Aus dem Print-Magazin

Auf Profit gedopt

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Auf Profit gedopt

Hormone sind in der Schweinezucht gang und gäbe. Obwohl die gesundheitlichen Folgen für Sauen und Ferkel gravierend sind, verabreichen Betriebe sie, um mehr Geburten zu erreichen und Profite zu steigern. Diese auf Effizienz getrimmten Prozesse müssen enden.

 

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Man muss nicht in einer Fabrik arbeiten, um eins über industrielle Abläufe zu wissen: Es gehört für Unternehmen zu den wichtigsten Zielen, sie straff zu organisieren, zeitgenau aufeinander abzustimmen und auf Effizienz zu trimmen. Wir alle haben dabei vor Augen, wie etwa Autos in gigantischen Hallen Teil für Teil zusammengesetzt werden. Fehlt eines oder klappt ein Handgriff nicht in der vorgegebenen Zeit, bremst dies die gesamte Produktion. Was für Technikfans höchst faszinierend ist, bereitet uns Albträume, wenn statt Karosserien, Motoren oder Achsen hochintelligente und soziale Tiere in diese rein wirtschaftliche Denkweise gepresst werden. Denn ein Schwein ist keine Maschine. Das hindert die landwirtschaftliche Industrie jedoch nicht daran, es wie eine zu behandeln. Denn sie überlässt wirklich gar nichts dem Zufall oder der Natur. So planen und takten Schweinehalter*innen das Leben einer Zuchtsau vollständig durch. Ihr einziger Zweck für die Betriebe besteht darin, Nachschub in Form von Ferkeln zu „produzieren“. „Darum ist es für sie, ungeachtet vom individuellen Tier, von großer Bedeutung, dass die Sauen möglichst früh die Geschlechtsreife erreichen, alle Tiere synchron trächtig werden und zwischen den Geburten so wenig Zeit wie möglich vergeht“, sagt Dr. Melanie Dopfer, Referentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund. Sie standardisieren die eigentlich natürlichen Prozesse, verabreichen routinemäßig Hormone und manipulieren dadurch die gesunden Fortpflanzungszyklen ihrer Sauen – mit dramatischen Folgen für die Gesundheit der Tiere.

Zuchtsauen haben schon 100 Ferkel geboren, wenn sie das „Erwachsenenalter“ erreichen.

Kaum Pausen zwischen Trächtigkeiten

Die Lebensmittelindustrie erwartet, dass sie stets planen kann, wann und in welchen vordefinierten Mengen sie Fleisch erhält – es ist ein System, das zwischen Leben und Tod von Millionen Tieren wie ein Uhrwerk funktioniert. Darum mästen Betriebe ihre Mastschweine in Gruppen gleichen Alters. So können sie die Tiere gruppenweise schlachten und in hoher Stückzahl liefern. Das bedeutet natürlich gleichzeitig, dass sie für den Beginn der Mast eine Vielzahl neuer Ferkel benötigen, die zur selben Zeit geboren wurden. „Um dies zu erreichen, halten Zuchtbetriebe Sauen in Gruppen und synchronisieren ihren Fortpflanzungszyklus mithilfe von Hormonen. Diese werden ihnen gespritzt und dem Futter beigemischt. So kommen sie zur selben Zeit in die Brunst, können gleichzeitig besamt und trächtig werden sowie zeitgleich ihre Ferkel gebären“, berichtet Dopfer. Die Betriebe vereinfachen so das Management und wirtschaften effizienter. „So legen sie aufwendige Tätigkeiten, wie zum Beispiel die Besamungen, Geburtenkontrollen und die Versorgung der Ferkel, auf definierte Tage und Zeiten.“ Das spart Geld – lässt aber völlig außen vor, wie dies die Tiere belastet. Im Schnitt kalkulieren Schweinehalter*innen in zwölf Monaten mit 2,3 Trächtigkeiten. Das bedeutet, jede Zuchtsau bringt jedes Jahr ungefähr 30 Ferkel zur Welt. Dafür müssen die Tiere große Teile ihres Lebens in engen Kastenständen verbringen und „wie am Fließband“ gebären. Das gelingt jedoch nur mit hormonellem Doping. Denn das reduziert die von der Industrie verpönten „Leertage“. Das ist der fachliche Begriff für die Zeiträume, in denen die Sauen ihre Ferkel nicht mehr säugen, aber auch noch nicht wieder trächtig sind. Waseine notwendige Erholungspause für die strapazierten Tiere ist, bewerten Zuchtbetriebe als unproduktiv. Darum verkürzen sie im ersten Schritt bereits die Säugezeiten auf drei Wochen. Natürlicherweise würden die Ferkel 13 bis 17 Wochen bei ihren Müttern trinken. In einem zweiten Schritt sorgen Hormonspritzen dafür, dass die Sauen direkt wieder in die Brunst kommen. „Binnen weniger Stunden können die Landwirtinnen und Landwirte sie so direkt in den nächsten Zyklus zwingen, damit sie sofort wieder Leistung für den Betrieb bringen“, berichtet Dopfer.

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Nach drei bis vier Jahren ausgezehrt

„Die medizinisch nicht notwendige hormonelle Manipulation und Geburtensteuerung bedeutet einen schweren Eingriff in den Stoffwechsel der Sauen.“ Ein Großteil der Tiere kämpft das ganze Leben über mit unerkannten, teils sehr schmerzhaften Erkrankungen ihrer Fortpflanzungsorgane. Das zeigten Untersuchungen von geschlachteten Sauen, bei denen 52 Prozent der mit bloßem Auge vermeintlich unauffälligen Gebärmütter milde bis schwerwiegend entzündet waren. Die Tiere werden durch die hormonell erzwungenen Höchstleistungen vier Jahre alt, obwohl ihre natürliche Lebenserwartung bei acht bis zehn Jahren liegt. Wenn ihr Leben endet, weil ihre Körper keine Kraft mehr haben oder sie nicht mehr genügend Leistung bringen, gelten sie eigentlich erst als ausgewachsen. In der Industrie haben sie jedoch zu diesem Zeitpunkt durchschnittlich bereits fünf bis sechs Trächtigkeiten und Geburten hinter sich. Dafür erzwingen die Landwirtinnen und Landwirte ihre Pubertät und Geschlechtsreife früher als von der Natur vorgesehen. Das führt dazu, dass Sauen noch in der frühen Entwicklung erstmals besamt werden. „Dann verwendet ihr Körper einen Hauptteil der Energie für die Trächtigkeit, anstatt die Knochen vollständig auszubilden, Organe fertig zu entwickeln oder das Immunsystem zu stärken.“ Kein Wunder, dass ihre „Produktionsleistung“ trotz Hormonen schnell nachlässt – mit drastischen Folgen. „Wer nicht liefert, muss weichen: 30 bis 40 Prozent der Sauen werden wegen Fruchtbarkeitsstörungen schon sehr jung geschlachtet. Weltweit sind es sogar 66 Prozent“, so Dopfer. Über 100.000 Sauen sterben in Deutschland zudem jährlich schon vor einer Schlachtung vorzeitig an ihren Leiden.

Viele Ferkel sterben frühzeitig

„Die ‚Nutzungs‘dauer und natürliche Lebenserwartung der Sauen weichen gravierend voneinander ab und verdeutlichen ein tierschutzwidriges System der strukturellen Ausbeutung.“ Außerdem fallen diesem System auch Millionen Ferkel zum Opfer. Denn schon die Geburt einer durch die Hormone unnatürlich hohen Zahl an Jungtieren dauert oft viele Stunden länger. „Das erhöht das Risiko von Problemen währenddessen und steigert die Zahlen tot geborener Ferkel. Sieben bis zwölf Prozent der Jungtiere kommen gar nicht erst lebend zur Welt“, erklärt Dopfer. Zudem sind die Ferkel bei der Geburt oft sehr klein, untergewichtig und schwach, da die Sauen auf große Würfe gezüchtet werden. Aus diesen Gründen sterben weltweit durchschnittlich etwa zehn bis 20 Prozent aller Ferkel in den ersten Lebenstagen. Allein in Deutschland summiert sich die Zahl der Ferkel, die kurz nach der Geburt schon sterben, laut Schätzungen jährlich auf 6,7 Millionen.

Die Anzahl der Ferkel pro Wurf ist mittlerweile größer als die Zahl der Zitzen. Die Tiere müssen daher um die Zitzenplätze kämpfen. Viele Ferkel bekommen dabei nicht ausreichend Milch und sterben.

Sauen sind viele Monate im Jahr in sogenannten Kastenständen fixiert. Das soll verhindern, dass sie ihre Ferkel erdrücken. Die Muttertiere können sich darin jedoch kaum bewegen und sich nicht einmal umdrehen. Noch bis 2036 bleibt diese Praxis erlaubt, Schuld ist eine gesetzliche Übergangsfrist, die bis dahin gilt.

Öko-Betriebe kommen ohne Hormone aus

Der Deutsche Tierschutzbund kämpft dafür, dass keine Sau, kein Ferkel und kein anderes Tier mehr für den menschlichen Nutzen leiden oder sterben muss. Der konsequenteste Weg, um dieses Ziel zu erreichen, ist die vegane Lebensweise. Bis diese Vision erreicht ist, befürwortet der Verband Zwischenschritte, wie sie ökologisch wirtschaftende Betriebe anwenden. Auch sie müssen dieselben Anforderungen der Lebensmittelindustrie erfüllen und planbar liefern. „Daher synchronisieren auch sie die Brunst ihrer Sauen, verzichten dabei aber vollständig auf den Einsatz von Hormonen. Ausreichend Platz und Beschäftigungsmöglichkeiten, natürliches Licht und frische Luft sowie genügend Eberkontakt sind
essenziell, um Stress und Krankheiten zu reduzieren, und die Fruchtbarkeit einer Sau auf natürlichem Wege zu steuern“, sagt Dopfer.

Unsere Forderungen

Das millionenfache Leid in der Schweinezucht ist groß. Darum fordert der Deutsche Tierschutzbund ein gesetzliches Verbot von Tierarzneimitteln, die nicht aus medizinischen Gründen eingesetzt werden, sondern lediglich die Leistung der Tiere steigern und Gewinne optimieren sollen. Dafür macht er sich auf Bundesebene und als Mitglied der Eurogroup for Animals, dem Dachverband der europäischen Tierschutzorganisationen, auch EU-weit stark. „Aufgrund der schwerwiegenden Nebenwirkungen der Präparate und der Folgen der auf Hochleistung getrimmten Zucht sollte es keinesfalls erlaubt sein, Hormone routinemäßig einzusetzen“, erklärt Dopfer. Die Tierschützer* innen nehmen aber auch die Zuchtverbände in die Pflicht. „Es ist längst überfällig, dass sie eigenverantwortlich und freiwillig darauf verzichten, die Fortpflanzung von Schweinen hormonell zu steuern.“ Dass dies möglich ist und teilweise bereits geschieht, beweisennicht nur ökologisch arbeitende Betriebe, sondern zeigt auch der Schweizer Bauernverband. Er hat 2022 immerhin entschieden, auf das Hormon eCG (PMSG) zu verzichten. Es steigert nicht nur die Leistung von Sauen enorm, sondern wird außerdem gewaltsam aus dem Blut trächtiger Stuten gewonnen. Es ist nur ein kleiner Schritt in unserem Nachbarland, kann aber Vorbild für viele weitere sein, damit Sauen nicht länger als Produktionsabschnitte einer industriellen Fertigung und Ferkel nicht länger als zu verarbeitende Rohstoffe angesehen werden.