärt sie auch Schüler*innen- und Jugendgruppen anhand solcher Bienensteine und Schaukästen, wie die Wildbienen hier nisten und wie sich die Larven durch die Verpuppung in erwachsene Bienen verwandeln. Auch die Jugendtierschutzgruppe des Tierschutzvereins für Kiel und Umgebung sucht regelmäßig den Naturgarten auf, um mehr zum Thema Artenschutz und tierfreundliche Gärten zu lernen und tatkräftig mit anzupacken. So haben sie nicht nur die Insektenhotels mit errichtet, sondern auch die Strohpuppe selbst gebaut, die das Gemüsebeet bewacht. „Mir ist es wichtig, den Menschen auch den Schutz von Wildtieren und der Natur näher zu bringen und ihnen zu zeigen, wie sie ihren Beitrag dazu leisten können“, sagt Hansen. Und dann widmet sie sich wieder ihrem Beet – denn in dem Garten des Tierheims gibt es immer etwas zu tun.