Autor: Christoph Götz, Redakteur DU UND DAS TIER
Frühmorgens herrscht bereits geschäftiges Treiben vor dem riesigen Schlachthof-Komplex. Im Minutentakt treffen Lkw-Ladungen mit Tieren ein. Im Inneren der Transporter drängen sich Schweine, Rinder und Hühner aneinander, nicht ahnend, was ihnen bevorsteht: Wartestall, Betäubung, Entblutung, Zerlegung. Alles hier folgt einem straffen Zeitplan. Die Schlachtindustrie ist eine perfekt geölte Maschine, getrimmt auf Geschwindigkeit und Effizienz. Allein im vergangenen Jahr starben deutschlandweit 742 Millionen Tiere in diesem System, das sind mehr als zwei Millionen täglich. Hinter diesen unfassbaren Zahlen verbergen sich 742 Millionen Lebewesen mit individuellen Bedürfnissen und der Fähigkeit Angst, Stress und Schmerzen zu empfinden. Die Industrie wirbt zwar mit einem schnellen, leidfreien Tod der Tiere. Doch was passiert wirklich in den letzten Stunden ihres Lebens, bevor sie zu Fleisch werden?
Die Strapazen beginnen für die Tiere schon beim Abtransport aus den Ställen. Die Fahrt vom Mastbetrieb erfolgt meist nachts, damit die Tiere morgens pünktlich am Schlachthof ankommen, wenn die Produktion startet. Fahrten von bis zu acht Stunden sind hierzulande gesetzlich erlaubt. „Der Transport ist für die Tiere eine enorme Belastung“, sagt Kathrin Zvonek, Referentin für Interdisziplinäre Themen beim Deutschen Tierschutzbund. „Sie müssen ihre gewohnte Umgebung verlassen, haben keine Gelegenheit, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Die Ladedichte ist hoch, es gibt kein Futter oder Wasser. Auch ein effektiver Schutz gegen Witterungseinflüsse fehlt. Die fremden Gerüche und Geräusche sowie das Ausgleichen der Fahrbewegungen belasten sie sehr.“ Verschlimmert wird die Situation durch die Industrialisierung der Prozesse: Immer mehr kleine, regionale Schlachthöfe schließen, die Wege zu den Großbetrieben werden länger. Während früher wenige Kilometer Fahrt üblich waren, sind mittlerweile mehrstündige Odysseen der Normalfall.
Nach einer langen, anstrengenden Fahrt erreicht der Transporter mit den erschöpften Tieren den Schlachthof. „Eine Tierärztin oder ein Tierarzt führt jetzt eine sogenannte Lebendbeschau durch“, erklärt Zvonek. Diese soll den Tierschutz und auch die Lebensmittelsicherheit gewährleisten. „Leider fallen hier immer wieder kranke, verletzte oder hochträchtige Tiere auf, die eigentlich gar nicht zum Schlachthof hätten transportiert werden dürfen.“ Schweine und Rinder werden nach der Kontrolle in Warteställe getrieben, wo sie sich von dem Transport erholen und an die neue Umgebung gewöhnen sollen. Hühnern und Puten ergeht es deutlich schlechter: Sie müssen bis zur Betäubung in ihren winzig kleinen Transportkisten bleiben. Bis zum letzten Atemzug haben sie kaum Möglichkeit, sich zu bewegen.

In deutschen Schlachthöfen werden Hühner kopfüber an Fließbändern aufgehängt, bevor sie durch ein elektrisch geladenes Wasserbad zur Betäubung gefahren werden. Das System versagt regelmäßig – viele Tiere erleiden nur schmerzhafte Stromstöße, ohne betäubt zu werden.
Was dann folgt, ist die Betäubung – ein Vorgang, der die Tötung der Tiere „humaner“ gestalten soll, aus Tierschutzsicht in vielen Fällen aber problematisch ist. Bei Schweinen kommt meist die CO2-Methode zum Einsatz. Die Tiere werden gruppenweise in Gondeln getrieben, die wie ein Aufzug in die Tiefe sinken, wo die Luft mit Kohlendioxid angereichert ist. „Für die Schweine fühlt es sich an, als würden sie ersticken“, erklärt Zvonek. „Sie geraten in Panik, schreien und versuchen verzweifelt zu fliehen. Zehn bis 30 Sekunden kämpfen sie um ihr Leben, bevor sie bewusstlos werden.“ Bei Geflügel kommt häufig die Wasserbadbetäubung zum Einsatz. Die Vögel werden kopfüber an den Beinen aufgehängt und zu einem elektrisch aufgeladenen Wasserbecken gefahren. Berührt der Kopf das Wasser, soll ein Stromschlag die Tiere betäuben. „Schon das Einhängen führt zu Stress und Knochenbrüchen“, so Zvonek. „Außerdem versagt die Betäubung regelmäßig. Die Tiere zappeln, treffen nicht optimal ins Wasser oder berühren es nur mit den Flügeln. So erleiden sie schmerzhafte Stromstöße ohne Betäubungseffekt.“
Die Fehlerquoten sind erschreckend: Bei Rindern versagt der Bolzenschuss in den Kopf in vier bis neun Prozent der Fälle, bei Schweinen die Elektrobetäubung in drei bis 12,5 Prozent. Die Fehlerquote der Wasserbadbetäubung bei Hühnern liegt bei rund vier Prozent. Das bedeutet: Jeden Tag erleben viele Tiere in Deutschland ihre Entblutung bei vollem Bewusstsein. „Je nach verwendeter Methode ist es sehr schwer, die Betäubungseffektivität korrekt zu beurteilen. Im Zweifelsfall muss sofort nachbetäubt werden, denn die Entblutung darf nur bei korrekt betäubten Tieren durchgeführt werden“, erklärt Zvonek. „Doch unter dem enormen Zeitdruck in den Schlachtbetrieben ist das nicht immer gewährleistet.“
Hier zeigt sich das Kernproblem der industriellen Schlachtung: der immense Zeitdruck. In den wenigen Großschlachthöfen, die den Markt beherrschen, muss alles getaktet ablaufen. Rentabilität steht in den riesigen Fabriken an oberster Stelle. „Der hohe Zeitdruck führt zu Stress bei den Tieren und Menschen“, so Zvonek. „Die Arbeiter*innen lassen den Druck teilweise an den Tieren aus, setzen häufiger Elektrotreiber ein, Betäubungsfehler passieren öfter.“ Niedrige Löhne bei extremer körperlicher und psychischer Belastung, häufige Personalwechsel und oft unzureichende Einarbeitung für die verantwortungsvollen Aufgaben verschärfen das Problem. Da in deutschen Schlachthöfen viele ausländische Arbeitskräfte beschäftigt sind, bestehen häufig Sprachbarrieren, die eine präzise Kommunikation bei kritischen Arbeitsschritten erschweren. „Eine gerechte Entlohnung, bessere Arbeitsbedingungen und eine gründliche Einarbeitung aller Mitarbeiter*innen wären auch für den Tierschutz wichtig“, betont Zvonek. „Nur gut ausgebildetes und fair entlohntes Personal kann die komplexen Anforderungen beim Umgang mit lebenden Tieren zuverlässig erfüllen.“
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Ein besonders strittiges Thema ist die Schlachtung trächtiger Tiere. Nachdem es lange keine gesetzliche Regelung dazu gab, ist es seit 2017 in Deutschland verboten, Rinder und Schweine im letzten Trächtigkeitsdrittel zur Schlachtung abzugeben. Doch das Gesetz hat Lücken: Schafe und Ziegen fallen gar nicht darunter. Außerdem können Tiere auch dann noch kurz vor der Geburt geschlachtet werden, wenn es eine tiermedizinische Indikation für eine Notschlachtung gibt oder eine Tierseuche ausbricht. „Es ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt, ab wann ein ungeborenes Tier Schmerzen empfinden kann“, so Zvonek. „Deshalb fordern wir, dass das Verbot schon früher in der Trächtigkeit greift und für alle Tierarten gilt.“
Dass es auch anders geht, zeigen Alternativen zur industriellen Schlachtung. Auf manchen Höfen sterben die Tiere dort, wo sie gelebt haben – bei der Schlachtung im Herkunftsbetrieb durch einen gezielten Schuss direkt auf der Weide oder in einem eigenen Schlachtraum auf dem Hof. So bleibt den Tieren zwar nicht der Tod, aber der quälende Transport davor erspart. Sie sterben in vertrauter Umgebung. Doch die rechtlichen Hürden sind hoch. Betriebe, die auf diese Art schlachten wollen, müssen die Erlaubnis der Veterinärbehörde einholen, die Schütz*innen müssen einen Jagdschein vorweisen können. „Die Weideschlachtung wird fast ausschließlich bei Tieren genehmigt, die extensiv im Freiland gehalten werden“, so Zvonek. „Für die allermeisten Betriebe kommen diese Arten der Tötung und Schlachtung also gar nicht infrage.“
Der Deutsche Tierschutzbund kämpft dafür, dass kein Tier mehr für den menschlichen Nutzen leiden oder sterben muss. Dabei sieht der Verband die vegane Ernährungs- und Lebensweise als den konsequentesten und direktesten Weg zu mehr Tierschutz. „Am meisten helfen Verbraucher*innen den Tieren, wenn sie auf pflanzliche Alternativen zurückgreifen“, betont Zvonek. „Jede Mahlzeit ohne Fleisch ist ein wichtiger Schritt.“ Solange aber Tiere weiterhin für den menschlichen Konsum geschlachtet werden, müssen strengere Vorschriften sicherstellen, dass dies so schmerz- und stressfrei wie möglich geschieht. „Fehleranfällige und qualvolle Verfahren wie die CO2-Methode bei Schweinen und die Wasserbadbetäubung bei Geflügel sollten verboten werden“, mahnt Zvonek. Stattdessen sind schonendere Verfahren notwendig. Der Deutsche Tierschutzbund setzt sich dafür ein, dass intensiver an der Entwicklung neuer Betäubungsmethoden geforscht wird, die das Leiden der Tiere verringern. Damit die Vorschriften eingehalten werden, brauchen die chronisch unterbesetzten Veterinärämter mehr Personal, um Schlachthöfe besser kontrollieren zu können. Zudem fordert der Deutsche Tierschutzbund eine verpflichtende Videoüberwachung von Schlachtbetrieben und einen Tierschutz-TÜV für Schlacht- und Betäubungsanlagen.