Autor: Nadine Carstens, Redakteurin DU UND DAS TIER

Das Tierheim Albert Schweitzer Bonn arbeitet mit ehrenamtlichen Pflegestellen zusammen, um die intensive Versorgung sowohl von Kitten und ihren Müttern …
Der Alltag im Tierheim, die oft laute Umgebung und die vielen Gerüche können für einige Tierheimbewohner stressig sein – vor allem, wenn sie krank oder geschwächt sind und besondere Pflege benötigen. Nicht immer ist das Tierheim dann der richtige Ort für sie. Pflegestellen, die den Tieren ein familiäres Umfeld und Rund-um-die-Uhr-Betreuung bieten können, sind daher für die meisten ohnehin an ihren Kapazitätsgrenzen agierenden Tierschutzvereine eine unverzichtbare Unterstützung. Das gilt zum Beispiel für das Tierheim Albert Schweitzer Bonn, das dem Deutschen Tierschutzbund angeschlossen ist. Die Einrichtung arbeitet seit vielen Jahren mit ehrenamtlichen Pflegestellen zusammen, um zum einen Kitten, zum anderen auch Palliativhunde und -katzen unterzubringen – und somit die Tierpfleger*innen zu entlasten. „Wir haben derzeit circa zwölf Pflegestellen, darunter sechs für Kitten und sieben für unsere Palliativtiere“, schildert Julia Zerwas, Leiterin des Bonner Tierheims.
– Julia Zerwas
Gesunde, gut zu vermittelnde Tiere bringen sie und ihr Team bewusst nicht in Pflegestellen unter, denn diese finden in der Regel ohnehin schnell ein schönes neues Zuhause und bleiben nicht lange im Tierheim. „Stattdessen suchen wir speziell für die Saison der Katzenschwemmen immer wieder verlässliche Pflegestellen, die mutterlose Kitten oder Katzenfamilien zumindest vorübergehend bis zu ihrer ersten Impfung in der zwölften Lebenswoche aufnehmen“, sagt Zerwas. Besonders herausfordernd seien dabei die „Flaschenkinder“, die keine Mutter haben und Tag und Nacht intensive Pflege benötigen. Die Tierheimmitarbeiter*innen selbst haben dafür aber keine Kapazitäten, berichtet Zerwas. Trotzdem stehen sie und ihr Team den Pflegestellen zu jeder Tages- und Nachtzeit beratend zur Seite. „Wenn zum Beispiel ein Kitten plötzlich schlimmen Durchfall hat und zum Notfall wird oder eins neurologisch auffällig ist, bleiben wir im engen Austausch.“
Um eine schnelle medizinische Versorgung zu gewährleisten, ist die lokale Nähe zum Tierheim auch eine der Voraussetzungen, die alle Pflegestellen erfüllen sollten. „Es kann immer ein Notfall auftreten, in dem die Pflegestelle schnell handeln und beispielsweise unseren Tierarzt aufsuchen muss“, sagt die Tierheimleiterin. Wenn weitere Tiere im Haushalt leben, ist zudem ein separater Raum für die Pflegekatzen erforderlich, damit es bei eventuellen Krankheiten nicht zu Ansteckungen kommt. Zur Unterstützung suchen Zerwas und die anderen Tierheimmitarbeiter* innen vor allem erfahrenere Tierhalter* innen. Weniger Erfahrene können sich jedoch ebenfalls melden – schwierig wird es nur, wenn jemand noch nie ein Tier gehalten hat, so Zerwas. „Wir klären aber auch dann gern auf, beraten und schauen gemeinsam, was möglich ist.“ Grundsätzlich wichtig sei außerdem die Bereitschaft, spontan einsatzbereit zu sein: „Es kann vorkommen, dass wir nachts um 23 Uhr anrufen, weil Kitten bei uns abgegeben wurden, die schnell untergebracht und versorgt werden müssen.“
Ganz anders, aber nicht weniger intensiv ist die Betreuung von Palliativtieren. „Während unsere Pflegestellen bei den Kitten den Start ins Leben begleiten, geht es bei den Palliativtieren um einen würdevollen letzten Lebensabschnitt – sowohl physisch als auch emotional ist die Pflege dieser Tiere vollkommen unterschiedlich und nicht jede*r ist für diese Aufgabe gemacht“, berichtet Zerwas. „Es ist uns aber wichtig, dass unsere älteren, schwer kranken Hunde und Katzen ihren Lebensabend nicht in der stressigen Umgebung des Tierheims verbringen, und es ist in der Regel nicht angedacht, sie weiterzuvermitteln.“ So möchten die Tierschützer*innen ihnen ein sicheres Umfeld und Stabilität ermöglichen. Auch wenn es natürlich jedes Mal traurig ist, wenn ein Tier stirbt, finden einige Pflegestellen zugleich Erfüllung darin, ihren Schützlingen in den letzten Monaten oder Wochen ihres Lebens ein liebevolles Zuhause zu bieten. „So erleben wir regelmäßig schöne Geschichten“, erzählt Zerwas. „Zum Beispiel kam vor Jahren eine Dame auf uns zu, nachdem ihr Ehemann verstorben war. Eigentlich wollte sie sich um einen jungen Hund kümmern, aber in den Gesprächen mit ihr stellte sich heraus, dass eine 13 Jahre alte Hündin namens Daisy gut zu ihr passen würde.“ Daisy starb ein halbes Jahr später, aber sie zu versorgen und ihr eine möglichst schöne Zeit zu bieten, sei für die Dame so bereichernd gewesen, dass sie seither weitere sieben Palliativtiere bei sich aufgenommen hat, berichtet Zerwas. Es sind Pflegestellen wie diese, die einen unbezahlbaren Beitrag für den Tierschutz leisten und zugleich die Tierheime entlasten, damit Letztere den Platz und ihre Kapazitäten für weitere in Not geratene Tiere nutzen können. Wer sich ebenfalls vorstellen könnte, als Pflegestelle tätig zu werden, kontaktiert am besten einen Tierschutzverein in der Nähe und lässt sich beraten – sowohl für die Tierschützer*innen als auch die Tiere selbst ist das eine riesige Hilfe.
Vanesa Muhić unterstützt das Tierheim Albert Schweitzer in Bonn als Pflegestelle und kümmert sich um Palliativtiere – also Tiere, die alt oder krank sind und besonders intensive Pflege benötigen. Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen.
Frau Muhić, wie kam es zu Ihrer Entscheidung, das Tierheim Albert Schweitzer in Bonn als Pflegestelle zu unterstützen?
Vanesa Muhić: Das kam ziemlich spontan. Im Mai 2023 entdeckte ich auf der Facebook-Seite des Bonner Tierheims einen Beitrag zu einem neuen Notfallzugang, einem Terrierrüden namens Bonnie. Er wurde zusammen mit einer Katze und einem Vogel von den Behörden sichergestellt, nachdem seine frühere Besitzerin verstorben war. Auf den Fotos wirkte er wie ein Häufchen Elend und zugleich wie das liebste Tier der Welt – ich war sofort schockverliebt. Zu der Zeit hatte ich schon zwei Katzen und war zuversichtlich, dass das Zusammenleben mit ihnen und Bonnie schon klappen würde. Also meldete ich mich beim Tierheim und konnte Bonnie bereits wenige Tage später als Pflegehund aufnehmen.
Bonnie war das erste Tier, das Sie in Pflege genommen haben. Wie war diese Erfahrung für Sie?
Muhić: Bonnie war bereits 19 Jahre alt, als er bei mir einzog – das ist wirklich ein erstaunliches Alter für einen Hund. Es war somit aber natürlich von Anfang an klar, dass uns nicht mehr viel gemeinsame Zeit bleibt und er auch nicht mehr an neue Besitzer*innen vermittelt wird. Dementsprechend hatte er auch viele Alterserscheinungen, war fast taub und blind, inkontinent, hatte Arthrose in den Gelenken und seine trockenen Augen mussten mit einer speziellen Salbe behandelt werden. Aber das alles war es wert – er war wirklich ein unglaublich lieber Hund. Nach nur zwei Tagen hat er mir bereits vertraut.
Wie lange hat Bonnie dann noch bei Ihnen gelebt?
Muhić: Rund 70 Tage nachdem ich ihn bei mir aufgenommen habe, ist er verstorben. Für mich war das sehr schmerzhaft, aber trotzdem bin ich wirklich dankbar, dass ich diese wunderbare Persönlichkeit kennenlernen durfte und möchte die gemeinsame Zeit mit ihm nicht missen. Er war der Hauptdarsteller in meinem Leben und noch heute schaue ich mir gern die vielen Fotos und Videos an, die ich von ihm gemacht habe. Wenige Tage bevor er eingeschläfert werden musste, ging es ihm zwei Tage lang sogar richtig gut und in dieser kurzen Phase dachte ich, er stirbt einfach nicht und macht immer weiter. Jeder Tag, an dem er noch lebte, war ein Ereignis.
Haben Sie danach noch weitere Tiere in Pflege genommen?
Muhić: Erst habe ich ein paar Monate um Bonnie getrauert, mich aber gleichzeitig immer mal wieder auf die Facebook-Seite des Bonner Tierheims verirrt. Im Februar 2024, mehr als ein halbes Jahr nachdem Bonnie gestorben war, stellte das Team Hündin Lilly vor. Sie kam auf richterlichen Beschluss ins Tierheim, da ihr voriger Besitzer zum wiederholten Mal ins Gefängnis musste. Bereits Anfang März nahm ich sie als Palliativhund, der langfristig intensive Pflege und Betreuung benötigt, bei mir auf. Sie war zu dem Zeitpunkt elf Jahre alt und war nicht kastriert, hatte in ihrem Leben vorher noch nie einen Zahnarzt gesehen. Es stellte sich auch heraus, dass sie frisch erblindet war – das war offenbar eine Folge von Diabetes, der bei Hündinnen nach der Läufigkeit entstehen kann. In der tierärztlichen Praxis wurde sie daher kurz darauf kastriert, weil der Hormonhaushalt dadurch reguliert werden und die Erblindung wieder zurückgehen kann. Die Tiermediziner*innen haben also schnell gehandelt und eine größere, kostspielige Augen-OP vorgenommen, zu der ein Augenspezialist geraten hatte und die nur mithilfe von Spenden finanziert werden konnte. Durch die OP hat Lilly ihre Sehkraft auf beiden Augen zurückerlangt. Auf einem Auge hat sie zusätzlich eine Kunstlinse eingesetzt bekommen.
– Vanesa Muhić
Wie verlief dann die weitere Versorgung von Lilly?
Muhić: Die Nachsorge nach der Augen-OP war extrem aufwendig und die ersten zwei Wochen waren richtig hart. Ich musste die ganze Zeit aufpassen, dass Lilly sich nicht aufregt, weil ihr Blut- und ihr Augendruck nicht steigen durften. Sie hat rund um die Uhr alle drei Stunden Augentropfen von mir bekommen und wir konnten nur nachts Gassi gehen, damit wir keinen anderen Hunden begegnen. Zugleich habe ich versucht, ihr Benehmen beizubringen und eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Zum Glück hat sie die OP und die Nachbehandlung gut überstanden, und das Tierheim-Team hat mich die ganze Zeit über gut beraten.
Wie geht es Lilly heute?
Muhić: Sie trägt mittlerweile einen Sensor, mit dem ich ihren Blutzucker regelmäßig überprüfen kann – ihre Werte kann ich immer über mein Handy abrufen. Bis an ihr Lebensende bekommt sie nun zweimal am Tag Insulin und zweimal am Tag Augentropfen. Als sie im Tierheim ankam, wirkte sie noch wie ein Häufchen Elend, war schmutzig, hatte verfilztes Fell und wog nur 7,5 Kilogramm. Heute geht es ihr viel besser und sie wiegt inzwischen zehn Kilogramm. Früher kannte sie außerdem keine Regeln und mag bis heute keine anderen Hunde – ich musste ihr also so manche Flausen aberziehen. Mittlerweile mag sie aber zumindest Menschen und lässt sich auch gern kraulen.
Das klingt insgesamt sehr herausfordernd. Gab es zwischendurch Momente, in denen Sie Ihre Entscheidung bereut haben?
Muhić: Nachdem ich mit Bonnie den liebsten Hund hatte, schien Lilly anfangs der schwierigste zu sein. Aber ich bin hart im Nehmen und bereue keinen Moment. Ich denke auch, dass viele Menschen nicht zu schnell aufgeben sollten und sie oft mehr auf sich nehmen können, als sie anfangs denken. Natürlich darf man sich bei der Pflege von alten, kranken Tieren nicht zu sehr vor Blut und Co. ekeln. Aus meiner Sicht ist die Pflege von solchen Tieren eine gute Lehrstunde für jeden Menschen, bei der man lernt, eigene Grenzen weiter zu stecken. Auch wenn man sich noch so gut vorbereiten und informieren kann, passieren am Ende doch oft unvorhergesehene Dinge, die sich nicht einkalkulieren lassen. Es findet sich aber immer eine Lösung.
Und wahrscheinlich stand Ihnen die Bonner Tierschützer*innen beratend zur Seite?
Muhić: Ja, das Tierheim ist stets für uns ehrenamtliche Helfer*innen da und hat mir bei Rückfragen oder in besonders schweren Situationen weitergeholfen – ich habe nie etwas anderes erfahren. Die Einrichtung übernimmt auch die finanziellen Kosten, zum Beispiel für die Blutzucker-Sensoren, die Lilly benötigt. Diese halten nur 14 Tage und kosten jeweils 65 Euro, hinzu kommen rund 50 Euro pro Insulin-Flasche. Eine Zahnsanierung, die demnächst bei Lilly ansteht, wird ebenfalls über das Tierheim mithilfe von Spenden finanziert. Ich selbst könnte mir die Kosten für die tierärztlichen Behandlungen und Medikamente sonst sicherlich nicht leisten. Auf der anderen Seite kann ich dem Tierheim helfen, in dem ich Tiere zur Pflege bei mir aufnehme und das Team dadurch Platz und Kapazitäten für andere Tiere in Not gewinnt.
Würden Sie also anderen Tierfreund*innen empfehlen, Tierschutzvereine auf diese Weise zu unterstützen?
Muhić: Ja, ich kann es anderen Menschen auf jeden Fall empfehlen, auch als Pflegestelle tätig zu werden. Es ist eine große Bereicherung, Tieren so zu helfen.
Vielen Dank für das Gespräch.