Autor: Sandy Syperek, Redakteurin DU UND DAS TIER
Tosender Applaus, Jubel und Wetteinsätze in horrenden Summen – Pferderennen sorgen für große Faszination bei Zuschauer*innen. Teilweise kommen bis zu Zehntausende allein zu einem Renntag. Neben schick gekleideten Menschen zieht es auch Familien mit Kindern zu den Wettkämpfen, die regelrecht als Events inszeniert werden. So gehören beispielsweise musikalische Beiträge, Biergärten, Ponyreiten oder auch ein Kleidungsmotto oftmals zum Programm. Während die Besucher*innen es sich gut gehen lassen und sich fragen, ob ihr favorisiertes Pferd siegen wird, müssen die Tiere auf der Rennbahn leidvoll an ihre Grenzen gehen. Die Rennen bergen eine Verletzungsgefahr, die die Verantwortlichen billigend in Kauf nehmen. Immer wieder stürzen Pferde, brechen sich Knochen oder sterben. Im vergangenen Jahr hat sich zum Beispiel die vierjährige Stute Tonya auf der Hamburger Galopprennbahn ein Bein gebrochen. Ihre Verletzung war so schwer, dass Veterinär* innen sie kurz darauf einschläfern mussten, um sie von ihrem Leid zu erlösen. „Wenn sich Pferde im Rennen oder während des Trainings Knochen brechen, bedeutet das eigentlich immer das Todesurteil“, erläutert Andrea Mihali, Leiterin des Referats für Interdisziplinäre Themen beim Deutschen Tierschutzbund. Die Bedingungen sind körperlich und psychisch belastend für die Tiere. Außerdem haben sie nichts mit den natürlichen Verhaltensweisen von Pferden zu tun. „Höchstleistungen wie bei Galopprennen – also lange Sprints an ihrer Leistungsgrenze – würden Pferde in freier Wildbahn nur vollbringen, wenn es um Leben und Tod ginge. Die Angst und der Stress sind in den Augen und im Gesichtsausdruck der Pferde sichtbar“, sagt die Expertin. Um diese extremen Leistungen von den Tieren einzufordern, verpassen Jockeys ihnen im Galopp sogar Peitschenhiebe, vor allem auf der Zielgeraden, obwohl wissenschaftliche Arbeiten aufgezeigt haben, dass die Hiebe die Pferde aus dem Takt bringen, und somit vermehrt zu Stürzen führen können.
Die Zahl der Missstände steigtNicht nur beim Peitscheneinsatz kommt es zu Regelverstößen, wie der Deutsche Tierschutzbund bei seiner Auswertung von Rennberichten und Presseartikeln aus dem Jahr 2025 feststellte. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil tierschutzrelevanter Zwischenfälle wie falscher oder zu häufiger Peitscheneinsatz, Lahmheiten und Nasenbluten bei Galopprennen 2025 hierzulande prozentual angestiegen – insbesondere, da 31 Rennen weniger stattfanden als 2024. Jockeys setzten ihre Peitsche 68-mal falsch oder zu häufig ein. Offiziell erlaubt die Rennordnung drei Peitschenhiebe pro Rennen, obwohl diese ohnehin tierschutzwidrig sind und andere Länder die Verwendung von Peitschenhieben längst verboten haben. Außerdem gilt, dass Jockeys ihren Pferden die Peitsche vor der Verwendung zeigen müssen und diese seitlich am Pferd und im Rhythmus des Galopps einsetzen. Die peitschenführende Hand darf auch nicht über Schulterhöhe gehoben werden. Mehrere der Jockeys hielten sich bereits 2024 und 2023 nicht an die Regeln. „Pferde sind fühlende und sehr sensible Lebewesen – und keine Sportgeräte“, mahnt Mihali kritisch an. Darüber hinaus lahmten 25 Pferde infolge von Galopprennen, in 16 Fällen litten Tiere unter Nasenbluten – ein deutliches Zeichen von Überanstrengung. Fünf Pferde stürzten und vier verletzten sich. Für mindestens zwei Pferde endeten die Rennen tödlich. Todesfälle werden allerdings nur durch die mediale Berichterstattung bekannt, denn der Dachverband „Deutscher Galopp“ erfasst sie gar nicht erst in seinen Statistiken. „Die fehlende offizielle Dokumentation der durch Galopprennen getöteten Pferde verhindert eine sachliche Bewertung der Risiken und erschwert ernsthafte Diskussionen über den Tierschutz“, kritisiert Mihali.
Die Galopprennen 2025 in Deutschland waren wie auch die Veranstaltungen in den Jahren zuvor von Tierleid geprägt.
Jedes Jahr verschwinden zudem Hunderte Pferde aus den Registern des Deutschen Galopps, sodass der Verbleib ausgeschiedener Pferde Fragen aufwirft. 2024 waren noch 513 vierjährige Pferde registriert, im Folgejahr tauchten nur noch 291 fünfjährige Tiere desselben Jahrgangs auf. Ab einem Alter von über vier Jahren brechen die Zahlen systematisch ein. Was mit diesen Rennpferden passiert, hält der Verband in keinem Register fest. Er verpflichtet die Besitzer*innen auch nicht dazu, dies zu dokumentieren. Deutscher Galopp behauptet lediglich, dass viele Tiere später in der Zucht eingesetzt würden. Dies lässt sich jedoch anzweifeln, denn bei den Rennen starten auch viele Wallache, also kastrierte Hengste, und nicht jede Stute oder jeder Hengst eignet sich für die Zucht. Auf dem privaten Markt ist die Nachfrage nach Rennpferden unter Nicht-Profi-Reiter*innen außerdem nicht besonders hoch.
Die Rennindustrie bedeutet auch abseits der Wettkampftage Leid für die Tiere, deren Leben auf der Rennbahn oftmals im viel zu jungen Alter von zwei Jahren beginnt. Die Haltungsumstände entsprechen bei Weitem nicht ihren Bedürfnissen. Den Großteil ihres Alltags verbringen Rennpferde in eintönigen Boxen. „Rennpferde haben kaum direkten Kontakt zu Artgenossen, obwohl dieser für die sozialen Tiere sehr wichtig ist und die Gruppenhaltung bis zum 30. Lebensmonat über die Leitlinien zum Tierschutz im Pferdesport vorgeschrieben wird“, sagt Mihali. Hinzu kommen Überforderung im Training sowie Reise- und Transportstress. Daher lehnt der Deutsche Tierschutzbund jede Form von Pferderennen ab und macht sich für ein Ende dieser leidvollen Veranstaltungen stark. „Wer Pferderennen besucht oder auf Pferde wettet, unterstützt das Leid der Tiere und den Erhalt dieser Industrie“, so Mihali.