Aus dem Print-Magazin

Sensible Senioren

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Sensible Senioren

Wenn Hunde, Katzen und andere Haustiere älter werden, verändern sich ihre Bedürfnisse oft schleichend. Wer die Signale früh erkennt und den Alltag anpasst, kann dazu beitragen, dass tierische Senioren lange gesund bleiben und ihren Lebensabend genießen.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Früher registrierte er jede kleine Regung und schoss zur Wohnungstür, noch bevor jemand Leine oder Schlüssel in die Hand nahm. Heute bleibt er selbst entspannt liegen, wenn Besuch kommt. Viele Halter*innen kennen diesen Moment: Eben noch schien ihr Hund den halben Tag herumzutollen, plötzlich wird er zum Senior. Wie bei uns verläuft auch das Altern von Haustieren schleichend. Doch mit der Zeit springen Katzen nicht mehr mühelos auf den Kratzbaum, Kaninchen buddeln weniger im Außengehege und Wellensittiche sitzen zunehmend länger auf ihrem Lieblingsast. Solche Veränderungen gehören zum Älterwerden. Entscheidend ist, sie wahrzunehmen und entsprechend zu reagieren.

„Liebevolle und geduldige Versorgung ist für alte Hunde, Katzen und Co. essenziell, um sich sicher zu fühlen.“

– Verena Wirosaf

Haustiere werden heute älter

„Ab wann das Altwerden eines Tieres einsetzt, ist ganz unterschiedlich. Bei Hunden beispielsweise hängt dies unter anderem von Größe, Haltung, Ernährung, Erbanlagen und Gesundheitszustand ab“, sagt Verena Wirosaf, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Kleine Hunde altern durchschnittlich mit zehn Jahren, bei sehr großen Hunden kann das bereits mit sechs Jahren der Fall sein. Ab etwa elf Jahren zählen Katzen zum älteren Semester, Kaninchen bereits ab fünf Jahren und Ratten schon ab 18 Monaten. Haustiere werden heute deutlich älter als noch vor Jahrzehnten. „Dies kann zum einen daran liegen, dass die Besitzer*innen aufgeklärter sind und ihre Tiere besser pflegen und ernähren. Aber auch die tiermedizinischen Behandlungen haben sich kontinuierlich verbessert und werden regelmäßiger vorsorglich wahrgenommen“, erklärt Lisa Hoth-Zimak, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Darum werden Tiere mit dem Alter nicht automatisch krank. Auch wenn das Risiko für chronische Krankheiten mit den Lebensjahren steigt, bleiben viele tierische Senioren lange fit.

Auch gefiederte Schützlinge zeigen ihr Alter: Wellensittiche sitzen dann oft länger auf ihrem Lieblingsast und profitieren von gepolsterten Sitzstangen, die ihre Gelenke entlasten.

Genau hinschauen

„Weil Tiere schleichend altern, sollten schon kleine Veränderungen tierärztlich abgeklärt werden“, empfiehlt Hoth-Zimak. Alterserscheinungen und Krankheiten ließen sich oft schwer unterscheiden. „Aber der Alterungsprozess kann auf viele Krankheiten wie ein Verstärker wirken. Umgekehrt können Krankheiten dazu beitragen, dass Hunde schneller altern.“ Allgemein rät die Expertin, mit Seniorentieren am besten alle sechs Monate zum Check zu gehen – bei Katzen und Hunden idealerweise mit Blutbild, Urin-Untersuchung und Blutdruckmessung – und Veränderungen dort anzusprechen. Häufig werden Tiere zunächst ruhiger. Auch „rüstige Rentner“ spielen oft noch begeistert, allerdings immer kürzer. Mit der Zeit werden längere Spaziergänge beschwerlicher und Übermut seltener. Manche Tiere wirken aufgrund der körperlichen und geistigen Veränderungen eventuell sturer oder ziehen sich häufiger zurück. „Die Gründe können vielfältig sein, unter anderem aber auf Schmerzen, zum Beispiel durch Arthrose, hindeuten“, erläutert Wirosaf. Auch Katzen oder Kaninchen bewegen sich dann vorsichtiger oder putzen sich nicht mehr am gesamten Körper. Trinken Tiere auffallend viel, sollte tierärztlich abgeklärt werden, ob etwa Diabetes mellitus oder Nierenprobleme dahinterstecken. Wirken Hund oder Katze orientierungslos und reagieren weniger auf erlernte Signale, kann dies auf schlechtere Augen und Ohren hindeuten, aber auch ein Symptom für Demenz sein. „Solche Veränderungen sollten nicht als Alterserscheinungen abgetan, sondern immer tierärztlich untersucht werden, damit das Tier möglichst lange beschwerdefrei leben kann“, sagt Hoth-Zimak.

Ältere Katzen schlafen häufig mehr und freuen sich über gut erreichbare Liegeplätze.

Spezialfutter statt Leckerlis

Bewegung, Denksport und gute Ernährung können den Alterungsprozess verlangsamen. Mit der Zeit sinkt der Stoffwechsel. Bewegen Tiere sich weniger, steigt das Risiko für Übergewicht. Das gilt vom Hund bis zum Wellensittich. „Bei Letzteren sollten Halter*innen die Futtermenge anpassen, um einer Verfettung entgegenzuwirken. Kaninchen hingegen sind im fortgeschrittenen Alter tendenziell eher sehr schlank“, sagt Dr. Henriette Mackensen, Leiterin des Referats Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Für Hunde- und Katzensenioren gibt es eigens Seniorfutter, das leicht verdaulich ist, eine geringere Energiedichte aufweist, aber dennoch alle nötigen Nährstoffe enthält. Halter*innen sollten auch bei Leckerlis sparen, die wahre Kalorienbomben sein können. „So senken sie das Risiko für Übergewicht, das Gelenke, Sehnen und Organe der Tiere zusätzlich belasten würde“, berichtet Hoth-Zimak. Auch neue, an die Kondition angepasste Spazierrouten oder „Gehirnjogging“ halten fit. Seniorentiere freuen sich über Klickertraining, Nasenarbeit wie beispielsweise Futtersuchspiele, Physiotherapie und weitere Übungen, die Körper und Kopf anregen, ohne zu überfordern.

Eine Einstiegshilfe erleichtert Seniorenhunden den Weg ins Auto und schont dabei Gelenke und Wirbelsäule.

Den Alltag leichter machen

Ganz aufhalten lässt sich das Altern natürlich nicht. Wenn Tiere nach und nach schwerfälliger werden, können ihre Besitzer*innen ihnen außer durch tierärztliche Behandlung helfen, indem sie den Alltag und das Umfeld ihrer Schützlinge anpassen. Schon kleine Veränderungen erhöhen die Lebensqualität der sensiblen Senioren deutlich, etwa kürzere und dafür häufigere Gassirunden. „Teppiche und Matten helfen zudem, damit sich ältere Hunde und Katzen auf rutschigen Böden sicherer fühlen, und spezielle orthopädische Liegekissen sind bei Arthrose sinnvoll“, erläutert Wirosaf. Wenn sie erblinden, können bekannte Wege und Routinen ihnen helfen, weiterhin in ihrer Umgebung zurechtzukommen. Halter*innen sollten dann in der Wohnung möglichst nichts umstellen. Liegeplätze und Lieblingsorte sollten für Katzen, Hunde, Ratten oder andere Tiere über einen niedrigen Einstieg verfügen oder gut und ohne große Sprünge erreichbar sein, ebenso wie die Katzentoilette. Dahingehend hilft es, Futter- und Wassernäpfe etwas höher aufzustellen, wenn Hunde oder Katzen sich schlecht herunterbeugen können. Rampen oder andere Hilfsmittel erleichtern Tieren das Treppensteigen und den Weg ins Auto.

Keine Strafen bei Inkontinenz

„Ältere Vögel profitieren von gepolsterten Sitzstangen und bequemen Ruheplätzen, wenn sie wegen Gelenkproblemen schlechter greifen können“, berichtet Dr. Miriam Willasch, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Dann benötigen sie zudem mehr tierärztliche Krallenpflege. Auch Kaninchen, Hamster oder Meerschweinchen nutzen ihre Krallen im Alter manchmal nicht mehr ausreichend ab. „Dann müssen sie gekürzt und die Zähne wie bei den meisten anderen Tieren regelmäßig kontrolliert werden“, so Mackensen.

Helfen Sie den Tieren!

Mit dem Konzept „Senioren für Senioren“ bietet der Deutsche Tierschutzbund auf dem Sonnenhof vor allem älteren Personen die Gelegenheit, ein Tier bei sich aufzunehmen. Bitte helfen auch Sie mit Ihrer Spende, damit alte Hunde liebevoll versorgt werden und ein neues Zuhause finden.

tierschutzbund.de/sonnenhof-dudt

Wenn Tiere ihr Fell nur noch eingeschränkt pflegen können, sollten Halter*innen es bürsten und besonders die Afterregion kontrollieren und bei Bedarf reinigen. Das häufige Problem Inkontinenz kann viele medizinisch zwingend abzuklärende und zu behandelnde Gründe haben. „Egal, aus welchem Grund ein Tier in die Wohnung macht: Es darf niemals dafür bestraft werden. Das verunsichert es noch mehr“, sagt Wirosaf. „So schwer es fallen mag, wenn alles gefühlt endlos dauert und einst eingeübte und automatisierte Abläufe und Signale nicht mehr funktionieren: Nur liebevoll und geduldig versorgt fühlen sich Hund, Katze und Co. sicher.“

Kostbare Zeit mit Senioren

Ein alterndes Tier zu begleiten, kostet Zeit, Kraft und oft auch Geld. Ein tierischer Senior ist aber weder automatisch schwer krank noch ein Grund, vor einer Adoption zurückzuschrecken. Im Gegenteil: Viele bleiben lange fit, sind gelassener als Jungtiere und bauen oft eine besonders enge Bindung zu ihren Menschen auf. In vielen dem Deutschen Tierschutzbund angeschlossenen Tierheimen warten Seniorentiere auf eine zweite Chance. Zudem übernimmt der Verband auf seinem Sonnenhof im bayerischen Rottenbuch Seniorenhunde, deren Adoption aussichtslos scheint, von Mitgliedsvereinen und vermittelt sie in ein passendes „Zuhause-für-immer“, vornehmlich bei menschlichen Senior*innen. Auch danach unterstützt das Team diese weiter, etwa bei medizinischen Fragen. Wer sich für ein solches Tier entscheidet oder das eigene lange Jahre begleitet, kann ihm das Älterwerden nicht ersparen. Aber mit Aufmerksamkeit, Geduld und Fürsorge lässt sich diese Lebensphase zu einer besonders schönen machen – voller Nähe, Vertrauen und Erinnerungen, die bleiben.