Autor: Christoph Götz, Redakteur DU UND DAS TIER

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, forderte auf der Grünen Woche eine politische Gesamtstrategie zur Transformation der Tierhaltung.
Sven Sangel hat sich für den anspruchsvollen Weg entschieden. Der Legehennen- Halter aus Mecklenburg-Vorpommern hält seine Tiere gemäß den Richtlinien der Premiumstufe des Tierschutzlabels „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes. Seine Tiere haben einen Hühnerwald, in dem sie Schutz finden und ihr natürliches Verhalten ausleben können, einen strukturreichen Auslauf und weit mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. „Weil wir überzeugt sind, dass Tierschutz nicht bei den Mindeststandards aufhören darf. Das ist aufwendig, aber es lohnt sich – für die Tiere und für das Vertrauen der Verbraucher*innen“, erklärte der Landwirt beim traditionellen Empfang des Deutschen Tierschutzbundes auf der Grünen Woche in Berlin. Seit 2013 nutzt dieser die weltweit größte Agrarmesse, um für bessere Haltungsbedingungen zu werben. Auch beim 100-jährigen Bestehen der Messe informierte der Verband zehn Tage lang an einem eigenen Stand über sein zweistufiges Label und die strengen Tierschutzkriterien, die es von anderen Kennzeichnungen auf dem Markt abheben. Zu den rund 200 Gästinnen und Gästen des Empfangs aus Politik, Handel, Tierärzteschaft, Landwirtschaft, Wissenschaft und von anderen Verbänden gehörten unter anderem die Bundestierschutzbeauftragte Silvia Breher (CDU), Hermann Färber (CDU), Vorsitzender des Ausschusses für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat im Deutschen Bundestag, die Europaparlament-Abgeordneten Maria Noichl (SPD) und Manuela Ripa (ÖDP), Petra Bentkämper, Präsidentin des Deutschen Land- Frauenverbandes, Björn Fromm, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels, und Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte.
„Wir sind und bleiben das einzige echte Tierschutzlabel auf dem Markt“, stellte Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, gleich zu Beginn seiner Begrüßungsrede klar. Das Label begleitet die Tiere ihr gesamtes Leben lang – von der Geburt über die Haltung bis hin zu Transport, Schlachtung und Verarbeitung. Bei mindestens zwei unangekündigten Kontrollen pro Jahr schauen unabhängige Auditor*innen nicht nur nach dem Platzangebot, sondern auch direkt nach dem Wohlbefinden der Tiere: Sind sie verletzt? Können sie sich gut bewegen? Ist das Gefieder in Ordnung? „Wir erfassen diese am Tier feststellbaren Kriterien und werten sie aus. Das macht kein anderes Kennzeichnungssystem so konsequent“, so Schröder. Tierschutzwidrige Praktiken wie das Schwänzekupieren bei Schweinen sind im Tierschutzlabel verboten – die unabhängigen Kontrollen stellen sicher, dass dies auch eingehalten wird. Viele Millionen Tiere profitieren jährlich bereits von den deutlich besseren Haltungsbedingungen. 570 Betriebe und 47 Handelspartner gehören mittlerweile dem Tierschutzlabel an. „Was aber noch dringend fehlt, ist politische Rückendeckung – um genau diese Betriebe zu stärken und gleichzeitig andere zu animieren, unserem Weg zu folgen.“

Bundestierschutzbeauftragte Silvia Breher (CDU) würdigte die Pionierarbeit des Tierschutzlabels und versprach: „Im Bereich des Tierschutzes wird unter dieser Legislatur keine Null stehen.“
Doch genau diese Unterstützung bleibe aus, kritisierte Schröder. Im Gegenteil: „Trotz zahlreicher fundierter Vorschläge aus der Zukunftskommission Landwirtschaft, der Borchert-Kommission und aus dem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik hat der Gesetzgeber nichts, aber auch gar nichts verlässlich und nachhaltig auf den Weg gebracht. Das 2024 aufgelegte Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung wird zudem dieses Jahr auslaufen.“ Maßnahmen wie das Verbot des Kükentötens und der betäubungslosen Kastration männlicher Ferkel seien zwar Schritte in die richtige Richtung. „Aber diese kleinen Fortschritte allein sind noch keine nachhaltige Tierschutzpolitik. Am Ende bleibt es reine Kosmetik, weil das System an sich bestehen bleibt.“ Die Lücken im Tierschutzrecht bezeichnete Schröder als gravierend: Bis heute fehlen rechtlich bindende Haltungsverordnungen für Puten, Rinder und Wassergeflügel. Die Anbindehaltung von Rindern verstoße gegen das Tierschutzgesetz, das Schwänzekupieren beim Schwein sei eigentlich verboten – dennoch erlauben die Behörden beide Praktiken routinemäßig weiter. Und bei Milchkühen fehle es an klaren gesetzlichen Vorgaben. „Das sind die Aufgaben, die wir angehen müssen, bevor wir über Instrumente wie die staatliche Tierhaltungskennzeichnung reden“, forderte Schröder. „Erst die Strategie, dann die Instrumente!“

Sven Sangel, Legehennenhalter der Premiumstufe des Tierschutzlabels, betonte in seiner Rede: „Wir schaffen die Transformation nur gemeinsam – Dialog statt Konfrontation.“
Auch die von der Bundesregierung geplante Videoüberwachung an Schlachthöfen begrüße der Verband grundsätzlich, sagte Schröder. „Die Überwachung wird helfen, tierschutzrelevante Vorfälle aufdecken und beweisen zu können. Sie wird bewirken, dass alle besser aufpassen.“ Doch sie greife viel zu kurz, wenn die Politik sie nur für große Betriebe vorsehe. „Es geht um jedes einzelne Tier, deshalb ist die Unterscheidung nach Größen von Betrieben ein klarer strategischer Fehler.“ Wichtiger noch als die Videoüberwachung sei es, die Schlachtbedingungen für die Tiere grundlegend zu verbessern. „Lassen Sie uns nicht nur im Nachhinein darüber reden, wenn ein Betrieb nachweislich etwas falsch gemacht hat, sondern präventiv für die Tiere etwas besser machen“, appellierte Schröder an die Anwesenden.
Besonders deutlich wurde er bei der Frage nach der politischen Gesamtstrategie. „Wir waren bereits an dem Punkt, dass es nicht mehr um das Ob ging, sondern um das Wie. Zunehmend diskutieren wir aber wieder darüber, ob es überhaupt Veränderungen braucht. Diesen politischen Rückfall in alte Zeiten bedaure ich sehr.“ Die Zukunftskommission Landwirtschaft habe sich bereits vor einigen Jahren einstimmig für weniger Konsum und weniger Produktion tierischer Lebensmittel ausgesprochen. „Wo ist der Plan der Bundesregierung dazu, wie man dieses Ziel auch wirklich erreichen will, gemeinschaftlich mit der Landwirtschaft?“, fragte Schröder. Statt eine Strategie vorzulegen, versuche die Politik, die Verantwortung für die Tiere auf die Verbraucher*innen abzuwälzen. Wenn der zuständige Bundeslandwirtschaftsminister jegliche Preiserhöhung für Fleisch kategorisch ausschlösse, habe das fatale Folgen. „Die Landwirtinnen und Landwirte, die heute schon über unzureichende Preise klagen, bleiben allein – und mit ihnen die Betriebe, die bereits mehr täten als gesetzlich vorgeschrieben. Sie brauchen höhere Preise für die nötigen Investitionen“, machte Schröder klar. „Deshalb bleibe ich dabei, Fleisch ist in Deutschland zu billig und nicht zu teuer – diese Debatte müssen wir führen, viel zugespitzter als bisher.“

Thomas Schröder (links) im Austausch mit Björn Fromm, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels. 47 Handelspartner bieten mittlerweile Produkte mit dem Tierschutzlabel „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes an.
Bundestierschutzbeauftragte Silvia Breher würdigte in ihrem Grußwort die Pionierarbeit des Verbandes und seines Tierschutzlabels und ging auf einige offenen Fragen ein. Zum Tierhaltungskennzeichnungsgesetz, das kurz zuvor auf Anfang 2027 verschoben worden war, erklärte sie: „Wir wollen es inhaltlich richtig machen. Und vor allem auch Ihrem Label ein Dach geben.“ Sie versprach: „Im Bereich des Tierschutzes wird unter dieser Legislatur keine Null stehen.“ Die Videoüberwachung auf Schlachthöfen sei ein erster Schritt, weitere würden folgen. „Ich möchte, dass wir im Rahmen des Tierschutzgesetzes zu Verbesserungen kommen.“ Aktuell sei ein neues Gesetz gegen Tierquälerei geplant: Menschen, die zum Beispiel Tiere bei den sogenannten Insect Wars gegeneinander kämpfen ließen, um damit über Social Media Geld zu verdienen – das wolle die Bundesregierung künftig verbieten. Ihre Rede schloss Breher mit einem Gesprächsangebot: „Lassen Sie uns in den Diskurs gehen. Lassen Sie uns ehrlich miteinander reden und Dinge besser machen, Schritt für Schritt.“ Für den konstruktiven Austausch warb auch Landwirt Sangel: „Wir alle, Politik, Landwirtschat, Handel und der Tierschutz, tragen gemeinsam Verantwortung für die Tiere“, sagte er in seiner Rede. „Wir Landwirte sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und neue Wege zu gehen, aber wir schaffen das nur gemeinsam.“ Dabei hob der Landwirt lobend den konstruktiven Austausch mit dem Deutschen Tierschutzbund hervor: „Wir sprechen über Probleme, Verbesserungen und neue Ideen – und genau das brauchen wir: Dialog statt Konfrontation.“

Zwölf Schulklassen der Jahrgangsstufen 5 bis 11 besuchten den Stand des Tierschutzlabels im Rahmen des Schüler*innenprogramms „Grüne Woche young generation“, um sich über Tierhaltung in der Landwirtschaft zu informieren und Tipps für einen bewussten Konsum zu erhalten.
Um auch mit den Jüngsten ins Gespräch zu kommen, bot das Schüler*innenprogramm der Messe „Grüne Woche young generation“ die perfekte Gelegenheit. Zwölf Schulklassen der Jahrgangsstufen 5 bis 11 besuchten den Stand des Tierschutzlabels. Bei einer interaktiven „Unterrichtsstunde“ am Beispiel des Masthuhns erfuhren die Schüler*innen unter anderem, wie ein Stall nach den Kriterien des Tierschutzlabels aussehen muss, damit die Hühner dort scharren, picken, staubbaden, laufen und ihr Umfeld erkunden können – all das, was die Tiere natürlicherweise gerne tun. Abschließend erfuhren sie anhand verschiedener Siegel auf Produktverpackungen, wie sie ihren eigenen Einkauf tierfreundlicher gestalten können. „Es hat uns großen Spaß gemacht, den Kindern und Jugendlichen noch mehr Verständnis für landwirtschaftliche Tierhaltung und tierische Produkte zu vermitteln. Die Schüler*innen zeigten großes Interesse an den Themen und hatten merklich Freude dabei“, erzählt Tobias Schiemann, Geflügelberater des Tierschutzlabel- Teams beim Deutschen Tierschutzbund.
Trotz mangelnder politischer Unterstützung bleibt der Deutsche Tierschutzbund zuversichtlich. Die zahlreichen konstruktiven Gespräche auf der Grünen Woche zeigten erneut, dass der Wille da ist, den Tieren in der Landwirtschaft ein besseres Leben zu ermöglichen. Landwirtschaf und Handel zeigen Bereitschaft. Das Bewusstsein der Verbraucher*innen für Tierschutz und Nachhaltigkeit steigt kontinuierlich. Was jetzt noch fehlt, ist eine mutige und nachhaltige Tierschutzpolitik. „Wir bleiben unserem Weg treu und werden trotz allen Gegenwindes mit unserem Label weitermachen“, betonte Schröder. „Solange Tiere für den menschlichen Nutzen in den Ställen stehen, ist es das Ziel unseres Verbandes, ihre Haltungsbedingungen sofort spürbar zu verbessern.“ Viele Millionen Tiere leben dank des Tierschutzlabels bereits besser. Mit den richtigen politischen Entscheidungen könnten es viele Millionen mehr sein.