Autor: Christoph Götz, Redakteur DU UND DAS TIER
Wenn deutlich mehr Menschen als sonst gebannt lauschen, wie die Graupapageien Adele und Helene aufgeregt plappern, und zuschauen, wie die Kragenbären-Halbbrüder Balou und Serenus die Bäume ihrer Freianlage nach Snacks absuchen, ist klar: Im Tierschutzzentrum Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes ist heute ein besonderer Tag. Einmal im Jahr reisen Tierpat*innen aus ganz Deutschland an die Ostsee, um ihre Schützlinge persönlich zu besuchen. Rund 600 Menschen sind der Einladung zu den diesjährigen Pat*innentagen gefolgt. „Ohne Ihre Patenschaften und Spenden könnten wir diese so wichtige Einrichtung nicht betreiben“, dankte ihnen Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, bei der Begrüßung. Auch Dr. Katrin Umlauf, Leiterin des Tierschutzzentrums, freute sich: „Die Pat*innentage gehören zu unseren Lieblingstagen im Jahr, weil wir wissen, dass Sie mit dem Herzen dabei sind. Trauen Sie sich, alle Ihre Fragen zu stellen. Uns ist wichtig, dass Sie Ihre Patentiere wirklich kennenlernen.“
Voller Vorfreude machten sich die Besucher*innen kurz darauf auf den Weg, um das 13 Hektar große Gelände zu erkunden, auf dem der Deutsche Tierschutzbund seit 2003 beschlagnahmten und ausgesetzten Tieren sowie verletzten Wildtieren, für die in Tierheimen kein Platz ist, ein Zuhause bietet.
Erster Stopp: die Papageienvoliere. „Zeig mal, wie schön du bist“, ruft Tierpflegerin Judith Rücker dem roten Ara Scotty zu – als Anreiz einen Kiefernzapfen in der Hand. Prompt breitet der Vogel seine Flügel weit aus. In freier Wildbahn wäre diese Geste ein Drohverhalten. Bei Scotty ist sie das Ergebnis intensiver Reha-Arbeit: „Er hatte keine Muskulatur mehr, als er bei uns ankam, weil er jahrelang in einem viel zu engen Käfig gehalten wurde. Wir haben mit ihm trainiert, dass er die Flügel überhaupt wieder bewegt“, erklärt Rücker. Eine kleine Traube Besucher*innen schaut gebannt zu, darunter Nicole Stanislaus und Olaf Broer aus Eckernförde, die bereits zum zweiten Mal ihren Schützling Scotty besuchen. Seit ihrem ersten Rundgang vor einigen Jahren unterstützen sie das Tierschutzzentrum mit fünf Patenschaften, unter anderem für Blaustirnamazone Marie, Graupapagei Adele und die Igelstation. „Wir freuen uns immer, unsere Patentiere wiederzusehen. Es ist so schön, dass es ihnen gut geht“, sagt Stanislaus.

Lea Schröder (r.) besucht ihr Patentier, Waschbär Mia, gemeinsam mit ihrem Freund Robin Wegmann zum ersten Mal.
Ein Stück weiter liegen die Waschbären noch faul in ihren Baumhäuschen, als die ersten Besucher*innen eintreffen. Erst das Klappern der Futterschalen erweckt sie zum Leben: Sie krabbeln aus ihren Verstecken, streifen durch ihre Anlage und beobachten neugierig das Treiben vor ihrem Zaun, wo sich in kürzester Zeit immer mehr Menschen versammeln. Mittendrin stehen Lea Schröder und Robin Wegmann aus Flensburg. Vor drei Monaten übernahm Schröder eine Patenschaft für Waschbärin Mia. „Ich fand sie auf den Fotos einfach am süßesten“, erzählt sie. Sie ist heute zum ersten Mal in Weidefeld. „Der erste Eindruck ist toll – schön in der Natur, schön ruhig, genau, wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Wie die meisten Waschbären in Weidefeld ist auch Mia als verwaistes Jungtier hierhergekommen. Ausgewildert werden dürfen die Tiere später nicht mehr, denn Waschbären gelten in Deutschland als invasive Art. Weidefeld wird für sie damit zu einem dauerhaften Zuhause.
Weiter geht es an Koppeln, Volieren und ehemaligen Bunkern vorbei – Relikte aus der Zeit, als hier noch das Militär stationiert war. Heute dienen die dicken Mauern den Tieren als natürliche Klimaanlage gegen die Sommerhitze. Ein Highlight für viele Besucher*innen sind die großzügig gestalteten Bärenfreianlagen. Von erhöhten Plattformen aus können sie beobachten, was sich unten abspielt.

Gitta (l.) und Uwe Burmeister (r.) mit Patrick Boncourt, stellvertretender Leiter des Tierschutzzentrums Weidefeld (M.), bei ihrem Patentier Balou.
Auch Gitta Burmeister nutzt diese Gelegenheit. An ihrem Jackenrevers blitzt eine kleine Anstecknadel: „25 Jahre Deutscher Tierschutzbund“ steht darauf. Seit insgesamt 29 Jahren ist sie Fördermitglied. Gemeinsam mit ihrem Mann Uwe ist sie bereits zum fünften Mal aus Geesthacht bei Hamburg angereist. Begonnen hatte alles mit einer Patenschaft für Speedy, einem Kragenbären im inzwischen aufgelösten Anholter Bärenwald, den der Deutsche Tierschutzbund gemeinsam mit der International Bear Federation betrieb. Als Speedy im hohen Alter eingeschläfert werden musste, wollte Gitta Burmeister wieder einen Kragenbären unterstützen und ließ das Schicksal entscheiden. „Wir haben alle Bärennamen auf Zettel geschrieben und mehrfach aus dem Lostopf gezogen. Am häufigsten stand Balou darauf“, erinnert sie sich lächelnd. Als der Bärenwald 2019 schloss, zog Balou mit den anderen Tieren nach Weidefeld – seine Patin blieb ihm treu. Der gemütliche Kragenbär selbst zeigt sich vom Trubel um ihn herum unbeeindruckt, ganz ruhig geht er auch heute seinen gewohnten Gang. Gitta und Uwe Burmeister bleiben noch eine Weile vor der Freianlage stehen und beobachten ihren Schützling, bevor sie sich auf den Rückweg machen. Wie viele andere Pat*innen treten sie die Heimreise mit einem guten Gefühl an: Sie haben mit eigenen Augen gesehen, wie gut es Balou und den anderen Tieren im Tierschutzzentrum Weidefeld geht – auch dank ihrer Unterstützung.