Autor: Verena Jungbluth, Chefredakteurin DU UND DAS TIER
Es ist März 2025, Mitarbeiter der Straßenmeisterei Hagen machen an der Autobahn eine ungewöhnliche Entdeckung. Alarmierte Beschäftigte des Veterinäramtes und der unteren Naturschutzbehörde identifizieren das Tier in der Holzkiste kurze Zeit später als einen ein Meter langen Brauen-Glattstirnkaiman. In einer Reptilienauffangstation stellt sich heraus: Das sieben Jahre alte Tier ist tot, die Hilfe kommt zu spät. Wer den Kaiman ausgesetzt hat, wie lange er schon in der Kiste verharren musste und wie leidvoll sein Tod war, ist nicht bekannt. Fakt ist, in Deutschland halten zahlreiche Menschen Krokodile, Anakondas oder Giftschlangen als Haustiere. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Denn Öffentlichkeit und Behörden erfahren – wie auch hier – davon meist nur zufällig, zum Beispiel dann, wenn ein Tier ausbüxt oder ausgesetzt wird. „Nur zehn von 16 Bundesländern haben überhaupt Regeln zur Haltung von gefährlichen Tieren, und diese variieren sowohl bezüglich der verbotenen Tierarten als auch der Strenge der Regelung“, weiß Dr. Henriette Mackensen, Leiterin der Abteilung Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. „Solange dieser Flickenteppich da ist, werden die Haltung und der Handel weitergehen.“ Und die Folgen sind dramatisch. So entdeckte der Zoll im September 2022 am Münchner Flughafen einen lebenden Albino-Alligator im Gepäck eines Passagiers. Das Tier war komplett in Frischhaltefolie eingewickelt und konnte kaum atmen. Es war kurz davor, zu ersticken, und musste in dieser offensichtlich stark schmerzhaften Position bereits mehrere Tage ausharren.
Dass der Alligator überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Weiße Alligatoren erzielen vor allem auf dem asiatischen Markt Preise von bis zu 70.000 Dollar. Dort gibt es für Sammler*innen weißer Tiere, die vor allem in den USA gezüchtet werden, einen großen Markt. Was für viele Menschen ein begehrtes Statussymbol ist, ist für Tierschützer*innen nichts anderes als Qualzucht und ein eklatantes Tierschutzproblem. „Der Pigmentmangel ist die Ursache dafür, dass die Tiere sehr lichtempfindlich sind und ein artgemäßes Sonnenbad nicht vertragen. Das ist aber für die Produktion des lebensnotwendigen Vitamin D3 essenziell“, sagt Patrick Boncourt, stellvertretender Leiter des Tierschutzzentrums Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes „Außerdem entwickeln Albinos schneller Tumore, haben teils massive neurologische Beeinträchtigungen, die ihnen natürliche Bewegungsabläufe wie das Jagen oder Fressen in Extremfällen unmöglich machen, und Probleme mit den Augen, die bis zur Erblindung führen können, da ein Pigmentmangel in der Iris vorliegt.“
Krokodile gehören nicht in die private HandBrauen-Glattstirnkaimane leben natürlicherweise in den dichten Regenwäldern Südamerikas. Dort bauen sie in den überfluteten Waldflächen größerer Seen Hügelnester – und verbringen ihren Tag in der Nähe ihres Elementes, dem Wasser. Hier erbeuten die Tiere, die mit einer Körperlänge von 1,20 bis 1,50 Metern zu den sehr kleinen Krokodilen gehören, Insekten und Fische. Da sie so unter anderem dafür sorgen, dass sich Piranhas nicht zu sehr vermehren, erfüllen sie eine wichtige Rolle im Ökosystem. Sie fangen aber auch kleine Wirbeltiere wie Schlangen oder Ratten an Land. „Allein in den Jahren 2019 bis 2024 wurden unter den offiziellen Einfuhren geschützter Tiere nach Deutschland 210 Brauen-Glattstirnkaimane aus Guyana registriert, die für den Handel hierzulande bestimmt waren – alles Wildfänge“, sagt James Brückner, Leiter der Abteilung Wildtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Das bedeutet, dass die Tiere ihrem natürlichen Lebensraum entrissen wurden und seitdem unter Bedingungen in menschlicher Obhut leben müssen, die ihnen noch nicht einmal ansatzweise gerecht werden. Wie viele Kaimane aktuell in Privathaltung leben, wie alt sie dort werden und wie viele von ihnen aufgrund von Haltungsfehlern vorzeitig sterben, ist nicht bekannt. Fakt ist: Sie leiden. Genau wie Mississippi-Alligatoren, die natürlicherweise in den meist langsam fließenden Süßwasserflüssen, Sümpfen und Seen verschiedenster amerikanischer Staaten leben. Die Tiere können sechs Meter lang werden, weisen jedoch meist eine Länge von dreieinhalb bis vier Metern auf. Die dunkel, fast schwarz gefärbten Krokodile ernähren sich hauptsächlich von Fischen, Vögeln, Schildkröten und kleineren Säugetieren, sind aber auch dazu in der Lage, Tiere in der Größe eines Schafes oder Wildschweins zu erbeuten. Wenn sie auf Partnersuche gehen, sind ihre Rufe, die an Land eine Lautstärke von 91 bis 94 Dezibel und unter Wasser von 121 bis 125 Dezibel erreichen können, unüberhörbar. Auch wenn ihre bevorzugte Körpertemperatur bei 29 bis 34 Grad liegt, wofür sie eine ähnlich warme Umgebungstemperatur brauchen, können sie bis zu drei Monate lang bei Minusgraden überleben. Dafür legen sie sich so ins Flachwasser, dass nur die Spitzen ihrer Schnauzen herausragen. Gefriert das Wasser, bekommen sie durch das selbstgeschaffene Atemloch frische Luft. Es ist wie beim Brauen-Glattstirnkaiman einfach unmöglich, ihnen in Privathaltung gerecht zu werden.
Sowohl Königspythons als auch die Futtertiere leidenWährend Krokodile ihr Leben am und im Wasser genießen, ruhen Königspythons tagsüber gerne unter Sträuchern oder in verlassenen Bauten von Nagetieren oder Termiten. Wenn die Sonne untergeht, kriechen sie heraus und schlängeln sich über den Boden der Trockensavannen und Yams-Felder des westlichen und zentralen Afrikas. Die dämmerungs- und nachtaktiven Tiere nutzen die Abendstunden, um sich auf die Suche nach Beute zu begeben. Generell halten sie sich hauptsächlich am Boden auf und bevorzugen Nagetiere wie Mäuse und Ratten. Jüngere Tiere klettern aber auch gerne auf Bäume und jagen dort Fledermäuse oder Vögel. Königspythons können nicht hören, nehmen aber Erschütterungen und Vibrationen wahr, können sehr gut riechen und sogar die Wärme ihrer Beutetiere erspüren. Auch wenn ihr Name ihnen einen besonderen Stellenwert zuspricht, gehören Königspythons bei weitem nicht zu den größten Schlangen. Erwachsene Tiere werden meist 90 bis 120, hin und wieder auch bis zu 150 Zentimeter lang, wobei Weibchen größer werden als Männchen und 1,3 bis 1,7 Kilogramm auf die Waage bringen. Typischerweise sind ihre kräftigen, dunkelbraun bis schwarz gefärbten Körper durch ein Muster geprägt, das aus hellbraunen bis gelben Flecken mit wiederum dunklen Innenflecken besteht. Der friedliche Ruf, der ihnen vorauseilt, macht sie zu einem der beliebtesten Haustiere. Königspythons sind die häufigsten Schlangen in deutschen Haushalten und auf Platz drei der meistgehaltenen Reptilien überhaupt. „In Wahrheit handelt es sich jedoch um relativ scheue und stressempfindliche Tiere, die nicht für Anfänger*innen geeignet sind“, sagt Boncourt. „Zudem unterschätzen Halter*innen ihre vielfältigen Bedürfnisse und werden diesen häufig nicht gerecht.“ Außerdem liegt es, wenn man sich mit dem natürlichen Lebensraum der Tiere auseinandersetzt, auf der Hand, dass ein deutsches Wohnzimmer kein Ort sein kann, an dem sie sich wohlfühlen.
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Hinzu kommt, dass bei Züchter*innen, aber auch vielen Halter*innen das sogenannte Racksystem beliebt ist. Hinter diesem Begriff versteckt sich ein Schubladensystem in einer Art Regal, innerhalb dessen mehrere Schlangen untergebracht werden können. Darin sind die großen Tiere tagein, tagaus zur Bewegungslosigkeit verdammt. „Die einheitlich großen Plastikwannen aus dem Möbelhaus entsprechen weder den klimatischen, räumlichen noch sonstigen Bedürfnissen der Tiere“, sagt Boncourt. „Entgegen dem Vorurteil, dass erwachsene Königspythons so oder so nur im dunklen Versteck liegen, zeigen Studien, dass sie sich durchaus bewegen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Zudem gibt es ein Gerichtsurteil, das bestätigt, dass diese Haltung gemäß deutscher Rechtsprechung nicht zulässig ist.“ Daher ist die einzige Option, die Tiere in menschlicher Obhut zu halten, ein gut strukturiertes Terrarium, das auch dicke Äste zum Klettern enthält und zumindest versucht, den natürlichen Lebensraum der Tiere nachzuahmen. Allerdings wird den Schlangen auch das nicht gerecht. Auch die Fütterung ist extrem problematisch. Königspythons ernähren sich natürlicherweise von lebenden Tieren, die sie komplett verzehren. In menschlicher Obhut werden sie zwar meist auf das Fressen toter Tiere umgestellt. Das bedeutet aber auch, dass Halter*innen Ratten und Mäuse meist als gefrorene Futtertiere unklarer Herkunft erwerben. Sie stammen überwiegend aus Osteuropa, wo sie unter sehr schlechten Bedingungen gehalten und getötet werden. Oder die Halter*innen bewahren sie unter alles andere als idealen Bedingungen selbst auf und töten sie, wenn sie sie brauchen.
„So werden sie nicht selten von Beginn an als Tiere zweiter Klasse behandelt und sterben schlussendlich oft einen qualvollen Tod durch Genickbruch, Scheren- oder Kopfschläge“, sagt Mackensen. Einige Tiere werden auch durch Erfrieren, Ertränken oder Ersticken getötet – andere einfach auf den Boden geworfen, auf eine Schuhkante geschlagen oder in einer Metalldose geschüttelt. Es gibt keinerlei Pflicht, eine Fortbildung zu besuchen, in der die tierschutzkonforme Tötung eines Wirbeltieres erlernt würde. Geben Halter*innen doch lebende Mäuse oder Ratten zu den Schlangen, haben diese im Gegensatz zur freien Natur keinerlei Möglichkeit, zu flüchten, und sind ihrem Angreifer hilflos ausgeliefert. Züchter*innen bevorzugen diese Methode sogar, obwohl sie laut einem Gerichtsurteil in Deutschland grundsätzlich nicht zulässig beziehungsweise nur unter bestimmten Bedingungen ausnahmsweise erlaubt ist. So leiden in menschlicher Obhut nicht nur unzählige Schlangen, sondern auch Futtertiere enorm.
Darüber hinaus gibt es auch bei Königspythons das Problem der Qualzucht – sogenannte Designer-Reptilien erzielen bis zu fünfstellige Beträge. Besonders beliebt sind Tiere, die sich in Farbe, Muster oder Hautstruktur vom ursprünglichen Wildtyp unterscheiden. „Solche Morphen sind weit verbreitet: bei Königspythons und Krokodilen, aber auch Kornnattern, Leguanen, Leopardgeckos, Bartagamen oder Schildkröten“, so Boncourt. Dabei zielt die Zucht auf bestimmte Farben statt auf die Gesundheit. Bei Königspythons mit Spiderfärbung sind die schwarzen Farbanteile derart gering, dass die Farbe an ein Spinnennetz erinnert. Sie sehen vermeintlich schön aus, zahlen dafür aber einen hohen Preis und leiden unter dem sogenannten Spider-Tick beziehungsweise Wobbling-Syndrom. „Sie verlieren die motorische Kontrolle über ihren Kopf sowie Hals und ihre Muskeln zucken, was sich bei Stress noch verstärkt.“ Auch Tiere in den Färbungen Blue Eyed Lucy, Hidden Gene Woma oder Champagne – es gibt noch viele mehr – zeigen neurologische Auffälligkeiten. Schuppenlosen Tieren der Typen Scaleless, Silkback oder Leatherback fehlt der wichtige Schutz vor Verletzungen und UV-Strahlen. Sie verbrennen und verletzen sich schnell und können nur eingeschränkt ihre Temperatur regulieren, kommunizieren, sich verteidigen oder fortbewegen – denn Schuppen erfüllen vielfältige Aufgaben. „Solche Tiere können nicht auf natürlichem Boden leben, sondern vegetieren meist auf Zeitungspapier oder Stofftüchern vor sich hin. Wenn sie sich häuten, müssen sie zudem regelmäßig eingecremt werden, weil auch dieser natürliche Vorgang gestört ist“, sagt Boncourt.
Der Handel mit Wildfängen bringt ganze Arten in GefahrChamäleons sind von Natur aus wahre Farbkünstler. Die meisten sind braun oder grün gefärbt, können ihre Hautfarbe aber in Muster von gelb, rot und lila über schwarz und blau bis hin zu orange ändern. Chamäleons bestechen jedoch nicht nur durch ihre Farben. Auch ihre Augen, die sie wie Bälle in alle Richtungen drehen können,sind faszinierend. Wenn sie einen Leckerbissen wie eine Fliege oder Spinne erspähen, nähern sie sich fast in Zeitlupe an und schleudern ihre Zunge blitzschnell aus dem Maul. Etwa anderthalbmal so lang wie das ganze Tier ist diese und lässt sich wie eine Ziehharmonika zusammenfalten. Die auf Bäumen lebenden Chamäleons sind hervorragende Kletterer und haben einiges auf dem Kasten, um ihre Feinde zu verwirren. So ahmen sie mit ihren Bewegungen Blätter nach, die sich im Wind bewegen, oder stellen sich tot und lassen sich fallen. Was ihnen Exklusivität verleiht, wird ihnen automatisch zum Verhängnis. „Allein zwischen 2000 und 2019 wurden weltweit 1.128.776 lebende Chamäleons 108 verschiedener Arten exportiert, davon 193.093 Tiere 32 unterschiedlicher Arten aus Tansania, einem Hotspot der Chamäleonvielfalt“, sagt Brückner. „Die meisten Tiere gingen in die USA sowie nach Deutschland und Japan.“
Die drei am häufigsten gehandelten Arten sind das Jemenchamäleon, das Pantherchamäleon und das Dreihornchamäleon. Wie alle Reptilien stellen auch sie sehr hohe Ansprüche. Dass sie meist aus der Zucht stammen, macht die Tierschutzprobleme nicht weniger eklatant, zum Glück sind aber die negativen Auswirkungen auf ihre Existenz nicht ganz so groß. Anders sieht das beim Fischers Chamäleon, auch Nguru-Blatthornchamäleon genannt, dem Nguru-Zweihornchamäleon und dem Zweihornchamäleon aus. Im Januar 2021 übergab der Zoll in Österreich dem Tiergarten Schönbrunn über 70 Chamäleons, die sie einem Schmuggler am Wiener Flughafen abgenommen hatten. Die Tiere waren in Socken versteckt, dehydriert und voller Parasiten. Die 63 bis 69 Millimeter großen Tiere, die maximal drei Gramm wiegen, kommen in der Natur ausschließlich in einem kleinen Reservat in den Nguru-Bergen in Tansania vor und wurden durch den internationalen Handel fast ausgelöscht. Da sie vom Aussterben bedroht sind, ist der Handel mit ihnen seit 2016 verboten. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sie nicht mehr erhältlich sind. Da es bisher kaum Nachzuchten gibt, stammen nahezu all diese Tiere aus der Wildnis und wurden dort illegal gefangen. „Der Handel mit Wildtieren ist – neben dem Klimawandel, der Umweltverschmutzung und der Zerstörung von Lebensräumen sowie der Einbringung von invasiven Arten – eine der Hauptursachen für die Biodiversitätskrise“, sagt Brückner.
Wenn geschützte Tiere wie Schildkröten in Tierheimen landenAuch die hierzulande mit am häufigsten gehaltenen Reptilien sind streng geschützt: Griechische Landschildkröten. Wenn die Sonne ihren natürlichen Lebensraum, die Länder und Inseln im Mittelmeerraum, morgens in warmes Licht taucht, nutzen die Tiere die ersten Sonnenstrahlen, um sich aufzuwärmen. Anschließend machen sie sich auf die Suche nach schmackhaften Gräsern, Kräutern und Blumen und erkunden gemächlich ihre Umgebung. Dabei legen sie durchschnittlich 80 Meter zurück, können aber auch Strecken von über 400 Metern bewältigen. Sie bewohnen Kiefern-, Eichen- und Korkeichenwälder, fühlen sich aber auch in Hecken- oder Heidelandschaften wohl und kommen zum Beispiel in Oliven- und Zitrushainen vor. Wenn es heiß wird, ruhen sie im Schatten und kehren abends in ihren Unterschlupf zurück, um Energie für den nächsten Tag zu tanken. Die etwa 25 Zentimeter großen Tiere strahlen bei allem, was sie tun, Gemütlichkeit aus. Nicht verwunderlich, dass sie bis zu 80 Jahre alt werden können. Ihr schönes Aussehen mit ihrem gelb- und olivfarbenen Panzer sowie ihr auf uns beruhigend wirkendes Wesen machen sie zu beliebten Haustieren. Doch so anspruchslos, wie es für Lai*innen scheinen mag, sind die Tiere nicht. Sie brauchen in jedem Fall eine Freianlage, in der sie sich nach Herzenslust sonnen und nach Futter suchen können. Auch die hohe Lebenserwartung macht es uns Menschen unmöglich, die Verantwortung für ihr ganzes Leben zu übernehmen. Weil sie streng geschützt sind, gilt für jedes Tier außerdem eine Melde-, Nachweis- und Kennzeichnungspflicht. Zudem dürfen sie nur verkauft werden, wenn es Nachzuchten sind oder sie bereits vor 1987 im Land waren.
Weil Halter*innen wie so oft die Ansprüche der Tiere unterschätzen, landen sie immer wieder ohne die nötigen Dokumente in Tierheimen – weil sie einfach ausgesetzt oder anonym abgegeben werden. „Um sie weitervermitteln zu können, müssen diese dann Wege finden, was nur in Kooperation mit Naturschutzbehörden möglich ist“, so Brückner. Die Haltung von Buchstaben-Schmuckschildkröten bringt weitere Probleme mit sich. Sie waren vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Mode und wurden damals – bis zu einem Importverbot 1997 – millionenfach als Haustier in die EU gebracht. Dadurch, dass überforderte alter*innen sie immer wieder aussetzten, sind sie heute in fast all unseren Seen und Teichen, insbesondere in Städten, vorzufinden und gelten als sogenannte invasive Art. Und das hat wiederum zur Folge, dass seit 2016 sowohl die Haltung, der Handel, der Verkauf, die Zucht als auch der Transport der Tiere grundsätzlich verboten sind. Das heißt allerdings nicht, dass sie seitdem nicht mehr im Tierheim landen. Im Gegenteil. Die Tierheime kämpfen mit einer sehr großen Zahl, da die Vermittlung schwierig bis unmöglich ist. Da nur die wenigsten von ihnen über Unterbringungsmöglichkeiten für Reptilien verfügen, stellt jede neue Schildkröte den Tierheimalltag auf den Kopf. Nicht zuletzt deswegen hat der Deutsche Tierschutzbund in seinem Tierschutzzentrum Weidefeld eine eigene Reptilienstation gebaut, mit der er seine Tierschutzvereine seit 2017 unterstützt.
Tiere, die unter schlechten Haltungsbedingungen sowie qualgezüchteten Eigenschaften leiden und sterben, Arten, die aufgrund des Handels ausgelöscht werden, und Tierheime, die aus allen Nähten platzen – die Vielfalt der Probleme rund um die Haltung von Reptilien zeigt: So kann es nicht weitergehen. „Wir fordern, dass nur Tiere in Privathand leben dürfen, gegen deren Haltung es keinerlei Bedenken aus Tier-, Natur- oder Artenschutzsicht sowie aus Gründen der öffentlichen Sicherheit und des Gesundheitsschutzes gibt“, so Mackensen. Der Deutsche Tierschutzbund begrüßt daher das Vorgehen der zwölf EU-Länder, die bereits gesetzliche Grundlagen für sogenannte Positivlisten festlegt haben. In Deutschland und vielen anderen Ländern gibt es bisher nur sogenannte Negativlisten, die die Haltung bestimmter Tierarten untersagen. „Diese Listen sind nicht nur uneinheitlich, sondern sowohl für Behörden als auch potenzielle Tierhalter*innen auch ein unübersichtlicher Dschungel an Vorschriften“, erklärt Mackensen. Eine Positivliste hingegen würde nur die Tierarten aufführen, die tatsächlich gehalten werden dürfen. „Das hätte den Vorteil, dass die Liste übersichtlicher und kürzer wäre. Halter*innen wüssten genau, woran sie wären, Behörden würden ihre Arbeit deutlich leichter durchführen können und bis dato nicht gehandelte Tierarten dürften nicht einfach auf den Markt kommen.“ Ein Lichtblick: Die EU-Kommission hat eine Machbarkeitsstudie zu einer EU-weiten Positivliste in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse noch dieses Jahr erwartet werden, und eine Untersuchung, wie die Nachfrage nach exotischen Haustieren reduziert werden kann. Der Deutsche Tierschutzbund hat gemeinsam mit seinem europäischen Dachverband, der Eurogroup for Animals, zu beiden Studien mit Daten und zahlreichen Informationen beigetragen. Der Verband wird nicht aufgeben, bis das Leid der Millionen Reptilien ein Ende hat.
Weidefeld – Wir helfen Tieren in Not