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Die Schule des Lebens

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Die Schule des Lebens

Nicht nur Menschen lernen von ihrer Familie und ihrem Umfeld. Auch tierische Eltern, Familien und Gruppen geben durch Nähe, Fürsorge und Gemeinschaft über Generationen Wissen weiter, das ihr Nachwuchs zum Überleben braucht – solange der Mensch ihnen diese Bindung nicht nimmt und wirtschaftliche Interessen über die Bedürfnisse der Tiere stellt.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Erdmännchen betreiben sogenanntes Alloparenting. Viele Helfer, die sich selbst nicht fortpflanzen, unterstützen bei der Aufzucht der Jungtiere des Alpha-Paares.

Langsam steigt die Sonne über den rötlichen Sand der Kalahari. Zwischen den Dornensträuchern tollen wenige Wochen alte Erdmännchen umher, als sei die Wüste ein Spielplatz. Doch gleich lernen sie eine Lektion fürs Leben – im wahrsten Sinne des Wortes. Ein erwachsenes Tier legt ihnen den heutigen „Lernstoff“ vor die Nase. Einen Skorpion. Jetzt ist die Rasselbande voll da und hochkonzentriert. Geht es plötzlich um ihr Leben? Nicht ganz, denn der Skorpion ist tot. Die kleinen Draufgänger machen sich in der Stunde „Skorpionjagd für Einsteiger“ mit dem Aussehen und Geschmack des gefährlichen Leckerbissens vertraut. In den kommenden Wochen steigern die erfahrenen Vorbilder den Schwierigkeitsgrad: Sie bringen den jungen Erdmännchen Jagdtechniken an lebenden Exemplaren bei, denen sie zuvor den Giftstachel abgebissen haben. Die „Abschlussprüfung“ erfolgt an unversehrten Skorpionen. „Erdmännchen gehören zu den wenigen Tieren, die ihren Jungen systematisch beibringen, wie sie jagen“, erklärt Paulina Kuhn, Referentin für Wildtiere beim Deutschen Tierschutzbund. „Der Nachwuchs der meisten Arten lernt üblicherweise, indem er ältere Artgenossen beobachtet und nachahmt, indem er von der Nähe zu den ihn umsorgenden Eltern und ihren Reaktionen profitiert oder mit gleichaltrigen und älteren Tieren spielt.“ Oft vermitteln die Mutter und der Vater in den prägendsten Monaten eines Tieres die wichtigsten Verhaltensweisen und Techniken. In vielen Fällen findet die Sozialisation auch durch ältere Geschwister oder das Umfeld statt. Sind sie alarmiert, sind die Jungtiere es auch. Bleiben sie in unbekannten Situationen ruhig, färbt das auf den Nachwuchs ab. Denn auch wenn viele neugeborene Tiere schnell auf den Beinen sind und Instinkte in der Tierwelt eine große Rolle spielen, kommen die wenigsten mit all dem zur Welt, was es zum Überleben braucht.

Alleinerziehende Mütter lehren Klettern

Ob in der Wüste oder im Regenwald – überall auf der Welt wappnen Tiereltern ihre Jungen für das Leben mit seinen Tücken. Während Erdmännchen lernen, mit Gift und Gefahr umzugehen, vermitteln Orang-Utan-Mütter jahrelang Geborgenheit. „Sie pflegen eine besonders enge Beziehung zu ihrem Nachwuchs. Gerade im ersten Lebensjahr bleiben sie in permanentem Körperkontakt“, erläutert Kuhn. Belegt sind sogar Fälle, in denen Jungtiere mit acht Jahren noch Muttermilch getrunken haben. Die Mütter leben oft allein mit ihren Jungtieren und vermitteln ihnen, welche Pflanzen essbar sind, wie sie klettern oder ein Nest bauen. Sie zeigen, wie sie mithilfe von Stöcken Insekten fangen oder Honig aus Bienenstöcken ergattern. Selbst wenn ein Orang- Utan-Weibchen fünf bis sechs Jahre später ein weiteres Jungtier zur Welt bringt, bleibt das ältere Affenkind bei den beiden. „Mit etwa neun Jahren ist es bereit, sich zu lösen und allein zu überleben“, so Kuhn. Das ist neben Orcas und Elefanten, die teilweise ihr ganzes Leben bei den Müttern bleiben, eine der längsten Bindungen der Tierwelt.

Viele Vogelküken kommunizieren bereits durch die Eierschale mit ihren Eltern. Die kümmern sich auch dann oft noch um sie, wenn sie bereits flügge sind.

Bindung beginnt schon im Ei

Weniger lang, dafür ebenfalls sehr intensiv ist die Beziehung vieler Küken zu ihren Vogeleltern – gerade bei Nesthockern, die anders als neugierige Nestflüchter nackt und hilflos schlüpfen. Sie beginnt noch, bevor ein Küken die Schale durchbricht. Bereits durch die dünne Wand aus Kalk tönt leise der Ruf der Eltern. „Schon da entsteht Bindung. Dies kann dazu beitragen, dass bei manchen Arten die Jungtiere alle zu ähnlicher Zeit schlüpfen, und stärkt die Fürsorge der Eltern“, sagt James Brückner, Leiter des Referats Wildtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Wie bei anderen Tierarten schauen sich die Jungtiere ab, wie sie in ihrer Umgebung überleben können. Ganz entscheidend ist das Fliegen lernen. Dafür stärkt sie der elterliche Futter-Lieferservice. Mit jedem Tag wachsen Gefieder und Flügelkraft. Bald wagen sie nach dem Vorbild von Mutter und Vater die ersten Sprünge ins Freie. Anfängliche Flugversuche wirken unbeholfen und enden teils auf dem Boden. Doch die Eltern bleiben in der Nähe und sind da, wenn ihr Nachwuchs ruft. Selbst wenn die jungen Vögel flügge sind, füttern und beschützen einige Singvogelarten wie das Rotkehlchen sie noch wochenlang. „Damit sorgen sie für ihre Sicherheit und fördern auch ihre Intelligenz, wie eine Studie an über tausend Vogelarten gezeigt hat“, berichtet Brückner. Je länger Eltern ihre Jungen begleiten, desto größer und lernfähiger werden deren Gehirne. Darum zählen Rabenvögel zu den intelligentesten Vögeln, stellen Werkzeuge her und werfen Nüsse auf die Straße, damit fahrende Autos sie knacken. Die Tiere haben mit „Rabeneltern“ nichts gemeinsam, sondern sind ihrem Nachwuchs sehr zugewandt. Der bleibt je nach Art länger bei den Eltern, als es bei anderen Singvögeln der Fall ist, selbst dann, wenn er bereits flügge ist.

Elefantenherden schützen ihren Nachwuchs gemeinsam. Die Leitkuh führt die Gruppe zielsicher zu seit Jahrzehnten bekannten Wasserstellen und gibt ihr Wissen an die nächste Generation weiter.

Rückhalt aus der ganzen Gruppe

Aus der Studie lässt sich ableiten, dass auch menschliche Gehirne über den Lauf der Evolution unter anderem darum gewachsen sind, weil wir Kinder bis ins Jugendalter versorgen und viele Bezugspersonen mit sozialisieren. Heutzutage spielen Großeltern ebenso wie Freundinnen und Freunde, Kita, Schule und Vereine eine bedeutende Rolle. Auch im Tierreich bekommen Mütter und Väter Unterstützung. So überraschen die Erdmännchen nicht nur als Lehrkräfte. Sie zeigen auch eine kooperative Fortpflanzung. Das bedeutet, dass auch Gruppenmitglieder, die selbst keinen Nachwuchs bekommen, mithelfen, die Nachkommen des dominierenden Alpha-Paares aufzuziehen. Dieses aufopfernde Verhalten ist auch bei afrikanischen Wildhunden zu beobachten. Sie lassen Jungtieren den Vortritt beim Fressen, versorgen zudem gemeinsam verletzte Artgenossen und geben dies an die nachfolgenden Generationen weiter. „Indem sie den Jüngsten und Schwächsten helfen, stärken sie ihr Rudel. In ihren Lebensräumen können sie besser gemeinsam überleben“, sagt Kuhn.

Wissenstransfer über Generationen

Auch Elefanten begleiten ihre Jungtiere in der Gemeinschaft. Die Herden bestehen aus verwandten Weibchen und ihren Kälbern. „Die Leitkuh führt die Herde zu den besten Futter- und Wasserstellen. Dabei vermittelt sie ihr über Jahrzehnte angesammeltes Wissen an die Gruppe, die aus bis zu weiteren drei Generationen bestehen kann“, so Kuhn. Kündigt sich die nächste an, helfen die anderen Tiere jungen Müttern schon bei der Geburt. Sie bilden einen schützenden Kreis und begrüßen das Neugeborene trompetend. In der Zeit danach pflegen Mutter und Kalb eine äußerst enge Bindung und weichen im ersten Jahr quasi nicht voneinander. Das innige Verhältnis stärkt das Selbstbewusstsein des Jungtiers. Oft bleiben selbst Männchen bis ins hohe Erwachsenenalter bei ihrer Mutter und profitieren vom Schutz der Herde. Die Tanten kümmern sich gemeinsam um die jungen Elefanten. „Das kann so weit gehen, dass sie nachts mit ihnen kuscheln, wenn die Mutter Nahrung sucht. Oder sie bieten den Kälbern in manchen Fällen an, bei ihnen zu saugen, mehr zum Trost statt sie wirklich zu ernähren“, erklärt Kuhn. Oftmals üben junge Weibchen so für die Mutterrolle. Auch ausgewachsene Männchen, die zeitweise als Einzelgänger unterwegs sind, sind sehr sozial. Sie schließen sich mitunter zu Bullengruppen zusammen, bei denen jüngere Tiere vom Wissen und der Erfahrung der Älteren profitieren.

Ferkel wachsen in weiblich geprägten Gruppen auf und lernen im Spiel und Kampf mit ihren Artgenossen.

Zeit bei der Mutter endet abrupt

Während Elefantenkinder in den Savannen lernen, was Gemeinschaft bedeutet, verlieren viele Tierkinder in Zucht und Landwirtschaft das, was sie stark machen würde: Nähe, Vertrauen, Zuwendung. Wo Tiere in freier Wildbahn Erfahrung weitergeben, trennt die Industrie – oft schon nach Stunden und für immer – Mutter und Junges, damit beispielsweise die Milchproduktion auf Hochtouren laufen kann. Auch Schweine, von Natur aus sehr soziale Tiere, die ebenfalls in weiblich geprägten Gruppen aufwachsen, erleben in der landwirtschaftlichen Tierhaltung vieles, nur keine natürliche Sozialisation. „Von Beginn an etablieren neugeborene Ferkel normalerweise eine Saugordnung, indem sie um den Zugang zu beliebten Zitzenplätzen rivalisieren“, sagt Dr. Melanie Dopfer, Referentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund. „Nach wenigen Tagen hat dann jedes Ferkel seinen Platz festgelegt. Die hochgezüchteten Sauen in der Landwirtschaft bringen jedoch mehr Ferkel zur Welt, als sie Zitzen haben. Viele Jungtiere sind zu schwach für Rangeleien, erhalten nicht genug Milch, erkranken, verenden oder werden getötet.“ Jährlich sterben allein in Deutschland 6,7 Millionen Saugferkel in diesem profitorientierten System.

Schweine lernen spielerisch

Jungschweine spielen sehr viel miteinander, besonders von der zweiten bis zur sechsten Lebenswoche – vorwiegend mit ihren Geschwistern oder anderen Tieren ihrer Gruppe. Bei Spielkämpfen schubsen, drängeln und beißen sie teilweise auch. Dadurch üben sie für echte Kämpfe, aber weniger intensiv. „Tiere in kommerzieller Haltung werden typischerweise unter Bedingungen gehalten, die sich deutlich davon unterscheiden. Die Gruppen sind größer, sehr homogen zusammengesetzt, das Umfeld karger und die sozialen Beziehungen weniger stabil“, so Dopfer. Denn Ferkel werden bereits zwischen dem 21. und 28. Lebenstag von der Mutter getrennt und mit Ferkeln anderer Würfe zusammengeführt. Dadurch verlieren sie ihr wichtigstes Bezugstier und werden abrupt auf feste Nahrung umgestellt. „In diesen zusammengewürfelten Gruppen geht es auch wesentlich unruhiger zu, da die Schweine alle gleich groß und gleich stark sind. Solch homogene Gruppen werden aus Gründen der Wirtschaftlichkeit gehalten, um betriebliche Abläufe zu vereinfachen und um ganze Gruppen gemeinsam schlachten zu können“, erklärt Dopfer. „In diesem System fehlen ältere und erfahrene Tiere, die in den Gruppen für eine stabile Sozialstruktur sorgen.“

Haustiere leiden lebenslang

Hundemütter übertragen es auf ihre Welpen, wenn sie ein entspanntes und positives Verhältnis zu Menschen haben.

Damit Menschen in Supermärkten eine schier endlose Auswahl an Fleisch, Milch, Käse und Co. vorfinden, kappt die Industrie die wertvolle Beziehung zwischen Mutter und Jungtier frühzeitig. Sie schiebt die empfindsamen Tiere anhand von Kennzahlen hin und her und nimmt ihnen die Möglichkeit, von älteren Artgenossen zu lernen. So etwas passiert aber nicht nur in Ställen. Auch für viele Hunde und Katzen haben die frühe Trennung von ihrer Mutter und fehlende positive Erfahrungen mit Menschen in ihrer frühesten Kindheit leidvolle Folgen. Diese begleiten sie teils ein Leben lang und machen es schwierig, ein dauerhaftes Zuhause für sie zu finden. „Hunde und Katzen können zwar ihr Leben lang lernen, aber die frühe Sozialisierungsphase ist besonders einprägsam und nachhaltig“, sagt Verena Wirosaf, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Bei Hunden beginnt diese Zeit Ende der dritten Lebenswoche und dauert etwa bis zur zwölften, bei Katzen hauptsächlich von der zweiten bis zur siebten Lebenswoche. „Damit später ein stressfreies enges Zusammenleben mit dem Menschen möglich ist, sollten Welpen in dieser Zeit positive Kontakte mit möglichst verschiedenen Menschen haben, ebenso mit Artgenossen und anderen Tieren.“ Die Elterntiere ersetzen können wir jedoch nicht, wie sich an vielen handaufgezogenen Tieren zeigt. „Katzen etwa erlernen im Spiel mit Geschwistern und durch die Erziehung der Mutter unter anderem, wann und wie fest sie zubeißen oder ihre Krallen einsetzen können. Auch Hundewelpen zeigen sich untereinander, wenn das Spiel zu heftig wird, indem sie aufschreien und das Spiel unterbrechen“, erläutert Dr. Moria Gerlach, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund.

Die Tiere brauchen Sie

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„Wachsen Welpen ohne andere einspringende Artgenossen auf, ist die Gefahr groß, dass sie später verhaltensauffällig werden.“ Das passiert zum Beispiel bei mutterlosen Welpen von frei lebenden Katzen oder wenn junge Katzen und Hunde illegal online gehandelt werden. Die meisten dieser Tiere stammen aus Welpenfabriken in Osteuropa. „Schon nach wenigen Wochen entreißen die illegalen Tierhändler*innen die Jungtiere ihren Müttern, die selbst verängstigt sowie schlecht sozialisiert sind und ihren Nachwuchs in den isolierten und miserablen Verhältnissen nicht auf das Leben vorbereiten können“, erklärt Wirosaf. Stattdessen folgen katastrophale Transporte in engen Kisten oder Käfigen. „Ihre körperliche und mentale Gesundheit nimmt Schaden. Wenn ihnen zu diesem Zeitpunkt Umwelteindrücke und positive Kontakte fehlen, kann das zu lebenslangen Problemen und irreparablen Verhaltensstörungen führen“, berichtet die Expertin. Auch wenn die Tiere beschlagnahmt werden, verbringen sie ihre Sozialisierungsphase in Tierheimen in Quarantäne. Dort geben die Teams ihr Bestes, können aber keine normalen Umstände ersetzen. Der Deutsche Tierschutzbund warnt eindrücklich vor dem Onlinekauf von Tieren, die meist krank und nicht umfänglich sozialisiert sind. Sie überfordern ihre späteren Halter*innen oft und landen als „Problemfälle“ vielfach in Tierheimen. Damit die ihnen adäquat helfen können, benötigt es viel Zeit, erfahrenes Personal und Geld. Denn es ist ein enormer Kraftakt, dass die Tiere negative oder fehlende positive Erfahrungen hinter sich lassen, Vertrauen zurückgewinnen und geeignete erfahrene Halter*innen finden. Sie bleiben dann sehr lange in den Tierheimen.

Der Deutsche Tierschutzbund unterstützt die Einrichtungen unter anderem durch seine Arbeit im Lissi Lüdemann-Haus im Tierschutzzentrum Weidefeld. Dort therapiert und trainiert das erfahrene Team durchschnittlich 14 bis 18 hilfsbedürftige Tierheimhunde. Es berät aber auch Tierheimmitarbeiter*innen und bildet sie im Umgang mit solchen Tieren fort. „Der Aufwand ist enorm. Manche Tiere verbringen als Folge des skrupellosen Verhaltens während ihrer Kindheit das ganze Leben im Tierheim“, so Dr. Katrin Umlauf, Leiterin des Tierschutzzentrums Weidefeld. Ein solches Schicksal können verantwortungsvolle Tierhalter*innen verhindern, indem sie sorgfältig abwägen, sich für ein Tier aus dem Tierheim statt aus dem Internet entscheiden und ihm die Zuwendung geben, die es benötigt. Denn egal, ob Hund, Schwein oder Erdmännchen – sie alle brauchen die Nähe zu ihren Eltern und die Erfahrung von Artgenossen. Wenn diese Familienbande fehlen, verkümmert nicht nur der Instinkt eines Tieres, sondern auch seine Identität.