Aus dem Print-Magazin

Einsatz auf allen Ebenen

Aus dem Print-Magazin

Einsatz auf allen Ebenen

Straßenkatzen ringen im Verborgenen ums Überleben. Darum setzt sich der Deutsche Tierschutzbund für sie ein, macht ihr Leid sichtbar und kämpft für eine Kastrationspflicht für Freigängerkatzen – in der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik.

  • Autor: Joscha Duhme, Redakteur DU UND DAS TIER

Aus den Augen, aus dem Sinn. So scheint es in Deutschland nach wie vor vielerorts zu sein, wenn es um Straßenkatzen geht. „Wenn wir sie nicht sehen, scheint es ihnen ja so schlecht nicht zu gehen, falls es sie überhaupt gibt“ – diese Denkweise müssen Tierschützer* innen bundesweit Tag für Tag durchbrechen. Denn die Tiere sind hierzulande scheu. „Straßenkatzen sind nicht an den Menschen gewöhnt. Sie suchen – anders als in südlichen Urlaubsländern, wo sie von Tourist*innen und Einheimischen gefüttert werden – keinen direkten Kontakt zu Menschen“, sagt Dr. Dalia Zohni, Referentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund. Sie leben vor allem an versteckten und abgeschiedenen Orten wie verlassenen Gehöften oder Schrebergärten. Darum bleibt ihr millionenfaches Leid für den Großteil der Bevölkerung unsichtbar, während Tierschutzvereine und Tierheime Kastrationsaktionen organisieren, Tiere an Futterstellen versorgen und sich um verletzte oder kranke Katzen kümmern. Um den Tieren zu helfen und die Tierschützer* innen zu unterstützen, hat es sich der Deutsche Tierschutzbund zur Aufgabe gemacht, die Gesellschaft zu sensibilisieren sowie Lösungen zu fordern und aufzuzeigen. Mit seiner Kampagne „Jedes Katzenleben zählt!“ macht er den täglichen Kampf der Straßenkatzen als das sichtbar, was er ist – eines der größten unbemerkten Tierschutzprobleme in Deutschland.

159.749 Euro hat der Deutsche Tierschutzbund 2024 Tierschutzvereinen und Landesverbänden für Kastrationsaktionen zur Verfügung gestellt. Über 900 Tiere können damit ungefähr kastriert werden, abhängig von den individuellen Kosten.

Gleichzeitig rückt er zudem die Tiere, ihren Überlebenskampf, das Kittensterben, die unkontrollierte Vermehrung und die damit verbundene Überlastung der Tierschutzvereine und Tierheime ins Blickfeld der Politik. Gemeinsam mit den ihm angeschlossenen Landesverbänden und Tierschutzvereinen setzt sich der Verband für kommunale und landesweite Maßnahmen ein – aber vor allem für eine bundesweite Kastrationspflicht für Freigängerkatzen und eine auskömmliche Finanzierung der Vereine und Heime, die sich um die Kastration und Versorgung der Tiere kümmern. Dadurch ließe sich langfristig Tierleid verhindern und echter Katzenschutz ermöglichen. Denn letztlich gehen alle Straßenkatzen auf Katzen aus Privathaushalten zurück, die nicht kastriert wurden.

Lokale Kastrationspflichten verdoppelt

„Seit dem Kampagnenstart zum Internationalen Tag der Katze im August 2023 haben wir bereits erste wichtige und spürbare Erfolge gefeiert“, berichtet Caterina Mülhausen, Leiterin Campaigning & Social Media beim Deutschen Tierschutzbund. Auf regionaler Ebene beispielsweise bedeute jede zusätzlich Kommune und jeder weitere Landkreis mit lokaler Kastrationspflicht einen Fortschritt. Und ihre Zahl steigt. Die erste Verordnung dieser Art gilt bereits seit 2008 in Paderborn auf Basis des Ordnungsrechts. Doch in den darauffolgenden 15 Jahren sind nur etwa 1.000 Gemeinden nachgezogen. „Seit dem Start unserer Kampagne – in nur anderthalb Jahren – hat sich diese Zahl auf etwa 1.900 fast verdoppelt“, freut sich Mülhausen. Und dennoch wäre es bei insgesamt 11.000 Gemeinden in Deutschland noch ein weiter Weg, auf dieser Ebene zu einem flächendeckenden Ergebnis zu kommen. Das braucht es jedoch, da unkastrierte Katzen nicht an Gemeindegrenzen Halt machen.

Neben einer Rolltreppe ist eine reguläre Treppe an einem Bahnhof zu sehen. Auf den Vorderseiten der Stufen sind unzählige Katzenportraits aufgeklebt. Auf halber Höhe der Treppe ist über insgesamt sieben Stufen ein plakatähnliches Motiv aufgeklebt, das eine getigerte junge Straßenkatze auf schwarzem Grund zeigt. Dazu zu lesen ist "Millionen Straßenkatzen leiden in Deutschland im Verbborgenen - jetzt-katzen-helfen.de"

An Bahnhöfen in Köln, Berlin und anderen Metropolen macht der Deutsche Tierschutzbund auf das Leid der Straßenkatzen aufmerksam.

Fortschritte in einzelnen Bundesländern

Auch auf Landesebene sind die Tierschützer*innen darum aktiv. Die Bundesländer können seit 2013 anhand des Tierschutzgesetzes selbst eine landesweite Verordnung zur Kastrationspflicht erlassen oder dies den Landkreisen und Kommunen überlassen. „Durch die Zuständigkeit der Kommunen entsteht ein Flickenteppich, was die Effektivität lokaler Verordnungen mindert. Doch auch auf Landesebene bewegt sich langsam etwas“, sagt Zohni. Eine landesweite Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht gilt bereits für Berlin, in Hamburg tritt sie im nächsten Jahr in Kraft. Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben jeweils ebenfalls landesweite Verordnungen beschlossen, allerdings noch nicht erlassen. In Bremen hat der Senat in diesem Jahr die bereits seit einigen Jahren bestehende Kastrationspflicht um eine Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht für Freigängerkatzen erweitert. Dafür hatte der Bremer Tierschutzverein, Mitgliedsverein des Deutschen Tierschutzbundes, lange gekämpft. Durch sie können die Behörden künftig besser kontrollieren, wem frei laufende Katzen gehören, und die Kastrationspflicht effektiver durchsetzen. „Wir haben über Jahre hinweg auf die Notwendigkeit dieser Maßnahme hingewiesen – mit Aufklärungskampagnen, öffentlichen Appellen und zuletzt auch mit einer Petition, die große Unterstützung in der Bevölkerung fand. Es freut uns sehr, dass der Senat nun gehandelt hat“, sagt Brigitte Wohner-Mäurer, Vorsitzende des Bremer Tierschutzvereins. Ähnliches erhofft sich auch der Deutscher Tierschutzbund Landesverband Thüringen. Er hat im letzten Jahr eine Petition für eine landesweite Katzenschutzverordnung gestartet, die große Unterstützung fand. So konnte er mehr Stimmen sammeln, als erforderlich waren. Diesen Sommer fand die Anhörung im Petitionsausschuss des thüringischen Landtages statt. Das Ergebnis steht noch aus und wird mit Spannung erwartet.

Emotionale Achterbahnfahrt

auf Bundesebene „Eine bundesweit einheitliche Regelung für mehr Katzenschutz, die eine Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht beinhaltet, ist der einzige Weg, um das Problem der stetig wachsenden Populationen an Straßenkatzen einzudämmen“, sagt Zohni. Doch bevor der Deutsche Tierschutzbund die Kampagne „Jedes Katzenleben zählt!“ ins Leben gerufen hatte, spielte der Katzenschutz auf Bundesebene nur eine untergeordnete Rolle oder wurde schlicht ignoriert. „Das hätte sich mit der geplanten Novellierung des Tierschutzgesetzes 2024 beinahe geändert“, erläutert Mülhausen. „In den ersten Entwürfen des Gesetzes war noch keine Kastrationspflicht zu finden. Wir konnten die Regierung im Laufe der Debatte jedoch überzeugen, sie mit aufzunehmen.“ Mit dem Aus der Ampelkoalition scheiterte bekanntlich leider auch das neue Tierschutzgesetz. „So bitter und frustrierend es ist, dass wir so kurz davor waren, so ist es doch gleichzeitig auch ein großer Erfolg, dass wir derart weit gekommen sind. Darum ein großer Dank an alle, die die Kampagne unterstützt haben – und weiter unterstützen“, sagt Mülhausen. Denn die Arbeit geht weiter und wird nicht einfacher. CDU, CSU und SPD haben die bundesweite Kastrationspflicht in ihrem Koalitionsvertrag ignoriert. „Das ist eine große Enttäuschung, die wir nicht hinnehmen wollen“, ergänzt sie. Doch seit diesem Sommer können sich Tierschützer* innen wieder Hoffnung machen. Der Bundesparteitag der SPD hat einen Antrag angenommen, der die SPD-Fraktionen in den Ländern und im Bund auffordert, sich für die Einführung der bundesweiten Kastrationspflicht einzusetzen und dafür eine Änderung des Tierschutzgesetzes zu initiieren. „Wir erwarten nun, dass dem Beschluss Taten folgen und schnellstmöglich eine entsprechende Änderung des Tierschutzgesetzes auf den Weg gebracht wird“, appelliert Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, an die Sozialdemokrat* innen, sich innerhalb der Regierungskoalition dafür starkzumachen.

Große Einigkeit zur Kastrationspflicht

Der Deutsche Tierschutzbund verschafft sich und den Katzen weiterhin Gehör. Und auch ein wachsender Kreis von Tier- und Artenschützer*innen, Jagd- und Umweltverbänden sowie Tierärztinnen und Tierärzten befürwortet die bundesweite Kastrationspflicht. So gehen 70 Prozent der Tiermediziner*innen, die der Deutsche Tierschutzbund für „Der große Katzenschutzreport“ befragt hat, davon aus, dass ihre flächendeckende Einführung ihren Praxisalltag erleichtern würde. Sinkt die Zahl der Straßenkatzen, leiden weniger Tiere und auch die Tierschutzvereine und Tierheime würden entlastet. Bis das große Ziel auf Bundesebene erreicht ist, kann jede*r einzelne Katzenhalter*in mithelfen. „Lassen Sie Ihre Freigänger kastrieren, kennzeichnen und kostenlos bei FINDEFIX, dem Haustierregister des Deutschen Tierschutzbundes, registrieren“, bittet Mülhausen. Zehn Prozent der Katzenbesitzer*innen haben ihre Tiere bislang nicht kastriert. „Doch jede kastrierte Katze und jeder kastrierte Kater trägt dazu bei, das Leid der Straßenkatzen zu mindern. Nur so können wir es langfristig schaffen, auch die dramatische Anzahl der Katzen ohne ein liebevolles Zuhause zu reduzieren.“

 


Aktiv werden!

Helfen Sie uns mit einem Bild, auf die dramatische Situation der Straßenkatzen aufmerksam zu machen und unsere Forderung zu unterstützen, dass die Politik endlich handelt.
• Besuchen Sie die Aktionsseite auf Ihrem Smartphone.
• Wählen Sie einen der Hintergründe aus, auf dem Sie abgebildet werden möchten.
• Nehmen Sie ein Foto von sich auf.
• Lassen Sie sich Ihr Bild per E-Mail zusenden und teilen Sie es auf Social Media mit den Hashtags #Katzenfreund und #KatzenHelfen.
• Ihr Bild erscheint dann automatisch in unserem Live-Mosaik auf unserer Website – so machen wir alle gemeinsam das Leid der Straßenkatzen sichtbar.

Die Tiere brauchen Sie

  • Unterstützen Sie die Arbeit des Deutschen Tierschutzbundes: Werden Sie Fördermitglied und erhalten Sie das Magazin DU UND DAS TIER frei Haus. Wir informieren Sie über alle tierschutzrelevanten Entwicklungen mit Berichten, Reportagen und spannenden Hintergrundberichten und Sie helfen uns dabei, den Tieren zu helfen.
    duunddastier.de/mitgliedschaft