Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Savannah-Kater Atary ist eine Kreuzung aus Hauskatze und Afrikanischem Serval. Die Haltung von Hybriden ist äußerst anspruchsvoll, weshalb sie oft in Tierschutzeinrichtungen landen.
Die Natur hat eine faszinierende tierische Vielfalt hervorgebracht. Wir kennen nicht einmal alle Arten, die die Erde mit uns bevölkern. Und doch meinen Menschen immer wieder, eingreifen und Tierarten „optimieren“ oder gar neu schaffen zu müssen. Wenn sie Tiere kreuzen, um bestimmte Schönheitsideale und Trends wie die Zucht von Hybridkatzen zu bedienen, ist dies nicht nur ethisch fragwürdig, sondern oft auch mit Leid für die Tiere verbunden. Das zeigen beispielsweise zwei Katzen, die das Tierschutzzentrum Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes seit dem Herbst versorgt, weil es für Tierheime nicht möglich war, sie in eine tiergerechte Haltung zu vermitteln.
Einer dieser neuen Weidefeld-Bewohner ist Atary, ein Savannah-Kater der zweiten Generation. „Wir haben ihn nach dem Tod seiner Halterin in unsere Obhut übernommen. Offenbar war ihr gar nicht bewusst, dass es sich bei dem Tier um keine gewöhnliche Hauskatze handelt“, berichtet Patrick Boncourt, stellvertretender Leiter des Tierschutzzentrums Weidefeld. Denn Savannah- Katzen sind eine Mischung aus dem Afrikanischen Serval und der Hauskatze. Sie sind ähnlich beliebt wie Bengal-Katzen, bei denen Asiatische Leopardkatzen eingekreuzt werden, oder Caracats, bei denen luchsähnliche und in Afrika, Asien und auf der Arabischen Halbinsel ansässige Karakale zur Zucht verwendet werden. „Diese sogenannten Hybriden werden gezüchtet, um ein Tier zu erschaffen, das einerseits wie eine wilde Katze aussieht, aber charakterlich so händelbar wie ein Haustier sein soll“, sagt Dr. Moira Gerlach, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Das ist gerade bei den ersten nachkommenden Generationen nach dieser Kreuzung jedoch oft nicht der Fall. Die Hybride können wildtiertypisches Verhalten zeigen: Dazu gehören ein hoher Bewegungs- und Beschäftigungsdrang, ein ausgeprägtes Urinmarkieren ihres Territoriums und ein starker Jagdtrieb. Zudem können sie unerwartet beißen und kratzen und haben hohe Ansprüche an ihre Ernährung. Auch die Stresstoleranz ist geringer als bei normalen Haustieren. Durch ihre hohen Haltungsansprüche landen Hybride immer wieder im Tierheim. Dennoch gelten sie aufgrund ihres Aussehens mit ihrer besonderen Fellzeichnung sowie ihrem langen Hals, langen Beinen und großen Ohren als besonders schön und teilweise als Statussymbole. In den sozialen Medien sind Hybride immer wieder zu sehen. Züchter*innen erzielen hohe Preise.

Balean, ein Afrikanischer Serval, war seinen Besitzer*innen entflohen, die ihn illegal gehalten hatten. Nun lebt er im Tierschutzzentrum Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes.
„Rein rechtlich sind die Tiere aber keine gewöhnlichen Haustiere“, erklärt Gerlach. „Vielmehr sind sie bis zu der einschließlich vierten Nachkommen-Generation noch immer als Wildkatzen zu behandeln, die nur unter bestimmten Bedingungen gehalten werden dürfen.“ Halter*innen, die sich für diese Hybridkatzen interessieren, können sie nicht einfach mit Kratzbaum, Katzentoilette und Co. in der Wohnung halten. „Freigang in der Nachbarschaft ist für Tiere der ersten bis vierten Generation, die andere Wild- und Haustiere gefährden könnten, ohnehin nicht erlaubt“, ergänzt die Expertin. Stattdessen gelten auch privat die Haltungsanforderungen für Zoos. Dazu gehören unter anderem ein großes ausbruchssicheres Außengehege und bei Savannah-Katzen auch eine Bademöglichkeit. „Bis einschließlich der vierten Generation ist es in allen Bundesländern meldepflichtig, die Tiere zu halten, die als Nachfahren geschützter Wildtiere dem Artenschutz unterliegen“, erläutert Gerlach. In manchen Bundesländern fallen diese Tiere unter die Gefahrtierverordnung. Dort dürfen Menschen sie nur mit vorheriger Genehmigung anschaffen. Ab der fünften Generation gelten Hybride zwar als Hauskatzen und dürfen auch wie solche gehalten werden, allerdings können auch Generationen danach noch Wildtiereigenschaften zeigen, die ihre Haltung sehr anspruchsvoll machen.
Atary musste aufgrund der Vorgaben für seine Haltung zweimal umziehen. Nachdem er in der Wohnung der verstorbenen Halterin gefunden worden war, nahm ihn zunächst das dem Deutschen Tierschutzbund angeschlossene Tierheim Reinbek auf. „Das dortige Team konnte ihn jedoch nicht dauerhaft versorgen und aufgrund der aufwendigen Anforderungen auch nicht einfach weitervermitteln. Bei uns hat er nun sein neues Zuhause gefunden“, sagt Boncourt. In diesem Jahr plant der Deutsche Tierschutzbund, in seinem Tierschutzzentrum eine neue Freianlage für den Savannah-Kater zu bauen. „Um eine tiergerechte Unterkunft zu bieten, werden wir umfangreiche und kostenintensive Umbaumaßnahmen vornehmen müssen.“ Davon wird auch der Serval Balean profitieren, der als zweites Opfer der Wildkatzentrends in der Einrichtung lebt. Seine früheren Besitzer*innen hatten die afrikanische Wildkatze, deren Artgenossen auf dem Exotenmarkt für die Zucht gehandelt werden, illegal gehalten. Dann war sie ihnen schließlich entwischt und erkundete eigenmächtig die Ortschaft. Nach mehreren Tagen und einer nächtlichen Einfangaktion kam das Tier zunächst in die dem Deutschen Tierschutzbund angeschlossene Tierherberge Einhorn in Reinbek. „Dort konnte er jedoch aufgrund seiner komplexen Ansprüche ebenfalls nicht auf Dauer bleiben“, berichtet Boncourt, der sich mit seinem Team nun langfristig in Weidefeld um den Serval kümmert. Solche Wildkatzen und ihre Hybride stellen Tierheime vor große Herausforderungen, da sie im Vergleich zu Hauskatzen mehr Beschäftigung, Bewegung und geistige Auslastung benötigen. „Sie sind oft Einzelgänger und normalen Hauskatzen körperlich überlegen. Dazu kommen sie mit der Tierheimsituation schlecht zurecht, sind in einigen Fällen scheu oder gar aggressiv gegenüber Menschen“, sagt Gerlach. „Das kann medizinische Behandlungen schwierig machen. Dann sind selbst Routinekontrollen nur unter leichter Narkose möglich.“ Die Einrichtungen benötigen entsprechend mehr Zeit und Personal, um diese Katzen zu versorgen. Außerdem brauchen die Tierheime mehr Platz, da sie die Tiere allein und nach den rechtlichen Vorgaben des Säugetiergutachtens halten müssen.
Helfen Sie mit, ein neues, großzügiges Umfeld für Balean und Atary zu schaffen und sie langfristig tiergerecht zu versorgen. Das ist ausschließlich durch Spenden tierlieber Menschen möglich. Weder der Staat noch Züchter*innen oder Händler*innen beteiligen sich an den Kosten, die durch die unzureichend
regulierte Haltung exotischer Tiere entstehen.
Neben der Haltung sind die Zucht und ihre Umstände höchst problematisch. „Wir lehnen die Zucht von Hybridkatzen aus Tierschutzsicht ab“, erklärt Gerlach. Die deutlich größeren Wildkater werden mit weiblichen Hauskatzen zwangsverpaart. „Für die weibliche Katze bedeutet das Schmerzen und Stress.“ Beim typischen Nackenbiss des Katers während der Paarung besteht für das weibliche Tier eine Verletzungsgefahr. „Die Katzenwelpen aus Hybridzuchten können drei- bis viermal größer sein als die von zwei Hauskatzen. Gerade in der ersten Generation sind häufig Notkaiserschnitte nötig, und die Jungtiere kommen in sehr schweren Geburten zur Welt – oder tot.“ Auch für die Muttertiere kann das tödlich enden. Deshalb sind Hybridkatzen als Qualzuchten einzustufen. Darum sind die Zucht und die Haltung in einigen Ländern wie Österreich und den Niederlanden strenger reguliert. Auch für Deutschland und Europa fordert der Deutsche Tierschutzbund ein Verbot der Hybridzüchtungen von Heim- und Wildtieren. Die Hybridkater sind zudem in den ersten Generationen steril. Weil sie sich frühestens ab der vierten Generation fortpflanzen können, paaren Züchter* innen selbst Weibchen späterer Generationen oft erneut mit reinen Wildkatern. Dann setzen sich die Größenunterschiede und Komplikationen fort. „Dabei ist so oder so oft unklar, wie stark die Eigenschaften der Wildtiere in den Hybriden noch ausgeprägt sind. Daher ist die tier- und artgerechte Haltung dieser Katzen vor allem in den ersten Generationen kaum möglich“, sagt Gerlach. Der Deutsche Tierschutzbund rät allen, die sich für Hybride interessieren, vom Kauf abzusehen – den Katzen zuliebe. Denn was als vermeintlich innovative Fusion beginnt, kann, wie in diesem Fall, zu unvorhergesehenen Konsequenzen führen. Den Preis dafür bezahlen wie so oft die Schwächsten – die Tiere.